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RWTH-Schreibzentrum

Kategorie: ‘RWTH Aachen’

Das Buch ist tot – Es lebe das Buch!

20. April 2017 | von

„Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.“ (Ludwig Feuerbach)

Die Türglocke klingelt. Ein kleiner Raum, der durch seine deckenhohen Regale verwinkelt erscheint: Geheimnisvolle Atmosphäre. Wenig Platz für aufwendige Dekorationen und Nippes, dafür eine schier endlose Aneinanderreihung von Buchrücken. Zu viele, um sie auf einen Blick zu erfassen. Wer hier etwas auf die Schnelle sucht, muss einen der fachkundigen Buchhändler fragen. Alle anderen lädt die kleine aber feine Buchhandlung in Aachen zum Stöbern ein.

Fast die Hälfte des Buchumsatzes bestreitet der Sortimentsbuchhandel mit 48,2 Prozent. Dahinter positioniert sich mit 20,9 Prozent der Verkauf durch die Verlage. Internetbuchhandel nimmt in Deutschland 2015 lediglich 17,4 Prozent ein. Der durchschnittliche Ladenpreis eines gedruckten Buches liegt bei 14,95 Euro. Trotz gestiegener Medienkonkurrenz ist in den letzten zehn Jahren die Kaufkraft an gedruckten Büchern nahezu stabil geblieben. Eine Umfrage hat ergeben, dass der beliebteste Leseort das Sofa oder der Sessel ist.

Ein Durchgangszimmer. Beide Seiten mit Regalen verziert, die bis unter die Decke reichen. Auf ihnen stehen Buchrücken an Buchrücken aneinandergereiht. Der Anblick überwältigt, die Farbe an den Wänden ist nicht mehr zu erkennen. Zwei tiefe Sessel laden zum gemütlichen Verweilen ein. Gleich daneben bietet das Büro einen ähnlichen Anblick. Mit einer Ausnahme: Hier findet noch ein Schreibtisch Platz. Der Autor Christoph Leisten (56) schreibt seit 1996. Bisher hat er zwei Prosawerke und vier Gedichtbände beim Rimbaud-Verlag in Aachen veröffentlicht.

Die prächtige Glasfassade einer großen Buchhandelskette in Aachen bietet ein beeindruckendes Bild. Im Inneren fühlt man sich wie in einem Bienenstock. Überall herrscht reges Treiben, trotzdem findet man die nötige Ruhe, um entspannt die Regale entlangstreifen zu können. „Dass sich unsere Kunden wohlfühlen, ist uns sehr wichtig“, erläutert Benjamin Schell, Pressesprecher. Die zahlreichen Leseecken, das hauseigene Café oder die Arbeitsplätze auf der obersten Etage, überall kann man für eine Weile dem Alltagstrott entfliehen. Trotz der riesigen Auswahl sei das gedruckte Buch für die Buchhandlung immer noch das wichtigste Kulturgut, erklärt Schell. „Gedruckte Bücher erfinden sich immer wieder neu, weil sie mit der Zeit gehen.“

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels berichtet: „Bücher sind unverzichtbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale.“

Geschätzter Umsatz des deutschen Buchhandels stagniert in den letzten 15 Jahren zwischen 9,4 und 9,2 Mrd. Euro. Sind Verkaufsplattformen im Internet eine große Konkurrenz? Die große Buch-handlung in Aachen grenzt sich davon ab. „Wir sind persönlicher als das Internet“, erklärt Schell. Zwar bekomme man dort Buchvorschläge, aber diese seien nach bestimmten Logarithmen geschaltet und können keine kompetente Beratung durch einen fachkundigen Buchhändler ersetzen. Lyriker und Buchautor Christoph Leisten beurteilt die Lage so: „Große Ketten ziehen viel Laufkundschaft an, daher ist das Internet eher für sie eine Konkurrenz, wenn auch eine geringe.“ Kleine Buchläden aber seien durch dieses Angebot nicht bedroht, da sie einen soliden Kundenstamm haben. Woher er das so genau weiß? Als Student hat er in der Würselener Buchhandlung von Martin Schulz gejobbt.

Der Umschlag sieht aus wie ein Päckchen von DHL. Realistisch gestaltet, mit Absenderadresse und Barcode. Unten der Hinweis, es vor Regen zu schützen. Die Haptik: Für den Buchkäufer ein entscheidendes Kriterium. Wenn das Cover die Aufmerksamkeit erregt hat, ent-scheidet sich nach dem Lesen des Klappentextes, ob man das Buch kauft. Zuhause angekommen, reißt man „Das Paket“ von Sebastian Fitzek ungeduldig auf. Mit dem Geruch frischer Druckerschwärze in der Nase schlägt man das erste Kapitel einer neuen Welt auf.

Bis auf die Schiebetüren und den typischen Bankteppich zeugt in der Stadtbibliothek Köln Ehrenfeld nichts mehr davon, dass dieses Gebäude eine ehemalige Sparkassen-Filiale ist. Der Eingangsbe-reich ist großzügig angelegt. Mittig positioniert stehen DVDs. Auf der rechten Seite ist ein breites Angebot an Sachliteratur und Romanen zu finden. Links die gemütliche Kinderecke. In der Nische an der Wand sitzt ein Vater mit seiner vierjährigen Tochter zusammen mit dem Buch Ein Geburtstagsfest für Lieselotte. Aufgeregt trippelt ein zweijähriger Junge Richtung Bücherkiste. Für die ganz Kleinen gibt es extra dicke Pappbilderbücher.

„Gedruckte Bücher sind für mich Lebensbegleiter, sie sind von einer eigenen Aura umgeben, die ihre elektronische Version niemals haben kann“, erklärt Christoph Leisten.

Klein, handlich, kompakt: Der E-Book-Reader. Ob der Kindle von Amazon, die E-Ausleihe der Bibliotheken oder die i-Book-App von Apple: Sie alle machen es möglich, Bücher digital zu lesen. Mittlerweile kann man fast überall E-Book-Reader kaufen. „Im Vergleich zum gedruckten Buch, ist der E-Book-Verkauf relativ gering“, klärt Benjamin Schell auf.

