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RWTH-Schreibzentrum

Kategorie: ‘Schreiben im Studium’

Endlich präzise über die Weltmeere

11. September 2017 | von

Erneut hat es ein Text von unserem „Oberseminaler“ Jonas van Bebber in die AZ/AN geschafft. Wir freuen uns!


Wer war eigentlich John Harrison? Die spannende Geschichte eines Uhrmachers, der die Seefahrt revolutionierte, indem er das Längengradproblem löste. Der frustrierende Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und das Ringen um ein Preisgeld.

Er wird am 24. März 1693 geboren, ist Tischler, Erfinder und autodidaktischer Uhrmacher: John Harrison. Mitte des 18. Jahrhunderts löst er das Längengradproblem: Als Erster macht der Engländer das Objekt Uhr seetauglich. Das für die Navigation noch ungewöhnliche Hilfsmittel ermöglicht die zuverlässige Bestimmung der geografischen Länge, was zuvor selbst für erfahrene Seeleute ein Problem war. Sein ganzes Leben entwickelt Harrison die Uhr weiter und tritt in einem frustrierenden Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und wissenschaftliche Eliten an, die seine Leistung nicht anerkennen wollen.

22. Oktober 1707: Vier britische Kriegsschiffe kehren nach einer Seeschlacht zurück nach England. Die Schlacht ist gewonnen, die Freude auf die Heimat groß. Aber die Orientierung ist verloren, die wahren Positionen der Schiffe sind anders als berechnet. Vor den Scilly-Inseln an der Südwestspitze Englands laufen die Schiffe auf Grund. Auf einen Schlag sterben fast 2000 Seeleute. Die Regierungen der Seefahrernationen sind wachgerüttelt. Es muss eine Lösung für das Navigationsproblem her, wenn nötig mit Hilfe von Wettbewerben und ausgeschriebenen Preisgeldern.

Geübte Seemänner sind zur Zeit von Christoph Kolumbus (1451-1506) fähig, den aktuellen Breitengrad ausreichend genau zu bestimmen. Sie nutzen den Sonnenstand oder bestimmen die Höhen von bekannten Sternen über dem Horizont. Aber die Positionsbestimmung ist komplex: Komplizierte Beobachtungsinstrumente und präzise Messungen sind dabei nötig. Längengrade lassen sich anschließend nur mit aufwendigen Berechnungen bestimmen.

In der Folgezeit werden Breiten abgesegelt; oft ungewiss, ob man weiter nach Osten oder Westen manövrieren soll. Schiffe verunglücken oder verlieren sich in den Weiten der Ozeane. Viele Menschen verhungern, verdursten und ertrinken. Der wirtschaftliche Schaden ist groß. Das britische Parlament schreibt 1714 einen legendären Preis aus: Im Longitude Act werden 20 000 Pfund für eine „praktikable und nützliche Methode“ versprochen, mit der eine genaue Längengradbestimmung möglich ist. Ein einfacher Arbeiter lebt zu der Zeit von zehn Pfund im Jahr.

Für den Uhrmacher und talentierten Feinmechaniker John Harrison ist klar, dass eine präzise seetaugliche Uhr die Lösung des Längengradproblems sein kann. Mit der mitgeführten Zeit des Heimathafens – etwa der Greenwich-Zeit – und mit der Ortszeit auf See, die die Seeleute nach herkömmlichen Verfahren bestimmen, ist die Position schnell auszumachen. Die Zeitdifferenz lässt sich in einen Drehwinkel der Erde umrechnen, die Länge bezogen auf Greenwich damit feststellen. Ist die auf dem Schiff bestimmte Ortszeit zum Beispiel drei Stunden hinter der Greenwich-Zeit, so befindet sich die Mannschaft 45 Grad westlich vom Nullmeridian. Denn pro Stunde dreht sich die Erde beständig um 15 Grad weiter.

Harrison tüftelt über Jahre an Präzisionszeitmessern. Er ist der Erfinder des Bimetall-Streifens und verwendet in seinen Uhren neuartige Mechanismen und Federn, die den Rhythmus vorgeben. Manche Konstruktionen müssen nicht mehr geölt werden und laufen während des Aufziehens konstant weiter. Sie trotzen Temperaturschwankungen und Erschütterungen auf See. 1759 präsentiert Harrison der Längengradkommission seine vierte und berühmteste Konstruktion – die H4. Mit knapp drei Pfund Gewicht und einem Durchmesser von 13,2 Zentimetern ist sie besonders kompakt.

Viele Gelehrte stehen Harrisons Idee kritisch gegenüber. Nur Himmel und Sterne können und sollen den Weg weisen, so die Meinung der Mehrheit. Als verhasster Feind steht Harrison der Brite Nevil Maskelyne gegenüber, der eine Monddistanz-Methode für die Navigation entwickelt: Auch mit vorausberechneten Abständen zwischen Mond, Sonne und Erde für bestimmte Uhrzeiten lassen sich Positionen bestimmen. Das Verfahren ist jedoch aufwendig und erfordert neben akkuraten Messungen viel Zeit für Berechnungen.

Nur fünf Sekunden verloren

Die erste große Testfahrt führt die H4 1762 über den Atlantik nach Port Royal. Kommissionsvertreter John Robinson stellt die lokale Ortszeit mit seinen Messinstrumenten fest und erkennt, dass die Uhr während der 81-tägigen Atlantiküberquerung nur fünf Sekunden verloren hat. Bei einer zweiten Erprobungsfahrt lässt sich die geografische Länge auf zehn Meilen genau bestimmen; die Präzision ist damit dreimal so hoch, wie vom Longitude Act gefordert. Was für ein Erfolg!

Harrison müsste den Preis direkt erhalten. Aber alles kommt anders. Statt 20 000 Pfund bekommt er 1500 Pfund. Die Kommission würdigt die Leistung kaum und verkennt den Nutzen der neuen Idee. Es folgt ein bitterer Schlag: 1765 ist es Maskelyne, der zum neuen königlichen Astronom gekürt und nun – als Mitglied der Kommission – damit beauftragt ist, Harrisons Uhren zu testen.

Den königlichen Astronom interessiert seine eigene Navigationsmethode aber viel mehr: Ab 1765 veröffentlicht er insgesamt 49 Ausgaben seines schon zu Lebzeiten berühmten astronomischen Jahrbuchs „Nautical Almanac“, in dem die Seeleute berechnete Monddistanzen finden.

