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RWTH-Schreibzentrum

Schlagwort: ‘Schreibkurs’

Endlich präzise über die Weltmeere

11. September 2017 | von

Erneut hat es ein Text von unserem „Oberseminaler“ Jonas van Bebber in die AZ/AN geschafft. Wir freuen uns!


Wer war eigentlich John Harrison? Die spannende Geschichte eines Uhrmachers, der die Seefahrt revolutionierte, indem er das Längengradproblem löste. Der frustrierende Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und das Ringen um ein Preisgeld.

Er wird am 24. März 1693 geboren, ist Tischler, Erfinder und autodidaktischer Uhrmacher: John Harrison. Mitte des 18. Jahrhunderts löst er das Längengradproblem: Als Erster macht der Engländer das Objekt Uhr seetauglich. Das für die Navigation noch ungewöhnliche Hilfsmittel ermöglicht die zuverlässige Bestimmung der geografischen Länge, was zuvor selbst für erfahrene Seeleute ein Problem war. Sein ganzes Leben entwickelt Harrison die Uhr weiter und tritt in einem frustrierenden Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und wissenschaftliche Eliten an, die seine Leistung nicht anerkennen wollen.

22. Oktober 1707: Vier britische Kriegsschiffe kehren nach einer Seeschlacht zurück nach England. Die Schlacht ist gewonnen, die Freude auf die Heimat groß. Aber die Orientierung ist verloren, die wahren Positionen der Schiffe sind anders als berechnet. Vor den Scilly-Inseln an der Südwestspitze Englands laufen die Schiffe auf Grund. Auf einen Schlag sterben fast 2000 Seeleute. Die Regierungen der Seefahrernationen sind wachgerüttelt. Es muss eine Lösung für das Navigationsproblem her, wenn nötig mit Hilfe von Wettbewerben und ausgeschriebenen Preisgeldern.

Geübte Seemänner sind zur Zeit von Christoph Kolumbus (1451-1506) fähig, den aktuellen Breitengrad ausreichend genau zu bestimmen. Sie nutzen den Sonnenstand oder bestimmen die Höhen von bekannten Sternen über dem Horizont. Aber die Positionsbestimmung ist komplex: Komplizierte Beobachtungsinstrumente und präzise Messungen sind dabei nötig. Längengrade lassen sich anschließend nur mit aufwendigen Berechnungen bestimmen.

In der Folgezeit werden Breiten abgesegelt; oft ungewiss, ob man weiter nach Osten oder Westen manövrieren soll. Schiffe verunglücken oder verlieren sich in den Weiten der Ozeane. Viele Menschen verhungern, verdursten und ertrinken. Der wirtschaftliche Schaden ist groß. Das britische Parlament schreibt 1714 einen legendären Preis aus: Im Longitude Act werden 20 000 Pfund für eine „praktikable und nützliche Methode“ versprochen, mit der eine genaue Längengradbestimmung möglich ist. Ein einfacher Arbeiter lebt zu der Zeit von zehn Pfund im Jahr.

Für den Uhrmacher und talentierten Feinmechaniker John Harrison ist klar, dass eine präzise seetaugliche Uhr die Lösung des Längengradproblems sein kann. Mit der mitgeführten Zeit des Heimathafens – etwa der Greenwich-Zeit – und mit der Ortszeit auf See, die die Seeleute nach herkömmlichen Verfahren bestimmen, ist die Position schnell auszumachen. Die Zeitdifferenz lässt sich in einen Drehwinkel der Erde umrechnen, die Länge bezogen auf Greenwich damit feststellen. Ist die auf dem Schiff bestimmte Ortszeit zum Beispiel drei Stunden hinter der Greenwich-Zeit, so befindet sich die Mannschaft 45 Grad westlich vom Nullmeridian. Denn pro Stunde dreht sich die Erde beständig um 15 Grad weiter.

Harrison tüftelt über Jahre an Präzisionszeitmessern. Er ist der Erfinder des Bimetall-Streifens und verwendet in seinen Uhren neuartige Mechanismen und Federn, die den Rhythmus vorgeben. Manche Konstruktionen müssen nicht mehr geölt werden und laufen während des Aufziehens konstant weiter. Sie trotzen Temperaturschwankungen und Erschütterungen auf See. 1759 präsentiert Harrison der Längengradkommission seine vierte und berühmteste Konstruktion – die H4. Mit knapp drei Pfund Gewicht und einem Durchmesser von 13,2 Zentimetern ist sie besonders kompakt.

Viele Gelehrte stehen Harrisons Idee kritisch gegenüber. Nur Himmel und Sterne können und sollen den Weg weisen, so die Meinung der Mehrheit. Als verhasster Feind steht Harrison der Brite Nevil Maskelyne gegenüber, der eine Monddistanz-Methode für die Navigation entwickelt: Auch mit vorausberechneten Abständen zwischen Mond, Sonne und Erde für bestimmte Uhrzeiten lassen sich Positionen bestimmen. Das Verfahren ist jedoch aufwendig und erfordert neben akkuraten Messungen viel Zeit für Berechnungen.

Nur fünf Sekunden verloren

Die erste große Testfahrt führt die H4 1762 über den Atlantik nach Port Royal. Kommissionsvertreter John Robinson stellt die lokale Ortszeit mit seinen Messinstrumenten fest und erkennt, dass die Uhr während der 81-tägigen Atlantiküberquerung nur fünf Sekunden verloren hat. Bei einer zweiten Erprobungsfahrt lässt sich die geografische Länge auf zehn Meilen genau bestimmen; die Präzision ist damit dreimal so hoch, wie vom Longitude Act gefordert. Was für ein Erfolg!

Harrison müsste den Preis direkt erhalten. Aber alles kommt anders. Statt 20 000 Pfund bekommt er 1500 Pfund. Die Kommission würdigt die Leistung kaum und verkennt den Nutzen der neuen Idee. Es folgt ein bitterer Schlag: 1765 ist es Maskelyne, der zum neuen königlichen Astronom gekürt und nun – als Mitglied der Kommission – damit beauftragt ist, Harrisons Uhren zu testen.

Den königlichen Astronom interessiert seine eigene Navigationsmethode aber viel mehr: Ab 1765 veröffentlicht er insgesamt 49 Ausgaben seines schon zu Lebzeiten berühmten astronomischen Jahrbuchs „Nautical Almanac“, in dem die Seeleute berechnete Monddistanzen finden.

