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RWTH-Schreibzentrum

Kategorie: ‘Schreiben im Beruf’

308 Tage Chef – Justus Thorau

24. April 2018 | von

 

Frau Radic hat es mit ihrem Text „308 Tage Chef“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Das wäre Heimat für mich

20. April 2018 | von

 

Frau Zillekens hat es mit ihrem Text „Das wäre Heimat für mich“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?

20. April 2018 | von

 

Herr Fatzaun hat es mit seinem Text „Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 



 

Die Antoniusstraße – Heimat und Gewerbezone

09. März 2018 | von

Ein Text über die bekannte Rotlichtstraße in Aachen.

Nach intensiver Recherche entstand die Reportage von Franziska Lütz 2017 in unserem Kurs Journalistisches Schreiben.


Auf den Hockern sitzen die Frauen: Eine ältere Dame mit gold-blonden Locken und Leoparden-Body starrt gelangweilt Löcher in die Luft. Eine große schlanke Frau lehnt mit verschränkten Armen auf ihrem Fenster, sie lächelt herzlich. In einem anderen Fenster posiert eine Schwarzhaarige mit überkreuzten Beinen, während sie konzentriert ihr Handy observiert.

Auf der anderen Seite der Scheibe drückt sich ein Mann verstohlen entlang der spärlich besetzten Fenster. Die restlichen Passanten, zwei weitere Männer, schlendern ungeniert die Straße entlang.

Das Netz des Prostitutionsgewerbes überspannt die gesamte Bundesrepublik. Rote Punkte wie die Reeperbahn in Hamburg, der Eierberg in Bochum, die Linienstraße in Dortmund, die Frauentormauer in Nürnberg und die Kurfürstenstraße in Berlin, markieren Umschlagsplätze für die älteste aller Dienstleistung: Sex. All diese Orte haben gemein, dass sie in der Nähe der kommerziellen und kulturellen Zentren liegen. Einzigartig in Aachen: Die Sichtschneise zu einem UNESCO Weltkulturerbe – dem Aachener Dom.

Die Bewohnerinnen

Tagsüber liegt die Antoniusstraße ruhig da. Innenstadtgewusel und Betriebsamkeit sind gedämpft. Der Sperrbezirk endet ohne merkliche Abgrenzung zum Rest der Altstadt, nur die Größe der Fenster verändert sich.

Ich mache mich auf die Suche nach einer Gesprächspartnerin. Nur jedes dritte Fenster ist besetzt. Ich fange unten an und frage mich bis oben durch. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwierig. Ich klopfe an die Fenster, schwenke meine Hand, um meinen Redebedarf zu signalisieren. Alle Frauen sind zuerst abweisend, nach einigem Beharren meinerseits versuchen mir die meisten schließlich klarzumachen, dass sie mich nicht verstehen können und wahrscheinlich auch nicht wollen. Eine überraschend biedere Putzfrau mittleren Alters erklärt: „Die Mädchen schlafen noch und ich kann auch nicht mit Ihnen reden, sonst bekomme ich Ärger, das verstehen Sie doch?“ Die Frau wischt weiter an den großen Fensterflächen und ich schleiche die Straße weiter hoch. In meiner Verzweiflung versuche ich es schließlich auf Englisch: Erfolglos! In der Antoniusstraße spricht man viel Albanisch, Rumänisch und Bulgarisch.

Die Hoffnung schon fast aufgegeben, finde ich schließlich doch eine kleine, zierliche Frau reifen Alters. Sie öffnet den oberen Teil ihrer Tür und schaut herunter. Sie trägt riesenhafte Plateau High Heels: Ich blicke direkt auf ihren leicht verschleiernden Netz-Body. Um ihr ins Gesicht zu schauen muss ich meinen Kopf in den Nacken legen. Mit immer neuen Fragen entlocke ich ihr wenige Informationen, richtig erzählen möchte sie nicht. Antonia* ist schon lange in Deutschland, arbeitet nur zeitweiße im Sexgewerbe und hat zwei Kinder. Sie zahlt 115 Euro Miete inklusive Steuern pro Tag, arbeitet ohne Zuhälter und meist nur tagsüber. Ist es Zufall, dass nur eine relativ unabhängige Sexarbeiterin mit mir spricht?

Roshan Heiler, die Leiterin von Solidarity with women in Distress (SOLWODI) sagt: „Rund 90% der in der Antoniusstraße tätigen Frauen haben einen Migrationshintergrund.“ Das Rätsel um die Sprachenvielfalt, die Verständigungsprobleme im Gässchen löst sich auf. Was macht SOLWODI in Aachen? Sie beraten und unterstützen Frauen, die in der Prostitution tätig sind, und solche, die zur Prostitution gezwungen werden. Das große Ziel: Die Abschaffung der letzten Bastion der Sklaverei. Für die tägliche Arbeit in der Beratungsstelle bedeutet dies, Opfer von Menschenhandel identifizieren. Hierin liege die große Schwierigkeit, betont die Leiterin; der Übergang von Prostitution zu Menschenhandel verlaufe fließend. Die Zielgruppe sei letztlich sehr heterogen und reiche von der minderjährigen Zwangsprostituierten bis zur unabhängigen Sexarbeiterin ohne Zuhälter. Dazwischen die Mehrheit: Frauen, die aus persönlicher Not den Weg ins Sexgewerbe wählen und sich schließlich in einer prekären Arbeitssituation wiederfinden.

Die Aufwertung der Prostitution

War die aachener „Hurengaß“, schon immer eine Heimat von Dirnen? Die Suche nach dem Anfang führt weit in die Vergangenheit. Häufig wechselnde Namen verwischen die Spuren der Prostitution. Im späten Mittelalter noch „Mestgasse“ genannt, heißt die Straße um 1777 „Hurengaß“, dann „mittlere Mistgasse“ und schließlich ab den 1870er Jahren „Antoniusstraße“. Dietmar Kottmann vom Aachner Geschichtsverein e.V. erklärt: „Je nach Konzentration des Badewesens war ein Straßenstrich in der Nähe.“ Es kann also sein, dass die Straße im Laufe der Geschichte immer wieder das älteste Gewerbe der Welt beherbergte. Gleichzeitig, so Kottmann, spricht die aufwendige Wohnbebauung der heutigen Mefferdatisstraße für eine zeitweilige Verdrängung. Der pensionierte Jurist resümiert: „Wann die Antoniusstraße sich wieder zu einer Bordellstraße entwickelt hat, weiß ich nicht. Ich vermute erst nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Seit 2016 läuft das Bebauungsplanverfahren für die Altstadtaufwertung[1] zwischen Büchel und Großkölnstraße, ein Prozess der sich aufgrund von Konflikten, Verhandlungen und Kompromissen zwischen Politikern, Investoren und Planern hinzieht. Wenn es zur Umsetzung der Pläne kommen sollte und die Häuser entlang der Straße abgerissen werden, müssen die Damen packen. Der Weg ist nicht weit, die neue Heimat liegt am östlichen Ende der Antoniusstraße. Der Umzug, der erste Schritt zur neueren, schöneren und saubereren Altstadt.

Ob Laufhaus[2], Bordell oder Lusthaus; die Umstrukturierung des Quartiers sieht vor, dass die Prostitution in der Altstadt verbleibt. Die FDP ist dagegen: „Wer will schon neben einem Puff wohnen?“, fragt Ratsherr Peter Blum. Die FDP wünsche sich für diese Eins-A-Lage ein Viertel mit Kunstgewerbe, kleinen Lädchen und familiärer Einwohnerstruktur – das gehe nur ohne Prostitution. „Sozialer Wohnungsbau statt Bordell“, wirbt der FDP-Mann. Die Auslagerung des Gewerbes und neue Eigentumsverhältnisse würden Kontrollmöglichkeiten für Polizei und Ordnungsamt verbessern, „alles zum Vorteil der Stadt und der Frauen.“ Alle anderen Fraktionen argumentieren andersherum: Soziale Kontrolle und Sicherheit sei nur im Zentrum gewährleistet. „Randlage heißt Verdrängung und Gefahr für die Frauen“, so die CDU-Fraktions-Frau Uschi Brammertz. Überzeugt sagt sie, „das Laufhaus wird kommen, in der Innenstadt!“

1:30Uhr, Mittwochnacht. Ich komme aus der Kneipe und wage den nächtlichen Gang durch die Gasse. Meine Verstärkung musste erst überzeugt werden, bis zum Ende hin sträubt er sich. Während wir die Fenster entlanglaufen, stellt er fest: „Die Frauen verkaufen ihren Körper wie Ware, ein Schaufenster, indem menschliches Fleisch ausgestellt ist.“ Ich erinnere mich gehört zu haben, dass Aachen eine der ersten Anlaufstellen für „frisch importierte Ware“ ist. Die Frauen werden kurz „eingearbeitet“ und dann in andere Teile Deutschlands verfrachtet. Eine verstörende Vorstellung.