Bücher digital zu lesen, hat Vorteile: Der Koffer für den Urlaub ist nicht mehr zu Dreiviertel mit Büchern vollgestopft, weil man sie bequem auf den Reader laden kann. Und abends im Bett braucht man kein zusätzliches Licht zum Lesen. Für Christoph Leisten sind E-Books rein pragmatisch. „Wenn ich reise, lade ich gerne Nachschlagewerke auf meinen Reader, damit ich sie nicht schleppen muss.“ Und Christoph Leisten reist oft. In Marokko war er bereits über vierzig Mal. Über seine Erfahrungen in diesem Land schreibt er in Marrakesch, Djemaa el Fna und Argana. Notizen aus Marokko.

„Eine gute Bibliothek ist immer eine Begegnungsstätte. Ich sage immer: Man kommt wegen der Medien und bleibt wegen der Menschen!“ Cordula Nötzelmann, Leiterin der Kölner Zweigstellen, beantwortet damit die Frage, warum die Bibliotheken so großen Zulauf haben. 2016 besuchten in Deutschland 119. Mio. Menschen öffentliche Bibliotheken und liehen dort 450. Mio. Medien aus.

Während die öffentlichen Bibliotheken mit einem vielfältigen Angebot an gedruckten Büchern und digitalen Medien punkten, hat sich die Deutsche Nationalbibliothek längst von ihren Büchern verabschiedet. Statt gedruckten Büchern stehen den Nutzern nur noch E-Books zur Verfügung. Argumente für die Umstrukturierung: Gedruckte Bücher wiesen irgendwann Gebrauchsspuren auf und Reparaturen seien kostspielig. Lieber verbannt man die wertvollen Artefakte in den Keller, wo ihnen keiner mehr Leid zufügen kann.

Bücher haben Charakter, gerade weil sie gelesen werden. Eine Stammkundin aus Köln Ehrenfeld erzählt: „Ich leihe hauptsächlich Koch- und Backbücher aus, weil ich gerne neue Dinge ausprobiere.“ Auf die Frage, warum sie diese nicht in der Buchhandlung kauft, gesteht sie mit einem verlegenen Grinsen, da stünden keine Anmerkungen drin. Für die Bibliotheken, egal ob öffentlich oder wissenschaftlich, ein altbekanntes Problem: Die Notizen am Rand.

Unscheinbare Kästen erobern das Land. Zwei Seiten aus Glas, der Rest umgeben von einer edlen, dunklen Holzvertäfelung, Viele Passanten laufen in Aachen um den mysteriösen Kasten Ecke Passstraße/Grüner Weg herum, aber dennoch an ihm vorbei. Die Meisten sind zu sehr mit ihren Smartphones beschäftigt. Von der Passstraße aus nähert sich eine etwa Siebzigjährige Dame mit ihrem Enkel. Der fünfjährige Junge hat seine dicke Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Als sie vor der Glasvitrine stehen bleiben, bilden sich vor ihren Gesichtern weiße Atemwolken. Was verbirgt der Kasten? Richtig, Bücher! Die Beiden stehen vor einem öffentlichen Bücherschrank. Darin findet sich eine breite Auswahl: Hemingway neben Rosamunde Pilcher, Emilia Galotti neben Harry Potter.

Das Projekt der öffentlichen Bücherschränke wird in Aachen seit Winter 2012 von der IG Aachener Portal e.V. gefördert. Damit wird Menschen kostenlos Literatur zur Verfügung gestellt. Vor allem sozial Benachteiligte haben so die Möglichkeit an Lesestoff zu gelangen. Das Projekt lebt ausschließlich durch die Partizipation der Nutzer. Wer ein Buch mitnimmt, kann es entweder zurückbringen oder ein anderes, lesenswertes Buch hineinstellen.

„Einige Bücher verlieren mit der Zeit ihre Bedeutung, einige bleiben bedeutend und andere gewinnen ihre Bedeutung erst nach Jahren“, so Leisten. Bücher seien Auslöser für Erinnerungen und Emotionen, erklärt er und sagt, dass er kein Buch weggeben kann. Für ihn sind seine Bücher ein Stück seiner Seele.

Personennahverkehr in Hamburg. Menschen aller Altersklassen tummeln sich in den VHH-Bussen. Einige von ihnen müssen zur Schule, andere haben Termine beim Arzt oder müssen zur Arbeit. In vielen Städten schauen Fahrgäste gelangweilt aus den Fenstern und sind dem gewöhnungsbedürftigen Musikgeschmack ihrer Nachbarn ausgeliefert. Nicht so in den Hamburger Bussen. Gleich hinter der Fahrerkabine ist ein rotes Regal montiert. Darauf stehen Bücher, die während der Fahrt von den Fahrgästen gelesen werden dürfen. Und auch darüber hinaus dürfen die Bücher genutzt werden: Ähnlich wie bei den Bücherschränken, funktioniert das System der sogenannten „Buchhaltestellen“. Das Gebrauchtwarenkaufhaus STILBRUCH hat die Bücherbusse ins Leben gerufen. Seit 2010 existiert die Kooperation mit der VHH, die mittlerweile über 100 Buchhaltestellen installiert hat.

„Wenn du nicht all deine Bücher lesen kannst, dann nehme sie wenigstens zur Hand, streichle ein wenig über sie, schau’ etwas hinein, lasse sie irgendwo auffallen und lese die ersten Sätze, auf die dein Auge fällt, stelle sie selbst aufs Bord zurück, ordne sie nach deinen Vorstellungen so, daß du wenigstens weißt, wo sie sind. Lass’ sie deine Freunde ein; lasse sie auf alle Fälle deine Bekannten sein.“ (Winston Churchill)

Aachen. Hier findet jährlich im September die COMICADE-Messe statt. Das Besondere: Mehr als fünfzig hochkarätige Comic-Zeichner lassen sich vor Ort bei der Arbeit über die Schulter schauen. Und Kreative dürfen in Zeichenkursen ihr Können unter Beweis stellen. Auf Buchmessen kann man in die faszinierende Welt der Literatur eintauchen. Das Angebot ist nicht nur auf Bücher beschränkt. Im Programm: Lesungen, Vorträge und Preisverleihungen. Messen sind nicht nur für Verleger, Agenten und Buchhändler interessant, sondern auch für Leser.