In „Längengradgesetzen“ ändert die Kommission die Regeln des Wettbewerbs mehrfach zu Ungunsten Harrisons ab und nutzt seine Gutmütigkeit aus. 1730 beugt er sich der Aufforderung, den Zusammenbau seines ersten Zeitmessers kleinschrittig vorzutragen. Später soll er alle gefertigten Chronometer abgeben und weitere bauen – ohne seine Baupläne, die die Kommission bereits an sich gerissen hat.

Ab und zu erhält Harrison geringe finanzielle Zuwendungen, auf die er mittlerweile angewiesen ist. Er verzweifelt zunehmend. Maskelyne steht plötzlich unangekündigt vor Harrisons Tür mit einem Erlass der Kommission. Zornig muss der Überraschte mit ansehen, wie seine Uhren in Beschlag genommen und rabiat aus dem eigenen Haus abtransportiert werden.

Harrisons Sohn William bittet 1772 den englischen König George III., die neueste Uhr seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters – bereits die H5 – zu erproben. Der König stimmt zu und lässt den Zeitmesser an der Sternwarte zehn Wochen lang testen. Das Resultat lässt heute noch staunen: Nur eine Drittelsekunde verliert die H5 pro Tag. König George gibt einen langersehnten Lichtblick: „Harrison, ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu Eurem Recht kommt!“ Der König verteidigt die Uhr nun vor den Verfechtern der Monddistanz-Methode. Harrison appelliert an die Minister des Parlaments und trägt seinen Wunsch nach Anerkennung vor. Die Wettbewerbskommission bleibt stur, vom Parlament aber erhält er knapp das restliche Preisgeld. Es ist ein schwacher Trost. Maskelyne reibt sich indessen die Hände – die Bedingungen für den Längengradpreis werden erneut verschärft. Und der offizielle Preis wird nie vergeben.

Mehr und mehr Seefahrer aber lassen sich vom großen Nutzen der Chronometer überzeugen. James Cook führt auf seiner zweiten Reise 1772 eine Kopie von Harrisons H4 mit und berichtet begeistert: „Die Uhr war unser treuer Führer durch alle Widrigkeiten des Klimas.“ Harrisons Idee gibt den Takt weiter vor und erobert die Welt mit der Seefahrt. Der Autodidakt begründet mit seinen Präzisionszeitmessern das Feinmechanikhandwerk in England, das bei der industriellen Revolution eine Schlüsselrolle spielt. Es ist ein Grundstein für die heutige wirtschaftliche Macht Europas in der Welt.

INFOS
  • Geboren wurde John Harrison am 24. März 1693 und dann getauft am 31. März in Foulby im britischen Yorkshire. Der gelernte Tischler war ein Autodidakt und talentierter Feinmechaniker. Schon zu Lebzeiten galt er unter Uhrmachern als Genie. Seine Erfindungen sind auch heute wichtige Bestandteile moderner Chronometer – zum Beispiel die Bimetall-Streifen oder der „Grasshopper“-Taktgeber-Mechanismus. Harrison heiratete zwei Mal und war Vater dreier Kinder. Am 24. März 1776 starb er in London.
  • Mit dem Äquator bietet die Natur eine besondere Referenz für die geografische Breite an: Auf dieser Linie sind die Abstände zur Drehachse der Erde maximal. Für die Längengrade gibt es keine solche ausgezeichnete Linie. Erst 1884 einigen sich 26 Nationen auf der Meridiankonferenz in Washington, D.C., darauf, dass die Referenzlinie für die Längengrade – der Nullmeridian – durch das englische Greenwich verlaufen soll. Es ist vor allem ein Vermächtnis Nevil Maskelynes, der für seine Monddistanz-Berechnungen immer Greenwich als Referenz wählt, den Ort der königlichen Sternwarte.

 

 

Das Buch ist tot – Es lebe das Buch!

20. April 2017 | von

„Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.“ (Ludwig Feuerbach)

Die Türglocke klingelt. Ein kleiner Raum, der durch seine deckenhohen Regale verwinkelt erscheint: Geheimnisvolle Atmosphäre. Wenig Platz für aufwendige Dekorationen und Nippes, dafür eine schier endlose Aneinanderreihung von Buchrücken. Zu viele, um sie auf einen Blick zu erfassen. Wer hier etwas auf die Schnelle sucht, muss einen der fachkundigen Buchhändler fragen. Alle anderen lädt die kleine aber feine Buchhandlung in Aachen zum Stöbern ein.

Fast die Hälfte des Buchumsatzes bestreitet der Sortimentsbuchhandel mit 48,2 Prozent. Dahinter positioniert sich mit 20,9 Prozent der Verkauf durch die Verlage. Internetbuchhandel nimmt in Deutschland 2015 lediglich 17,4 Prozent ein. Der durchschnittliche Ladenpreis eines gedruckten Buches liegt bei 14,95 Euro. Trotz gestiegener Medienkonkurrenz ist in den letzten zehn Jahren die Kaufkraft an gedruckten Büchern nahezu stabil geblieben. Eine Umfrage hat ergeben, dass der beliebteste Leseort das Sofa oder der Sessel ist.

Ein Durchgangszimmer. Beide Seiten mit Regalen verziert, die bis unter die Decke reichen. Auf ihnen stehen Buchrücken an Buchrücken aneinandergereiht. Der Anblick überwältigt, die Farbe an den Wänden ist nicht mehr zu erkennen. Zwei tiefe Sessel laden zum gemütlichen Verweilen ein. Gleich daneben bietet das Büro einen ähnlichen Anblick. Mit einer Ausnahme: Hier findet noch ein Schreibtisch Platz. Der Autor Christoph Leisten (56) schreibt seit 1996. Bisher hat er zwei Prosawerke und vier Gedichtbände beim Rimbaud-Verlag in Aachen veröffentlicht.