In „Längengradgesetzen“ ändert die Kommission die Regeln des Wettbewerbs mehrfach zu Ungunsten Harrisons ab und nutzt seine Gutmütigkeit aus. 1730 beugt er sich der Aufforderung, den Zusammenbau seines ersten Zeitmessers kleinschrittig vorzutragen. Später soll er alle gefertigten Chronometer abgeben und weitere bauen – ohne seine Baupläne, die die Kommission bereits an sich gerissen hat.

Ab und zu erhält Harrison geringe finanzielle Zuwendungen, auf die er mittlerweile angewiesen ist. Er verzweifelt zunehmend. Maskelyne steht plötzlich unangekündigt vor Harrisons Tür mit einem Erlass der Kommission. Zornig muss der Überraschte mit ansehen, wie seine Uhren in Beschlag genommen und rabiat aus dem eigenen Haus abtransportiert werden.

Harrisons Sohn William bittet 1772 den englischen König George III., die neueste Uhr seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters – bereits die H5 – zu erproben. Der König stimmt zu und lässt den Zeitmesser an der Sternwarte zehn Wochen lang testen. Das Resultat lässt heute noch staunen: Nur eine Drittelsekunde verliert die H5 pro Tag. König George gibt einen langersehnten Lichtblick: „Harrison, ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu Eurem Recht kommt!“ Der König verteidigt die Uhr nun vor den Verfechtern der Monddistanz-Methode. Harrison appelliert an die Minister des Parlaments und trägt seinen Wunsch nach Anerkennung vor. Die Wettbewerbskommission bleibt stur, vom Parlament aber erhält er knapp das restliche Preisgeld. Es ist ein schwacher Trost. Maskelyne reibt sich indessen die Hände – die Bedingungen für den Längengradpreis werden erneut verschärft. Und der offizielle Preis wird nie vergeben.

Mehr und mehr Seefahrer aber lassen sich vom großen Nutzen der Chronometer überzeugen. James Cook führt auf seiner zweiten Reise 1772 eine Kopie von Harrisons H4 mit und berichtet begeistert: „Die Uhr war unser treuer Führer durch alle Widrigkeiten des Klimas.“ Harrisons Idee gibt den Takt weiter vor und erobert die Welt mit der Seefahrt. Der Autodidakt begründet mit seinen Präzisionszeitmessern das Feinmechanikhandwerk in England, das bei der industriellen Revolution eine Schlüsselrolle spielt. Es ist ein Grundstein für die heutige wirtschaftliche Macht Europas in der Welt.

INFOS
  • Geboren wurde John Harrison am 24. März 1693 und dann getauft am 31. März in Foulby im britischen Yorkshire. Der gelernte Tischler war ein Autodidakt und talentierter Feinmechaniker. Schon zu Lebzeiten galt er unter Uhrmachern als Genie. Seine Erfindungen sind auch heute wichtige Bestandteile moderner Chronometer – zum Beispiel die Bimetall-Streifen oder der „Grasshopper“-Taktgeber-Mechanismus. Harrison heiratete zwei Mal und war Vater dreier Kinder. Am 24. März 1776 starb er in London.
  • Mit dem Äquator bietet die Natur eine besondere Referenz für die geografische Breite an: Auf dieser Linie sind die Abstände zur Drehachse der Erde maximal. Für die Längengrade gibt es keine solche ausgezeichnete Linie. Erst 1884 einigen sich 26 Nationen auf der Meridiankonferenz in Washington, D.C., darauf, dass die Referenzlinie für die Längengrade – der Nullmeridian – durch das englische Greenwich verlaufen soll. Es ist vor allem ein Vermächtnis Nevil Maskelynes, der für seine Monddistanz-Berechnungen immer Greenwich als Referenz wählt, den Ort der königlichen Sternwarte.

 

 

Geschäftsidee mit Brieftauben

15. September 2016 | von

van Bebber

 

Von einem Taubenschlag in Aachen, zu einer der wichtigsten Nachrichtenagentur der Welt: Im Rahmen unseres Kurses Journalistisches Schreiben ging Jonas van Bebber den Spuren der Nachrichtenagentur Reuters nach und entdeckete eine erstaunliche Geschichte. Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung in der AZ / AN!
Am 21. Juli 1816, also vor 200 Jahren, wird Paul Julius Reuter geboren. der Unternehmer legt in der Aachener Pontstraße den Grundstein für die Nachrichtenagentur Reuters.

 

Zwischen Speisekarte und Heizstrahler zieren ein paar bunte Kacheln die Wand neben dem Eingang des Restaurants „Reuters House“ in der Aachener Pontstraße. Zu erkennen ist ein Vogel, dessen Federn mosaikartig in grün, orange und schwarz nebeneinander schimmern. Es könnte das Symbol einer 68er-Friedenstaube sein. Oder ein Hinweis auf exotische gegrillte Kostbarkeiten. Zu essen bekommt man in der Aachener Pontstraße ja alles. Paul Julius Reuter – liest man in der Inschrift auf den Kacheln – ließ durch Brieftauben auf das Dach dieses Hauses Nachrichten aus Brüssel tragen. Die Gedenktafel am Haus 117 ist also ein Denkmal für den deutschen Unternehmer. Vor 175 Jahren lässt dieser hier ein erfolgreiches Geschäft mit Nachrichten aufblühen.

1850: Sehnlich erwartete Börsenkurse rauschen durch die noch neuen Telegrafenleitungen und bedeuten bare Münze, wenn man die Zahlen schneller kennt als die Konkurrenz. Das Verlangen der Menschen nach allgemeinen Nachrichten wird zunehmend größer. Berlin und Aachen sind bereits mit einer Telegrafenlinie verbunden, ebenso Paris und Brüssel. Aber zwischen Aachen und Brüssel gibt es noch keine elektrische Verbindung. Der 33-jährige Paul Julius Reuter entdeckt die Lücke im Nachrichten-Netz und handelt.

 

Schneller als der Postzug
Schnelligkeit ist gefragt. Wie kann Reuter die Brücke schlagen, bevor ihm jemand zuvorkommt? Brieftauben – so denkt er – sind der Schlüssel zum Erfolg! Die Idee ist pragmatisch, Flugtiere werden als Übermittler bislang noch nicht oft eingesetzt. Ein halbes Jahr lang lässt er täglich mehrere Brieftauben mit dem Zug nach Brüssel transportieren. Seine Botinnen eilen mit Nachrichtenzetteln – vor allem Börsendaten – zum Taubenschlag in der Pontstraße zurück und sind etwa sieben Stunden schneller als der Postzug. Reuter legt damit in Aachen den Grundstein für eine der heute noch erfolgreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Aktuelle Meldungen zwischen Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich werden hier per Luftpost ausgetauscht.