Zuversicht in die Leser hat die Vertrauensbibliothek auf der Insel Langeoog seit vielen Jahren. Einheimische und Touristen können sich hier sprichwörtlich bedienen. So kann man seinen Urlaub entspannt mit unvorhergesehener Leselektüre erweitern. Es wird darauf vertraut, dass die Bücher ihren Weg zurück finden. Dank um-fangreicher Schenkungen umfasst der Be-stand rund 3000 Bücher.

„Ich mag es, wenn man Büchern ansieht, dass sie gelesen worden sind. Das macht ihren persönlichen Charme aus“, erzählt Benjamin Schell.

Freitag 13.00 Uhr. Das Kloster in Sankt Augustin öffnet seine Tore. Ein riesiger Raum mit einer gewölbten Decke erstreckt sich. Es riecht nach Staub und Papier. Die Gänge sind schmal, teilweise verwinkelt. Auf jeder Seite Regale, vollgestopft mit Büchern. Auf dem Bücherflohmarkt der Steyler Missionare kann man jeden Freitag von 13. bis 16. Uhr Bücher zum Kilopreis ergattern. Hauptsächlich Theologie und Kirchengeschichte, aber auch an Romanen und Sachbüchern mangelt es nicht. In der Kinderecke jubelt ein zehnjähriger Junge und läuft aufgeregt zu seiner Mutter, die nicht weit entfernt bei den Kochbüchern steht: In seinen Händen Der Räuber Hotzenplotz. Die Einnahmen spendet das Kloster an gemeinnützige Organisationen weltweit. So versucht das Kloster die Welt durch Bücher ein Stückchen besser machen. Ein Besuch lohnt sich allemal.

Bücher zu lesen, erweitert den Horizont. Nicht umsonst heißt es: „Lesen bildet!“ Bücher entführen den Leser in andere Welten. Sie sind Lebensbegleiter, ob nun beim Aufschlagen oder Zuklappen eines Kapitels. Ihre Art und Weise Geschichten zu erzählen und damit den Leser zu faszinieren, wird niemals aussterben. Es lebe das Buch!

5 spannende Fragen über Bücher:

Wie viele Seiten muss ein Buch haben, um ein Buch zu sein? 49 Seiten, das hat die UNESCO beschlossen!

Was ist das teuerste Buch und wem gehört es? Der Codex Leichester von Leonardo da Vinci. Bill Gates hat es 1994 gekauft. Heute liegt der geschätzte Wert des Buches bei 49 Mio. US-Dollar.

Was ist das meistverkaufte Buch aller Zeiten? Die Bibel mit bis zu 6 Mrd. Ausgaben.

Welches Buch wird am häufigsten gestohlen? Das Guinness Buch der Rekorde.

Was war das erste Buch, das auf einer Schreibmaschine geschrieben wurde? „Tom Sawyers Abenteuer“ von Mark Twain entstand 1874 als erstes Buch auf der Schreibmaschine.

Werke von Christoph Leisten:

▶ Argana. Notizen aus Marokko (Prosawerk) 2016
▶ bis zur schwerelosigkeit. (Gedichte) 2010
▶ der mond vergebens. (Gedichte aus zehn Jahren) 2006
▶ Marrakesch, Djemaa el Fna (Prosawerk) 2005
▶ In diesem licht. (Gedichte) 2003
▶ Entfernte Nähe. (Gedichte) 2001

 

Einen Moment, bitte

27. März 2017 | von

Momente auf Knopfdruck? Die Kurzgeschichten von Lukas Cremer, lanjähriger Teilnehmer unseres Oberseminars Texte in Arbeit, entwickeln sich langsam aber sicher zu einem ganz eigenem Genre. Hier eine seiner vielen Kürzestgeschichten aus dem letzten Wintersemester.


Stella lehnt sich vor und legt ihre Hand liebkosend in Timons Nacken. Ein Blick in seine moosgrünen Augen verrät ihr alles, was sie wissen will. Bis jetzt war es nur tollkühne Fantasie, nicht wahrhaftig, aber auch nicht zu leugnen. All das ändert sich im unendlichen Zeitpunkt, in dem sich ihre Lippen treffen.

Momentmacher Mark lehnte sich entspannt zurück und räkelte sich in seinem Stuhl. Sein 100. Angebot wurde schon vor der Mittagspause angenommen. Und dann auch noch ein erster Kuss. Die waren ihm eindeutig am liebsten. Stella und Timon hatte er aber auch schon wirklich mehr als genug Momente verschafft. Doch die Freude darüber, dass sie diesen einen Moment nicht hatten verstreichen lassen, machte alle Mühen mehr als wett. „Du hast doch wieder zwei zusammengebracht, so selbstgefällig, wie du da rumlümmelst!“, wurde Mark von seinem Kollegen Lars aufgezogen.
„Ich hab’ hier niemanden zusammengebracht!“, schoss Mark mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück. „Ich mache hier ausschließlich Gelegenheiten bewusst … Okay, du hast Recht“, räumte er ein, „die zwei waren längst überfällig. Worauf hast du heute so Lust?“
„Pass mal gut auf. Guck dir an, was für ’ne Serie der Meister jetzt hinlegt! Deine ersten Küsse toppe ich doch locker!“

Pascal hängt, die Ski bereits angeschnallt, an der eiskalten Kufe eines Helikopters.
„Jetzt oder nie!“, schießt es ihm durch den Kopf. Zweimal schon hat er sich nicht weiter getraut, aber heute ist ganz allein sein Tag. Mit einem langgezogenen Urschrei lässt er sich die Meter bis zum Tiefschnee fallen.

Pierre steht vor dem Regal im Supermarkt. An dieser Stelle hat er bereits x-mal den Weißtoast in den Einkaufswagen geladen. Als er jetzt so dasteht, weiß er gar nicht mehr genau, warum eigentlich. Irgendwie ist ihm heute nach irgendwas anderem zumute. Der Wagen leistet mehr Widerstand als sonst, als Pierre ihn wieder anschiebt. Doch die Entscheidung ist gefallen. Ohne zu wissen, was er morgen frühstücken wird, trottet er leise pfeifend davon.

Tanja wirft den schrillenden Wecker an die Wand. Sie wird heute ausschlafen. Und morgen auch. Und überhaupt. Der Job hat ihre Freunde, ihre Gesundheit, ihr Leben gefressen. Das einzige, was sie heute außer Ausschlafen tun wird, ist kündigen.