Die prächtige Glasfassade einer großen Buchhandelskette in Aachen bietet ein beeindruckendes Bild. Im Inneren fühlt man sich wie in einem Bienenstock. Überall herrscht reges Treiben, trotzdem findet man die nötige Ruhe, um entspannt die Regale entlangstreifen zu können. „Dass sich unsere Kunden wohlfühlen, ist uns sehr wichtig“, erläutert Benjamin Schell, Pressesprecher. Die zahlreichen Leseecken, das hauseigene Café oder die Arbeitsplätze auf der obersten Etage, überall kann man für eine Weile dem Alltagstrott entfliehen. Trotz der riesigen Auswahl sei das gedruckte Buch für die Buchhandlung immer noch das wichtigste Kulturgut, erklärt Schell. „Gedruckte Bücher erfinden sich immer wieder neu, weil sie mit der Zeit gehen.“

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels berichtet: „Bücher sind unverzichtbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale.“

Geschätzter Umsatz des deutschen Buchhandels stagniert in den letzten 15 Jahren zwischen 9,4 und 9,2 Mrd. Euro. Sind Verkaufsplattformen im Internet eine große Konkurrenz? Die große Buch-handlung in Aachen grenzt sich davon ab. „Wir sind persönlicher als das Internet“, erklärt Schell. Zwar bekomme man dort Buchvorschläge, aber diese seien nach bestimmten Logarithmen geschaltet und können keine kompetente Beratung durch einen fachkundigen Buchhändler ersetzen. Lyriker und Buchautor Christoph Leisten beurteilt die Lage so: „Große Ketten ziehen viel Laufkundschaft an, daher ist das Internet eher für sie eine Konkurrenz, wenn auch eine geringe.“ Kleine Buchläden aber seien durch dieses Angebot nicht bedroht, da sie einen soliden Kundenstamm haben. Woher er das so genau weiß? Als Student hat er in der Würselener Buchhandlung von Martin Schulz gejobbt.

Der Umschlag sieht aus wie ein Päckchen von DHL. Realistisch gestaltet, mit Absenderadresse und Barcode. Unten der Hinweis, es vor Regen zu schützen. Die Haptik: Für den Buchkäufer ein entscheidendes Kriterium. Wenn das Cover die Aufmerksamkeit erregt hat, ent-scheidet sich nach dem Lesen des Klappentextes, ob man das Buch kauft. Zuhause angekommen, reißt man „Das Paket“ von Sebastian Fitzek ungeduldig auf. Mit dem Geruch frischer Druckerschwärze in der Nase schlägt man das erste Kapitel einer neuen Welt auf.

Bis auf die Schiebetüren und den typischen Bankteppich zeugt in der Stadtbibliothek Köln Ehrenfeld nichts mehr davon, dass dieses Gebäude eine ehemalige Sparkassen-Filiale ist. Der Eingangsbe-reich ist großzügig angelegt. Mittig positioniert stehen DVDs. Auf der rechten Seite ist ein breites Angebot an Sachliteratur und Romanen zu finden. Links die gemütliche Kinderecke. In der Nische an der Wand sitzt ein Vater mit seiner vierjährigen Tochter zusammen mit dem Buch Ein Geburtstagsfest für Lieselotte. Aufgeregt trippelt ein zweijähriger Junge Richtung Bücherkiste. Für die ganz Kleinen gibt es extra dicke Pappbilderbücher.

„Gedruckte Bücher sind für mich Lebensbegleiter, sie sind von einer eigenen Aura umgeben, die ihre elektronische Version niemals haben kann“, erklärt Christoph Leisten.

Klein, handlich, kompakt: Der E-Book-Reader. Ob der Kindle von Amazon, die E-Ausleihe der Bibliotheken oder die i-Book-App von Apple: Sie alle machen es möglich, Bücher digital zu lesen. Mittlerweile kann man fast überall E-Book-Reader kaufen. „Im Vergleich zum gedruckten Buch, ist der E-Book-Verkauf relativ gering“, klärt Benjamin Schell auf.

Bücher digital zu lesen, hat Vorteile: Der Koffer für den Urlaub ist nicht mehr zu Dreiviertel mit Büchern vollgestopft, weil man sie bequem auf den Reader laden kann. Und abends im Bett braucht man kein zusätzliches Licht zum Lesen. Für Christoph Leisten sind E-Books rein pragmatisch. „Wenn ich reise, lade ich gerne Nachschlagewerke auf meinen Reader, damit ich sie nicht schleppen muss.“ Und Christoph Leisten reist oft. In Marokko war er bereits über vierzig Mal. Über seine Erfahrungen in diesem Land schreibt er in Marrakesch, Djemaa el Fna und Argana. Notizen aus Marokko.

„Eine gute Bibliothek ist immer eine Begegnungsstätte. Ich sage immer: Man kommt wegen der Medien und bleibt wegen der Menschen!“ Cordula Nötzelmann, Leiterin der Kölner Zweigstellen, beantwortet damit die Frage, warum die Bibliotheken so großen Zulauf haben. 2016 besuchten in Deutschland 119. Mio. Menschen öffentliche Bibliotheken und liehen dort 450. Mio. Medien aus.

Während die öffentlichen Bibliotheken mit einem vielfältigen Angebot an gedruckten Büchern und digitalen Medien punkten, hat sich die Deutsche Nationalbibliothek längst von ihren Büchern verabschiedet. Statt gedruckten Büchern stehen den Nutzern nur noch E-Books zur Verfügung. Argumente für die Umstrukturierung: Gedruckte Bücher wiesen irgendwann Gebrauchsspuren auf und Reparaturen seien kostspielig. Lieber verbannt man die wertvollen Artefakte in den Keller, wo ihnen keiner mehr Leid zufügen kann.

Bücher haben Charakter, gerade weil sie gelesen werden. Eine Stammkundin aus Köln Ehrenfeld erzählt: „Ich leihe hauptsächlich Koch- und Backbücher aus, weil ich gerne neue Dinge ausprobiere.“ Auf die Frage, warum sie diese nicht in der Buchhandlung kauft, gesteht sie mit einem verlegenen Grinsen, da stünden keine Anmerkungen drin. Für die Bibliotheken, egal ob öffentlich oder wissenschaftlich, ein altbekanntes Problem: Die Notizen am Rand.

Unscheinbare Kästen erobern das Land. Zwei Seiten aus Glas, der Rest umgeben von einer edlen, dunklen Holzvertäfelung, Viele Passanten laufen in Aachen um den mysteriösen Kasten Ecke Passstraße/Grüner Weg herum, aber dennoch an ihm vorbei. Die Meisten sind zu sehr mit ihren Smartphones beschäftigt. Von der Passstraße aus nähert sich eine etwa Siebzigjährige Dame mit ihrem Enkel. Der fünfjährige Junge hat seine dicke Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Als sie vor der Glasvitrine stehen bleiben, bilden sich vor ihren Gesichtern weiße Atemwolken. Was verbirgt der Kasten? Richtig, Bücher! Die Beiden stehen vor einem öffentlichen Bücherschrank. Darin findet sich eine breite Auswahl: Hemingway neben Rosamunde Pilcher, Emilia Galotti neben Harry Potter.