„Am liebsten würde ich das Reuters House kaufen und dort – so schnell es geht – ein Brieftaubenmuseum eröffnen. Das war schon immer mein Traum“, erzählt der Aachener Unternehmer Michael Mahr, begeisterter Hobby-Taubenzüchter mit 100 eigenen Wettflugtieren und Reuter-Experte. In seinem Büro stapeln sich wertvolle Dokumente zur Geschichte des deutschen Brieftaubensports. Wahrscheinlich ist es die größte Sammlung dieser Art in Deutschland. Zeitgenössische Berichte, alte Zeitungsartikel, Porträts und erhalten gebliebene Briefe zeichnen ein präzises Bild von Reuters Wirken. Am 21. Juli 1816 wird Israel Beer als dritter Sohn der jüdischen Familie Josaphat in Kassel geboren. Während einer Lehre in der Bank seines Onkels in Göttingen lernt er Carl Friedrich Gauß kennen, von dem er sich dessen Forschungen zur Telegrafie zeigen lässt. Im Alter von 30 Jahren tritt Israel Beer zum christlichen Glauben über und lässt sich taufen. Warum er gerade den Namen Reuter annimmt, ist unklar. Vermutlich aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz betont er seine jüdischen Wurzeln nicht, schämt sich aber auch nicht dafür. Zu seiner Familie hat er eine starke Bindung. Er heiratet Ida Magnus, Tochter eines preußischen Bankiers. Gleich zweimal schließen sie den Bund: Nach Reuters Taufe geben sich die zwei erneut das Ja-Wort. Alles soll korrekt sein.

Einige Versuche, in Deutschland oder England Fuß zu fassen und ein eigenes Geschäft zu gründen, zeigen Reuters Ehrgeiz und seine Unnachgiebigkeit. 1848 verschlägt es ihn nach Paris, wo er bei Charles Havas in der „Agence Havas“ arbeitet, der ersten europäischen Nachrichtenagentur. Nach einem Jahr macht er sich dort mit einem Pressebüro selbstständig, das jedoch nur mäßig erfolgreich läuft. Neben dem florierenden Nachrichten-Netz von Havas gibt es zu der Zeit in Berlin das W.T.B., „Wolffs Telegraphisches Bureau“. Der findige Reuter erkennt 1849 das Potenzial der Aachener Region am damaligen Vierländereck, in der sich noch niemand mit einem Nachrichtenbüro niedergelassen hat. Es ist der ideale Standort für den Nachrichtenaustausch zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Mehr noch: Reuters Brieftauben können bald auch Informationen aus Frankreich von Brüssel nach Aachen bringen, denn neben der schon funktionierenden Telegrafenlinie Aachen-Berlin wird 1850 die elektrische Übermittlung zwischen Paris und Brüssel möglich. Die Aachener Bankiers und Unternehmer sind sehr interessiert – die Nachfrage vor allem nach Wechselkursen, Informationen zu Staatsanleihen oder zur Politik aus Paris und Berlin ist hoch.

Entscheidend für den Erfolg des Brieftaubendienstes ist ein Aachener Brauer, Bäcker und Taubenzüchter: Heinrich Geller schließt mit Reuter einen Vertrag, der Reuter 40 Brieftauben zusichert. Geller bietet dem neuen Freund Reuter in seinem Haus in der Pontstraße eine Unterkunft an. Auf dem Dach des Hauses befindet sich der Taubenschlag. Reuters Büro ist gut zu Fuß erreichbar. Der Brieftaubenservice startet am 28. April 1850 und funktioniert hervorragend. Die „Depeschen“ mit den Nachrichten bestehen aus extra dünnem Papier, das die Tauben transportieren. Die hohen Kosten für die Beförderung der Tiere mit dem Zug sind schnell erwirtschaftet. Nach etwa drei Monaten kannReuter alle 200 Tauben von Geller nutzen und ihm monatlich 30 Taler zahlen – eine stattliche Summe.

Taubenzüchter Mahr zieht aus einem Stapel gesammelter Kopien und Briefbögen drei Seiten heraus, die der „Zeitschrift für Brieftaubenkunde“ aus dem Jahr 1939 entstammen. Es ist ein Bericht des Journalisten F. A. Bacciocco, der 1850 als Dienstbote arbeitet und die eingeflogenen Nachrichten von Gellers Taubenschlag zu Reuters Büro bringt. Mahr liest aus dem Bericht vor: „Dann kommt der Moment der gespanntesten Erwartung. Herr Geller entlockt seiner Brust die süßesten Locktöne – und klatsch! lag eine unserer Blauen auf dem Brett. ‚Brav‘ – sagte Geller – ‚do es der Zeddel!‘“ Geller übergibt dem Dienstboten dann die Nachricht und fügt hinzu: „Ne schöne Groß an der Herr Reuter.“

 

Sicherheit und Diskretion
Mahr kümmert sich heute um 100 eigene Tauben in seinem Schlag in Seffent im Aachener Stadtbezirk Laurensberg. „Leider ist die Beliebtheit für diesen Sport hier in Deutschland stark zurückgegangen. Etwa 120 000 Brieftaubenzüchter gab es 1968, heute sind es weniger als ein Drittel. Während sich diese Leidenschaft hier, in Belgien, Holland oder Frankreich im Steilflug zurückentwickelt, erleben wir ein Aufblühen des Sportes etwa in China und Japan. Das ist erstaunlich, die Menschen dort kaufen jede Menge Tauben aus Deutschland.“

Zeitgenossen beschreiben Reuter als klein und intelligent. Scharfe Augen und prägnant im Gespräch. Er ist bei seinem Service auf Sicherheit und Diskretion bedacht – grundlegende Werte, für die die Agentur heute noch bekannt ist. Er lässt bei jedem Flug drei Tauben mit identischer Nachricht ausstatten, und die in Aachen ankommenden Tiere werden größtenteils von Geller persönlich vonden Botschaften befreit, der diese nicht zu lesen hat. Für Verstöße sind vertraglich hohe Geldstrafen festgelegt. Die Nachrichten werden gut verpackt – zum Teil in Spardosen – und von Dienstboten auf direktem Weg zum Büro von Reuter gebracht, wo alle Personen, die die Informationen verarbeiten, die Texte zur selben Zeit zu sehen bekommen. Bacciocco schreibt: „Reuter hatte mich erwartet und nahm begierig den blechernen Sparpott in Empfang. Während ich meine Entlohnung entgegennahm, flogen schon die Federn über das Papier.“

 

Zuverlässig und schnell
Am 16. April 1851 ist der Bau einer Telegrafenlinie zwischen Aachen und Brüssel vollendet. Die lange elektrische Verbindung zwischen Paris und Berlin ist damit komplett, so dass keine Zwischenübermittler mehr nötig sind. Dies bedeutet das Aus für Reuter in Aachen, der den Dienst mit den Brieftauben nur etwa ein halbes Jahr lang anbieten kann. Reuters Meldungen stehen aber schon zur Aachener Zeit hoch im Kurs: Als zuverlässig und schnell gelten seine Dienste. Trotz aller Schnelligkeit im Nachrichtengeschäft prägt er mit seiner Agentur schon im 19. Jahrhundert den Leitspruch „First do it right, then do it first“ – Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit. „Reuter war ein angesehener Mann, der in Aachen deutliche Spuren hinterlassen hat und die Region stark beeinflusst hat“, sagt Mahr.