Lars lachte laut auf. „Das macht mir auch immer wieder Spaß!“, grölte er. „Davon biete ich heute auf jeden Fall noch mehr an! Aber jetzt kommt erstmal noch ein ganz besonderer. Ich bin gespannt, was passiert.“

Lukas nimmt den Stift in die Hand und starrt gedankenverloren auf das weiße Blatt Papier. Er kann alles schreiben. Alles.

Auf Mission – jenseits von Monschau

13. April 2016 | von

Wir gratulieren Aline Jansen zur Veröffentlichung ihrer Reportage über einen gebürtigen Monschauer, den eine Missionsreise nach Tansania geführt hat. Der Text entstand im Rahmen unseres Seminars Journalistisches Schreiben und wurde in der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten publiziert.

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Von Aline Jansen

Er ist Schreiner, Schlosser, Automechaniker und Gärtner. Er ist Ausbilder, Bauunternehmer, Firmenchef und Manager. Alles in einer Person. Und das nicht einmal in Deutschland, wo Computer und Maschinen einen großen Teil der Arbeit übernehmen. Ja nicht einmal in Europa, sondern in Afrika. Sein Job? Afrika-Missionar. Sein Name? Bruder Theo Call – der Mann für alle Fälle.

Auch in seiner alten Heimat vergisst den Missionar niemand. Im Gegenteil. Seit ein paar Jahren liegt in der Eifel fast so etwas wie ein „Theo-Fieber“ in der Luft. 2008 besucht das Ehepaar Elke und Martin Krings aus Konzen Bruder Theo in Kabanga. Und sie sind so begeistert von seiner Arbeit, dass sie den Förderverein „Bruder Theo Call, Weißer Vater der Afrika-Missionare“ zu seiner Unterstützung gründen. Seitdem rühren sie kräftig die Werbetrommel und sammeln Spenden.

Geboren wird er am 31. März 1938 in Konzen bei Monschau in der Eifel. Dort besucht er die Volksschule und beginnt mit 16 Jahren eine Lehre als Huf- und Wagenschmied in einer Konzener Schlosserei- und Schmiedewerkstatt. „Theo war ein ganz normaler Jugendlicher“, erzählt seine Schwester Regina. „Er ist gerne tanzen gegangen und hat mit seinen Freunden auch den einen oder anderen Streich gespielt.“ Außerdem ist er im Dorfleben aktiv: im Turnverein, beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes und als zweiter Bass im Kirchenchor.

Doch in dem jungen Mann schlummert ein Traum. Ein Traum, den er nur seiner Mutter verrät: Missionar möchte er werden und nach Afrika gehen, da ist er sich schon im dritten Schuljahr sicher. Seine Mutter behält das erst einmal für sich, vielleicht ist es ja nur das Hirngespinst eines Zehnjährigen.

Heute lebt Theo Call 7600 Kilometer von Monschau entfernt in Tansania, genauer: in Kigoma, der westlichsten Region des Landes, in der Nähe des Tanganjika-Sees. Die Diözese ist so groß wie die Niederlande und zählt mehr als zwei Millionen Einwohner. Hier hat Bruder Theo seine neue Heimat gefunden; in einer Missionsstation im Dorf Kabanga, 40 Kilometer von der Grenze zu Burundi entfernt. „Im afrikanischen Busch“, wie er sagt.

Er baut Kirchen, saniert Gebäude, legt Brunnen an, installiert Pumpen und Solaranlagen. Und das in der ganzen Diözese. Alles, was gebaut wird, läuft über ihn. Von den Zeichnungen über die Berechnungen bis hin zur Ausführung: In Kigoma macht das alles das staatlich anerkannte „Ein-Mann-Unternehmen“ Bruder Theo.

Kabanga entwickelt sich durch ihn zu einem Schwerpunkt für die ganze Region, denn hier steht eines der wichtigsten Häuser. Weiß gestrichene Fassade, ein großes Eingangstor, zu dem sechs Stufen führen, davor eine grüne Wiese und ein paar schattenspendende Bäume: das Krankenhaus mit Chirurgie, Geburtsstation, Zahnarztpraxis und einem separaten Gebäude für Leprakranke. Und mit Strom und fließendem Wasser. Eine Seltenheit in dieser Einöde fast ohne Technik.

Eine Turbine versorgt Missionsstation, Krankenhaus, Werkstätten und die Schule in Kabanga seit 17 Jahren mit Strom. 1984 heben der „starke Mann“, wie die Einheimischen Call nennen, und seine Arbeiter einen Stausee aus – mit Spaten. Ihn speist das Regenwasser und der kleine Karunga-Bach. Die Wasserkraft treibt eine Turbine an und vier Kilometer lange Hochspannungsleitungen transportieren den Strom ans Ziel. Rund um den See sind 50.000 Bäume angepflanzt worden, „die ziehen den Regen an und der Boden kann das Wasser besser speichern“, erklärt der 77-Jährige. Fast 15 Jahre vergehen, bis das erste große Projekt vollendet ist.

Calls Glaubensweg beginnt 1960 mit einem Postulat und einem anschließenden Noviziat. 1967 bildet er sich mit einem Fernkurs über Statik und Bautechnik weiter. Außerdem schickt der Orden ihn für drei Monate nach London, um Englisch zu lernen. Denn in Afrika spricht niemand Deutsch, und erst recht kein „Eifeler Platt“.
Aufbruch in ein neues Leben

Am 4. Dezember 1967 ist der große Tag gekommen: Aufbruch in ein neues Leben in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer fremden Sprache und Kultur. Von Düsseldorf über Amsterdam und Rom nach Uganda und weiter nach Tansania. Nach vier Tagen erreicht der 29-Jährige sein Ziel: Ujiji, knapp 100 Kilometer von Kabanga entfernt.

Dort arbeitet er in der Autowerkstatt eines Mitbruders, Pater Fulgens Hirt aus Konstanz. 1970 besteht Call die Prüfung als Kfz-Mechaniker in Köln, übernimmt nach Pater Fulgens‘ Tod die Werkstatt und zieht mit ihr nach Kabanga um. Zusätzlich baut er eine Schreinerei, eine Schlosserei und ein Sägewerk auf, die er bis heute mit seinen Arbeitern betreibt.

