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neuland: Der Erstsemester-Blog

Wer wird Millionär?

22. Oktober 2013 | von

millionär„… Hoffentlich einer von Ihnen“, beteuert der Prof mit seinem niederländischen Akzent.
Es ist Mittwoch, 10:15 Uhr – zu früh am Morgen. Mittlerweile meine vierte Vorlesung – Lineare Algebra im Audimax. Konsequent steuere ich bei Betreten des größten Hörsaales meine Gruppe zu den vorderen Reihen. Empörtes Gemäkel meiner Freunde ignoriere ich und wünsche mir insgeheim auch lieber das Schauspiel der Mathematik von den hinteren billigeren Plätzen mitzuverfolgen.  Doch machen wir uns nichts vor, säßen wir in den hinteren Reihen, mutieren die vorderen Sitzreihen plötzlich zur Bühne und die Bühne samt Prof werden zu Statisten. Viel zu oft lehrte mich der Mathevorkurs, dass das alleinige beobachten von Kommilitonen desöfteren spannender ist, als den trockenen Humor manchen Professors zu ertragen.
Aus diesem Grund beugen wir uns in der dritte Reihe im linken Parkett über unsere Klapptische , fokussieren die projeziierten Power-Point-Folien und irgendwie wirkt der Raum plötzlich ganz klein, als wären nur wir und der Professor Dr. Koster anwesend, bis ich vergewissernd über die Schulter blicke und als Antwort etliche Augenpaare entgegenstarren.

„Halten Sie Ihre Smartphones und Laptops bereit“, wirft Dr. Koster in den Saal. Ich drehe mich wieder zur Bühne, wo ich auf der Leinwand ein Quiz erkenne. Eine simple Rechenoperation im euklidischen Raum und dazu vier Antwortmöglichkeiten, daneben ein Internetlink und ein QR-Code, den ich sogleich mit meinem Handy abscanne und zur gegebenen Seite weitergeleitet werde.
„Stellen Sie sich vor, es geht um die eine Million Euro Frage. Der Kandidat weiß die Antwort nicht und Sie müssen diesem als Publikumsjoker helfen…“, leitet er ein. So tippe ich auf mein Display und schaue gebannt auf die Leinwand vor mir, bis die verbliebenen Sekunden zur Eingabemöglichkeit ablaufen. Plötzlich wachsen Balken aus dem nichts, kommen zum Stillstand – ebenso herrscht kurzzeitige Funkstille im Audimax, wenn alle gespannt auf die Auflösung warten.

Ähnlich interaktiv soll es auch schon in meiner – zwar nicht ersten – Vorlesung zum Rechnungswesen am Montag gehen. Selbstbewusst wandert der Professor auf der Bühne des Hörsaales im Kárman Auditorium, spricht über Kapital, Buchführung und allgemeiner Kostenberechnung. Indessen sind die ganzen Treppenstufen alle ausgebucht, die anderen – noch vom ersten Vorlesungstag hochmotiviert – stehen anderthalb Stunden in der Tür und machen sich mit dem Handy Mitschriften. Am Ende weist Professor Dr. Lemathe auf die Lernplattform L²P hin, womit wir zur nächsten Vorlesung immer als Vorbereitung – diesesmal fünf -Videos anschauen sollen, da er darauf zukünftig aufbauen wird. securedownloadDie kommenden Präsenz- eigentlichen Vorlesungsveranstaltungen sollen somit ein Gestaltungsraum für Diskussionen, Fragerunden und Fallbeispielen den frontalen Vortrag des Professors zum Vorlesungsskript ablösen, ganz nach dem Modell der „Khan Academy“, wie uns unser Prof. Piller am darauffolgenden Tag in der abendlichen BWL-Einführung bis 20 Uhr erzählt. Auch er arbeitet audiovisuell mit Videos, betont sogar die Klausurrelevanz der 10 minütig online-gestellten  Clips. Nach jeder Videosequenz wird mithilfe eines Multiple-Choice das Verständnis geprüft, wobei nur nach erfolgreicher Lösung die Weiterleitung zum anschließenden Kapitel führt. Das besondere ist, dass sich jeder, egal welcher Fachrichtung oder Universität für den Online-Kurs anmelden kann.
Weitere Informationen findet ihr hier: https://iversity.org/c/26?r=df68a