Reuters Ehrgeiz und sein ökonomisches Talent führen dazu, dass er schnell neue Erfolge erzielt. Werner
von Siemens legt ihm einen Neustart in London nahe. 1851 eröffnet Reuter dort ein Büro für Wirtschaftsnachrichten, und es entsteht ein ungeahnter Brennpunkt für den internationalen Austausch von Nachrichten, so dass Reuter mit der Havas-Agentur in Paris konkurrieren kann. Dieser Startpunkt in England zählt heute oft als die bedeutendere Gründung der Agentur. Die Aachener Zeit mit den Brieftauben fällt dabei leicht unter den Tisch.

Das „Reuters House“ ist ganz untypisch für die Imbissbuden-Landschaft in der Pontstraße. Gemütlichkeit und italienische Musik in einem schicken Restaurant. Die Weinkarte ziert ein silberner Vogel. Ganz klar: Eine Brieftaube. „Haben Sie etwas gefunden?“, fragt der Kellner. Aber klar! Einen Rotwein aus Spanien und eine Geschichte voller Überraschungen.

Brüder und Schwestern

03. August 2015 | von

Kücken

Pfannkuchen, Nudeln, Torten oder einfach als schlichtes Spiegelei. In unheimlich vielen Lebensmittelprodukten sind Eier verarbeitet. Doch woher kommen diese Eier eigentlich? Und was passiert mit den männlichen Kücken, die keine Eier legen können? Steckt vielleicht doch mehr hinter dem so oft als „Hippstergehabe“ verpöhntem veganen Lebensstil? Constanze Schreck hat in unserem Oberseminar: Texte in Arbeit diese gesellschaftskritische Debatte einmal aufgegriffen. Sie erzählt von:

Brüder und Schwestern

„Will er dann auch mit meinen Sachen spielen, wenn er da ist?“, fragt Pia, die auf der Rückbank sitzt, während sie an ihrem Apfel nagt.

„Das sehen wir alles, wenn er bei uns ist, mein Schatz. Du kannst ihm dann zeigen, was du schon kannst. Aber zuerst hast du ab nächster Woche Sommerferien und da fahren wir zu Oma auf die Insel.“

Sie scheint, mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Wir sind da. Pias Lieblingserzieherin Katja begrüßt uns mit einem herzlichen Lächeln auf dem Flur der Kita. Auch ich habe sie sehr gerne. Sie hat uns in schweren Zeiten schon viel geholfen.

„Guten Morgen ihr Zwei. Alles gut bei Euch?“

Ich nicke zögerlich und blicke ihr in die Augen.

„Gibt es Probleme?“, fragt sie und zeigt besorgt auf meinen Bauch.

„Nein, nein! Das nicht. Es ist nur… Pia, geh doch schon rein. Ich hole dich nach der Arbeit ab!“

Ich nehme sie in die Arme, drücke ihr einen Kuss auf die Stirn und sehe ihr noch kurz nach, wie sie zur Tür ihrer Gruppe reingeht. Ihre grün-gelben Gummistiefel sind ihr eigentlich schon viel zu klein. Aber für neue reicht das Geld zurzeit nicht.

„Ich weiß nicht, wie ich es noch länger auf der Arbeit aushalten soll. Es wird immer anstrengender, aber ich kann es ihnen nicht sagen. Sonst bin ich raus.“

„Irgendwann musst du es aber tun, Linda. Die Fabrik ist kein Ort für eine Frau, die ein Kind erwartet.“

„Du hast ja Recht, Katja. Wir werden sehen. Bisher geht es noch.“

„Wirst schon wissen, was du tust“, sagt sie achselzuckend.

„Bis später!“ Nachdenklich gehe zu meinem Wagen und fahre weiter.

 

Angekommen auf dem riesigen Parkplatz stelle ich fest, dass ich schon vor zehn Minuten hätte da sein müssen. Während der gesamten Fahrt war ich mit meinen Gedanken woanders. Ich krame meine Handtasche aus dem Kofferraum und gehe eilig zum großen Eingangstor. Der Mann an der Pforte muss neu sein, zumindest habe ich ihn hier noch nie gesehen. Er wirft einen kurzen Blick auf meine Karte und nickt, bevor er sich wieder seiner Bild-Zeitung zuwendet. Nach dem Umziehen schließe ich meine Tasche im Spind ein.

„Nicht nachdenken, Linda“, sagt eine Stimme in meinem Kopf.

Durchatmen.

Gedankenlos steuere ich auf die erste Schleuse zu. Duschen, desinfizieren. Die zweite Schleuse. Duschen, desinfizieren. Helge sieht mich und kommt auf mich zu.

„Moin, Lisa. Du bist spät. Du bist heute in Halle 4.“

Die dritte Schleuse. Duschen, desinfizieren. Dann stehe ich in Halle 4. Das Rattern der Fließbänder kann ich mittlerweile ganz gut ausblenden.

Ich schaue mich um, und eine grauhaarige Frau zeigt mir mit einer Kopfbewegung, wo heute mein Platz ist. Direkt neben ihr. Ich habe ihren Namen vergessen. Ich bin selten in dieser Halle. Zum Glück!

„Wie war das nochmal?“, frage ich sie.

„Die Guten nach links, die Schlechten nach rechts.“ Die Schlechten? Mir wird kurz übel bei diesem Gedanken. Ich lege meine Hand auf den Bauch und schließe die Augen. Nur für einen kurzen Moment. Hoffentlich hat es niemand gesehen.

„Kann‘s losgehen?“, brüllt Helge von oben. Wir nicken. Dann geht es los. Schweigend stehen wir nebeneinander und machen unsere Arbeit. Was anderes ist es nicht. Nicht mehr und nicht weniger. Zumindest dann nicht, wenn es mir gelingt, an etwas anderes zu denken. In Gedanken richte ich das Zimmer meines ungeborenen Sohnes ein.