Das neueste Vorhaben des Missionars entpuppt sich als Mammutprojekt: der Bau eines 125 KW-Wasserkraftwerks zur Stromerzeugung für das „Bischöfliches Knabenseminar St. Josef“ in Iterembogo, 80 Kilometer von Kabanga entfernt. 600 junge Männer werden dort unterrichtet und auf die Priesterlaufbahn vorbereitet. Zum Priester geweiht werden aber nur vier oder fünf aus jedem Jahrgang. „Aber das ist in Ordnung. Hauptsache, die jungen Leute erhalten eine gute Bildung“, findet Call.

Die Idee, auch dort eine Turbine zu installieren, ähnlich der in Kabanga, geistert bereits seit Jahren in seinem Kopf herum. Jetzt nimmt das Projekt langsam Form an: In den vergangenen drei Jahren haben 50 Arbeiter einen 600 Meter langen, 2,10 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Kanal mit Hacke und Schaufel ausgehoben. Wirkliche Handarbeit. Die Männer stehen barfuß auf Geröllhaufen, völlig verstaubt. Acht Stunden am Tag bei sengender Hitze, nur mit Shorts bekleidet. Meter für Meter graben sie sich voran. Einzige Gemeinsamkeit mit deutschen Baustellen: die gelben Schutzhelme.

Die Afrika-Missionare kommen aus Europa, Amerika und mittlerweile auch aus Afrika selber, zum Beispiel aus Schulen wie St. Josef. 1405 von ihnen leben in 20 Ländern Afrikas und 13 übrigen Ländern der Welt. Neben Bruder Theo arbeiten 33 Mitbrüder in Tansania, davon vier Deutsche. Das typische lange, weiße, wallende Gewand bringt ihnen schon bei der Ordensgründung 1868 den Beinamen „Weiße Väter“ ein. Heute verzichten sie lieber darauf, denn er wird – fälschlicherweise – oft mit der Hautfarbe der Mitglieder gleichgesetzt.

Theo Call möchte den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Glaubensverkündung durch praktische Arbeit“ nennt er das. Manchmal braucht er dafür aber viel Geduld, denn die Menschen mögen keine Veränderungen. Deshalb sind Fortschritte schwer zu erreichen. „Hier will kaum mal einer etwas anderes tun als die anderen. So wie es der Großvater gemacht hat, so machen es auch noch die Jungen“, erzählt der Eifeler.

Ein anderes großes Problem: Korruption. Das ist auch bei einem aktuell brisanten Thema zu spüren: der Verfolgung der Albinos. Albinos sind Menschen, denen durch einen seltenen Gendefekt das Pigment Melanin fehlt. Ihre Haut ist nicht dunkel, sondern hell, genau wie ihre Haare. Sie werden regelrecht gejagt und verstümmelt oder umgebracht, denn selbsternannte Medizinmänner verbreiten einen schrecklichen Aberglauben. Die „Heiler“ brauen aus Körperteilen und Organen der Albinos kannibalische Zaubertränke, die Glück und vor allem Reichtum versprechen.

Seit 2000 sind mindestens 75 Albinos ermordet worden; und das ist nur die offizielle Zahl. Besonders bedroht sind Kinder: Mörderbanden entführen sie aus den Hütten ihrer Eltern und töten sie brutal. Manchmal werden sie sogar von Nachbarn, Freunden oder der eigenen Familie gegen Bezahlung verraten, denn wenn es um Albinos geht, winkt bares Geld. Ein Fuß oder eine Hand sollen umgerechnet 3500 Euro, ein ganzer Körper 70.000 Euro einbringen. Sehr viel Geld, denn das Durchschnittseinkommen in Tansania liegt bei 500 Euro im Jahr.

Sichere Anlaufstellen für Albinos gibt es in Tansania nur sehr wenige. Eine davon liegt in Kabanga. Seit Jahren kommen Albinos zu Bruder Theo, der sie in einer Blindenschule unterbringt – schon lange bevor die Regierung das Problem ernstnimmt.

Heute platzt die Schule aus allen Nähten: Blinde und Behinderte plus 70 Albinos. 150 Kinder. Eigentlich viel zu viele, aber: „Hier sagt man nicht, wir haben Platz für 40 oder 50 Kinder. Nein, hier sagt man, wir haben Platz für alle“, meint Call. Weitere Schlafsäle hat er bereits gebaut, denn die Kleinkinder kommen meistens mit ihren Müttern. Manchmal liefern die Eltern ihr Albino-Kind auch einfach ab und verschwinden.

Die Kinder können in Kabanga zur Schule gehen, ansonsten bleibt ihnen keine Freiheit. Sie leben hinter hohen Wänden mit eingemauerten Scherben, damit niemand herüberklettert, gesichert durch ein Eisentor, das abends verschlossen und von Polizisten bewacht wird. Wenn die Kinder volljährig sind, verlassen sie die Schule und machen Platz für die nächsten. Manche kehren in ihre Dörfer zurück. Wie lange sie dort überleben? Das weiß niemand.

Mut und unermüdliche Kraft für seine kleinen und großen Projekte schöpft Bruder Theo aus seinem Glauben. Er ist überzeugt, dass Jesus letzter Satz im Matthäus-Evangelium zutrifft: „Seit gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Er glaubt daran, dass Gott ihm auch in schweren Zeiten zur Seite steht.

Zweimal hat er bereits die tückische Malaria überlebt, und mit seinen 77 Jahren ist er immer noch ziemlich fit – in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei knapp 61 Jahren liegt.

Schreiben, Sprache, Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

22. Januar 2016 | von

Anna-Maria Cipetic hat bei uns zwei Wochen lang hinter die Kulissen geschaut und in ihrem Schulpraktikum viel erlebt. Was alles passiert ist, erzählt sie euch exklusiv in einer kleinen Reportage.

Anna-Maria Cipetic

Anna-Maria Cipetic

Schreiben, Sprache,  Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

von Anna-Maria Cipetic

Es ist Montag. Zwei Studierende plaudern miteinander vor einem Raum in der Uni. Der Flur ist noch ziemlich leer. Wie viele werden wohl noch kommen? An einen Hörsaal mit tausend Sitzplätzen und Massen von Studierenden erinnert dieser Kurs wohl kaum. Denn diese Veranstaltung ist auch an der RWTH Aachen etwas Besonderes. Wo sonst Mathe, Technik und Maschinenbau gelehrt werden, dreht sich heute alles ums Schreiben. Dozent Christoph Leuchter schließt die Tür auf. Knapp vor Kursbeginn kommen die letzten Studierenden mit Thermosbecher in der Hand in den Raum. Nun ist die Gruppe komplett. Leuchter begrüßt alle und der Kurs beginnt.

