Kategorien
Seiten
-

Fabian (Beijing)

Zurück in Deutschland

19. September 2014 | von

Wieder in der Heimat angekommen, ist es nun an der Zeit, das Jahr in China etwas Revue passieren zu lassen. Der erste „Kulturschock“ nach der Ankunft in der alten Heimat ist verdaut, und die Erinnerungen und Erfahrungen werden mich noch eine ganze Weile begleiten.

Wenn man von einem Land in ein anderes reist, ist man schnell dabei, die beiden verschiedenen Länder zu vergleichen. Wenn dann noch das eine Land das Mutterland des Vergleichenden ist, hat dieses leicht einen kleinen Bonus, schließlich ist dort alles „normal“ und das Abweichende erst einmal fremd. Nach einem Jahr in der Fremde bin ich aber auch dort heimisch geworden, und so gibt es doch einige Dinge, die ich hier in Deutschland bereits vermisse oder noch vermissen werde:

  • Die Öffnungszeiten. Alles ist nahezu durchgehend geöffnet. Nachts um halb vier kann man jederzeit am service desk auftauchen, und sonntags muss man nie befürchten, dass man vor einem geschlossenen Geschäft steht.
  • Den ÖPNV. Einfach mal quer durch die 20-Millionen-Stadt mit einer Subway, die im Schnitt jedes Jahr eine komplett neue Linie dazu bekommt. Und für umgerechnet 25 Cent kann man so lange fahren und umsteigen, bis man an einer Station endgültig aussteigt. Zu Stoßzeiten kommen die Züge übrigens alle zwei Minuten, das ist allerdings wohl auch notwendig in dem Netzwerk, das am Tag über 10 Millionen Passagiere befördert.
  • Meine Freunde in Peking. Auf dem Campus, im Dorm, in den Kursen, auf dem Fußballplatz und in der Kneipe hat man viele Leute kennengelernt, und einige Freundschaften sind entstanden, die über die Distanz natürlich nicht so einfach aufrecht zu erhalten sind wie vor Ort.
  • Das Straßenessen. Häufig, aber am Ende doch noch viel zu selten, saß ich am späten Abend noch bei den „Spießemännern“, die köstliche Spieße zubereiten, und genoss die Fressorgie. Auch sonst gab es immer neues zu entdecken, und egal ob Nudelsuppe oder Baozi, geschmeckt hat es (fast 😉 ) immer.
  • Das Taxi fahren. In Deutschland für Studenten kaum erschwinglich, in Peking ein liebgewonner Luxus, zumindest so lange es nicht durch den Berufsverkehr geht. Einsteigen, zurücklehnen, und chinesischen Hörspielen im Radio lauschen.
  • Das Dorm-Leben. Ich hatte zwar nur ein kleines Zimmer und ein etwas angeranztes Bad, aber hatte mich schnell eingelebt und das Leben im Dorm wirklich genossen. Dreimal wurde das eigene Reich in der Woche geputzt, und nun muss ich mich wieder daran gewöhnen, selbst mein Bett zu beziehen.
  • Das chinesische Essen. Die vielen Facetten der chinesischen Küche habe ich kennen und lieben gelernt. Natürlich ist immer mal was dabei, was den eigenen Geschmack nicht so trifft, aber häufig genug war es einfach nur richtig lecker. Und günstig.
  • Das Besonders sein. Groß, rote Haare, ob ich wollte oder nicht, ich fiel auf und war ein beliebtes Fotomotiv für höflich nachfragende oder heimlich ihr Handy zückende Mitmenschen. Das ist jetzt nicht mehr so. Es klingt zwar komisch, aber man vermisst es irgendwie etwas.
  • Vieles mehr, was mir wahrscheinlich erst in Deutschland bewusst werden wird.

Gleichzeitig müsste ich lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht auch etliche deutsche Eigenarten und Errungenschaften gibt, die das Leben sehr angenehm machen. In Deutschland genieße ich vor allem:

  • Die Umwelt. Grüne Bäume, bunte Blumen, und vor allem: durchgehend frische saubere Luft und blauer Himmel. Wenn in Peking schlechte Luft war, hing eine dicke graue Suppe über und in der Stadt, und selbst an verhältnismäßig guten Tagen war der Himmel nicht richtig blau, sondern immer noch von einer grau-weißen Schicht verdeckt. Jetzt kann ich endlich wieder rund um die Uhr richtig durchatmen.
  • Die Verständigung. Mit meinem Chinesisch sowie Händen und Füßen kam ich zwar im Alltag ganz gut zurecht, aber es tut gut, auch komplexere Sachen wieder ohne Probleme kommunizieren zu können.
  • Meine Freunde und Familie. Selbsterklärend an dieser Stelle, es ist einfach schön, die Leute wieder um sich zu wissen.
  • Stadionbesuche. Als Fußballfan bedeutet ein Auslandsaufenthalt natürlich auch, dass man nicht mehr ins Stadion kommt um seine Mannschaft spielen zu sehen. Manche Nacht habe ich vor einem schlechten Liveticker oder einem stockenden Stream gesessen, um wenigstens halbwegs das Geschehen verfolgen zu können. Jetzt ist diese harte Zeit vorbei, Rot-Weiss Essen hat mich wieder!
  • Das deutsche Essen. Brot! Wurst! Käse! Deutsche Küche! Kühles Pils! In China alles nur umständlich und für ein kleines Vermögen zu erstehen, sind die Errungenschaften mitteleuropäischer Küche hier überall zu finden. Ein kulinarischer Genuss sondergleichen!
  • Das Besonders sein. Groß, rote Haare, die ob ich wollte oder nicht, ich fiel auf und war ein beliebtes Fotoobjekt. Das ist jetzt nicht mehr so. Und auch gut so.
  • Manches mehr, das mir erst in bestimmten Momenten bewusst wird.

Man kann aber nicht alles haben, und vielleicht ist es auch ganz sinnvoll, dass man sich das perfekte Land nicht einfach backen kann. Wer würde sonst noch in die Ferne reisen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.