Das Projekt der öffentlichen Bücherschränke wird in Aachen seit Winter 2012 von der IG Aachener Portal e.V. gefördert. Damit wird Menschen kostenlos Literatur zur Verfügung gestellt. Vor allem sozial Benachteiligte haben so die Möglichkeit an Lesestoff zu gelangen. Das Projekt lebt ausschließlich durch die Partizipation der Nutzer. Wer ein Buch mitnimmt, kann es entweder zurückbringen oder ein anderes, lesenswertes Buch hineinstellen.

„Einige Bücher verlieren mit der Zeit ihre Bedeutung, einige bleiben bedeutend und andere gewinnen ihre Bedeutung erst nach Jahren“, so Leisten. Bücher seien Auslöser für Erinnerungen und Emotionen, erklärt er und sagt, dass er kein Buch weggeben kann. Für ihn sind seine Bücher ein Stück seiner Seele.

Personennahverkehr in Hamburg. Menschen aller Altersklassen tummeln sich in den VHH-Bussen. Einige von ihnen müssen zur Schule, andere haben Termine beim Arzt oder müssen zur Arbeit. In vielen Städten schauen Fahrgäste gelangweilt aus den Fenstern und sind dem gewöhnungsbedürftigen Musikgeschmack ihrer Nachbarn ausgeliefert. Nicht so in den Hamburger Bussen. Gleich hinter der Fahrerkabine ist ein rotes Regal montiert. Darauf stehen Bücher, die während der Fahrt von den Fahrgästen gelesen werden dürfen. Und auch darüber hinaus dürfen die Bücher genutzt werden: Ähnlich wie bei den Bücherschränken, funktioniert das System der sogenannten „Buchhaltestellen“. Das Gebrauchtwarenkaufhaus STILBRUCH hat die Bücherbusse ins Leben gerufen. Seit 2010 existiert die Kooperation mit der VHH, die mittlerweile über 100 Buchhaltestellen installiert hat.

„Wenn du nicht all deine Bücher lesen kannst, dann nehme sie wenigstens zur Hand, streichle ein wenig über sie, schau’ etwas hinein, lasse sie irgendwo auffallen und lese die ersten Sätze, auf die dein Auge fällt, stelle sie selbst aufs Bord zurück, ordne sie nach deinen Vorstellungen so, daß du wenigstens weißt, wo sie sind. Lass’ sie deine Freunde ein; lasse sie auf alle Fälle deine Bekannten sein.“ (Winston Churchill)

Aachen. Hier findet jährlich im September die COMICADE-Messe statt. Das Besondere: Mehr als fünfzig hochkarätige Comic-Zeichner lassen sich vor Ort bei der Arbeit über die Schulter schauen. Und Kreative dürfen in Zeichenkursen ihr Können unter Beweis stellen. Auf Buchmessen kann man in die faszinierende Welt der Literatur eintauchen. Das Angebot ist nicht nur auf Bücher beschränkt. Im Programm: Lesungen, Vorträge und Preisverleihungen. Messen sind nicht nur für Verleger, Agenten und Buchhändler interessant, sondern auch für Leser.

Zuversicht in die Leser hat die Vertrauensbibliothek auf der Insel Langeoog seit vielen Jahren. Einheimische und Touristen können sich hier sprichwörtlich bedienen. So kann man seinen Urlaub entspannt mit unvorhergesehener Leselektüre erweitern. Es wird darauf vertraut, dass die Bücher ihren Weg zurück finden. Dank um-fangreicher Schenkungen umfasst der Be-stand rund 3000 Bücher.

„Ich mag es, wenn man Büchern ansieht, dass sie gelesen worden sind. Das macht ihren persönlichen Charme aus“, erzählt Benjamin Schell.

Freitag 13.00 Uhr. Das Kloster in Sankt Augustin öffnet seine Tore. Ein riesiger Raum mit einer gewölbten Decke erstreckt sich. Es riecht nach Staub und Papier. Die Gänge sind schmal, teilweise verwinkelt. Auf jeder Seite Regale, vollgestopft mit Büchern. Auf dem Bücherflohmarkt der Steyler Missionare kann man jeden Freitag von 13. bis 16. Uhr Bücher zum Kilopreis ergattern. Hauptsächlich Theologie und Kirchengeschichte, aber auch an Romanen und Sachbüchern mangelt es nicht. In der Kinderecke jubelt ein zehnjähriger Junge und läuft aufgeregt zu seiner Mutter, die nicht weit entfernt bei den Kochbüchern steht: In seinen Händen Der Räuber Hotzenplotz. Die Einnahmen spendet das Kloster an gemeinnützige Organisationen weltweit. So versucht das Kloster die Welt durch Bücher ein Stückchen besser machen. Ein Besuch lohnt sich allemal.

Bücher zu lesen, erweitert den Horizont. Nicht umsonst heißt es: „Lesen bildet!“ Bücher entführen den Leser in andere Welten. Sie sind Lebensbegleiter, ob nun beim Aufschlagen oder Zuklappen eines Kapitels. Ihre Art und Weise Geschichten zu erzählen und damit den Leser zu faszinieren, wird niemals aussterben. Es lebe das Buch!

5 spannende Fragen über Bücher:

Wie viele Seiten muss ein Buch haben, um ein Buch zu sein? 49 Seiten, das hat die UNESCO beschlossen!

Was ist das teuerste Buch und wem gehört es? Der Codex Leichester von Leonardo da Vinci. Bill Gates hat es 1994 gekauft. Heute liegt der geschätzte Wert des Buches bei 49 Mio. US-Dollar.

Was ist das meistverkaufte Buch aller Zeiten? Die Bibel mit bis zu 6 Mrd. Ausgaben.

Welches Buch wird am häufigsten gestohlen? Das Guinness Buch der Rekorde.

Was war das erste Buch, das auf einer Schreibmaschine geschrieben wurde? „Tom Sawyers Abenteuer“ von Mark Twain entstand 1874 als erstes Buch auf der Schreibmaschine.