 

Am Anfang fiel es mir schwer, mit einem Blick zu erkennen, ob das, was ich in der Hand halte, nach links oder nach rechts geworfen werden muss. Außerdem habe ich mich zunächst geweigert, sie zu werfen.

„Anders geht es aber nicht“, meinte Helge damals kopfschüttelnd, „sonst dauert es viel zu lange. Das können wir uns nicht leisten.“

Als ich zum ersten Mal durch die Hallen geführt wurde, blieb ich in Halle 5 wie angewurzelt stehen, als ich sah, was mit denen passiert, die sie die ‘Schlechten‘ nennen. Sie werden von riesigen rotierenden Messern geschreddert. Dann werden sie mit Schaufeln wie Schnee auf einen Haufen geschoben und in Müllcontainer verladen. Das war meine Aufgabe am ersten Tag. Von diesem Moment an, habe ich nie wieder ein Ei geschweige denn Fleisch gegessen. „Einer muss es ja machen“, heißt es hier immer. Und in der Mittagspause essen sie wie immer ihre Brathähnchen und Spiegeleier in der Kantine.

 

Wie in Trance ziehen acht Stunden und das Fließband an mir vorüber. Meine Füße schmerzen. Keine Ahnung wie viele Wochen ich noch durchhalten kann. An der frischen Luft geht es schon wieder besser und ich werde zum ersten Mal an diesem Tag hungrig.

In der Kita kommt Pia direkt auf mich zu gerannt, als ich zur Tür reinkomme.

„Mama, Mama! Heute Mittag haben wir Pfannkuchen gegessen. Ich liebe Pfannkuchen! Die haben aber ganz anders geschmeckt als zu Hause.“

Ich lege meine Stirn in Falten und ziehe meine Augenbrauen hoch. Katja, die direkt neben uns steht, sieht mich überrascht an.

„Was ist los, Linda?“

„Katja, du weißt zwar wo ich arbeite, aber ich denke, dir ist nicht klar, was wir dort tun.“

Verwirrt schüttelt Katja den Kopf.

„Pia, holst du bitte deinen Rucksack?“

Sie verschwindet.

„Jeden Tag, werden in der Fabrik neunzigtausend weibliche Küken über Fließbänder in große Kisten verfrachtet und ‘versandfertig‘ gemacht. Ihre neunzigtausend Brüder werden gehäckselt. Nur wenige Stunden nach dem Schlüpfen. Für sie gibt es keine Verwendung. Ich will nicht, dass das für mich getan wird. Zu Hause essen wir keine Eier und kein Fleisch. Nicht mehr, seitdem ich das gesehen habe.“

Katja stutzt und sieht mich mit großen Augen an.

„Das… das wusste ich nicht. Aber Kinder brauchen das doch. Zum Wachsen!“

„Du siehst ja, dass es auch anders geht.“

Pia kommt zurück und hält mir ihren blauen Schmetterlings-Rucksack entgegen. Ich klemme ihn mir unter den Arm, nehme Pias Hand, und wir verabschieden uns.

Und Katjas Blicke folgen uns bis sich die Tür hinter uns schließt.

Reimen und gefressen werden

21. Juli 2015 | von

 

VögelRechtzeitig zu den Sommersemesterferein haben wir genau das richtige für Euch: ein Gedicht! Gedichte sind langweilig?! Dass das definitiv nicht stimmt, hat Claudia Schumacher in unserem Oberseminar: Texte in Arbeit unter Beweis gestellt. Bei unser diessemestrigen Exkursion in die Künstlerhochburg Hodiamont, hat sie unseren Kurs direkt begeistert: Denn ihr Gedicht lebt von einem glitzernden Zauber, szenischem Erzählen und pointierter Kürze.

Lasst euch Flügel wachsen und startet mit uns einen mentalen Ausflug ans Meer:

 

 

Maritime Vogelkunde

 

 

Lichter vergehen im Sand

die Amsel krächzt

und zieht ihre Kreise

angespült glitzernder Tand

zerpflückt von einer Meise

 

 

Funkeln zieht auch die Elster an

größer ist dieser Vogel

doch nicht so groß wie die Möwe

und die verteidigt ihr Rudel

schnappt, beißt, vertreibt

die kleineren Stürmer

 

 

Ist schließlich wieder allein

nur ihresgleichen geduldet

jetzt hat wieder sie den Tand

und den Sand, ja den ganzen Strand

und so manchen fressen die Würmer.

 

P.S.: Wer schon einmal ins nächste Semester vom ZKS schnuppern möchte, kann dies ab sofort auf unser Webseite tun. Wir waren fleißig 🙂

Regenzeit – ZKS Story

27. April 2015 | von

regen II

 

Draußen regnet’s und ihr habt Lust auf Pizza? Da haben wir jetzt genau das Richtige für euch: eine Kurzgeschichte aus unserem Oberseminar: Texte in Arbeit.

Christine Hendriks versteht wie man unsere Gesellschaft durch eine scheinbar subtile Alltagssituation kritisieren kann. Taucht ein in die Zukunft mit quadratischer Paprikapizza und gefährlichem Regen und/oder gefährlichem Reden…

 

 

 

Regenzeit

 

Fira ist mit ihrer Mutter in der Innenstadt unterwegs. Es ist warm und regnet in Strömen wie jedes Jahr an Weihnachten. Graue Rinnsale umspülen ihre Gummistiefel.

Gut, dass ich dein Kleid eben noch imprägniert habe. Firas Mutter hat es eilig.

Mama, ich hab Hunger. Keine Antwort. Fira versucht mit den großen Schritten mitzuhalten. Eine Windböe weht ihr beinahe den Regenhut vom Kopf.

Seufz. Ihre Mutter bleibt stehen, drückt ihr den Hut fest auf den Kopf und macht den Gummizug einhändig fest. Der Regen ist ungesund.

Ich weiß. Mama, ich hab HUNGER!

Quälgeist.

Fira lacht zufrieden. Sie lassen sich zu einer kleinen Pizzeria führen. Es ist voll und der Boden bedeckt mit Pfützen. An der Theke sind noch drei Hocker frei. Fira betrachtet die Abbildungen und sucht sich eine Pizza mit Paprika aus. Die hatte ihre Oma früher immer gebacken, mit roten Paprika von ihrem Balkon. Leider war sie vor zwei Jahren bei einem Unwetter gestorben und den Balkon gab es auch nicht mehr. Fira bestätigt ihre Wahl. Vielen Dank für ihre Bestellung. Noch 15 Minuten bis zum Servieren.

Kind, du musst was trinken.