Draußen warten einige potentielle Kunden, dick eingepackt in Winterjacke, Schal und Mütze. Drinnen Damen, meist nur in Spitze. Die Atmosphäre am Tag und bei Nacht scheint beinah gleich, nur die Lichtverhältnisse haben sich verändert. Statt Tageslicht dominiert der berühmte Rot-Ton und mischt sich mit kaltem blauen Neonlicht.

Das neue Gesetz soll es richten

Ein mittelgroßer Mann steht bei Minusgraden vor einem Fenster. Im Schutz der Nacht, der Straße abgewandt, bleibt sein Gesicht verborgen. Eine braungebrannte Frau lehnt sich locker nach draußen, redet, greift nach seiner Schulter. Der Freier wird am Weggehen gehindert. Mit einem flüchtigen Kuss lässt sich der Mann prompt überzeugen. Läuft so also der Verhandlungsprozess ab? Auf die Nachfrage wirkt Antonia verwirrt. Nach einigem Zögern erklärt sie: „Verhandelt wird draußen. Erst wenn Leistung und Preis festgelegt sind, darf der Freier reinkommen.“ Genaue Auskunft über ihre Preise und Anzahl der Freier will sie mir nicht geben.

2002, die gesetzliche Abschaffung der Prostitution als Sittenwidrigkeit. 2016, die weitere Regulierung des Gewerbes. Das neue Prostitutionsschutzgesetz soll die Mängel des alten Gesetzes richten: Prostituierte besser schützen, Bordellbetreiber stärker kontrollieren.[3] Kritiker bemängeln, dass das Gesetz ein Rückschritt sei. Die Frauen, insbesondere die aus Drittstaaten, können sich aus Angst vor Stigmatisierung und aufenthaltsrechtlichen Fragen der Registrierung entziehen und weiter in die Illegalität abgedrängt werden. Ein weiteres Problem für die Frauen in der Antoniusstraße: das Verbot, im gleichen Zimmer zu wohnen und zu arbeiten.

Für Antonia liegt die Sache anders. Im Gegensatz zu den meisten Anderen wohnt sie nicht in der Straße. Sie kommt morgens und kann abends wieder gehen. Ein Privileg unter den Prostituierten. Von dem Gesetz weiß sie nichts. Gleichgültig zuckt sie mit den Schultern und denkt nach, bevor sie stolz antwortet: „Es ist mir egal, ich schäme mich nicht für den Job. Ich würde mich registrieren und zum Gesundheitscheck gehen.“ Und dennoch: Ihre Familie weiß nichts von der Tätigkeit. Legalisierung hin oder her, den eigenen Körper verkaufen bleibt ein gesellschaftlicher Sittenverstoß.

Auch heute werden die Frauen arbeiten, so wie jede Nacht. Ob Bebauungsplan, neues Gesetz oder Regionalpolitik, das Geschehen der Stadt findet weit weg vom Gässchen statt. Jetzt, am späten Morgen, sind die Türen zu den „Arbeitszimmern“ verschlossen. Die Frauen erholen sich vor ihrer nächsten Schicht.


*Name verändert

[1]Altstadtaufwertung in drei Teilen. Neben dem Nordwestblock (3) und dem Südostblock (2), liegt die Antoniusstraße im Südwestblock (1). Bevor der Parkbetonklotz am Büchel angegangen wird, soll das Lusthaus gebaut und in Betrieb genommen werden. Der große Plan: Häuser abreißen, Straßenverläufe ändern und neue Plätze schaffen, um Einzelhandel, Büros, Praxen und eine Kita anzusiedeln.

[2]Die überdachte Antoniusstraße, Prostitution auf mehreren Etagen oder die neue Sex-Shoppingmall. In einem Laufhaus können Sexarbeiter/innen Zimmer anmieten und diese als Arbeitsplatz nutzen. Wie in der Straße verweilen die Damen oder Herren vor den Türen bzw. im Sichtbereich der Kunden. Die Interessenten können von Zimmer zu Zimmer ziehen, anders gesagt, Schaufenstershopping betreiben.

[3]Das neue Gesetz soll den Schutz der Prostituierten erhöhen und negative Folgen der Liberalisierung korrigieren. Lücken werden im Idealfall durch Auflagen und Regelungen geschlossen. Seit 2002 zählt Prostitution nicht mehr zu den Sittenwidrigkeiten, Sexarbeiter/innen können ihr Gewerbe seitdem als sozialversicherungspflichtige Tätigkeit anmelden. Durch die Liberalisierung wurde Deutschland ein interessantes Reiseziel für Sextouristen, Nachbarstaaten sind da zum Teil restriktiver. In Frankreich hat man sich beispielsweise an Schweden orientiert und den Kauf von Sexdienstleistungen unter Strafe gestellt. Und in Deutschland. Alle Personen, die in der Sexbranche tätig sind, müssen sich registrieren. Die Frauen müssen regelmäßige Gesundheitschecks machen, im Beratungsgespräch werden die Personalien aufgenommen und ggf. der Aufenthaltsstatus geprüft. Betreiber von Bordellen, Laufhäuser, Love-mobil-Parks, Hostessen-Wohnungen u. ä. müssen in Zukunft eine Erlaubnis einholen sowie ein Betriebs- und Sicherheitskonzept vorlegen. Die Betreiber werden außerdem einer Zuverlässigkeitsprüfung unterzogen. Veränderungen im Baurecht, der Dokumentations- und Auskunftspflicht, Kondompflicht, Werbeverbot, Verbot sexueller Praktiken und Datenerfassung sollen umgesetzt werden.

 

 

Endlich präzise über die Weltmeere

11. September 2017 | von

Erneut hat es ein Text von unserem „Oberseminaler“ Jonas van Bebber in die AZ/AN geschafft. Wir freuen uns!


Wer war eigentlich John Harrison? Die spannende Geschichte eines Uhrmachers, der die Seefahrt revolutionierte, indem er das Längengradproblem löste. Der frustrierende Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und das Ringen um ein Preisgeld.

Er wird am 24. März 1693 geboren, ist Tischler, Erfinder und autodidaktischer Uhrmacher: John Harrison. Mitte des 18. Jahrhunderts löst er das Längengradproblem: Als Erster macht der Engländer das Objekt Uhr seetauglich. Das für die Navigation noch ungewöhnliche Hilfsmittel ermöglicht die zuverlässige Bestimmung der geografischen Länge, was zuvor selbst für erfahrene Seeleute ein Problem war. Sein ganzes Leben entwickelt Harrison die Uhr weiter und tritt in einem frustrierenden Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und wissenschaftliche Eliten an, die seine Leistung nicht anerkennen wollen.

22. Oktober 1707: Vier britische Kriegsschiffe kehren nach einer Seeschlacht zurück nach England. Die Schlacht ist gewonnen, die Freude auf die Heimat groß. Aber die Orientierung ist verloren, die wahren Positionen der Schiffe sind anders als berechnet. Vor den Scilly-Inseln an der Südwestspitze Englands laufen die Schiffe auf Grund. Auf einen Schlag sterben fast 2000 Seeleute. Die Regierungen der Seefahrernationen sind wachgerüttelt. Es muss eine Lösung für das Navigationsproblem her, wenn nötig mit Hilfe von Wettbewerben und ausgeschriebenen Preisgeldern.