Werke von Christoph Leisten:

▶ Argana. Notizen aus Marokko (Prosawerk) 2016
▶ bis zur schwerelosigkeit. (Gedichte) 2010
▶ der mond vergebens. (Gedichte aus zehn Jahren) 2006
▶ Marrakesch, Djemaa el Fna (Prosawerk) 2005
▶ In diesem licht. (Gedichte) 2003
▶ Entfernte Nähe. (Gedichte) 2001

 

Einen Moment, bitte

27. März 2017 | von

Momente auf Knopfdruck? Die Kurzgeschichten von Lukas Cremer, lanjähriger Teilnehmer unseres Oberseminars Texte in Arbeit, entwickeln sich langsam aber sicher zu einem ganz eigenem Genre. Hier eine seiner vielen Kürzestgeschichten aus dem letzten Wintersemester.


Stella lehnt sich vor und legt ihre Hand liebkosend in Timons Nacken. Ein Blick in seine moosgrünen Augen verrät ihr alles, was sie wissen will. Bis jetzt war es nur tollkühne Fantasie, nicht wahrhaftig, aber auch nicht zu leugnen. All das ändert sich im unendlichen Zeitpunkt, in dem sich ihre Lippen treffen.

Momentmacher Mark lehnte sich entspannt zurück und räkelte sich in seinem Stuhl. Sein 100. Angebot wurde schon vor der Mittagspause angenommen. Und dann auch noch ein erster Kuss. Die waren ihm eindeutig am liebsten. Stella und Timon hatte er aber auch schon wirklich mehr als genug Momente verschafft. Doch die Freude darüber, dass sie diesen einen Moment nicht hatten verstreichen lassen, machte alle Mühen mehr als wett. „Du hast doch wieder zwei zusammengebracht, so selbstgefällig, wie du da rumlümmelst!“, wurde Mark von seinem Kollegen Lars aufgezogen.
„Ich hab’ hier niemanden zusammengebracht!“, schoss Mark mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück. „Ich mache hier ausschließlich Gelegenheiten bewusst … Okay, du hast Recht“, räumte er ein, „die zwei waren längst überfällig. Worauf hast du heute so Lust?“
„Pass mal gut auf. Guck dir an, was für ’ne Serie der Meister jetzt hinlegt! Deine ersten Küsse toppe ich doch locker!“

Pascal hängt, die Ski bereits angeschnallt, an der eiskalten Kufe eines Helikopters.
„Jetzt oder nie!“, schießt es ihm durch den Kopf. Zweimal schon hat er sich nicht weiter getraut, aber heute ist ganz allein sein Tag. Mit einem langgezogenen Urschrei lässt er sich die Meter bis zum Tiefschnee fallen.

Pierre steht vor dem Regal im Supermarkt. An dieser Stelle hat er bereits x-mal den Weißtoast in den Einkaufswagen geladen. Als er jetzt so dasteht, weiß er gar nicht mehr genau, warum eigentlich. Irgendwie ist ihm heute nach irgendwas anderem zumute. Der Wagen leistet mehr Widerstand als sonst, als Pierre ihn wieder anschiebt. Doch die Entscheidung ist gefallen. Ohne zu wissen, was er morgen frühstücken wird, trottet er leise pfeifend davon.

Tanja wirft den schrillenden Wecker an die Wand. Sie wird heute ausschlafen. Und morgen auch. Und überhaupt. Der Job hat ihre Freunde, ihre Gesundheit, ihr Leben gefressen. Das einzige, was sie heute außer Ausschlafen tun wird, ist kündigen.

Lars lachte laut auf. „Das macht mir auch immer wieder Spaß!“, grölte er. „Davon biete ich heute auf jeden Fall noch mehr an! Aber jetzt kommt erstmal noch ein ganz besonderer. Ich bin gespannt, was passiert.“

Lukas nimmt den Stift in die Hand und starrt gedankenverloren auf das weiße Blatt Papier. Er kann alles schreiben. Alles.

Im Aachener Regen der Sonne entgegen

08. Dezember 2016 | von

Ein Auto, 40 Aachener Studierende, 3022 km quer durch das australische Outback. Der nötige Antrieb? Die Sonne. In ihrer Reportage stellt uns Isabella Contu das „Team Sonnenwagen Aachen“ vor und berichtet von dem spannenden Vorhaben der Studierenden mit einem selbstgebauten Auto an einem der härtesten Rennen für Solarautos teilzunehmen. Die Reportage ist unserem Seminar Journalistisches Schreiben entstanden und wurde auch in der AStA-Zeitschrift relatif veröffentlicht. Vielen Dank für den tollen Text!


Sonnenwagen Aachen e. V. – ein Auto, 40 Studierende. 3022 km durch das australische Outback, mit 70 km/h. Der nötige Antrieb? Die Sonne. Es geht um die World Solar Challenge, eines der weltweit härtesten Rennen für Solarautos. Ein Team aus Studierenden der RWTH und FH Aachen will nächstes Jahr eines der härtesten Rennen für Solarautos bestreiten.

Modell des „Sonnenwagens“

Team Sonnenwagen

Die Idee, an der World Solar Challenge teilzunehmen, kommt den Studierenden um Hendrik Löbberding in der Klausurphase. Nach einem langen Lerntag sitzt man zusammen in Hendriks WG und unterhält sich über die World Solar Challenge. Bei diesem Autorennen fährt man mit einem selbstgebauten Solarauto mehrere Tage durch die australische Wüste. Schnell denken die Studierenden darüber nach, warum sie nicht einfach selbst teilnehmen – wenn auch nur spaßeshalber.

Kein ganzes Jahr später steht Hendrik auf der Bühne bei „Aachen goes Electro“ am Elisenbrunnen, einem Aachener Elektromobilitätsevent. Er ist jetzt Vorsitzender des Teams Sonnenwagen Aachen. Ein eher unscheinbarer Typ; etwas schlaksig, groß, leicht gekrümmte Haltung, kurzes blondes Haar. Maschinenbauer eben, mag man sich denken. Aber Hendrik steht mittendrin in einem großen Projekt, das über den klassischen Maschinenbau weit hinausgeht und Teams aus aller Welt gepackt hat.

Team und Zuschauer stehen mit Regenschirmen vor der Bühne. Während Hendrik das Projekt vorstellt, regnet es in Strömen. Er und sein Team wollen eigenständig ein Solarauto bauen und damit die World Solar Challenge in Australien bestreiten: eine Rallye, die Auto und Fahrer an ihre Grenzen bringt. An Selbstbewusstsein dafür mangelt es dem Team nicht. „Wir sind hier in Aachen. Wir sind hier besser“, hört man einen von der Bühne aus sagen.

team-sonnenwagen

Team Sonnenwagen

Die Challenge

3022 km müssen auf öffentlichen Straßen quer durch die australische Wüste gefahren werden: einmal von Darwin im Norden bis Adelaide im Süden. Das heißt auch, 5 Tage in der Wüste wild campen, denn so lange braucht man in etwa für die gesamte Rennstrecke.

