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Cyber-Mobbing an Schulen

Archiv für Juli 2014

6 Praxiseinsätze an Schulen in NRW

10. Juli 2014 | von

Unser Projekt zielte darauf ab, an ausgewählten Schulen Projekttage zum Thema „Cybermobbing“ durchzuführen. Wie bereits in anderen Beiträgen beschrieben, haben wir unsere Lehramtsstudierenden im Vorfeld dabei unterstützt, Konzepte vorzubereiten. Aber auch wenn wir auf bestehende Materialien zurückgreifen konnten, wussten wir natürlich im Vorfeld nicht, wie gut uns die Umsetzung in der Praxis gelingen würde. Insbesondere die Arbeit mit den iPads war für die meisten Studierenden sowie die Schülerinnen und Schüler Neuland. Umso mehr sahen wir den Praxiseinsätzen mit großer Spannung gelingen. Wie werden die Schülerinnen und Schüler auf unser Konzept reagieren? Wie sicher sind die Studierenden bei der Umsetzung der einzelnen Übungen? Gelingt den Schülerinnen und Schülern in kurzer Zeit die Erstellung eines themenspezifischen Medienprodukts? Welche technischen Hürden gilt es zu überwinden? Nachdem wir nunmehr sämtliche Praxiseinsätze absolviert haben, können wir einen zufriedenstellenden Rückblick vornehmen.

In den letzten drei Wochen haben wir im Rahmen unseres Projekts sechs Schulen (5 Gymnasien und 1 Gesamtschule) besucht, um jeweils mit einer Klasse das Thema Cybermobbing zu bearbeiten. Dabei variierte sowohl die Klassenstufe (Klassenstufe 7. bis 9.) als auch die Klassenstärke (zwischen 20 und 30 Schülern). Unser Projektteam der RWTH Aachen bestand aus den Projektleitern Thorsten Junge und Christiane Rust, den Projektassistentinnen Sabrina Giesen und Kathrin Reschke sowie jeweils zwei bis vier Lehramtsstudierenden. Zudem war während des Projekttages immer mindestens eine Lehrperson der jeweiligen Schule anwesend. Das benötigte Equipment (u.a. Laptop, Beamer, iPads, Plakate, Klebeband) wurde von uns mitgebracht, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Alle Studierenden-Gruppen haben sich darauf gefreut, in den Klassen endlich ihre detailliert vorbereiteten Konzepte umsetzen zu dürfen. Nach Einschätzung der meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sie in ihrem bisherigen Studium nur selten die Gelegenheit, die schulische Realität einmal kennenzulernen.

Obwohl die Studierenden in unterschiedlichen Gruppen voneinander unabhängig ihre Konzepte erstellt haben, wiesen sie alle einen ähnlichen Aufbau auf: Nach einer freundlichen Begrüßung und einer kurzen Vorstellung des Projektteams, wurde mit den Schülerinnen und Schülern ein Warm-Up durchgeführt. Hierzu platzierte sich die gesamte Gruppe in einem Stuhlkreis. Beim Ja-Nein-Spiel wurden dann bspw. verschiedene Fragen vorgelesen (z.B. „Besitzt Du ein Smartphone?“), die durch aufstehen (= „Ja“) oder sitzenbleiben (= „Nein“) beantwortet wurden. Auf diese Weise wurden die Schülerinnen und Schüler in der Tat „warm“ gemacht. Und gleichzeitig erhielten wir schon erste Einblicke in die Mediennutzungsgewohnheiten der Kinder. Schließlich blieben die einzelnen Fragen und das Aufstehen bzw. Sitzenbleiben der Mitschüler nicht unkommentiert.