Geübte Seemänner sind zur Zeit von Christoph Kolumbus (1451-1506) fähig, den aktuellen Breitengrad ausreichend genau zu bestimmen. Sie nutzen den Sonnenstand oder bestimmen die Höhen von bekannten Sternen über dem Horizont. Aber die Positionsbestimmung ist komplex: Komplizierte Beobachtungsinstrumente und präzise Messungen sind dabei nötig. Längengrade lassen sich anschließend nur mit aufwendigen Berechnungen bestimmen.

In der Folgezeit werden Breiten abgesegelt; oft ungewiss, ob man weiter nach Osten oder Westen manövrieren soll. Schiffe verunglücken oder verlieren sich in den Weiten der Ozeane. Viele Menschen verhungern, verdursten und ertrinken. Der wirtschaftliche Schaden ist groß. Das britische Parlament schreibt 1714 einen legendären Preis aus: Im Longitude Act werden 20 000 Pfund für eine „praktikable und nützliche Methode“ versprochen, mit der eine genaue Längengradbestimmung möglich ist. Ein einfacher Arbeiter lebt zu der Zeit von zehn Pfund im Jahr.

Für den Uhrmacher und talentierten Feinmechaniker John Harrison ist klar, dass eine präzise seetaugliche Uhr die Lösung des Längengradproblems sein kann. Mit der mitgeführten Zeit des Heimathafens – etwa der Greenwich-Zeit – und mit der Ortszeit auf See, die die Seeleute nach herkömmlichen Verfahren bestimmen, ist die Position schnell auszumachen. Die Zeitdifferenz lässt sich in einen Drehwinkel der Erde umrechnen, die Länge bezogen auf Greenwich damit feststellen. Ist die auf dem Schiff bestimmte Ortszeit zum Beispiel drei Stunden hinter der Greenwich-Zeit, so befindet sich die Mannschaft 45 Grad westlich vom Nullmeridian. Denn pro Stunde dreht sich die Erde beständig um 15 Grad weiter.

Harrison tüftelt über Jahre an Präzisionszeitmessern. Er ist der Erfinder des Bimetall-Streifens und verwendet in seinen Uhren neuartige Mechanismen und Federn, die den Rhythmus vorgeben. Manche Konstruktionen müssen nicht mehr geölt werden und laufen während des Aufziehens konstant weiter. Sie trotzen Temperaturschwankungen und Erschütterungen auf See. 1759 präsentiert Harrison der Längengradkommission seine vierte und berühmteste Konstruktion – die H4. Mit knapp drei Pfund Gewicht und einem Durchmesser von 13,2 Zentimetern ist sie besonders kompakt.

Viele Gelehrte stehen Harrisons Idee kritisch gegenüber. Nur Himmel und Sterne können und sollen den Weg weisen, so die Meinung der Mehrheit. Als verhasster Feind steht Harrison der Brite Nevil Maskelyne gegenüber, der eine Monddistanz-Methode für die Navigation entwickelt: Auch mit vorausberechneten Abständen zwischen Mond, Sonne und Erde für bestimmte Uhrzeiten lassen sich Positionen bestimmen. Das Verfahren ist jedoch aufwendig und erfordert neben akkuraten Messungen viel Zeit für Berechnungen.

Nur fünf Sekunden verloren

Die erste große Testfahrt führt die H4 1762 über den Atlantik nach Port Royal. Kommissionsvertreter John Robinson stellt die lokale Ortszeit mit seinen Messinstrumenten fest und erkennt, dass die Uhr während der 81-tägigen Atlantiküberquerung nur fünf Sekunden verloren hat. Bei einer zweiten Erprobungsfahrt lässt sich die geografische Länge auf zehn Meilen genau bestimmen; die Präzision ist damit dreimal so hoch, wie vom Longitude Act gefordert. Was für ein Erfolg!

Harrison müsste den Preis direkt erhalten. Aber alles kommt anders. Statt 20 000 Pfund bekommt er 1500 Pfund. Die Kommission würdigt die Leistung kaum und verkennt den Nutzen der neuen Idee. Es folgt ein bitterer Schlag: 1765 ist es Maskelyne, der zum neuen königlichen Astronom gekürt und nun – als Mitglied der Kommission – damit beauftragt ist, Harrisons Uhren zu testen.

Den königlichen Astronom interessiert seine eigene Navigationsmethode aber viel mehr: Ab 1765 veröffentlicht er insgesamt 49 Ausgaben seines schon zu Lebzeiten berühmten astronomischen Jahrbuchs „Nautical Almanac“, in dem die Seeleute berechnete Monddistanzen finden.

In „Längengradgesetzen“ ändert die Kommission die Regeln des Wettbewerbs mehrfach zu Ungunsten Harrisons ab und nutzt seine Gutmütigkeit aus. 1730 beugt er sich der Aufforderung, den Zusammenbau seines ersten Zeitmessers kleinschrittig vorzutragen. Später soll er alle gefertigten Chronometer abgeben und weitere bauen – ohne seine Baupläne, die die Kommission bereits an sich gerissen hat.

Ab und zu erhält Harrison geringe finanzielle Zuwendungen, auf die er mittlerweile angewiesen ist. Er verzweifelt zunehmend. Maskelyne steht plötzlich unangekündigt vor Harrisons Tür mit einem Erlass der Kommission. Zornig muss der Überraschte mit ansehen, wie seine Uhren in Beschlag genommen und rabiat aus dem eigenen Haus abtransportiert werden.

Harrisons Sohn William bittet 1772 den englischen König George III., die neueste Uhr seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters – bereits die H5 – zu erproben. Der König stimmt zu und lässt den Zeitmesser an der Sternwarte zehn Wochen lang testen. Das Resultat lässt heute noch staunen: Nur eine Drittelsekunde verliert die H5 pro Tag. König George gibt einen langersehnten Lichtblick: „Harrison, ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu Eurem Recht kommt!“ Der König verteidigt die Uhr nun vor den Verfechtern der Monddistanz-Methode. Harrison appelliert an die Minister des Parlaments und trägt seinen Wunsch nach Anerkennung vor. Die Wettbewerbskommission bleibt stur, vom Parlament aber erhält er knapp das restliche Preisgeld. Es ist ein schwacher Trost. Maskelyne reibt sich indessen die Hände – die Bedingungen für den Längengradpreis werden erneut verschärft. Und der offizielle Preis wird nie vergeben.

Mehr und mehr Seefahrer aber lassen sich vom großen Nutzen der Chronometer überzeugen. James Cook führt auf seiner zweiten Reise 1772 eine Kopie von Harrisons H4 mit und berichtet begeistert: „Die Uhr war unser treuer Führer durch alle Widrigkeiten des Klimas.“ Harrisons Idee gibt den Takt weiter vor und erobert die Welt mit der Seefahrt. Der Autodidakt begründet mit seinen Präzisionszeitmessern das Feinmechanikhandwerk in England, das bei der industriellen Revolution eine Schlüsselrolle spielt. Es ist ein Grundstein für die heutige wirtschaftliche Macht Europas in der Welt.

INFOS
  • Geboren wurde John Harrison am 24. März 1693 und dann getauft am 31. März in Foulby im britischen Yorkshire. Der gelernte Tischler war ein Autodidakt und talentierter Feinmechaniker. Schon zu Lebzeiten galt er unter Uhrmachern als Genie. Seine Erfindungen sind auch heute wichtige Bestandteile moderner Chronometer – zum Beispiel die Bimetall-Streifen oder der „Grasshopper“-Taktgeber-Mechanismus. Harrison heiratete zwei Mal und war Vater dreier Kinder. Am 24. März 1776 starb er in London.
  • Mit dem Äquator bietet die Natur eine besondere Referenz für die geografische Breite an: Auf dieser Linie sind die Abstände zur Drehachse der Erde maximal. Für die Längengrade gibt es keine solche ausgezeichnete Linie. Erst 1884 einigen sich 26 Nationen auf der Meridiankonferenz in Washington, D.C., darauf, dass die Referenzlinie für die Längengrade – der Nullmeridian – durch das englische Greenwich verlaufen soll. Es ist vor allem ein Vermächtnis Nevil Maskelynes, der für seine Monddistanz-Berechnungen immer Greenwich als Referenz wählt, den Ort der königlichen Sternwarte.

 

 

Das Buch ist tot – Es lebe das Buch!