Die Energie zum Fahren darf ausschließlich aus der Sonne gewonnen werden. Entweder sie wird direkt genutzt oder sie lädt die Batterie, die als Unterstützung im Auto verbaut sein darf. Um eine möglichst hohe Sonneneinstrahlung auszunutzen, wird jeden Tag von 8.00 bis 17.00 Uhr gefahren. In der Mitte eine Stunde Pause mit Fahrerwechsel – das Mindeste wohl für den Fahrer, wenn man bedenkt, dass es im Cockpit bis zu 50° C warm wird. Lediglich die Batterie darf außerhalb der Rennzeiten noch voll aufgeladen werden.

Das Team Sonnenwagen startet in der Challenger Class, der Hauptklasse des Rennens, in der sich Teams aus aller Welt messen. In dieser Klasse darf nur der Pilot im Wagen sitzen. Für diesen heißt es jedoch nicht einfach voll auf das Gaspedal drücken. Gerade weil nur die Sonnenenergie genutzt wird, sind die Fahrstrategie und das Energiemanagement für alle Teams unabdingbar. Fährt das Auto durch Städte sei es unklug zusätzlich die Batterieleistung zu nutzen, denn man dürfe dort nicht so schnell fahren, erklärt der Fahrstratege Martin. Diese feinen Details entscheiden am Ende, wer das Rennen gewinnt.

Die Vorbereitung

Sie gehe gar nicht gerne campen und im Übrigen habe sie auch Angst vor Spinnen, erzählt Johanna, Leiterin des Teams Elektrotechnik. Vielleicht nicht die optimale Voraussetzung, sollte man meinen, doch Johanna ist Feuer und Flamme für das Projekt und möchte das Rennen vor Ort unbedingt begleiten: „Das wird dann schon irgendwie gehen.“ Schließlich schafft sie es auch, sich gegen die vielen Jungs im Team durchzusetzen. Als eines von wenigen Mädchen muss sie einige Jungs gelegentlich daran erinnern, dass sie nicht nur für Marketing-Zwecke im Team ist, sondern bei der Elektrotechnik die Teamleitung übernimmt.

Auf die Frage ob sie sich denn vorstellen könne, das Auto durch die Wüste zu fahren, winkt Johanna ab. Das müsse eine Qual sein, bei der Hitze im Cockpit zu sitzen. Noch steht nicht fest, wer diese unangenehme Aufgabe übernehmen wird. Viel wichtiger ist im Moment, das Auto fertigzubauen, denn noch gibt es nur eine 3D-Druck-Version. Diese ist so groß wie eine Handfläche und sieht aus wie ein Spielzeugauto. Dennoch ist klar: Die Fahrer werden sich auf das Rennen körperlich vorbereiten müssen – „mit Sauna-Gängen oder so“, erwidert einer bei Nachfragen während einer Informationsveranstaltung.

Packesel in Stromlinienform

Das kleine Modell des Sonnenwagens erinnert eher an ein Ufo. An ein Auto denkt man erstmal nicht. Keine Reifen sind zu sehen, nur eine glatte gewölbte Fläche mit einem kleinen Cockpit oben drauf. Schaut man sich Wagen aus vergangenen Rennen an, scheint dieses Modell wohl im Trend zu liegen, optimal um gute Rennzeiten zu erzielen.

4-m²-Photovoltaik-Module sind nach dem Regelwerk zugelassen; das ist so groß, wie ein Bett in einer Jugendherberge. Zur Unterstützung ist eine Batterie, in die das 300-fache einer normalen Handy-Akkuladung passt, zugelassen. Der Motor hat 1000 Watt Leistung – nicht mehr als ein üblicher Staubsauger. Das Fahrwerk vereint Lenkung und Räder. „Batterie, Motor, Reifen, Lenkung – alles muss von der Tragstruktur zusammengehalten werden. Wir nennen sie unseren Packesel!“

Damit dieser Packesel schnell fahren kann, muss er möglichst wenig Reibung haben. Dafür zuständig ist das Team Aerodynamik. Sebastian, der Teamleiter, erzählt vom so genannten cw-Wert: dem Strömungswiderstandswert. „Wir wollen ihn sehr niedrig halten.“ Um herauszufinden, was überhaupt ein niedriger cw-Wert ist, hat er sich im Tierreich umgeguckt. Den besten natürlich vorkommenden cw-Wert hat der Pinguin. „Unser Wagen soll den cw-Wert des Pinguins erreichen!“

Die Aerodynamik ist wichtig, um schnell zu sein. Doch sie schützt auch Fahrer und Auto. Die Rennstrecke ist ein einfacher Highway. Regelmäßig werden dem Sonnenwagen auch Trucks entgegenkommen. Damit diese den Wagen nicht von der Strecke schmeißen, muss die Strömung gut über ihn verteilt werden.

Besser als die anderen

Sonnenwagen e. V. nimmt als erstes Team aus Aachen an der World Solar Challenge teil – ein Nachteil im Vergleich zu anderen Teams, die schon mehrere Male teilgenommen haben. Diese Teams verbessern ihre Wagen nur noch. Das Aachener Team jedoch entwickelt einen komplett neuen Solarwagen. Keiner von ihnen hat so etwas je gemacht. Ein bisschen Formeln gepaukt im Studium haben sie, aber was hilft das schon, wenn man ein Auto bauen will. Doch Hendrik und Johanna lassen sich davon nicht einschüchtern.

Mit der Unterstützung zahlreicher Institute der RWTH und FH Aachen versuchen sie, in ihrem Wagen neueste Materialien zu verwenden. Das Gehäuse soll nicht aus Stahl, sondern aus leichten Folien sein, die auch für den Flugzeugbau verwendet werden. Als Tragstruktur wird ein ultraleichter Hybridrohrrahmen verwendet. Sie wollen sich als Neulinge direkt von den anderen Teams abheben.

Ohne Sponsoring für diese Materialien können die Studierenden die Kosten für den Bau des Autos nicht stemmen. Deswegen präsentieren sie sich beim Aachener Elektromobilitätsevent am Elisenbrunnen mit Huawei, einem von vielen Sponsoren.

