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Cyber-Mobbing an Schulen

Unser Projekt

„Lehrer in der digitalen Welt. Einsatz von Tablet-PCs zur praxisorientierten Umsetzung des innovativen Konzepts ‚Lernen durch Gestalten‘.“ 

In diesem Weblog werden begleitend Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Projekt „Lehrer in der digitalen Welt. Einsatz von Tablet-PCs zur praxisorientierten Umsetzung des innovativen Konzepts ‚Lernen durch Gestalten‘.“ berichtet. Dieses praxisorientierte Projekt wird vom Institut für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen im Rahmen der Lehramtsausbildung durchgeführt und mittels Fördermitteln des RWTH-internen Programms „Exploratory Teaching Space“ finanziert. Im Mittelpunkt stehen der Einsatz von Tablet-PCs im schulischen Kontext und die Prävention von Cybermobbing-Aktivitäten unter Heranwachsenden.

Die RWTH hat mit ETS eine universitätsinterne Plattform geschaffen, um die Entwicklung innovativer Lehr- und Lernkonzepte zu fördern. Seit nunmehr fünf Jahren werden Projekte, die auf eine Verbesserung der Lehre ausgerichtet sind, mit Personal- und Sachmitteln gefördert. Wir haben unser Projekt 2013 beantragt und es in einer Pilotphase im Sommersemester 2014 umgesetzt. Nach einem erfolgreichen Verlauf wurde das Projekt als Projektseminar im Wintersemester 2014/2015 sowie im Sommersemester 2015 mit weiteren Lehramtsstudierenden erneut durchgeführt.

Projektleitung: Prof. Dr. Sven Kommer

Projekt-Team: Thorsten Junge, Christiane Rust, Falk Itzerodt (seite SoSe 2016), Sabrina Giesen (SoSe 2014) und Kathrin Reschke (SoSe 2014 und WS 2014/2015)

 

Projektidee

Ausgangspunkt unseres Projekts waren mehrere Problemstellungen, die in den letzten Jahren innerhalb des medienpädagogischen Diskurses thematisiert wurden. Da ist zum einen die Feststellung, dass zwar intensiv über die Nutzung von digitalen Medien als Lernwerkzeug in Lehr-Lernkontexten diskutiert wird und entsprechende didaktische Konzepte entwickelt wurden, aber eine tatsächliche Umsetzung in vielen Schulen nicht im gewünschten Maße stattfindet. Über die möglichen Ursachen (mangelnde technische Ausstattung der Schulen; geringes Interesse vonseiten der Lehrkräfte; kritische Betrachtung des tatsächlichen Mehrwerts aufseiten der Verantwortlichen) kann intensiv debattiert werden. Ein erfolgversprechender Ansatz scheint die Vermittlung von Medienkompetenz im Rahmen der Lehramtsausbildung zu sein. Dahinter steckt die Annahme/Hoffnung, dass die Lehramtsstudierenden als spätere Lehrkraft die digitalen Medien stärker nutzen als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen, wenn sie in ihrem Studium mit den verschiedenen Anwendungen und Möglichkeiten vertraut gemacht wurden. Diese Überlegung greifen wir auf, indem wir in unserem Projekt auf die Verwendung von Tablet-PCs setzen. Diese erlauben nach unserer Einschätzung gegenwärtig eine gut nutzbare Funktionsvielfalt, wodurch sich auch der Einsatz in (klassischen) Lehr-Lernszenarien sowie der (medienpädagogischen) Projektarbeit anbietet. Durch die finanzielle Förderung im Rahmen des ETS-Programms der RWTH konnten iPads und adäquates Zubehör angeschafft werden.

Darüber hinaus haben wir Cybermobbing als medienpädagogisch relevantes Phänomen identifiziert, das für die Schule von Bedeutung ist. Auch wenn wir keiner skandal-orientierten Berichterstattung anheim fallen möchten, können auch wir nicht übersehen, dass es an vielen Schulen Vorfälle gibt, bei denen Schülerinnen und Schüler die Kommunikationsformen der Online-Medien mißbrauchen, um andere Heranwachsende zu beleidigen, zu diffamieren und/oder auszugrenzen. Es ist also notwendig, dass sich Schulen mit diesem Thema auseinanderzusetzen, um präventiv und reaktiv adäquat handeln zu können. Dies macht es natürlich erforderlich, für die Lehrkräfte Weiterbildungsmaßnahmen anzubieten oder externe Fachkräfte (z.B. Medienpädagogen oder Mitarbeiter von der Polizeit) für Fachvorträge oder Workshops einzuladen. Wir halten es für sinnvoll, dieses Thema auch in unsere medienpädagogischen Seminaren anzubieten, um die angehenden Lehrerinnen und Lehrer vorzubereiten.