Einige Gruppen haben im Anschluss an das Warm-Up das sog. Ampelspiel durchgeführt. Es eignet sich in besonderer Weise dazu, die subjektive Wahrnehmung für bestimmte Situationen zu betonen. Den Kindern wurde eine bestimmte Situation kurz skizziert (z.B. „Du bist bei WhatsApp online und willst mit Klassenkameraden chatten. Alle sind online, aber niemand antwortet dir.“), die im Kontext von Cybermobbing auftreten können. Dann sollten sie anhand von farbigen Karten aufzeigen, ob sie die Situation gut finden (grüne Karte), ablehnen (rote Karte) oder ob sie demgegenüber neutral eingestellt sind (gelbe Karte). Es wurde deutlich, dass die Kinder selbst erstaunt darüber waren, wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen werden können.

Zur Vertiefung der Thematik haben alle Studierenden mit dem siebenminütigen Film „Let’s fight it together“ gearbeitet. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern schauten wir uns den Film an. Entgegen unserer Erwartungen hatten die Kinder zunächst keine Fragen zum Film. Aber die Studierenden hatten sich im Vorfeld mehr oder weniger intensiv Diskussionsfragen zum möglichen „Grund“, Anfang, Verlauf, Steigerungen, Lösung und den (strafrechtlichen) Konsequenzen überlegt, sodass eine sinnvolle Reflektion vollzogen werden konnte. Mit dem Film und der anschließenden Gesprächsrunde konnten alle Gruppen die erste Phase des Projekttages sinnvoll abrunden. Die Schülerinnen und Schüler hatten nun einen hinreichenden Input erhalten.

Nach einer kurzen Pause haben die Schülerinnen und Schüler in Gruppen gearbeitet, welche zuvor meist von der Lehrperson festgelegt wurden. In der Hauptübung galt es nun, mit dem iPad ein Medienprodukt zu erstellen. Schließlich stand nach dem Leitmotiv „Lernen durch Gestalten“ die Förderung der Medienkompetenz im Mittelpunkt.

In Kleingruppen sollten sich die Schülerinnen und Schüler eine Geschichte zum Thema Cybermobbing überlegen, die entweder als Foto-Comic oder als Kurzfilm umgesetzt werden konnte. Hierbei konnten sie teilweise sehr frei vorgehen oder erhielten von unseren Studierenden konkrete Arbeitsaufträge. Teilweise wurden bei den Arbeitsaufträgen direkte Verknüpfungen zum Film „Let’s fight it together“ hergestellt oder es wurden Fallbeispiele bzw. die Formen des Cybermobbings vorgegeben.

Aus allen Schülergruppen wurde zunächst eine Person bestimmt, die eingangs eine kurze aber präzise Technikschulung erhielt. Von unseren Studierenden wurde ihnen beigebracht, wie die iPads zu bedienen sind und es wurden die Möglichkeiten der Apps „iMovie“ und „ComicLife“ demonstriert. Hierdurch waren jene Schülerinnen und Schüler später in der Lage, das Material ihrer Gruppe (entweder Fotos oder Filmaufnahmen) in kurzer Zeit zu einem fertigen Medienprodukt zusammenzustellen.

Während die/der Techniker/in der Gruppe den technischen Umgang mit dem iPad erlernte, überlegte der Rest der Gruppe, wie die ausgedachte Geschichte umgesetzt werden könnte. Dies beinhaltete nicht zuletzt die Verteilung der einzelnen Rollen. Es musste also überlegt werden, wer das Opfer spielt, wer die Täterrolle(n) übernimmt und wer (zunächst) als Mitläufer agiert. Dabei mussten die Schülerinnen und Schüler einige Regeln beachten. Beispielsweise durften die Rollenfiguren nur nach englischen oder mit fiktiven Namen benannt werden, um sich nicht mit den gespielten Rollen identifizieren zu können. Außerdem war es nicht erlaubt, Bilder zu erstellen, in denen sich die Kinder in peinlichen Situationen (z.B. der Toilette) befinden. Es musste auf jeden Fall vermieden werden, dass solche Bilder ein Ausgangspunkt für späteres, reales (Cyber-)Mobbing werden.