20. April 2017 | von

„Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.“ (Ludwig Feuerbach)

Die Türglocke klingelt. Ein kleiner Raum, der durch seine deckenhohen Regale verwinkelt erscheint: Geheimnisvolle Atmosphäre. Wenig Platz für aufwendige Dekorationen und Nippes, dafür eine schier endlose Aneinanderreihung von Buchrücken. Zu viele, um sie auf einen Blick zu erfassen. Wer hier etwas auf die Schnelle sucht, muss einen der fachkundigen Buchhändler fragen. Alle anderen lädt die kleine aber feine Buchhandlung in Aachen zum Stöbern ein.

Fast die Hälfte des Buchumsatzes bestreitet der Sortimentsbuchhandel mit 48,2 Prozent. Dahinter positioniert sich mit 20,9 Prozent der Verkauf durch die Verlage. Internetbuchhandel nimmt in Deutschland 2015 lediglich 17,4 Prozent ein. Der durchschnittliche Ladenpreis eines gedruckten Buches liegt bei 14,95 Euro. Trotz gestiegener Medienkonkurrenz ist in den letzten zehn Jahren die Kaufkraft an gedruckten Büchern nahezu stabil geblieben. Eine Umfrage hat ergeben, dass der beliebteste Leseort das Sofa oder der Sessel ist.

Ein Durchgangszimmer. Beide Seiten mit Regalen verziert, die bis unter die Decke reichen. Auf ihnen stehen Buchrücken an Buchrücken aneinandergereiht. Der Anblick überwältigt, die Farbe an den Wänden ist nicht mehr zu erkennen. Zwei tiefe Sessel laden zum gemütlichen Verweilen ein. Gleich daneben bietet das Büro einen ähnlichen Anblick. Mit einer Ausnahme: Hier findet noch ein Schreibtisch Platz. Der Autor Christoph Leisten (56) schreibt seit 1996. Bisher hat er zwei Prosawerke und vier Gedichtbände beim Rimbaud-Verlag in Aachen veröffentlicht.

Die prächtige Glasfassade einer großen Buchhandelskette in Aachen bietet ein beeindruckendes Bild. Im Inneren fühlt man sich wie in einem Bienenstock. Überall herrscht reges Treiben, trotzdem findet man die nötige Ruhe, um entspannt die Regale entlangstreifen zu können. „Dass sich unsere Kunden wohlfühlen, ist uns sehr wichtig“, erläutert Benjamin Schell, Pressesprecher. Die zahlreichen Leseecken, das hauseigene Café oder die Arbeitsplätze auf der obersten Etage, überall kann man für eine Weile dem Alltagstrott entfliehen. Trotz der riesigen Auswahl sei das gedruckte Buch für die Buchhandlung immer noch das wichtigste Kulturgut, erklärt Schell. „Gedruckte Bücher erfinden sich immer wieder neu, weil sie mit der Zeit gehen.“

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels berichtet: „Bücher sind unverzichtbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale.“

Geschätzter Umsatz des deutschen Buchhandels stagniert in den letzten 15 Jahren zwischen 9,4 und 9,2 Mrd. Euro. Sind Verkaufsplattformen im Internet eine große Konkurrenz? Die große Buch-handlung in Aachen grenzt sich davon ab. „Wir sind persönlicher als das Internet“, erklärt Schell. Zwar bekomme man dort Buchvorschläge, aber diese seien nach bestimmten Logarithmen geschaltet und können keine kompetente Beratung durch einen fachkundigen Buchhändler ersetzen. Lyriker und Buchautor Christoph Leisten beurteilt die Lage so: „Große Ketten ziehen viel Laufkundschaft an, daher ist das Internet eher für sie eine Konkurrenz, wenn auch eine geringe.“ Kleine Buchläden aber seien durch dieses Angebot nicht bedroht, da sie einen soliden Kundenstamm haben. Woher er das so genau weiß? Als Student hat er in der Würselener Buchhandlung von Martin Schulz gejobbt.

Der Umschlag sieht aus wie ein Päckchen von DHL. Realistisch gestaltet, mit Absenderadresse und Barcode. Unten der Hinweis, es vor Regen zu schützen. Die Haptik: Für den Buchkäufer ein entscheidendes Kriterium. Wenn das Cover die Aufmerksamkeit erregt hat, ent-scheidet sich nach dem Lesen des Klappentextes, ob man das Buch kauft. Zuhause angekommen, reißt man „Das Paket“ von Sebastian Fitzek ungeduldig auf. Mit dem Geruch frischer Druckerschwärze in der Nase schlägt man das erste Kapitel einer neuen Welt auf.

Bis auf die Schiebetüren und den typischen Bankteppich zeugt in der Stadtbibliothek Köln Ehrenfeld nichts mehr davon, dass dieses Gebäude eine ehemalige Sparkassen-Filiale ist. Der Eingangsbe-reich ist großzügig angelegt. Mittig positioniert stehen DVDs. Auf der rechten Seite ist ein breites Angebot an Sachliteratur und Romanen zu finden. Links die gemütliche Kinderecke. In der Nische an der Wand sitzt ein Vater mit seiner vierjährigen Tochter zusammen mit dem Buch Ein Geburtstagsfest für Lieselotte. Aufgeregt trippelt ein zweijähriger Junge Richtung Bücherkiste. Für die ganz Kleinen gibt es extra dicke Pappbilderbücher.

„Gedruckte Bücher sind für mich Lebensbegleiter, sie sind von einer eigenen Aura umgeben, die ihre elektronische Version niemals haben kann“, erklärt Christoph Leisten.

Klein, handlich, kompakt: Der E-Book-Reader. Ob der Kindle von Amazon, die E-Ausleihe der Bibliotheken oder die i-Book-App von Apple: Sie alle machen es möglich, Bücher digital zu lesen. Mittlerweile kann man fast überall E-Book-Reader kaufen. „Im Vergleich zum gedruckten Buch, ist der E-Book-Verkauf relativ gering“, klärt Benjamin Schell auf.

Bücher digital zu lesen, hat Vorteile: Der Koffer für den Urlaub ist nicht mehr zu Dreiviertel mit Büchern vollgestopft, weil man sie bequem auf den Reader laden kann. Und abends im Bett braucht man kein zusätzliches Licht zum Lesen. Für Christoph Leisten sind E-Books rein pragmatisch. „Wenn ich reise, lade ich gerne Nachschlagewerke auf meinen Reader, damit ich sie nicht schleppen muss.“ Und Christoph Leisten reist oft. In Marokko war er bereits über vierzig Mal. Über seine Erfahrungen in diesem Land schreibt er in Marrakesch, Djemaa el Fna und Argana. Notizen aus Marokko.

„Eine gute Bibliothek ist immer eine Begegnungsstätte. Ich sage immer: Man kommt wegen der Medien und bleibt wegen der Menschen!“ Cordula Nötzelmann, Leiterin der Kölner Zweigstellen, beantwortet damit die Frage, warum die Bibliotheken so großen Zulauf haben. 2016 besuchten in Deutschland 119. Mio. Menschen öffentliche Bibliotheken und liehen dort 450. Mio. Medien aus.

Während die öffentlichen Bibliotheken mit einem vielfältigen Angebot an gedruckten Büchern und digitalen Medien punkten, hat sich die Deutsche Nationalbibliothek längst von ihren Büchern verabschiedet. Statt gedruckten Büchern stehen den Nutzern nur noch E-Books zur Verfügung. Argumente für die Umstrukturierung: Gedruckte Bücher wiesen irgendwann Gebrauchsspuren auf und Reparaturen seien kostspielig. Lieber verbannt man die wertvollen Artefakte in den Keller, wo ihnen keiner mehr Leid zufügen kann.

Bücher haben Charakter, gerade weil sie gelesen werden. Eine Stammkundin aus Köln Ehrenfeld erzählt: „Ich leihe hauptsächlich Koch- und Backbücher aus, weil ich gerne neue Dinge ausprobiere.“ Auf die Frage, warum sie diese nicht in der Buchhandlung kauft, gesteht sie mit einem verlegenen Grinsen, da stünden keine Anmerkungen drin. Für die Bibliotheken, egal ob öffentlich oder wissenschaftlich, ein altbekanntes Problem: Die Notizen am Rand.