Der dritte Ausgangspunkt bezieht sich auf das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Lehramtsausbildung. Es bleibt eine herausfordernde Aufgabe, Studierenden in den wenigen Jahren gleichsam Fachwissen bzgl. ihrer Fächer, didaktische Fertigkeiten, pädagogische Grundkenntnisse, diagnostische Kompetenzen, erzieherische Kompetenzen, Sozialkompetenzen, Kompetenzen hinsichtlich der Elternarbeit sowie juristisches Grundwissen zu den Rechten und Pflichten als Lehrkraft zu vermitteln. Mitunter wird beklagt, Studierende erhalten zu wenig die Möglichkeit, konkrete Praxiserfahrungen an Schulen sammeln zu können.Vor diesem Hintergrund erschien es uns zielführend, unseren Studierenden den Raum zu bieten, um Erfahrungen in der Projektarbeit mit Schülerinnen und Schülern zu machen.

Diese unterschiedlichen Punkte wurden in unserer Konzeption miteinander verknüpft. Unser Ziel bestand darin, die Studierenden über das Phänomen „Cybermobbing“ in einer Weise aufzuklären, dass sie ihrerseits mit Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Workshops dazu arbeiten können. Unsere einzige Vorgabe: als Lernwerkzeug müssen Tablet-PCs eingesetzt werden und die Schülerinnen und Schüler müssen ein themenspezifisches Medienprodukt erstellen.

Aus diesen Überlegungen resultieren verschiedene Säulen unseres Projekts, die stichwortartig folgendermaßen zusammengefasst werden können:

  • Gestaltung eines Projektseminars mit Lehramtsstudierenden, das vom klassischen Schema (wöchentliche Sitzungen; Vorlesungen oder Referate) abweicht.
  • Einsatz von Tablet-PCs als Lernwerkzeug
  • Vermittlung von Grundwissen zum Phänomen „Cybermobbing“ (Formen, Folgen, rechtliche Grundlagen, Prävention, Intervention)
  • Aufgabe der Studierenden: Konzeption eines Projekttags zum Thema „Cybermobbing“
  • Vorgabe zum Projekttag: Einsatz des Tablet-PCs als Lernwerkzeug und Erstellung eines Medienprodukts zum Thema „Cybermobbing“
  • Durchführung des eintägigen Workshops an einem Aachener Gymnasium

 

Durchführung

Seminar mit den Studierenden

Die Projektseminare wurden so gestaltet, dass wir zunächst dem klassischen Rhythmus von Hochschulseminaren treu geblieben sind. Das heißt, in den ersten Wochen fanden wöchentliche Sitzungen statt, in denen die Studierenden mit den unterschiedlichen Ausprägungen von Cybermobbing vertraut gemacht wurden. Außerdem wurde gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet, welche (physischen/psychischen) Folgen Cybermobbing für die Opfer haben kann und welche strafrechtlichen Konsequenzen den Tätern drohen (könnten). Wir konnten viele Studierende auch über „neue“ Online-Medien informieren, die für Cybermobbing-Aktivitäten herangezogen werden können (z.B. ask.fm oder YouNow). Weitere Themen waren die Abgrenzung von Cybermobbing zu Mobbing, Umgang mit Datenschutz, Selbstdarstellungsbedürfnisse von Heranwachsenden sowie allgemein die Mediennutzungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen. Ergänzend zu den Seminaren haben wir auch Fachvorträge von Sylvia Hamacher und Peter Arz (Sachbearbeiter Prävention/Internetkriminalität, Polizei Aachen) organisiert.

Diese theoretische Einführung endete mit einer Vorstellung von verschiedenen Unterrichtskonzepten. Für uns war es zielführend, die bereits vorliegenden Konzeptionen und Materialien nicht zu ignorieren sondern stattdessen darauf aufzubauen. In diesem Zusammenhang haben wir uns auch verschiedene Lehrvideos angeschaut. Besonders wertvoll waren für uns und die Studierenden die Materialien von klicksafe.de sowie die Übungen und Methoden von Pieschl und Porsch, die sie in ihrem Buch „Schluss mit Cybermobbing! Das Trainings- und Präventionsprogramm „Surf-Fair““ (erschienen im Beltz-Verlag) beschreiben. Einzelne Übungen wurden in den Seminaren nicht nur vorgestellt, sondern direkt erprobt.

Dieser erste Part umfasste insgesamt 4 Sitzungen. Hiernach endete der wöchentliche Turnus unseres Seminars. Stattdessen wurden Kleingruppen gebildet, denen 5 bis 6 Studierende angehörten. Diese sollten zunächst eigenständig an der Konzeption des Projekttags arbeiten, ehe an einem Blocktermin eine fokussierte Bearbeitung dieser Aufgabe erfolgte. An einem Samstag bekamen die Studierenden die Gelegenheit, Konzeptideen zu entwickeln und vorzustellen, Materialien vorzubereiten und Übungen zu erproben. Darüber hinaus gab es auch eine Sequenz, in der sich die Kleingruppen mit dem iPad vertraut machen sollten.