Fira nickt und schlürft die Cola durch einen dicken Strohhalm. Dabei zeigt sie ihrer Mutter die Ergebnisse vom letzten Test in Rechtschreibung.

Fast kein Fehler, sehr schön. Daumen hoch.

Fira freut sich.

Noch 10 Minuten bis zum Servieren. Sie schaut aus dem Fenster auf die Straße. Die Wassermassen sammeln sich in einer Rinne in der Mitte der Straße und fließen von da aus in den großen Kanalschacht. Menschen laufen mit gelben Plastikrucksäcken am Fenster vorbei. Es kribbelt in Firas Händen.

Schau mal. Ein alter Mann steht in der Tür der Pizzeria. Er trägt ein unförmiges Regencape und schüttelt einen Stock mit einer Halbkugel aus Stoff, sodass Regentropfen in alle Richtungen spritzen. Die Leute rümpfen die Nase und drehen sich weg. Er faltet das Ding zusammen und lässt seine glänzenden Augen über die Tische gleiten. Schließlich fällt sein Blick auf den letzten freien Hocker neben Fira. Er lächelt und setzt sich.

Mama, ich hab Angst.

Das ist nur ein Stummer. Und vor dem Schirm brauchst du keine Angst zu haben. Fira betrachtet ihn aus dem Augenwinkel, während er den Plastikumhang ablegt. Darunter kommen oben ein weißes Shirt mit hohem Kragen mit zwei spitzen Ecken und unten eine grobe blaue Hose zum Vorschein. Das sieht komisch aus.

Mama, er imprägniert nicht. Warum?

Er ist zurückgeblieben.

Noch 5 Minuten bis zum Servieren. Fira spürt das Grummeln in ihrem Bauch, aber der alte Mann hat ihre Neugier geweckt. Sie will ihn kontaktieren. − Er hat keine Nummer! Ihr Blick fällt auf seine leeren Hände und Fira zuckt zusammen. Er ist wirklich stumm. Der Mann schaut die Bedienung an und macht merkwürdige Gesten. Fira versteht nicht, was er meint, aber die Frau scheint ihn zu kennen. Sie stellt ihm mit der rechten Hand einen großen Bierkrug hin. Er nimmt ihn in beide Hände und hebt ihn direkt an den Mund. Igitt. Fira schüttelt sich. Kann er denn nicht das Trinkrohr benutzen? Sie schlürft an ihrer Cola.

Hier ist deine Pizza. Die Bedienung balanciert einen Teller vor sie hin. Darauf ist die viereckige Paprikapizza, in handliche Quadrate geschnitten. Fira entkoppelt ihre rechte Hand vom Sel-phone, nimmt sich ein Stück und beginnt zu essen.

„Guten Appetit, Kleine.“ Fira schielt zu dem alten Mann hoch, als sie die merkwürdigen Laute hört. Seine Augen schauen sie aus tiefen Höhlen an und er bewegt die Lippen.

Mama, ich mag keine Stummen.

Er tut dir nichts. Lass es dir schmecken.

Acht

09. April 2015 | von

Spinne II

Vor was haben wir eigentlich heute noch Angst? Krankheit, Einsamkeit oder doch der guten alten Spinne? Beate Böker hat in unserem Seminar: Texte in Arbeit eine ergreifende Kurzgeschichte geschrieben. Irgendwo zwischen Fiktion und Zukunft. Los geht`s in Zehn, Neun:

Acht

Nur noch eine Viertelstunde bis Feierabend. Dann einkaufen, kochen und den Rest des Abends gemeinsam fernsehen. Wir sind froh, wenn wir hier raus kommen.

Im Büro ist alles wie üblich. Die Kollegen schauen unauffällig hinüber, doch sobald ich ihre gaffenden Blicke erwidert möchte, sehen sie weg und tun so, als seien sie beschäftigt. Doch ich weiß, dass sie mich anstarren. Ich spüre ihre Blicke wieder, sobald ich nicht mehr hinsehe. Sie lassen mich nicht aus den Augen. Wahrscheinlich raten ihnen ihre Instinkte, mich gleich an Ort und Stelle zu beseitigen, wie sie es üblicherweise tun würden, wenn sie mir in ihren Kellern oder Garagen begegnen.

Jasmins Finger tanzen unter mir über die Tastatur. Sie ignoriert die Blicke; wahrscheinlich bemerkt sie die Gaffer gar nicht mehr. Menschen sind immerhin Gewohnheitstiere, so viel habe ich schon herausgefunden. Ich hingegen bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Ich bin schließlich eine Spinne.

Bei einem Verkehrsunfall wurde ein großer Teil von Jasmins Gehirn zerstört. Dank einer neuartigen Behandlungsmethode hat sie überlebt: Mein Körper sitzt in Jasmins Schädel und ersetzt die fehlenden Teile ihres Hirns. Die Folgen sind für uns beide akzeptabel. Wenn Jasmin schläft, sehe ich, was sie träumt. Eigenartigerweise kann ich ihre Gedanken nicht lesen, wenn sie wach ist – sie aber dafür meine. Das ist praktisch, weil sie dadurch direkt weiß, wenn ich hungrig bin.

Meine haarigen Beine hängen rechts und links an ihrem Kopf herunter. Über ihrer Stirn, dort wo einst der Haaransatz war, sitzen jetzt meine Beißer und direkt darüber meine acht Augen. Alles was Jasmin sieht, sehe ich also auch.

Jasmin fährt danach endlich den Rechner runter und packt ihre Sachen. Wir verlassen das Büro. Ich kann eine Welle der Erleichterung hinter uns spüren, ein Aufatmen, als seien die Kollegen froh, dass wir endlich weg sind.

Auf dem Korridor stehen einige Leute vor dem Aufzug. Als sie uns kommen sehen, entschließen sie sich plötzlich alle gleichzeitig dazu, die Treppe zu nehmen. Sie grüßen Jasmin zwar höflich im Vorbeigehen, doch ihre Körperhaltung und ihr gezwungenes Vermeiden von Blickkontakt erinnern an Flucht.

Während wir zu seichtem Aufzug-Swing nach unten fahren, mache ich mir Gedanken, wie Jasmin es wohl empfindet, von allen gemieden zu werden. Es hat lange gedauert, aber irgendwann habe ich begriffen, dass Menschen Rudeltiere sind und Gesellschaft mit ihresgleichen suchen.