Martin – kein begeisterter Renn-Fan, aber Spezialist auf seinem Gebiet

Selbst die besten Materialien nützen nichts, wenn beim Rennen nicht mit geringstem Energieaufwand schnell das Ziel erreicht wird. Martin hat dazu eine Fahrsimulation entwickelt. Jedoch sieht man auf dem Bildschirm seines Laptops kein Miniatur-Auto herumflitzen, sondern ein Diagramm für die verschiedenen Funktionen seines Programms. Klickt man auf die einzelnen Komponenten, öffnen sich weitere Diagramme mit roten, grünen und gelben Graphen. Sie zeigen, wann die Sonne wie viel scheint, wie schnell das Auto ist, wie viel Energie gebraucht wird, wie viel Leistung der Batterie genutzt wird.

„Für Autorennen interessiere ich mich eigentlich gar nicht so“, meint Martin. Das Rennen dauere schließlich nur fünf Tage – nichts gegen die über zwei Jahre Vorbereitungsarbeit. „Das Team motiviert mich und als Energietechniker ist das genau mein Gebiet!“

Die Simulation kennt jeden Meter der Strecke mit Ampeln, Kreuzungen und Abzweigungen. Alles fein säuberlich von Martin bei Street View abgegangen und im Code dokumentiert. In Zukunft soll das Programm den Energieverbrauch optimieren. Nur wenn die verfügbare Leistung auch an bewölkten Tagen optimal ausgenutzt wird, kann das Auto das Rennen in Bestzeiten fahren.

Geschäftsidee mit Brieftauben

15. September 2016 | von

van Bebber

 

Von einem Taubenschlag in Aachen, zu einer der wichtigsten Nachrichtenagentur der Welt: Im Rahmen unseres Kurses Journalistisches Schreiben ging Jonas van Bebber den Spuren der Nachrichtenagentur Reuters nach und entdeckete eine erstaunliche Geschichte. Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung in der AZ / AN!
Am 21. Juli 1816, also vor 200 Jahren, wird Paul Julius Reuter geboren. der Unternehmer legt in der Aachener Pontstraße den Grundstein für die Nachrichtenagentur Reuters.

 

Zwischen Speisekarte und Heizstrahler zieren ein paar bunte Kacheln die Wand neben dem Eingang des Restaurants „Reuters House“ in der Aachener Pontstraße. Zu erkennen ist ein Vogel, dessen Federn mosaikartig in grün, orange und schwarz nebeneinander schimmern. Es könnte das Symbol einer 68er-Friedenstaube sein. Oder ein Hinweis auf exotische gegrillte Kostbarkeiten. Zu essen bekommt man in der Aachener Pontstraße ja alles. Paul Julius Reuter – liest man in der Inschrift auf den Kacheln – ließ durch Brieftauben auf das Dach dieses Hauses Nachrichten aus Brüssel tragen. Die Gedenktafel am Haus 117 ist also ein Denkmal für den deutschen Unternehmer. Vor 175 Jahren lässt dieser hier ein erfolgreiches Geschäft mit Nachrichten aufblühen.

1850: Sehnlich erwartete Börsenkurse rauschen durch die noch neuen Telegrafenleitungen und bedeuten bare Münze, wenn man die Zahlen schneller kennt als die Konkurrenz. Das Verlangen der Menschen nach allgemeinen Nachrichten wird zunehmend größer. Berlin und Aachen sind bereits mit einer Telegrafenlinie verbunden, ebenso Paris und Brüssel. Aber zwischen Aachen und Brüssel gibt es noch keine elektrische Verbindung. Der 33-jährige Paul Julius Reuter entdeckt die Lücke im Nachrichten-Netz und handelt.

 

Schneller als der Postzug
Schnelligkeit ist gefragt. Wie kann Reuter die Brücke schlagen, bevor ihm jemand zuvorkommt? Brieftauben – so denkt er – sind der Schlüssel zum Erfolg! Die Idee ist pragmatisch, Flugtiere werden als Übermittler bislang noch nicht oft eingesetzt. Ein halbes Jahr lang lässt er täglich mehrere Brieftauben mit dem Zug nach Brüssel transportieren. Seine Botinnen eilen mit Nachrichtenzetteln – vor allem Börsendaten – zum Taubenschlag in der Pontstraße zurück und sind etwa sieben Stunden schneller als der Postzug. Reuter legt damit in Aachen den Grundstein für eine der heute noch erfolgreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Aktuelle Meldungen zwischen Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich werden hier per Luftpost ausgetauscht.

„Am liebsten würde ich das Reuters House kaufen und dort – so schnell es geht – ein Brieftaubenmuseum eröffnen. Das war schon immer mein Traum“, erzählt der Aachener Unternehmer Michael Mahr, begeisterter Hobby-Taubenzüchter mit 100 eigenen Wettflugtieren und Reuter-Experte. In seinem Büro stapeln sich wertvolle Dokumente zur Geschichte des deutschen Brieftaubensports. Wahrscheinlich ist es die größte Sammlung dieser Art in Deutschland. Zeitgenössische Berichte, alte Zeitungsartikel, Porträts und erhalten gebliebene Briefe zeichnen ein präzises Bild von Reuters Wirken. Am 21. Juli 1816 wird Israel Beer als dritter Sohn der jüdischen Familie Josaphat in Kassel geboren. Während einer Lehre in der Bank seines Onkels in Göttingen lernt er Carl Friedrich Gauß kennen, von dem er sich dessen Forschungen zur Telegrafie zeigen lässt. Im Alter von 30 Jahren tritt Israel Beer zum christlichen Glauben über und lässt sich taufen. Warum er gerade den Namen Reuter annimmt, ist unklar. Vermutlich aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz betont er seine jüdischen Wurzeln nicht, schämt sich aber auch nicht dafür. Zu seiner Familie hat er eine starke Bindung. Er heiratet Ida Magnus, Tochter eines preußischen Bankiers. Gleich zweimal schließen sie den Bund: Nach Reuters Taufe geben sich die zwei erneut das Ja-Wort. Alles soll korrekt sein.