 

Projekttage an den Schulen

Im Vorfeld konnten wir verschiedene Aachener Gymnasien und Gesamtschulen für unser Projekt gewinnen. Da das Thema „Cybermobbing“ für diese Schulen relevant war bzw. ist, erklärten sie sich gerne bereit, uns und unsere Studierenden zu unterstützen. Es wurden einzelne Klassen unterschiedlicher Jahrgangsstufen ausgewählt, mit denen jeweils der Workshop durchgeführt werden sollte. Der erste Durchgang im Sommersemester 2014 startete mit sechs Schulen.

In Vorgesprächen mit der Schulleitung bzw. den Klassenlehrern wurden dann u.a. die folgenden Punkte geklärt:

  • Vorstellung des Workshop-Konzepts
  • Anzahl der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler
  • Klärung der räumlichen Begebenheiten
  • Umgang mit Mobiltelefonen an der Schule
  • Nutzung von W-LAN
  • Absprache über Besonderheiten der Klasse (z.B. Cybermobbing-Vorfälle in der Vergangenheit; gruppendynamische Aspekte)
  • Zeitlicher Rahmen (z.B. Einhaltung der Pausenzeiten)

Während die Gespräche im Sommersemester 2014 und im Wintersemester 2014/2015 unter der Leitung des Dozenten-Teams erfolgte, übernahmen die Studierenden im Sommersemester 2015 eigenständig. Mitunter erfolgten die Absprachen mit den Lehrkräften auch per Mail oder telefonisch.

Die Projekttage begannen jeweils zur ersten Stunde, was für die beteiligten Studierenden und das Projektleitungs-Team bedeutete, ab 7:30 Uhr vor Ort zu sein, um die gesamte Technik vorzubereiten. Der weitere Ablauf wurde individuell gestaltet, wobei die meisten Gruppen dem folgenden Muster folgten:

  1. Begrüßung der Klasse und Vorstellung des Programms
  2. Übung zum Aufwärmen oder Kleingruppenarbeit (z.B. Erstellung eines Placemats)
  3. Theorie: Informationen zum Phänomen „Cybermobbing“ oder Übung: Vertiefung zum Verständnis von Cybermobbing (z.B. Ampelspiel)
  4. Vorführung des Kurzfilms „Let’s fight it together“ mit anschließender Diskussion im Plenum
  5. Kleingruppenarbeit: Erstellung eines Medienprodukts zum Thema „Cybermobbing“ mithilfe des iPads
  6. Erstellung von Plakaten zum Thema (z.B. Fokussierung auf die rechtlichen Grundlagen)
  7. Vorstellung der Medienprodukte und der Plakate
  8. Abschluss und Feedback (mündlich/schriftlich)

Details zur Planung und Durchführung der Projekttage können den Erfahrungsberichten der Studierenden entnommen werden.

 

Kurzes Fazit

Unser Projekt wurde bislang in vier Semestern umgesetzt und wir haben 24 Projekttage an 8 Aachener Schulen durchgeführt. Daran waren fast 125 Studierende und mehr als 500 Schülerinnen und Schülern beteiligt.

Insgesamt haben wir mit unserem Projekt positive Erfahrungen gemacht. Für die meisten Studierenden war es eine gute Erfahrung, in der Praxis mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Auf diese Weise haben sie einen Vorgeschmack auf ihren späteren Berufsalltag erhalten. Darüber hinaus haben sie viel über das Thema „Cybermobbing“ gelernt. Nach unserer Einschätzung werden sie später in der Lage sein, als Lehrkraft auf entsprechende Aktivitäten in ihren Klassen zu reagieren, um den betroffenen Schülerinnen und Schülern zu helfen. Hinsichtlich des Umgangs mit Tablet-PCs müssen Fragen offen bleiben, da sich die Studierenden nicht im gleichen Ausmaß mit diesem multimedialen Lernwerkzeug auseinandergesetzt haben. Ob tatsächlich eine größere Offenheit hinsichtlich des Medieneinsatzes im Unterricht erreicht werden konnte, wird wahrscheinlich erst die Zukunft zeigen.

Der Lernerfolg aufseiten der Schülerinnen und Schüler hing natürlich auch davon ab, wie erfolgreich der Projekttag von der jeweiligen Studierendengruppe gestaltet wurde. In diesem Kontext werden wir nicht müde, darauf zu verweisen, dass unsere Studierenden in dieser Form und in dieser Konstellation vorher noch nicht gearbeitet haben und auch nicht mehr arbeiten werden. Deshalb war auch nicht davon auszugehen, dass alles perfekt funktionieren würde. Dessen ungeachtet haben wir von der überwiegenden Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler ein positives Feedback erhalten. Insbesondere die Arbeit mit den Tablets hat den meisten gut gefallen. Eine detaillierte Auswertung der gewonnenen Daten steht noch aus und wird uns sicherlich noch weitere Erkenntnisse bringen.

Ob wir tatsächlich einen Beitrag dazu leisten konnten, Cybermobbing-Aktivitäten vorzubeugen, wird die Zukunft zeigen. Wir bleiben auf jeden Fall in engem Kontakt mit den beteiligten Schulen.

Autoren: Sven Kommer, Thorsten Junge und Christiane Rust