Ruiniere ich ihr Leben, weil sie meinetwegen keinen Anschluss findet? Oder ruiniert sie meines, weil man mich, um sie zu retten, aus dem Dschungel Sumatras entführt und auf einen Menschenkopf in Deutschland verpflanzt hat? Ich könnte im Urwald das gewöhnliche Leben einer Spinne leben, aber auch mir bleibt die Möglichkeit ein normales Leben zu führen für immer versagt.

„Zerbrich dir nicht unseren Kopf!“, sagt Jasmin und schiebt mir einen Keks zwischen die Beißer, wie immer, wenn ich solchen Gedanken nachgehe.

Ich mag Kekse. Aber sie lösen das Problem nicht. Nicht auf Dauer.

ZKS Story – Goldener Fisch

20. November 2014 | von

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Ein frisch verheiratetes Paar, aber unglücklich? Und ein Fischer, der im venezianischen Abwasser nach Fischen sucht? Wie das zusammenpasst, erzählt Lars Heukens in seiner packenden und ironischen Kurzgeschichte „Goldener Fisch“, die in unserem Kurs: Kreatives Schreiben entstanden ist. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

 


Goldener Fisch

von Lars Heuken

Roberto schnippte seine Zigarette in den Kanal. Sie landete mit leisem Zischen auf der braunen Brühe, sog sich langsam mit Wasser voll und verschwand unter der Oberfläche. Früher hatte er auf der Stufe neben der steinernen Brücke im Osten Venedigs immer Erfolg gehabt. Ja früher hatte Roberto eimerweise Fische gefangen.

Heute lag der einzige Fang des Tages in einer weißen Plastiktüte neben ihm auf dem Boden. Ein kleiner silbernen Fisch war eine magere Ausbeute für einen ganzen Tag angeln, rauchen und schnippen.

„Ich habe ein Zimmer reserviert, Fusco mein Name.“ „Willkommen im Hotel Venezia Senior Fusco, ach ja die Hochzeitssuite, sehr gerne“, antwortete der hagere Mann hinter der Rezeption auf die Frage des stilvoll gekleideten Mannes, welcher betont lässig an der Empfangstheke lehnte. „Dritte Etage links, einen schönen Aufenthalt und angenehme Flitterwochen wünsche ich Ihnen.“ „Danke“, grummelte der Gast und zog seine frisch angeheiratete Frau hinter sich her in Richtung des luxuriösen Aufzugs.

Mit leisem Surren holte Roberto die Schnur seiner Angel immer wieder ein. Auswerfen und einholen, einen ganzen Tag lang. Seine dreckigen klobigen Füße baumelten knapp über der Wasseroberfläche wie die Wurzeln eines alten knorrigen Baumes. Der modrige Duft des Salzwassers vermengt mit dem Gestank des Mülls und des Taubendrecks der Stadt stieg ihm in die Nase. Die herunterbrennende Abendsonne hatte seinen Armen eine Farbe wie die der beige-braunen Bogenbrücke neben ihm verliehen. Er stopfte sich lustlos eine neue Zigarette in den Mundwinkel und zündete sie an. Das Streichholz schnippte er in Richtung einer schwimmenden Ente, die er knapp verfehlte.

„Guck mal Darling, wie gut mein Ring zum Aufzug passt“, sagte die frisch Verheiratete zu Herrn Fusco. Dabei wedelte sie mit ihrer Hand vor seinem Gesicht. „Wenigstens ist er aus echtem Gold, 18 Karat“ murmelte er, während er versuchte den weißen Knopf mit der Aufschrift „Drei“ möglichst leger zu drücken. Die Tür schloss sich und der Aufzug setze sich in Bewegung. Ihr weißes Sommerkleid war am Morgen mit viel Sorgfalt ausgewählt worden und passte perfekt zu ihren Schuhen, welche mit einer kleinen Schleife verziert waren. Auf ihrem Zimmer ordnete sie ihre Haare und formte sie auf kunstvolle Weise zu einem Turm, während er den Fernseher testete und ihn voreingenommen als „Schrott“ bezeichnete. „Bin ich so fein genug für eine Erkundung der Stadt?“, fragte sie, während sie aus einer Flasche üppig Parfum auf sich und um sich verteilte. „Muss ich ja wohl, habe ja mit ‚Ja ich will‘ geantwortet“ sagte er und blickte teilnahmslos aus dem Fenster.

Boote waren die Feinde eines jeden Anglers in Venedig. Meist fuhren sie zu schnell und verursachten noch höhere Wellen, als sie ohnehin schon gemacht hätten. Mit ihren Motoren verpesteten sie die Luft, manche hinterließen einen leichten Ölfilm auf dem Wasser. Roberto hasste Boote. Er ging stets zu Fuß durch die engen Gassen, ein Boot hatte er sich nie leisten können, aber er hätte auch keins gewollt. Immer wenn ein Wasserfahrzeug an der Stufe neben der Bogenbrücke vorbeifuhr, bildeten sich viele Wellen. Nahezu unaufhörlich schwappten sie in Robertos Richtung. Manche waren hoch genug, um seine Füße zu erreichen. Sauberer wurden sie dadurch nicht. Oft blieb ein Stück Müll zwischen seinen Zehen hängen, welches er dann zum Ausruf eines Schimpfwortes abschüttelte.

Wie ein Gentleman half Herr Fusco seiner Frau auf ein kleines Ruderboot an einem Pier hinter dem Hotel Venezia. Ihr entging dabei nicht, dass er währenddessen nur Augen für eine zierliche Kellnerin im angrenzenden Straßencafé hatte. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, so sehr ruhten seine Augen auf dem Hüftschwung der Espresso servierenden Schönheit. Sein Gesichtsausdruck war fast traurig, als das Boot ablegte und der Touristenführer es von der Steinkante in die Mitte des Kanals manövrierte.

Laut schnatternd schüttelte sich die Ente und flog mit schnellem Flügelschlag davon.

Diesmal hatte Roberto mit seinem brennenden Streichholz getroffen. Zufrieden wippte er mit seiner Angel, als ein Ruderboot in einiger Entfernung auftauchte. Direkt erlangte das weiße Sommerkleid seine Aufmerksamkeit.

Mit kräftigen Schlägen ruderte der Bootsführer das hölzerne Boot durch Venedig. Nebeneinander zu sitzen, hatte Herr Fusco mit einem „Nee ist mir zu eng so“ abgewimmelt, also saß das Ehepaar getrennt hintereinander. Laut und eindringlich klingelte das Mobiltelefon von Herr Fusco. Hektisch stützte er sich nach hinten, um es aus der Tasche seiner immer perfekt sitzenden Anzughose zu holen. Durch die schnelle Bewegung geriet das Boot aus dem Gleichgewicht, es schwankte und überraschte den Bootsführer mitten in seiner Bewegung. Die frisch Verheiratete verlor die Orientierung und plumpste unter lautem Geschrei in den stinkenden Kanal. Herr Fusco nahm seinen Anruf entgegen. Wild rudernd versuchte sich seine Frau über Wasser zu halten, ihre Frisur war ruiniert und erst ihr Kleid…

Roberto hatte die tragische Szene beobachtet. Er lächelte müde und erklärte den Angeltag für beendet. Seine letzte Zigarette flammte auf, und er schob seine Füße in ein Paar ausgetretene Badeschlappen. Den Fisch legte er in der Tüte zurecht und begann die Angel einzuholen.