Sobald sich die Gruppen eine Geschichte ausgedacht hatten, durften sie sich in Begleitung einer/eines Studierenden frei auf dem Schulgelände bewegen. Die Techniker der Gruppen konnten sich nach der kurzen Schulung anschließen und ebenfalls eine Rolle oder eine Aufgabe übernehmen. Da sich das Wetter bei allen Praxiseinsätzen von seiner guten Seite zeigte, konnte der Schulhof an Schulen genutzt werden. Dies erweiterte die Gestaltungsmöglichkeiten und bot den Kindern einen großen dramaturgischen Freiraum.

Nachdem alle Aufnahmen gemacht waren, wurde das iPad an die Technikerin/den Techniker der Gruppe übergeben, die/der mit Hilfe einer Mitschülerin/ eines Mitschülers derselben Gruppe das Medienprodukt fertig stellte. Um diese Zeitdauer auch für die anderen Schülerinnen und Schüler sinnvoll zu nutzen, haben diese einen neuen Arbeitsauftrag erhalten: Sie durften Plakate erstellen, um das erworbene Wissen der Einstiegsübungen zu sammeln und festzuhalten und im Ernstfall darauf verweisen zu können.

Abschließend wurden der gesamten Klasse die Medienprodukte und die Plakate vorgestellt und darüber debattiert. In den Abschlussdiskussionen haben die Schülerinnen und Schüler Kritik geübt, Verbesserungsvorschläge eingebracht und resümiert, was sie an den Projekttagen gelernt haben. Damit war der Projekttag für die Schülerinnen und Schüler sowie für das Projektteam beendet.

Insgesamt können wir direkt nach den Projekttagen ein positives Resümee ziehen. Die entwickelten Konzepte haben sich als tragfähig erwiesen und der Einsatz der iPads war erfolgreich. Fast allen Schülerinnen und Schülern ist es gelungen, innerhalb der knapp bemessenen Zeit ein adäquates Medienprodukt herzustellen. Nach unserer Wahrnehmung haben die Schülerinnen und Schüler das Projekt und das Thema ernst genommen und engagiert mitgearbeitet. In den Feedbackrunden wurde das Projekt hauptsächlich gut bewertet und nach eigenen Angaben machte den Kindern besonders das selbstständige und kreative Arbeiten Spaß.

Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die Klassen resp. die Schulen sehr unterschiedlich waren. Zwar erhielten wir von allen beteiligten Schulen eine hervorragende Unterstützung bei der Vorbereitung und der Durchführung unserer Projekttage. Aber insbesondere im Hinblick auf Konzentrations- und Begeisterungsfähigkeit zeigten sich Differenzen. Während die meisten Schülerinnen und Schüler in ansprechender Weise an den Diskussionsrunden und der Erstellung des Medienprodukts mitwirkten, gab es einzelne Schülerinnen und Schüler, denen es an den notwendigen Voraussetzungen (z.B. beim sprachlichen Ausdruck oder einer strukturierten Arbeitsweise) fehlte. Dementsprechend können wir festhalten, dass jeder Projekttag unterschiedlich verlief und auf seine Weise einzigartig war.

Wir blicken auf interessante und spannende Tage zurück! Im Rahmen der nun anstehenden Nachbereitungsphase müssen wir die vielzähligen Eindrücke sammeln und systematisieren. Es gilt nun, die Stärken unseres Konzepts herauszuarbeiten und gleichzeitig Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. Hierbei wird uns auch die noch anstehende Feedback-Runde mit unseren Lehramtsstudierenden weitere Impulse liefern. Die ersten Reaktionen haben uns jedoch bereits gezeigt, dass die Studierenden bei den Projekttagen wertvolle Erfahrungen sammeln konnten, die für das spätere Berufsleben als Lehrkraft hilfreich sind.

Autor: Thorsten Junge, Kathrin Reschke und Christiane Rust