Unscheinbare Kästen erobern das Land. Zwei Seiten aus Glas, der Rest umgeben von einer edlen, dunklen Holzvertäfelung, Viele Passanten laufen in Aachen um den mysteriösen Kasten Ecke Passstraße/Grüner Weg herum, aber dennoch an ihm vorbei. Die Meisten sind zu sehr mit ihren Smartphones beschäftigt. Von der Passstraße aus nähert sich eine etwa Siebzigjährige Dame mit ihrem Enkel. Der fünfjährige Junge hat seine dicke Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Als sie vor der Glasvitrine stehen bleiben, bilden sich vor ihren Gesichtern weiße Atemwolken. Was verbirgt der Kasten? Richtig, Bücher! Die Beiden stehen vor einem öffentlichen Bücherschrank. Darin findet sich eine breite Auswahl: Hemingway neben Rosamunde Pilcher, Emilia Galotti neben Harry Potter.

Das Projekt der öffentlichen Bücherschränke wird in Aachen seit Winter 2012 von der IG Aachener Portal e.V. gefördert. Damit wird Menschen kostenlos Literatur zur Verfügung gestellt. Vor allem sozial Benachteiligte haben so die Möglichkeit an Lesestoff zu gelangen. Das Projekt lebt ausschließlich durch die Partizipation der Nutzer. Wer ein Buch mitnimmt, kann es entweder zurückbringen oder ein anderes, lesenswertes Buch hineinstellen.

„Einige Bücher verlieren mit der Zeit ihre Bedeutung, einige bleiben bedeutend und andere gewinnen ihre Bedeutung erst nach Jahren“, so Leisten. Bücher seien Auslöser für Erinnerungen und Emotionen, erklärt er und sagt, dass er kein Buch weggeben kann. Für ihn sind seine Bücher ein Stück seiner Seele.

Personennahverkehr in Hamburg. Menschen aller Altersklassen tummeln sich in den VHH-Bussen. Einige von ihnen müssen zur Schule, andere haben Termine beim Arzt oder müssen zur Arbeit. In vielen Städten schauen Fahrgäste gelangweilt aus den Fenstern und sind dem gewöhnungsbedürftigen Musikgeschmack ihrer Nachbarn ausgeliefert. Nicht so in den Hamburger Bussen. Gleich hinter der Fahrerkabine ist ein rotes Regal montiert. Darauf stehen Bücher, die während der Fahrt von den Fahrgästen gelesen werden dürfen. Und auch darüber hinaus dürfen die Bücher genutzt werden: Ähnlich wie bei den Bücherschränken, funktioniert das System der sogenannten „Buchhaltestellen“. Das Gebrauchtwarenkaufhaus STILBRUCH hat die Bücherbusse ins Leben gerufen. Seit 2010 existiert die Kooperation mit der VHH, die mittlerweile über 100 Buchhaltestellen installiert hat.

„Wenn du nicht all deine Bücher lesen kannst, dann nehme sie wenigstens zur Hand, streichle ein wenig über sie, schau’ etwas hinein, lasse sie irgendwo auffallen und lese die ersten Sätze, auf die dein Auge fällt, stelle sie selbst aufs Bord zurück, ordne sie nach deinen Vorstellungen so, daß du wenigstens weißt, wo sie sind. Lass’ sie deine Freunde ein; lasse sie auf alle Fälle deine Bekannten sein.“ (Winston Churchill)

Aachen. Hier findet jährlich im September die COMICADE-Messe statt. Das Besondere: Mehr als fünfzig hochkarätige Comic-Zeichner lassen sich vor Ort bei der Arbeit über die Schulter schauen. Und Kreative dürfen in Zeichenkursen ihr Können unter Beweis stellen. Auf Buchmessen kann man in die faszinierende Welt der Literatur eintauchen. Das Angebot ist nicht nur auf Bücher beschränkt. Im Programm: Lesungen, Vorträge und Preisverleihungen. Messen sind nicht nur für Verleger, Agenten und Buchhändler interessant, sondern auch für Leser.

Zuversicht in die Leser hat die Vertrauensbibliothek auf der Insel Langeoog seit vielen Jahren. Einheimische und Touristen können sich hier sprichwörtlich bedienen. So kann man seinen Urlaub entspannt mit unvorhergesehener Leselektüre erweitern. Es wird darauf vertraut, dass die Bücher ihren Weg zurück finden. Dank um-fangreicher Schenkungen umfasst der Be-stand rund 3000 Bücher.

„Ich mag es, wenn man Büchern ansieht, dass sie gelesen worden sind. Das macht ihren persönlichen Charme aus“, erzählt Benjamin Schell.

Freitag 13.00 Uhr. Das Kloster in Sankt Augustin öffnet seine Tore. Ein riesiger Raum mit einer gewölbten Decke erstreckt sich. Es riecht nach Staub und Papier. Die Gänge sind schmal, teilweise verwinkelt. Auf jeder Seite Regale, vollgestopft mit Büchern. Auf dem Bücherflohmarkt der Steyler Missionare kann man jeden Freitag von 13. bis 16. Uhr Bücher zum Kilopreis ergattern. Hauptsächlich Theologie und Kirchengeschichte, aber auch an Romanen und Sachbüchern mangelt es nicht. In der Kinderecke jubelt ein zehnjähriger Junge und läuft aufgeregt zu seiner Mutter, die nicht weit entfernt bei den Kochbüchern steht: In seinen Händen Der Räuber Hotzenplotz. Die Einnahmen spendet das Kloster an gemeinnützige Organisationen weltweit. So versucht das Kloster die Welt durch Bücher ein Stückchen besser machen. Ein Besuch lohnt sich allemal.

Bücher zu lesen, erweitert den Horizont. Nicht umsonst heißt es: „Lesen bildet!“ Bücher entführen den Leser in andere Welten. Sie sind Lebensbegleiter, ob nun beim Aufschlagen oder Zuklappen eines Kapitels. Ihre Art und Weise Geschichten zu erzählen und damit den Leser zu faszinieren, wird niemals aussterben. Es lebe das Buch!

5 spannende Fragen über Bücher:

Wie viele Seiten muss ein Buch haben, um ein Buch zu sein? 49 Seiten, das hat die UNESCO beschlossen!

Was ist das teuerste Buch und wem gehört es? Der Codex Leichester von Leonardo da Vinci. Bill Gates hat es 1994 gekauft. Heute liegt der geschätzte Wert des Buches bei 49 Mio. US-Dollar.

Was ist das meistverkaufte Buch aller Zeiten? Die Bibel mit bis zu 6 Mrd. Ausgaben.

Welches Buch wird am häufigsten gestohlen? Das Guinness Buch der Rekorde.

Was war das erste Buch, das auf einer Schreibmaschine geschrieben wurde? „Tom Sawyers Abenteuer“ von Mark Twain entstand 1874 als erstes Buch auf der Schreibmaschine.

Werke von Christoph Leisten:

▶ Argana. Notizen aus Marokko (Prosawerk) 2016
▶ bis zur schwerelosigkeit. (Gedichte) 2010
▶ der mond vergebens. (Gedichte aus zehn Jahren) 2006
▶ Marrakesch, Djemaa el Fna (Prosawerk) 2005
▶ In diesem licht. (Gedichte) 2003
▶ Entfernte Nähe. (Gedichte) 2001

 

Im Aachener Regen der Sonne entgegen

08. Dezember 2016 | von

Ein Auto, 40 Aachener Studierende, 3022 km quer durch das australische Outback. Der nötige Antrieb? Die Sonne. In ihrer Reportage stellt uns Isabella Contu das „Team Sonnenwagen Aachen“ vor und berichtet von dem spannenden Vorhaben der Studierenden mit einem selbstgebauten Auto an einem der härtesten Rennen für Solarautos teilzunehmen. Die Reportage ist unserem Seminar Journalistisches Schreiben entstanden und wurde auch in der AStA-Zeitschrift relatif veröffentlicht. Vielen Dank für den tollen Text!


Sonnenwagen Aachen e. V. – ein Auto, 40 Studierende. 3022 km durch das australische Outback, mit 70 km/h. Der nötige Antrieb? Die Sonne. Es geht um die World Solar Challenge, eines der weltweit härtesten Rennen für Solarautos. Ein Team aus Studierenden der RWTH und FH Aachen will nächstes Jahr eines der härtesten Rennen für Solarautos bestreiten.

