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Cyber-Mobbing an Schulen

Archiv für Juli 2015

Abschluss im Sommersemester

17. Juli 2015 | von

Nachdem sämtliche Projekttage in diesem Semester bewältigt waren, kamen wir nun wieder in unseren Kursen zu einer regulären Seminarsitzung zusammen. Der abschließende Austausch mit den Studierenden sollte zeigen, welche Erfahrungen gesammelt wurden. Alle erhielten die Gelegenheit, den anderen Studierenden von ihrem Projekttag zu berichten und es konnten auch Rückmeldungen zum Konzept des Seminars und der Arbeit des Dozenten-Teams gegeben werden.

Es äußerten sich zwar in beiden Seminargruppen nicht alle Studierenden, aber das Feedback war durchweg positiv („Projekttag war super-interessant“; „total klasse“; „mega-gut“). Für viele war es eine wertvolle Erfahrung, einen Projekttag zum Thema Cybermobbing durchzuführen und es „war schön, einmal an der Schule zu sein“. Die Befürchtung, wir würden im Seminar „zu viel Theorie“ behandeln, hat sich nach Aussage einer Studentin „glücklicherweise nicht bewahrheitet“. Eine andere Teilnehmerin musste jedoch resümierend feststellen, dass es auch nach unserem Seminar für sie „keine konkreten und einfachen Lösungen für Cybermobbing“ gebe. Hierzu passt auch ein weiterer Kommentar, wonach an einem einzigen Projekttag lediglich Aufklärungsarbeit geleistet werden könne, „der Rest muss dann im Klassenverband passieren“. Vermutlich hat sie damit nicht Unrecht, denn das weitere Geschehen an den Schulen können wir tatsächlich nicht beeinflussen. Aber einzelne Studierende zeigten sich auch überzeugt davon, in ihrem späteren Berufsleben als Lehrer mit dem Thema konfrontiert zu werden, sodass unser Seminar „eine gute Vorbereitung“ war.

Mehrheitlich positiv äußerten sich unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die beteiligten Schülerinnen und Schüler. Es sei interessant gewesen, welche Ideen diese zum Thema einbringen und wie reflektiert sie teilweise schon gewesen seien. Die meisten seien auch interessiert, aufgeweckt und „sehr wach“ gewesen. In den Kleingruppengesprächen waren viele Schülerinnen und Schüler anscheinend gegenüber unseren Studierenden „ziemlich offen“ und hatten „keine Scheu“. So konnte man auch mit ihnen über ihr Mediennutzungsverhalten sprechen und verschiedene Aspekte reflektieren. Selbst über das neue Phänomen YouNow konnte mit den Schülerinnen und Schülern gesprochen werden, auch wenn (nach eigener Aussage) niemand selber in diesem Portal streamt, sondern sich lediglich ab und zu mal etwas anschaut. Schon beim Warm-Up haben einzelne Studierende spannende Eindrücke über die gruppendynamischen Bezüge innerhalb der Klasse wahrgenommen und festgestellt, dass die Heranwachsenden über viel Vorwissen zum Thema Cybermobbing verfügen. Die Rückmeldungen unserer Studierenden lassen jedoch darauf schließen, dass dies bei den Lehrkräften nicht durchweg der Fall ist. Es wurde berichtet, dass in Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrer deutlich wurde, dass ihnen neue Phänomene wie YouNow unbekannt sind. Aber v.a. die jüngeren Lehrkräfte schienen an dem Thema interessiert zu sein. Dies war zumindest der Eindruck unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Einzelne Studierende mussten jedoch auch die Erfahrung machen, dass die Klassen „lauter waren als gedacht“. Dies wurde u.a. auf die „Besonderheiten der Pubertät“ zurückgeführt, woraus eine gewisse Unruhe der Heranwachsenden resultiert. Aufgrund anderer Erwartungen wurden die wahrgenommenen „Disziplinprobleme“ als durchaus „erschreckend empfunden“. Insbesondere die Wirkungslosigkeit mehrfacher Ermahnungen irritierte die Lehramtsstudierenden. Ob dies vorrangig daran lag, dass wir lediglich einen einizigen Tag mit den Klassen verbracht haben und deshalb nicht als Respektsperson wahrgenommen wurden, blieb letztendlich offen. Als Reaktion berichtete eine Studentin den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern davon, wie sie eine Sportübung in den Projekttag integriert hat, um die entstandene Unruhe aufzulösen. Es zeigte sich aber auch, dass die Wahrnehmung durchaus unterschiedlich war, denn ein anderes Gruppenmitglied empfand die beschriebene Klasse „als weniger schlimm“ und betonte, es sei eher schwierig gewesen, die Schülerinnen und Schüler „ihrer Kreativität zu bremsen“.