Der Bootsführer ergriff die Initiative und streckte seinen Arm aus, um die Frau zu retten. Herr Fusco sah das nur aus dem Augenwinkel, sein Telefonat hatte höhere Priorität. Mit großer Anstrengung zog der Bootsführer die nasse Frau an Bord. Ihre Haare hingen ihr ins Gesicht, einige Plastikreste hatte sich darin verfangen. Ihr Blick senkte sich auf ihre Hand. „Neeein, der Ehering ist weg!“, schrie sie erbost. Sie begann zu weinen. Herr Fusco beendete das Telefonat in diesem Moment und antwortete kühl: „Naja, vielleicht hat es nicht sollen sein.“
Die letzte Zigarette ging zu Ende, Roberto schnippte sie in den vom Sonnenuntergang beleuchteten Kanal. Mit leisem Surren glitt die Schnur durch in die Rolle seiner Angel.

Er griff zur Tüte mit dem Tagesfang und schulterte die Rute. Fast hätte Roberto das goldene Schimmern an seinem Haken übersehen.

Auf ein Neues

04. August 2014 | von

WP_20140708_006swDie Semesterferien sind da und auch die letzten Texte aus unserem Business-Writing-Kurs trudeln bei uns ein. Über mehrere Monate sind in Kooperation mit der IVU spannende Texte über Projekte des Unternehmens entstanden, die wir zusammen mit der Unternehmenskommunikation der IVU verfeinert haben.  Wer von euch auch gerne einen Businesss-Writing-Kurs belegen möchte, kann sich freuen: Nächstes Jahr im Sommersemester findet der Kurs wieder statt.

Inzwischen ist das neue Kursangebot für das Wintersemester 2014/2015 online: Vom Kreativen Schreiben, über Journalistisches Schreiben bis hin zum Training Schriftsprache und Wissenschaftlichem Schreiben ist für jeden was dabei! Auch eine Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten wird es im Februar 2015 wieder geben.

Die Anmeldephase beginnt bei uns am 01. August 2014. Wer Lust hat, im September schon durchzustarten: Frau Münzberg von der Duden-Redaktion kommt wieder zu uns und wird die Crashkurse  „Gefühltes Komma ‒ richtiges Komma?“ –  Zeichensetzung (Termin: 25.09.2014, 11.00 – 13.00 Uhr) und Zweifelsfälle: deutsche Grammatik in zwei Stunden (Termin: 30.09.2014, 11.00 – 13.00 Uhr) halten.

Anmelden könnt Ihr euch wie gewohnt unter Campus: Sommersemester 2014/Interdiziplinäres Lehrangebot/Sprache.

Wir wünschen euch sonnige und entspannte Ferien und freuen uns euch bald wieder in den Kursen vom ZKS zu sehen.

 

 

 

Fehlende (Schreib-) Kenntnisse zu Studienbeginn: Die Aachener Erstsemesterbefragung 2014

03. April 2014 | von

Im Januar wurden die Erstsemester in den Bachelorstudiengänge der RWTH Aachen zu Ihrer Zufriedenheit mit dem Studium befragt. Das Schöne an den Ergebnissen: Die Mehrzahl der Studierenden sehen die RWTH als Wunsch-UniFireShot Screen Capture #019 - 'RWTH-Aachen-Erstsemesterbefragung-WS13-14_pdf' - blog_rwth-aachen_de_lehre_files_2014_04_RWTH-Aachen-Erstsemesterbefragung-WS13-14und sind mit ihrem Studium zufrieden.

Was uns natürlich besonders interessiert hat: Der Bedarf an Veranstaltungen zur Verbesserung der Schreibkompetenz. Tatsächlich geben 34% der Befragten an, dass sie zu Studienbeginn nicht ausreichend Vorkenntnisse „im Verfassen von schriftlichen, akademischen Arbeiten“ mitbringen. Immerhin noch 25% sind der Ansicht, dass Sie diese Fähigkeiten auch nicht durch ihr Studium erwerben können.

Unsere Angebote sollen genau dazu einen Beitrag leisten, diese Nachfrage zu bedienen. Unabhängig davon, ob man am ZKS einen eher wissenschaftlich, journalistisch oder literarisch orientierten Kurs besucht, am Ende wird durch die gezielte Schreiberfahrung und die Betreuung bei der Verbesserung von Texten aller Art auch das Schreiben im Studium leichter fallen.

Wir nehmen das Ergebnis als Asporn und hoffen, viele von denen zu erreichen, die ihre Schreibfähigkeiten verbessern wollen.

In diesem Sinne: Wir wünschen ein produktives Sommersemester 2014 und wünschen beim Studieren und Schreiben viel Spaß und Erfolg!

Rückblick: Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten

13. März 2014 | von

Am 24.04. war es dann soweit: Die erste Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten an der RWTH Aachen fand statt. Der Andrang war groß, freie Plätze waren rar und für viele hätte die Nacht noch länger sein können. Wir haben uns sehr gefreut, dass unser Angebot so positiv aufgenommen wurde!

Danken möchten wir an dieser Stelle dem Team der Hochschulbibliothek, das durch die engagierte und motivierte Zusammenarbeit mit uns diesen Abend überhaupt erst möglich gemacht hat (und auch für das Catering gesorgt hat, was viel Lob bekam). Danke auch an den ASTA, der tatkräftig unsere Werbung unterstützt und den Abend mit Getränken versorgt hat. Ein herzliches Dankeschön an alle Dozenten, die an diesem Abend als Ansprechpartner und Workshop-LeiterInnen für den nötigen Input gesorgt haben. Und last but not least ein Riesenlob an den Pausen-Express vom Hochschulsport, ihr habt ordentlich Bewegung in die Nacht gebracht!LNdaH 24.02 (4)1

Wir sind bereits dabei, die nächste Lange Nacht zu planen und freuen uns schon darauf. Bis dahin: Viel Spaß beim Schreiben!

Hier gehts zum Artikel der Aachener Nachrichten über die Lange Nacht.