Modell des „Sonnenwagens“

Team Sonnenwagen

Die Idee, an der World Solar Challenge teilzunehmen, kommt den Studierenden um Hendrik Löbberding in der Klausurphase. Nach einem langen Lerntag sitzt man zusammen in Hendriks WG und unterhält sich über die World Solar Challenge. Bei diesem Autorennen fährt man mit einem selbstgebauten Solarauto mehrere Tage durch die australische Wüste. Schnell denken die Studierenden darüber nach, warum sie nicht einfach selbst teilnehmen – wenn auch nur spaßeshalber.

Kein ganzes Jahr später steht Hendrik auf der Bühne bei „Aachen goes Electro“ am Elisenbrunnen, einem Aachener Elektromobilitätsevent. Er ist jetzt Vorsitzender des Teams Sonnenwagen Aachen. Ein eher unscheinbarer Typ; etwas schlaksig, groß, leicht gekrümmte Haltung, kurzes blondes Haar. Maschinenbauer eben, mag man sich denken. Aber Hendrik steht mittendrin in einem großen Projekt, das über den klassischen Maschinenbau weit hinausgeht und Teams aus aller Welt gepackt hat.

Team und Zuschauer stehen mit Regenschirmen vor der Bühne. Während Hendrik das Projekt vorstellt, regnet es in Strömen. Er und sein Team wollen eigenständig ein Solarauto bauen und damit die World Solar Challenge in Australien bestreiten: eine Rallye, die Auto und Fahrer an ihre Grenzen bringt. An Selbstbewusstsein dafür mangelt es dem Team nicht. „Wir sind hier in Aachen. Wir sind hier besser“, hört man einen von der Bühne aus sagen.

team-sonnenwagen

Team Sonnenwagen

Die Challenge

3022 km müssen auf öffentlichen Straßen quer durch die australische Wüste gefahren werden: einmal von Darwin im Norden bis Adelaide im Süden. Das heißt auch, 5 Tage in der Wüste wild campen, denn so lange braucht man in etwa für die gesamte Rennstrecke.

Die Energie zum Fahren darf ausschließlich aus der Sonne gewonnen werden. Entweder sie wird direkt genutzt oder sie lädt die Batterie, die als Unterstützung im Auto verbaut sein darf. Um eine möglichst hohe Sonneneinstrahlung auszunutzen, wird jeden Tag von 8.00 bis 17.00 Uhr gefahren. In der Mitte eine Stunde Pause mit Fahrerwechsel – das Mindeste wohl für den Fahrer, wenn man bedenkt, dass es im Cockpit bis zu 50° C warm wird. Lediglich die Batterie darf außerhalb der Rennzeiten noch voll aufgeladen werden.

Das Team Sonnenwagen startet in der Challenger Class, der Hauptklasse des Rennens, in der sich Teams aus aller Welt messen. In dieser Klasse darf nur der Pilot im Wagen sitzen. Für diesen heißt es jedoch nicht einfach voll auf das Gaspedal drücken. Gerade weil nur die Sonnenenergie genutzt wird, sind die Fahrstrategie und das Energiemanagement für alle Teams unabdingbar. Fährt das Auto durch Städte sei es unklug zusätzlich die Batterieleistung zu nutzen, denn man dürfe dort nicht so schnell fahren, erklärt der Fahrstratege Martin. Diese feinen Details entscheiden am Ende, wer das Rennen gewinnt.

Die Vorbereitung

Sie gehe gar nicht gerne campen und im Übrigen habe sie auch Angst vor Spinnen, erzählt Johanna, Leiterin des Teams Elektrotechnik. Vielleicht nicht die optimale Voraussetzung, sollte man meinen, doch Johanna ist Feuer und Flamme für das Projekt und möchte das Rennen vor Ort unbedingt begleiten: „Das wird dann schon irgendwie gehen.“ Schließlich schafft sie es auch, sich gegen die vielen Jungs im Team durchzusetzen. Als eines von wenigen Mädchen muss sie einige Jungs gelegentlich daran erinnern, dass sie nicht nur für Marketing-Zwecke im Team ist, sondern bei der Elektrotechnik die Teamleitung übernimmt.

Auf die Frage ob sie sich denn vorstellen könne, das Auto durch die Wüste zu fahren, winkt Johanna ab. Das müsse eine Qual sein, bei der Hitze im Cockpit zu sitzen. Noch steht nicht fest, wer diese unangenehme Aufgabe übernehmen wird. Viel wichtiger ist im Moment, das Auto fertigzubauen, denn noch gibt es nur eine 3D-Druck-Version. Diese ist so groß wie eine Handfläche und sieht aus wie ein Spielzeugauto. Dennoch ist klar: Die Fahrer werden sich auf das Rennen körperlich vorbereiten müssen – „mit Sauna-Gängen oder so“, erwidert einer bei Nachfragen während einer Informationsveranstaltung.

Packesel in Stromlinienform

Das kleine Modell des Sonnenwagens erinnert eher an ein Ufo. An ein Auto denkt man erstmal nicht. Keine Reifen sind zu sehen, nur eine glatte gewölbte Fläche mit einem kleinen Cockpit oben drauf. Schaut man sich Wagen aus vergangenen Rennen an, scheint dieses Modell wohl im Trend zu liegen, optimal um gute Rennzeiten zu erzielen.

4-m²-Photovoltaik-Module sind nach dem Regelwerk zugelassen; das ist so groß, wie ein Bett in einer Jugendherberge. Zur Unterstützung ist eine Batterie, in die das 300-fache einer normalen Handy-Akkuladung passt, zugelassen. Der Motor hat 1000 Watt Leistung – nicht mehr als ein üblicher Staubsauger. Das Fahrwerk vereint Lenkung und Räder. „Batterie, Motor, Reifen, Lenkung – alles muss von der Tragstruktur zusammengehalten werden. Wir nennen sie unseren Packesel!“

Damit dieser Packesel schnell fahren kann, muss er möglichst wenig Reibung haben. Dafür zuständig ist das Team Aerodynamik. Sebastian, der Teamleiter, erzählt vom so genannten cw-Wert: dem Strömungswiderstandswert. „Wir wollen ihn sehr niedrig halten.“ Um herauszufinden, was überhaupt ein niedriger cw-Wert ist, hat er sich im Tierreich umgeguckt. Den besten natürlich vorkommenden cw-Wert hat der Pinguin. „Unser Wagen soll den cw-Wert des Pinguins erreichen!“

Die Aerodynamik ist wichtig, um schnell zu sein. Doch sie schützt auch Fahrer und Auto. Die Rennstrecke ist ein einfacher Highway. Regelmäßig werden dem Sonnenwagen auch Trucks entgegenkommen. Damit diese den Wagen nicht von der Strecke schmeißen, muss die Strömung gut über ihn verteilt werden.

Besser als die anderen

Sonnenwagen e. V. nimmt als erstes Team aus Aachen an der World Solar Challenge teil – ein Nachteil im Vergleich zu anderen Teams, die schon mehrere Male teilgenommen haben. Diese Teams verbessern ihre Wagen nur noch. Das Aachener Team jedoch entwickelt einen komplett neuen Solarwagen. Keiner von ihnen hat so etwas je gemacht. Ein bisschen Formeln gepaukt im Studium haben sie, aber was hilft das schon, wenn man ein Auto bauen will. Doch Hendrik und Johanna lassen sich davon nicht einschüchtern.

Mit der Unterstützung zahlreicher Institute der RWTH und FH Aachen versuchen sie, in ihrem Wagen neueste Materialien zu verwenden. Das Gehäuse soll nicht aus Stahl, sondern aus leichten Folien sein, die auch für den Flugzeugbau verwendet werden. Als Tragstruktur wird ein ultraleichter Hybridrohrrahmen verwendet. Sie wollen sich als Neulinge direkt von den anderen Teams abheben.

Ohne Sponsoring für diese Materialien können die Studierenden die Kosten für den Bau des Autos nicht stemmen. Deswegen präsentieren sie sich beim Aachener Elektromobilitätsevent am Elisenbrunnen mit Huawei, einem von vielen Sponsoren.