In diesem Semester bestanden die studentischen Kleingruppen aus 4 bis 6 Personen. Dies wurde in den Feedbacks als Schwierigkeit benannt. Zum einen war die Planung im Vorfeld dadurch etwas komplexer, weil der Abstimmungsprozess nicht so einfach war. Zu viele verschiedene Vorstellungen und Meinungen mussten in einer Gruppe in Einklang gebracht werden und die Kompromisslösung schien nicht allen Gruppenmitgliedern zu gefallen. Und zum anderen waren auch Absprachen während des Tages schwieriger zu organisieren. Insbesondere bei „spontanen Improvisation gab es Probleme mit der Absprache, weil nicht klar war, wer, wann improvisiert“ (klassische Form von diffusion of responsibility) und bei Moderationen gab es ebenfalls Abstimmungsschwierigkeiten. Darüber hinaus waren angesichts der räumlichen Bedingungen zu viele Personen im Raum (z.B. bei Gesprächen im Stuhlkreis). Wir greifen diese Hinweise als Dozenten-Team gerne auf, da wir die Gruppengröße ebenfalls als Problem wahrgenommen haben. Mitunter mangelte es dem einzelnen Akteur an dem notwendigen Verantwortungsbewusstsein, eine Situation aufzulösen, weil schließlich noch 4 bis 5 andere Gruppenmitglieder ihrerseits reagieren könnten. Ist die Gruppe kleiner nimmt zwar auch der jeweils zu bewältigende Arbeitsaufwand zu, aber der Aktivitätsgrad steigt dadurch auch.

Die Zusammenarbeit mit den Schulen war eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg unseres Projektseminars. Und in den meisten Fällen hat dies auch gut bis sehr gut funktioniert, sodass wir den beteiligten Schulen für ihre Kooperation danken müssen. Als Problem erwies sich aber nach Auskunft der Studierenden mitunter die Kommunikation der Studentengruppen mit den Schulen. Einzelne Studierende berichteten davon, dass Anfragen per Mail nicht oder sehr spät beantwortet wurden oder wichtige Informationen (z.B. zu Mobbingfällen innerhalb der Klasse) nicht weitergeleitet wurden. So fehlten in einer Klasse mehrere Schüler, was vorab nicht kommuniziert worden war. Teilweise wurden die Lehrkräfte auch gebeten, sich im Vorfeld Gedanken über die Gruppeneinteilung zu machen, damit arbeitsfähige und sozial verträgliche Kleingruppen gebildet werden können. Dies hat nach Auskunft unserer Studierenden teilweise nicht funktioniert, sodass Schülerinnen und Schüler miteinander arbeiten mussten, die sich nicht leiden können oder es wurden „schwierige“ Schüler in eine gemeinsame Gruppe eingeordnet, was ungünstige gruppendynamische Effekte verursachte. Wenn die Lehrerinnen und Lehrer eine bedachte Gruppeneinteilung vornahmen, verlief der Projekttag mit diesen Klassen deutlich besser.