Training Schriftsprache ist nur einer von vielen Kursen, die das Zentrum für Kreatives Schreiben der RWTH Aachen anbietet. Im Zentrum für Kreatives Schreiben (ZKS) haben Studierende die Möglichkeit, ihre Texte und Schreibkompetenz zu verbessern: Das Kursangebot reicht von wissenschaftlichen Arbeiten bis hin zu journalistischen Texten. Die Studierenden kommen dabei aus allen Fachbereichen. Christoph Leuchter leitet das ZKS seit 2012. Vorher arbeitete er als Lektor in Verlagen und als Texter für Agenturen – außerdem schreibt er gerade an seinem dritten Roman.

Und ich – ich bin auch in Training Schriftsprache mit dabei. Anna-Maria Cipetic ist mein Name, ich bin Schülerin der 9. Klasse und ich mache ein zweiwöchiges Praktikum am ZKS. Ich habe mich bewusst für ein Praktikum entschieden, das mit dem Schreiben zu tun hat. Schreiben ist für mich wie eine Befreiung. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, eine Struktur in meine Gedanken zu bekommen. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, später einmal mit Sprache zu arbeiten. Doch wo? Es gibt so viele Berufsmöglichkeiten und am ZKS lerne ich verschiedene Schreibstile kennen.

Halbzeit in Training Schriftsprache. Christoph Leuchter hat in der letzten Stunde journalistische Schreibtechniken besprochen. Wie baue ich den Text auf? Wie bringe ich meine Beobachtungen anschaulich für die Leser aufs Papier? Diesen Fragen stellen sich die Studierenden im Kurs. Und nehmen auch für wissenschaftliche Texte mit, dass es immer gut ist, sich kurz zu halten.

Doch natürlich gibt es auch große Unterschiede zwischen den Textsorten. Cornelia Czapla ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKS und ihr Spezialgebiet ist das wissenschaftliche Schreiben. Doch warum sollten Erwachsene noch etwas über das Schreiben lernen, nachdem sie ihr Abitur bereits gemacht haben? „Texte spielen auch für den späteren Beruf der Studierenden eine immer größere Rolle “, sagt Christoph Leuchter. Deshalb sei es wichtig, die Fähigkeit, gute Texte zu schreiben, immer weiter zu verbessern.

Es ist Mittwoch. Ich fahre mit dem Bus und steige an der Unibibliothek aus. Gespannt warte ich vor dem Eingang auf Cornelia Czapla. Wir betreten schließlich gemeinsam das Gebäude und fahren mit dem Aufzug in den dritten Stock. Ein Rundgang durch die Bibliothek: Bücherreihen voll mit Maschinenbauliteratur – ein Thema, womit ich mich in der Schule nie beschäftige. Und selbst die älteren Computer – in Kastenform – werden noch genutzt. Das hätte ich nie gedacht. Aber an anderen Ecken ist die Bibliothek modern. Vor allem im neuen Bibliotheksgebäude haben die Studierenden mehr Möglichkeiten, sich in Lesesäle zurückzuziehen und können sogar ihre Bücher über ein Online-Verfahren ausleihen.

Aber in meiner Praktikumszeit habe ich nicht nur Kurse, wie Training Schriftsprache oder Wissenschaftliches Schreiben, besuchen können. Genauso habe ich das Zentrum bei täglichen Arbeiten kennengelernt und unterstützt: Ich habe E-Mails und Briefe geschrieben; war bei Homepage-Meetings und Social-Media-Treffen mit dabei; habe Texte mitlektoriert und gelernt, wie man die Angst vorm leeren Blatt überwindet. Sogar Einzelcoachings zum Journalistischen Schreiben und zur Textüberarbeitung habe ich bekommen und die Unterschiede beim Schreiben in Wissenschaft, Journalismus und PR kennengelernt.

Während der Zeit beim Zentrum für Kreatives Schreiben fühlte ich mich wirklich wie ein Teil des Teams. Am Anfang war ich ziemlich gespannt und aufgeregt, da ich als Schülerin das erste Mal an einer Uni war, aber zum Schluss habe ich mich gut eingelebt und hatte vor allem viel Spaß. Die Zeit beim ZKS war für mich ein tolles Erlebnis und ich werde viele Erfahrungen mit in die Schule nehmen.

Fragen an: Bernd Büttgens, Pressesprecher der Stadt Aachen

09. Juni 2015 | von

IMG_1349Die erste Veranstaltung unserer hauseigenen Reihe „Fragen an…“ war ein voller Erfolg. Bernd Büttgens hat uns am 21. Mai in der BIB II erzählt, wie die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Aachen funktioniert. Es wurde aus dem Nähkästchen geplaudert, aber auch der Beruf im Bereich PR kritisch hinterfragt.

Was haben wir mitgenommen?

1.  Journalistische Kenntnisse sind für jeden guten PRler eine wichtige Sache!

 

2.  Wer gerne mit Menschen arbeitet und einen vielseitigen Beruf haben möchte, ist im PR Bereich genau richtig.

3. Ein guter Pressesprecher schafft es Themen so interessant zu verkaufen, dass sie auch in die Zeitung kommen.

4. Das Wichtigste ist: immer bei der Wahrheit bleiben (…und zur Not einfach nicht alles erzählen 😉 ).

Im nächsten Semester haben wir wieder einen neuen Experten für euch eingeladen. Mehr dazu gibt`s bald.

Acht

09. April 2015 | von

Spinne II

Vor was haben wir eigentlich heute noch Angst? Krankheit, Einsamkeit oder doch der guten alten Spinne? Beate Böker hat in unserem Seminar: Texte in Arbeit eine ergreifende Kurzgeschichte geschrieben. Irgendwo zwischen Fiktion und Zukunft. Los geht`s in Zehn, Neun:

Acht

Nur noch eine Viertelstunde bis Feierabend. Dann einkaufen, kochen und den Rest des Abends gemeinsam fernsehen. Wir sind froh, wenn wir hier raus kommen.