„Ich hoffe ab nächsten Dienstag zwei Drittel von Ihnen erst zur Klausur wieder zu sehen“, sagt Piller. Tatsächlich ist die BWL-Vorlesung bei Piller – wie auch eigentlich jede in anderen Fächern – keine Pflicht. Dabei betont er wirklich nur die motiviertesten und vorbereiteten Studenten in seinen Vorlesungen anzutreffen, da er mit diesen intensiv über Fallbeispiele oder aktuelle Themen in Bezug zur Wirtschaft diskutieren möchte. Daher war es nicht verwunderlich als er bereits letzten Dienstag zwischen die Sitzreihen im Audimax umhertigerte, um den ersten Studenten einige Fragen wie in einer Talkshow zustellen („Spotlight on“) und ich glücklicherweise – zwar wieder weiter vorne – jedoch mittig der Sitzreihe Platz gefunden hatte.

Planspiel

Auch ist ein sogenanntes Planspiel für alle die sich als Wiwi – oder ich als halber Wiwi – bezeichnen, seit einem Jahr in Sachen Abschlussnote obligatorisch. Ganz realitätsnah gewinnt man hierbei durch ein Pokerturnier eine Automobilfirma und muss dementsprechend durch die Produktion und den Verkauf möglichst viel Gewinn erzielen. Gleich dem Motto: „Jeder gegen jeden“. Durch ein Ranking ist man stets über seinen eigenen Firmenwert im Klaren, momentan bin ich auf dem stolzen Rang No. 616 ;). Wie das Planspiel jedoch 15% der Endnote ausmachen soll, ist wohl eher fragwürdig.Foto (15)

Letztendlich ist nicht jedes Fach danach ausgelegt möglichst viel ansprechende Didaktik und Methodik anzubieten, daher werden Vorlesungen, vor allem in den naturwissenschaftlich-/ingenieurswissenschaftlichen Modulen eher klassisch und traditionell im frontalen Lehrstil abgehalten. In der technischen Mechanik wandert der Professor – liebevoll als Schildkröte bezeichnet – vom Overheadprojektor zu Overheadprojektor, arbeitet nicht mal mit Powerpoint – in der Kristallographie (ja, Kristallographie) sind es dann hingegen nur die Powerpointfolien.

Im Grunde macht es die Mischung aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, die ganze Zeit vor meinem Rechner zu sitzen, um den Professor freundlich über den Bildschirm zuzuhören, auch wenn ich ab und an einfach pausieren kann, dem Lerntempo entsprechende Mitschriften verfasse oder Sachverhalte noch einmal zurückspule. Doch irgendwie fehlen mir hier die situationsabhängigen Anekdoten des Professors, alles ist perfekt einstudiert. Wozu bräuchten wir dann noch individuelle Dozenten, wenn ein einziger für ein Modul alle Lehrvideos konzipieren könnte? Auf der anderen Seite könnte ich mir die Vorlesung wirklich sparen, wenn ich im nachhinein die Mechanik zuhause aktiv nacharbeite, anstatt mich vom Professor in der Aula des Hauptgebäudes berieseln lasse, wo doch eher das falsche Gefühl einer gehobenen Feier – als das Gefühl für die Newton’schen Gesetze aufkommt.

 

 

Eine Antwort zu “Wer wird Millionär?”

  1. […] ihrem aktuellen Bericht im Erstsemester-Blog erzählt die Studentin Lien von ihren Erfahrungen mit dem Unialltag an der RWTH. Dabei stellte sie […]

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