Martin – kein begeisterter Renn-Fan, aber Spezialist auf seinem Gebiet

Selbst die besten Materialien nützen nichts, wenn beim Rennen nicht mit geringstem Energieaufwand schnell das Ziel erreicht wird. Martin hat dazu eine Fahrsimulation entwickelt. Jedoch sieht man auf dem Bildschirm seines Laptops kein Miniatur-Auto herumflitzen, sondern ein Diagramm für die verschiedenen Funktionen seines Programms. Klickt man auf die einzelnen Komponenten, öffnen sich weitere Diagramme mit roten, grünen und gelben Graphen. Sie zeigen, wann die Sonne wie viel scheint, wie schnell das Auto ist, wie viel Energie gebraucht wird, wie viel Leistung der Batterie genutzt wird.

„Für Autorennen interessiere ich mich eigentlich gar nicht so“, meint Martin. Das Rennen dauere schließlich nur fünf Tage – nichts gegen die über zwei Jahre Vorbereitungsarbeit. „Das Team motiviert mich und als Energietechniker ist das genau mein Gebiet!“

Die Simulation kennt jeden Meter der Strecke mit Ampeln, Kreuzungen und Abzweigungen. Alles fein säuberlich von Martin bei Street View abgegangen und im Code dokumentiert. In Zukunft soll das Programm den Energieverbrauch optimieren. Nur wenn die verfügbare Leistung auch an bewölkten Tagen optimal ausgenutzt wird, kann das Auto das Rennen in Bestzeiten fahren.

Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

09. Juni 2016 | von

Bis ins Gefängins hat sich Helena Mertens für unser Seminar Journalistisches Schreiben gewagt. Das Thema ihres Artikels ist eine Partie Fußball: Die JVA-Mannschaft „Villa Kunterbunt“ gegen die Gastmannschaft „Motex“. Der spannende Spielbericht hat es sogar in die Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten geschafft – Herzlichen Glückwunsch!

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Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

13 Männer entscheiden sich freiwillig für den Gang in die Aachener JVA und lassen sich zwei Stunden für ein Spiel gegen die Gefängnismannschaft einschließen

Aachen. Es ist ein nasskalter Mittwochabend. Das grelle Flutlicht ist eingeschaltet, und die zehn Spieler der „Villa Kunterbunt“ in gelben Trikots und blauen Hosen spielen sich den Ball auf dem Kunstrasen zu. Ein ganz normaler Fußballplatz, könnte man auf den ersten Blick meinen. Wären da nicht die meterhohen Mauern mit dem Natodraht, die Überwachungskameras an fast jeder Ecke und schwere Seile, die über den gesamten Rasenplatz gespannt sind, damit dort kein Hubschrauber landen kann.

Flapsige Sprüche

Was für die Jungs von „Villa Kunterbunt“, der Fußballmannschaft in der JVA, längst zur Normalität geworden ist, wirkt für Besucher abschreckend. So ergeht es auch den Spielern von „Motex“, der Gastmannschaft, die am heutigen Abend ins Gefängnis kommt.

Unterschiedlicher könnten die Spieler der Mannschaften kaum sein. Während die einen sie nicht mehr sehen können, brennen die anderen darauf, einen Blick hinter die hohen Mauern zu erhaschen. Für den Bauingenieur Jan (23) liegt genau darin der Reiz: „Wir freuen uns auf ein gutes und spannendes Spiel. Aber wir wollen natürlich auch mal sehen, wie so ein Gefängnis von innen aussieht.“

„Motex“ trifft auf die JVA-Jungs, während die sich auf dem Platz aufwärmen. Man mustert einander und nickt sich zu. Kurz vor Spielbeginn ist noch in der Kabine gescherzt worden, die ernste Situation überspielen die „Knast-Neulinge“ mit Humor. Flapsige Sprüche wie „Benehmt euch, sonst bleibt ihr hier“ oder „Unterschätzt die nicht, die üben den ganzen Tag“ werden mit viel Gelächter quittiert. Kameraden, die nicht zum ersten Mal in der JVA spielen, ermutigen: „Ihr braucht nicht zu denken, dass die ein Messer dabei haben, also geht ruhig in die Offensive!“

Der Weg vom Haupteingang bis zum Fußballplatz ist kein alltäglicher: Elf Stahltüren müssen auf und wieder zugeschlossen werden. Umso erstaunlicher, dass auf dem Spielfeld selbst keine Vollzugsbeamten stehen, mit Schlagstock und Pistole. Dass den inhaftierten Spielern Vertrauen geschenkt wird, fällt auf: „In puncto Umgangston und Spielverhalten ist das hier angenehmer als bei manchem Spiel in der zweiten oder dritten Liga“, meint Frank Mingers, der entspannt am Spielfeldrand steht und die Mannschaften mit verschränkten Armen beobachtet. Mingers leitet zusammen mit sechs anderen Vollzugsbeamten den Sport in der JVA. Statt Uniform trägt er einen Jogginganzug.

Feste Regeln, kein Schiedsrichter

Ein Schiedsrichter wird nicht zum heutigen Duell erscheinen. Auch wenn das Fußballspiel im Knast stattfindet, haben die Regeln der Bunten Liga an diesem Abend höchste Priorität: Kein Schiedsrichter, kein passives Abseits, fliegender Spielerwechsel, Einrollen statt Einwerfen, erlaubter Rückpass.

Apropos Bunte Liga: „BUNTE“ steht für Balance, Unterhaltung, Neutralität, Toleranz, Erlebnis. Seit 1982 gibt es diese freie Fußballgemeinschaft. Heute sind dort 56 Mannschaften vertreten. „Wer hier spielt, hat einfach Bock aufs Kicken“, sagt Vorstand Dieter Jeandrèe.

Raus aus den grauen Mauern des Gefängnisses geht es für die „Villa Kunterbunt“ nur bei „knastinternen“ Spielen, z. B. gegen die JVA Siegburg oder Köln. Um für die Meisterschaften und Pokalrunden fit zu sein, trainieren die Fußballbegeisterten einmal pro Woche, meist am Samstag, dem Sporttag in der JVA. Für die Mittwochabende ist in der Regel ein Spiel der Bunten Liga angesetzt. Neben dem Lauf- und Fußballtraining können Inhaftierte Tischtennis, Badminton oder Volleyball spielen und im Fitnessstudio trainieren. „Das Sportangebot ist sehr wichtig für die Jungs, aber wenn mal Not am Mann ist, müssen wir irgendwo anders einspringen. Dann fällt Sport als Erstes aus“, sagt Mingers.

18 Uhr: Es geht los. Der Ball rollt. Gespielt wird zehn gegen zehn. Die ersten fünf Spielminuten sind ein vorsichtiges Abtasten beider Mannschaften. Dann ein Steilpass aus dem Mittelfeld von „Motex“, der die Abwehrreihe der „Villa Kunterbunt“ vollkommen überrascht. Stürmer Jan mit der Trikotnummer 13 läuft allein auf den Torwart zu – Querpass: 0:1.

Nach verhaltenem Jubel wird die Partie fortgesetzt. „Motex“ ist die stärkere Mannschaft. Durch gelungene Kombinationen erarbeiten sich die Jungs weitere Torchancen und treffen. Die Zweikämpfe werden härter. Halbzeit: 2:5.

Keinerlei Fan-Unterstützung

90 Minuten lang spielt die kriminelle Vergangenheit der Heimmannschaft keine Rolle. Für die Jungs von „Motex“ sind sie einfach nur „Gegner, so wie jede Woche“. Kein Grund also, auf dem Platz nicht alles zu geben. Doch in der Halbzeit gesteht Jan: „Als wir uns vor dem Spiel gegenüberstanden, da überlegt man sich schon, was die gemacht haben und warum die hier sind.“ Auf die Frage nach der Fairness des Gegners antwortet der Stürmer: „Klar, es gibt Fouls auf beiden Seiten, aber die sind völlig im sportlichen Rahmen!“

Trotz des unbestreitbaren Heimvorteils fehlt der „Villa Kunterbunt“ jegliche Fan-Unterstützung. Mitinsassen, die von ihren Zellen aus durch die Eisengitter das Spiel beobachten und mitfiebern, sieht man nicht. Keine Reaktion auf Tore. Kein Jubeln, kein Pfeifen, kein Applaus. Nur das Flackern der Fernsehbildschirme in den Zellen.