Im Büro ist alles wie üblich. Die Kollegen schauen unauffällig hinüber, doch sobald ich ihre gaffenden Blicke erwidert möchte, sehen sie weg und tun so, als seien sie beschäftigt. Doch ich weiß, dass sie mich anstarren. Ich spüre ihre Blicke wieder, sobald ich nicht mehr hinsehe. Sie lassen mich nicht aus den Augen. Wahrscheinlich raten ihnen ihre Instinkte, mich gleich an Ort und Stelle zu beseitigen, wie sie es üblicherweise tun würden, wenn sie mir in ihren Kellern oder Garagen begegnen.

Jasmins Finger tanzen unter mir über die Tastatur. Sie ignoriert die Blicke; wahrscheinlich bemerkt sie die Gaffer gar nicht mehr. Menschen sind immerhin Gewohnheitstiere, so viel habe ich schon herausgefunden. Ich hingegen bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Ich bin schließlich eine Spinne.

Bei einem Verkehrsunfall wurde ein großer Teil von Jasmins Gehirn zerstört. Dank einer neuartigen Behandlungsmethode hat sie überlebt: Mein Körper sitzt in Jasmins Schädel und ersetzt die fehlenden Teile ihres Hirns. Die Folgen sind für uns beide akzeptabel. Wenn Jasmin schläft, sehe ich, was sie träumt. Eigenartigerweise kann ich ihre Gedanken nicht lesen, wenn sie wach ist – sie aber dafür meine. Das ist praktisch, weil sie dadurch direkt weiß, wenn ich hungrig bin.

Meine haarigen Beine hängen rechts und links an ihrem Kopf herunter. Über ihrer Stirn, dort wo einst der Haaransatz war, sitzen jetzt meine Beißer und direkt darüber meine acht Augen. Alles was Jasmin sieht, sehe ich also auch.

Jasmin fährt danach endlich den Rechner runter und packt ihre Sachen. Wir verlassen das Büro. Ich kann eine Welle der Erleichterung hinter uns spüren, ein Aufatmen, als seien die Kollegen froh, dass wir endlich weg sind.

Auf dem Korridor stehen einige Leute vor dem Aufzug. Als sie uns kommen sehen, entschließen sie sich plötzlich alle gleichzeitig dazu, die Treppe zu nehmen. Sie grüßen Jasmin zwar höflich im Vorbeigehen, doch ihre Körperhaltung und ihr gezwungenes Vermeiden von Blickkontakt erinnern an Flucht.

Während wir zu seichtem Aufzug-Swing nach unten fahren, mache ich mir Gedanken, wie Jasmin es wohl empfindet, von allen gemieden zu werden. Es hat lange gedauert, aber irgendwann habe ich begriffen, dass Menschen Rudeltiere sind und Gesellschaft mit ihresgleichen suchen.

Ruiniere ich ihr Leben, weil sie meinetwegen keinen Anschluss findet? Oder ruiniert sie meines, weil man mich, um sie zu retten, aus dem Dschungel Sumatras entführt und auf einen Menschenkopf in Deutschland verpflanzt hat? Ich könnte im Urwald das gewöhnliche Leben einer Spinne leben, aber auch mir bleibt die Möglichkeit ein normales Leben zu führen für immer versagt.

„Zerbrich dir nicht unseren Kopf!“, sagt Jasmin und schiebt mir einen Keks zwischen die Beißer, wie immer, wenn ich solchen Gedanken nachgehe.

Ich mag Kekse. Aber sie lösen das Problem nicht. Nicht auf Dauer.

Aus dem Seminar direkt in die Zeitung: Eine Reportage in der Uniklinik RWTH Aachen

01. Dezember 2014 | von

Wir freuen uns sehr, dass erneut ein Text unseres Seminars Journalistisches Schreiben veröffentlicht worden ist. Marie Ludwigs Reportage über den Arbeitstag eines Onkologen an der Uniklinik RWTH Aachen erschien vergangene Woche in der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten (magazin). Wer die Ausgabe verpasst hat, kann den Text hier in voller Länge nachlesen:

 Panse_Az

 

Von Marie Ludwig
Allmorgendlich strömen zum Schichtwechsel Ärzte, Schwestern und Fachkräfte ins Aachener Uniklinikum. In der Masse: ein Mann mit Mountainbike. Zügig bahnt er sich den Weg durch die geschäftige Menge. Dr. Jens Panse Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Hämatologie und Internistische Onkologie sowie Paliativmedizin und arbeitet seit viereinhalb Jahren im Uniklinikum. Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Onkologen aus? Wir haben ihn begleitet…

7.15 Uhr: Jens Panse erreicht nach dem allmorgendlichen Radfahrsport sein Büro: „So bleibe ich fit!“, bemerkt er, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt.
Nach dem ersten Kaffee wirft er sich kurzerhand in den weißen Kittel, um den Weg zur Besprechung der Patientenfälle anzutreten. In einem Dauerlauftempo, das selbst den größten Morgenmuffel letztlich erwachen lassen würde, fegt Jens Panse mit flatterndem Kittel durch die labyrinthartigen Gänge des Klinikums.
Ein kleiner Hörsaal ist das Ziel. Alle Oberärzte, Assistenzärzte, praktizierende Studenten und natürlich Chefarzt Tim Brümmendorf besprechen anhand zahlreicher Computertomographien die Krankheitsbilder der Neuankömmlinge auf der Station.

7.55 Uhr: Nach der Großbesprechung führt Panses Weg zur Station. In einem kleinen Raum voller Spinde mit Schaumstoffblümchen und elf Krankenschwestern wirkt der 1,83 Meter große Jens Panse etwas fehl am Platz. Doch der fachliche Austausch verbindet. An einem großen Tisch wird kräftig diskutiert. Wer hier nicht das Fachvokabular beherrscht, wird wohl wenig verstehen.
Doch selbst für einen Laien wird eines schnell klar: Die Schwestern und Pfleger der Station haben einiges zu leisten. Neben der zu behandelnden Krebsart leiden manche Patienten auch unter psychischen Erkrankungen.

8.30 Uhr: Nach der Besprechung geht es im Stechschritt auf die ambulante Station der Onkologie. „Die Aufzüge benutzen hier meist nur die Patienten“, bemerkt Panse und zwinkert einem Kollegen zu, der mit einem Cityroller durch die grünen Teppichflure fährt. Auf der Ambulanz angekommen, bahnt sich Panse seinen Weg durch den Chemotherapie-Aufenthaltsraum, in dem zahlreiche, weich gepolsterte blaue Sessel stehen. Ein Patient erhält hier beispielsweise alle drei Wochen Therapie, manchmal wird die Chemo einmal pro Woche verabreicht .

