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Fabian (Beijing)

Augen zu und durch – Auto fahren in China

10. Juli 2014 | von

„Auto fahren in China? Bist du denn verrückt?!“

Nun, verrückt sein muss man nicht unbedingt, um in China einen PKW zu steuern, aber bei manchem Verkehrsteilnehmer hat man schon das Gefühl, dass da wer nicht ganz klar ist. Bereits als Fußgänger lernt man schnell, dass grüne Ampel und Zebrastreifen etwas andere Bedeutungen haben im Reich der Mitte als im ordnungstreuen Deutschland. Und wer es dann noch wagt, sich hinter das Steuer zu setzen, sollte schnell lernen, sich der hiesigen Fahretikette anzupassen.

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Um fahren zu dürfen, reichen allerdings weder ein deutscher noch ein zusätzlicher internationaler Führerschein. Wer in China fahren will, braucht einen chinesischen Führerschein. Wer ein bisschen Geld und Zeit in die Hand nimmt, zweimal bis ans andere Ende der Stadt fährt und die bürokratischen und kommunikativen Hürden nicht scheut, wird nach erfolgreichem Abschluss der Theorieprüfung (die man am PC mehrfach wiederholen kann) mit dem – in China noch im wahrsten Sinne des Wortes – Lappen belohnt.

Dann kann das Abenteuer auch schon losgehen. Wissen sollte man, dass auf den Schnellstraßen (nicht ganz so schnell wie die bekannte deutsche Autobahn, Geschwindigkeit maximal 120 km/h) eine Mautgebühr erhoben wird, die man aber direkt in bar an den Stationen begleichen kann. Außerdem kann man beispielsweise in Peking Zentrum nur mit Pekinger Kennzeichen fahren, weitere Städte erlauben täglich wechseln nur Autos mit gerader bzw. ungerader letzter Ziffer das Fahren. Der Straßenzustand ist im Allgemeinen gut, so viele Schlaglöcher wie in manch deutscher Gemeinde findet man hier nicht. Dafür wird immer und überall gebaut, auch nachts mit Beleuchtung.

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Theoretisch sind die Fahrregeln in China fast die gleichen wie in Deutschland, in der Praxis offenbaren sich dann jedoch einige Unterschiede.

  • Was die Ladungssicherung und allgemeine Fahrzeugsicherheit betrifft, nimmt man das hier nicht ganz so genau. Gerade in ländlicheren Gebieten würde maximal jedes fünfte Auto den deutschen TÜV bestehen, und was die Beladung angeht, heißt es: Hauptsache es bleibt irgendwie oben.
  • Ein Rechtsfahrgebot gibt es nicht, oder zumindest beachtet es niemand. LKWs fahren durchgehend auf der linken Spur, und rechts überholen ist an der Tagesordnung. Überhaupt wird gerne überholt, bevorzugt vor scharfen Kurven oder rechts über den Standstreifen. Schon einige Male habe ich gedacht, jetzt würde es richtig knallen, aber irgendwie ist bisher alles gut gegangen.
  • Besonders durchdacht sind die Kreuzungen, an denen drei Geradeausspuren auf der einen Seite der Ampel in zwei Geradeausspuren auf der anderen Seite der Kreuzung münden. Da weiß natürlich niemand, wo er fahren muss, und natürlich beansprucht auch jeder die Vorfahrt für sich. Das Resultat: ziemliches Chaos.
  • Ampeln und Zebrastreifen haben vor allen in den Städten eher eine hinweisende als eine regelnde Funktion. Fußgänger gehen bei Zebrastreifen erst einmal los, und gucken anschließend, ob vielleicht Verkehr kommt. Und die Autofahrer kümmern sich scheinbar gar nicht um mögliche Passanten, sondern fahren einfach weiter und bremsen zur Not im letzten Augenblick ab. Gerade im Pekinger Verkehr kann man gut beobachten, dass Ampeln an bestimmten Kreuzungen komplett missachtet werden und einfach jeder auf die Kreuzung fährt, die folglich komplett verstopft. Was dann wohl hilft…
  • …richtig, viel hupen! Nicht einmal, nicht dreimal, sondern dauernd. Dass das Auto vor einem auch nicht weiterfahren kann, weil sich ein langer Stau gebildet hat, spielt das erstmal gar keine Rolle. Die Hupe ist des Autofahrers liebster Freund, was leider den negativen Effekt hat, dass sie ihre eigentliche Warnfunktion komplett verliert.

Die ersten Kilometer auf chinesischer Straße werden so schnell eine ziemlich einprägsame Erfahrung. Aber, das muss man dazu sagen, man gewöhnt sich ziemlich schnell daran. Und ehe man sich versieht, hat man die Fahrweise übernommen und ist mittendrin statt nur dabei. Und ganz ehrlich: irgendwie macht es dann auch richtig Spaß!

 

2 Antworten zu “Augen zu und durch – Auto fahren in China”

  1. Eyke sagt:

    Klingt super spannend.
    Das Auto ist gemietet oder womöglich gekauft?

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