Zweite Halbzeit: Die Jungs der „Villa Kunterbunt“ geben nicht auf und demonstrieren mit vereinzelt guten Aktionen ihr fußballerisches Können. Der Abwehrchef hämmert einen sehenswerten Weitschuss mit gefühlten 150 km/h in den Winkel – 4:8. Doch den Jubelnden ist klar, dass es sich nur noch um Ergebniskosmetik handelt. In der Schlussphase ist die Luft raus. Am Ende gewinnen die Gäste mit 4:9. Doch die geschlagenen Häftlinge erweisen sich als faire Verlierer. Alle klatschen ab, wirken zufrieden und erschöpft.

Was die Gastmannschaft nach dem Spiel nachdenklich stimmt, ist vor allem das Alter der Inhaftierten. Manche sind gerade Anfang 20 und sitzen nicht wegen Kavaliersdelikten ein. Auf dem Weg zurück auf die andere Seite der hohen Mauern, beim erneuten Auf- und Abschließen der elf Türen, versuchen einige „Motex“-Jungs einen Blick auf die Zellen zu erhaschen. Plötzlich ist die Neugierde groß.

Für den Justizvollzugsbeamten Mingers ist das nichts Neues: „Meistens will die Gastmannschaft erst nach dem Spiel etwas von den Häftlingen erfahren.“ Die Frage, warum die Jungs denn eigentlich sitzen, wird auch an diesem Abend mehrfach gestellt. Mingers lässt sie unbeantwortet – wie jedes Mal.

Schreiben, Sprache, Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

22. Januar 2016 | von

Anna-Maria Cipetic hat bei uns zwei Wochen lang hinter die Kulissen geschaut und in ihrem Schulpraktikum viel erlebt. Was alles passiert ist, erzählt sie euch exklusiv in einer kleinen Reportage.

Anna-Maria Cipetic

Anna-Maria Cipetic

Schreiben, Sprache,  Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

von Anna-Maria Cipetic

Es ist Montag. Zwei Studierende plaudern miteinander vor einem Raum in der Uni. Der Flur ist noch ziemlich leer. Wie viele werden wohl noch kommen? An einen Hörsaal mit tausend Sitzplätzen und Massen von Studierenden erinnert dieser Kurs wohl kaum. Denn diese Veranstaltung ist auch an der RWTH Aachen etwas Besonderes. Wo sonst Mathe, Technik und Maschinenbau gelehrt werden, dreht sich heute alles ums Schreiben. Dozent Christoph Leuchter schließt die Tür auf. Knapp vor Kursbeginn kommen die letzten Studierenden mit Thermosbecher in der Hand in den Raum. Nun ist die Gruppe komplett. Leuchter begrüßt alle und der Kurs beginnt.

Training Schriftsprache ist nur einer von vielen Kursen, die das Zentrum für Kreatives Schreiben der RWTH Aachen anbietet. Im Zentrum für Kreatives Schreiben (ZKS) haben Studierende die Möglichkeit, ihre Texte und Schreibkompetenz zu verbessern: Das Kursangebot reicht von wissenschaftlichen Arbeiten bis hin zu journalistischen Texten. Die Studierenden kommen dabei aus allen Fachbereichen. Christoph Leuchter leitet das ZKS seit 2012. Vorher arbeitete er als Lektor in Verlagen und als Texter für Agenturen – außerdem schreibt er gerade an seinem dritten Roman.

Und ich – ich bin auch in Training Schriftsprache mit dabei. Anna-Maria Cipetic ist mein Name, ich bin Schülerin der 9. Klasse und ich mache ein zweiwöchiges Praktikum am ZKS. Ich habe mich bewusst für ein Praktikum entschieden, das mit dem Schreiben zu tun hat. Schreiben ist für mich wie eine Befreiung. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, eine Struktur in meine Gedanken zu bekommen. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, später einmal mit Sprache zu arbeiten. Doch wo? Es gibt so viele Berufsmöglichkeiten und am ZKS lerne ich verschiedene Schreibstile kennen.

Halbzeit in Training Schriftsprache. Christoph Leuchter hat in der letzten Stunde journalistische Schreibtechniken besprochen. Wie baue ich den Text auf? Wie bringe ich meine Beobachtungen anschaulich für die Leser aufs Papier? Diesen Fragen stellen sich die Studierenden im Kurs. Und nehmen auch für wissenschaftliche Texte mit, dass es immer gut ist, sich kurz zu halten.

Doch natürlich gibt es auch große Unterschiede zwischen den Textsorten. Cornelia Czapla ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKS und ihr Spezialgebiet ist das wissenschaftliche Schreiben. Doch warum sollten Erwachsene noch etwas über das Schreiben lernen, nachdem sie ihr Abitur bereits gemacht haben? „Texte spielen auch für den späteren Beruf der Studierenden eine immer größere Rolle “, sagt Christoph Leuchter. Deshalb sei es wichtig, die Fähigkeit, gute Texte zu schreiben, immer weiter zu verbessern.

Es ist Mittwoch. Ich fahre mit dem Bus und steige an der Unibibliothek aus. Gespannt warte ich vor dem Eingang auf Cornelia Czapla. Wir betreten schließlich gemeinsam das Gebäude und fahren mit dem Aufzug in den dritten Stock. Ein Rundgang durch die Bibliothek: Bücherreihen voll mit Maschinenbauliteratur – ein Thema, womit ich mich in der Schule nie beschäftige. Und selbst die älteren Computer – in Kastenform – werden noch genutzt. Das hätte ich nie gedacht. Aber an anderen Ecken ist die Bibliothek modern. Vor allem im neuen Bibliotheksgebäude haben die Studierenden mehr Möglichkeiten, sich in Lesesäle zurückzuziehen und können sogar ihre Bücher über ein Online-Verfahren ausleihen.

Aber in meiner Praktikumszeit habe ich nicht nur Kurse, wie Training Schriftsprache oder Wissenschaftliches Schreiben, besuchen können. Genauso habe ich das Zentrum bei täglichen Arbeiten kennengelernt und unterstützt: Ich habe E-Mails und Briefe geschrieben; war bei Homepage-Meetings und Social-Media-Treffen mit dabei; habe Texte mitlektoriert und gelernt, wie man die Angst vorm leeren Blatt überwindet. Sogar Einzelcoachings zum Journalistischen Schreiben und zur Textüberarbeitung habe ich bekommen und die Unterschiede beim Schreiben in Wissenschaft, Journalismus und PR kennengelernt.

Während der Zeit beim Zentrum für Kreatives Schreiben fühlte ich mich wirklich wie ein Teil des Teams. Am Anfang war ich ziemlich gespannt und aufgeregt, da ich als Schülerin das erste Mal an einer Uni war, aber zum Schluss habe ich mich gut eingelebt und hatte vor allem viel Spaß. Die Zeit beim ZKS war für mich ein tolles Erlebnis und ich werde viele Erfahrungen mit in die Schule nehmen.

Fragen an: Bernd Büttgens, Pressesprecher der Stadt Aachen

09. Juni 2015 | von

IMG_1349Die erste Veranstaltung unserer hauseigenen Reihe „Fragen an…“ war ein voller Erfolg. Bernd Büttgens hat uns am 21. Mai in der BIB II erzählt, wie die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Aachen funktioniert. Es wurde aus dem Nähkästchen geplaudert, aber auch der Beruf im Bereich PR kritisch hinterfragt.

Was haben wir mitgenommen?

1.  Journalistische Kenntnisse sind für jeden guten PRler eine wichtige Sache!

 

2.  Wer gerne mit Menschen arbeitet und einen vielseitigen Beruf haben möchte, ist im PR Bereich genau richtig.

3. Ein guter Pressesprecher schafft es Themen so interessant zu verkaufen, dass sie auch in die Zeitung kommen.

4. Das Wichtigste ist: immer bei der Wahrheit bleiben (…und zur Not einfach nicht alles erzählen 😉 ).

Im nächsten Semester haben wir wieder einen neuen Experten für euch eingeladen. Mehr dazu gibt`s bald.