10 Uhr: Nach der Visite auf der Ambulanz und im Labor führt der Weg des Oberarztes zu einer weiteren Besprechung. Denn neben der Visite sind auch die Vor- und Nachbereitungen der Chemo wichtig. Insgesamt ist auf der onkologischen Station für etwa 48 Personen Platz. Zwischen warmer Heizungsluft, Atemschutz und Desinfektionsmitteln kann einem schon mal schnell schummrig werden, doch die klinische Sauberkeit ist hier ein Muss. Andernfalls würden die stationären Patienten von der kleinsten bakteriellen Infektion schwer erkranken.

11.20 Uhr: In kleiner Runde – zwei Assistenzärzte, drei auszubildende Studierende und ein Pfleger – geht es nun zur Visite. Denn neben der ärztlichen Untersuchung unterrichtet der Oberarzt die Studenten im Umgang mit den Patienten und stellt ihnen knifflige Fragen zu den Krankheitsbildern.
Bei der Untersuchung jedoch wechselt Jens Panse vom Lehrer zum einfühlsamen Vertrauten. Herzlich begrüßt er seine Patienten, nimmt sich Zeit, beantwortet zahlreiche Fragen und legt auch einmal beruhigend den Arm auf die Schulter. Auf die Frage, warum er sich ausgerechnet die Onkologie ausgesucht habe, wirft er lachend den Kopf in den Nacken: „Die meisten Menschen erwarten auf einer Krebsstation eine düstere, morbide Atmosphäre. Doch damit ist man auf dieser Station gewiss am falschen Platz.“
Bei seiner Frau, die als Kinderärztin arbeite, seien alle, die das erfahren, immer glücklich: „Aber wenn die Leute hören, dass ich Onkologe bin, dann bemitleiden sie mich“, fährt Panse kopfschüttelnd fort. Er hingegen lerne seine Patienten wirklich kennen und sei froh, Onkologe geworden zu sein.

13 Uhr: Nach der Visite geht es zur gefühlt zehnten Besprechung des Tages. Hier sind alle Ärzte der Ambulanz und Station anwesend. Im Anschluss an die einstündige Sitzung führt der Weg im Rudel in die Cafeteria. Mit in der Runde ist auch Chefarzt Tim Brümmendorf. Seit 2009 arbeiten er und sein Stellvertreter Jens Panse am Uniklinikum. Ihre Mission unter anderem: Der Aufbau einer Station für Stammzellentransplantation. Die Entwicklung zu einem onkologischen Spitzenzentrum, dem Euregionalen Comprehensive Cancer Center Aachens (ECCA) schreitet voran.
Bei der Frage, warum er gerade Jens Panse aus seinem früheren Team der Hamburger Klinik mitgenommen habe, beginnt Brümmendorf zu strahlen: „Jens Panse ist aus meiner Sicht ein Vorzeigemitarbeiter. Er erweist große fachliche Kompetenz, er ist herzlich, er ist direkt – ein Seelenverwandter.“

15.30 Uhr: Als nächste Etappe des Tages wartet auf Jens Panse die interdisziplinäre Tumorkonferenz. Neben den Onkologen treffen hier Pathologen, Radiologen und die andere Fachärzte zusammen und diskutieren Patientenfälle. Mit zwei Beamern werden CT-Bilder, mikroskopische Aufnahmen von Stammzellen und die Patientendokumentation an die Wand geworfen. Beim letzten CT-Bild einer Patientin hält Panse plötzlich inne: „Wir sollten herausfinden, was das für Knödel im linken Lungenflügel sind“, bemerkt er und beißt in eine Möhre. Die Sitzung findet im großen Piepergeklingel ein Ende, und die Ärzte strömen in allen Richtungen aus dem Saal.

17 Uhr: Der Weg des Oberarztes führt aus dem Konferenzsaal in Richtung Forschungslabor, um die Analysen durchzugehen. Im Anschluss geht es im Galopp wieder auf die Station, um die Patienten ein weiteres Mal zu besuchen. Letztlich warten zahlreiche Mails darauf, beantwortet zu werden. Denn neben seiner Stellung als Oberarzt hat Jens Panse noch weitere Posten: Stellvertretender Klinikdirektor der Onkologie, Medizinischer Leiter des ECCA und des Labors für Immunphänotypisierung, die Organisation von Projekten wie „Nichtrauchen ist cool Euregio“ sowie die Veranstaltungsreihe „Leben mit Krebs“ für Erkrankte, Angehörige und Interessierte.
Doch neben diesen zahlreichen Ämtern ist Jens Panse auch Familienvater: „Natürlich trägt man einen Teil der Arbeit mit nach Hause.“ Er nimmt die schwarz umrahmte Brille ab und fährt sich über sein kurz rasiertes Haar: „Da gab es einen Fall in meinen Anfangsjahren: ein 32-jähriger Patient, Vater einer einjährigen Tochter, erstickt an einem Lungentumor.“ Panse nickt, ja, das sei sehr berührend gewesen, aber mit der Zeit lerne man, wie man Abstand zum Beruf bekommen kann: „Fahrradfahren und Musik an, dann bin ich direkt raus!“

20 Uhr: Die Sonne ist schon längst untergegangen, als es in der Klinik zum Wechsel zur Nachtschicht merklich ruhiger wird. Jens Panse windet sich aus seinem weißen Kittel und hängt ihn sorgfältig an einem Bügel auf.
Ernsthaft bekundet er, dass es in seinem Beruf nicht nur um Tod und Verderben gehe: „Es werden wirklich viele Menschen vom Krebs geheilt. Das darf man nicht vergessen!“ Das wirklich Schlimme an seinem Beruf sei, dass er sich manchmal eher wie ein Verwalter fühle und nicht mehr wie ein Arzt. „Ich wünsche mir, dass die Klinik den Weg zurück zum Patienten findet und ihn nicht zum Kunden macht.“ Er verlässt das futuristische Uniklinikum mit seinen silbernen Wänden und grünen Teppichböden und meint: „Ich glaube, das Wichtigste ist, mit Herzblut bei der Sache zu sein!“