Die Stufe der teilnehmenden Klassen variierte zwischen der siebten und der neunten Klasse. Eine Studentin gab uns hierzu die Rückmeldung, dass nach ihrer Einschätzung die 9.-Klässler schon zu alt für einen solchen Projekttag wären. Sie sei sich nicht sicher, ob unser Workshop „tatsächlich was hinterlassen hat“, denn „einige haben es nicht Ernst genommen“. Sie beschrieb ergänzend Probleme aus ihrer Kleingruppe, die nach ihrer Einschätzung vom Klassenlehrer schlecht zusammengestellt wurde. Es handelte sich – ihrer Beschreibung folgend – eher um Außenseiter in der Klasse und ein weiterer (offensichtlich beliebter) Schüler wurde hinzu gelost. Diese Vorgehensweise war anscheinend eher ungünstig für die Gruppendynamik. Offenbar wurde während der ersten Erarbeitungsphase ein wenig „gebockt“, es gab also Widerstände aufseiten einzelner Schüler. Ein Kommilitone ergänzte hierzu, dass er dies ähnlich wahrgenommen habe, aber durchaus als Lernaufgabe für sich gewertet hat. Nach seiner (etwas lapidaren) Einschätzung haben diese Kinder zwar teilweise „genervt“ und sie „brauchten eine klare Ansage“, aber insgesamt bewertete er den Arbeitsprozess positiv.

Eine Teilnehmerin äußerte auch ihr Bedauern darüber, dass die anwesenden Lehrkräfte nach ihrer Einschätzung „kaum Interesse“ zeigten. Es habe kaum Interaktion/Kommunikation mit ihnen gegeben. Dabei wäre der Projekttag eine gute Möglichkeit gewesen, um Erfahrungen und Tipps an die Studierenden weiterzugeben. Als störend wurde es auch empfunden, wenn die anwesenden Lehrkräfte den Projekttag für andere Aufgaben (z.B. Klausurkorrektur oder Bekanntgabe der mündlichen Noten) nutzten. Dies war glücklicherweise die Ausnahme und fand nur selten statt. Als Hinweis für uns Dozenten wurde uns auf den Weg mitgegeben, die Rahmung „Studenten-Schüler-Lehrer-Schule“ im Vorfeld zu verbessern.

Eine weitere Schwierigkeit stellte die zeitliche Planung dar. So hat eine Gruppe erst morgens erfahren, dass der Projekttag eine Stunde länger dauert, wodurch improvisiert werden musste. Einer anderen Gruppe fehlte am Ende des Tages die Zeit, um die fertiggestellten Plakate noch zu präsentieren. Dies wurde bedauert, weil die „Schüler da richtig viel Energie reingesteckt“ hätten. Aber sobald es klingelte, „stürmten alle raus“ und man konnte nicht länger arbeiten. Von einer Gruppe wurde die Idee formuliert, den Projekttag zeitlich auszudehnen oder sogar zwei Tage zu gestalten (1 Tag Theorie, 1 Tag Praxis). Generell mussten die Studierenden feststellen, dass die Heranwachsenden große Unterschiedliche hinsichtlich ihres Arbeitstempos aufweisen. Während einzelne Gruppen schon lange fertig waren, musste auf andere Gruppen sehr lange gewartet werden. Diejenigen, die das Medienprodukt bereits fertiggestellt hatten, mussten irgendwie beschäftigt werden. Hier konnten zwei Studierende den anderen berichten, wie sie mit improvisierten Spielen die Klasse beschäftigen konnten.

In unserem Kurs waren sowohl Studierende aus dem Studiengang „Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen“ als auch aus dem Studiengang „Lehramt an Berufskollegs“ aktiv. Für letztere war der Tag am Gymnasium zwar interessant, aber um Erkenntnisse für den eigenen Berufsweg zu erlangen, ist natürlich eine Transferleistung notwendig. Vor diesem Hintergrund wurde vorgeschlagen, die Projekttage auch an anderen Schulformen, v.a. an Berufskollegs, durchzuführen.

Für uns endet an dieser Stelle ein wichtiger Abschnitt des Projekts! Im nächsten Semester werden wir das Projektseminar in dieser Form nicht mehr anbieten. Eventuell erfolgt im Sommersemester 2016 ein Relaunch, aber das hängt auch von den Rahmenbedingungen an. Was nun folgt ist die Auswertung der gewonnenen Daten und die Reflektion unserer Erfahrungen. Es werden also durchaus noch weitere Beiträge in diesem Weblog folgen.

Autor: Thorsten Junge