Einige Versuche, in Deutschland oder England Fuß zu fassen und ein eigenes Geschäft zu gründen, zeigen Reuters Ehrgeiz und seine Unnachgiebigkeit. 1848 verschlägt es ihn nach Paris, wo er bei Charles Havas in der „Agence Havas“ arbeitet, der ersten europäischen Nachrichtenagentur. Nach einem Jahr macht er sich dort mit einem Pressebüro selbstständig, das jedoch nur mäßig erfolgreich läuft. Neben dem florierenden Nachrichten-Netz von Havas gibt es zu der Zeit in Berlin das W.T.B., „Wolffs Telegraphisches Bureau“. Der findige Reuter erkennt 1849 das Potenzial der Aachener Region am damaligen Vierländereck, in der sich noch niemand mit einem Nachrichtenbüro niedergelassen hat. Es ist der ideale Standort für den Nachrichtenaustausch zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Mehr noch: Reuters Brieftauben können bald auch Informationen aus Frankreich von Brüssel nach Aachen bringen, denn neben der schon funktionierenden Telegrafenlinie Aachen-Berlin wird 1850 die elektrische Übermittlung zwischen Paris und Brüssel möglich. Die Aachener Bankiers und Unternehmer sind sehr interessiert – die Nachfrage vor allem nach Wechselkursen, Informationen zu Staatsanleihen oder zur Politik aus Paris und Berlin ist hoch.

Entscheidend für den Erfolg des Brieftaubendienstes ist ein Aachener Brauer, Bäcker und Taubenzüchter: Heinrich Geller schließt mit Reuter einen Vertrag, der Reuter 40 Brieftauben zusichert. Geller bietet dem neuen Freund Reuter in seinem Haus in der Pontstraße eine Unterkunft an. Auf dem Dach des Hauses befindet sich der Taubenschlag. Reuters Büro ist gut zu Fuß erreichbar. Der Brieftaubenservice startet am 28. April 1850 und funktioniert hervorragend. Die „Depeschen“ mit den Nachrichten bestehen aus extra dünnem Papier, das die Tauben transportieren. Die hohen Kosten für die Beförderung der Tiere mit dem Zug sind schnell erwirtschaftet. Nach etwa drei Monaten kannReuter alle 200 Tauben von Geller nutzen und ihm monatlich 30 Taler zahlen – eine stattliche Summe.

Taubenzüchter Mahr zieht aus einem Stapel gesammelter Kopien und Briefbögen drei Seiten heraus, die der „Zeitschrift für Brieftaubenkunde“ aus dem Jahr 1939 entstammen. Es ist ein Bericht des Journalisten F. A. Bacciocco, der 1850 als Dienstbote arbeitet und die eingeflogenen Nachrichten von Gellers Taubenschlag zu Reuters Büro bringt. Mahr liest aus dem Bericht vor: „Dann kommt der Moment der gespanntesten Erwartung. Herr Geller entlockt seiner Brust die süßesten Locktöne – und klatsch! lag eine unserer Blauen auf dem Brett. ‚Brav‘ – sagte Geller – ‚do es der Zeddel!‘“ Geller übergibt dem Dienstboten dann die Nachricht und fügt hinzu: „Ne schöne Groß an der Herr Reuter.“

 

Sicherheit und Diskretion
Mahr kümmert sich heute um 100 eigene Tauben in seinem Schlag in Seffent im Aachener Stadtbezirk Laurensberg. „Leider ist die Beliebtheit für diesen Sport hier in Deutschland stark zurückgegangen. Etwa 120 000 Brieftaubenzüchter gab es 1968, heute sind es weniger als ein Drittel. Während sich diese Leidenschaft hier, in Belgien, Holland oder Frankreich im Steilflug zurückentwickelt, erleben wir ein Aufblühen des Sportes etwa in China und Japan. Das ist erstaunlich, die Menschen dort kaufen jede Menge Tauben aus Deutschland.“

Zeitgenossen beschreiben Reuter als klein und intelligent. Scharfe Augen und prägnant im Gespräch. Er ist bei seinem Service auf Sicherheit und Diskretion bedacht – grundlegende Werte, für die die Agentur heute noch bekannt ist. Er lässt bei jedem Flug drei Tauben mit identischer Nachricht ausstatten, und die in Aachen ankommenden Tiere werden größtenteils von Geller persönlich vonden Botschaften befreit, der diese nicht zu lesen hat. Für Verstöße sind vertraglich hohe Geldstrafen festgelegt. Die Nachrichten werden gut verpackt – zum Teil in Spardosen – und von Dienstboten auf direktem Weg zum Büro von Reuter gebracht, wo alle Personen, die die Informationen verarbeiten, die Texte zur selben Zeit zu sehen bekommen. Bacciocco schreibt: „Reuter hatte mich erwartet und nahm begierig den blechernen Sparpott in Empfang. Während ich meine Entlohnung entgegennahm, flogen schon die Federn über das Papier.“

 

Zuverlässig und schnell
Am 16. April 1851 ist der Bau einer Telegrafenlinie zwischen Aachen und Brüssel vollendet. Die lange elektrische Verbindung zwischen Paris und Berlin ist damit komplett, so dass keine Zwischenübermittler mehr nötig sind. Dies bedeutet das Aus für Reuter in Aachen, der den Dienst mit den Brieftauben nur etwa ein halbes Jahr lang anbieten kann. Reuters Meldungen stehen aber schon zur Aachener Zeit hoch im Kurs: Als zuverlässig und schnell gelten seine Dienste. Trotz aller Schnelligkeit im Nachrichtengeschäft prägt er mit seiner Agentur schon im 19. Jahrhundert den Leitspruch „First do it right, then do it first“ – Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit. „Reuter war ein angesehener Mann, der in Aachen deutliche Spuren hinterlassen hat und die Region stark beeinflusst hat“, sagt Mahr.

Reuters Ehrgeiz und sein ökonomisches Talent führen dazu, dass er schnell neue Erfolge erzielt. Werner
von Siemens legt ihm einen Neustart in London nahe. 1851 eröffnet Reuter dort ein Büro für Wirtschaftsnachrichten, und es entsteht ein ungeahnter Brennpunkt für den internationalen Austausch von Nachrichten, so dass Reuter mit der Havas-Agentur in Paris konkurrieren kann. Dieser Startpunkt in England zählt heute oft als die bedeutendere Gründung der Agentur. Die Aachener Zeit mit den Brieftauben fällt dabei leicht unter den Tisch.

Das „Reuters House“ ist ganz untypisch für die Imbissbuden-Landschaft in der Pontstraße. Gemütlichkeit und italienische Musik in einem schicken Restaurant. Die Weinkarte ziert ein silberner Vogel. Ganz klar: Eine Brieftaube. „Haben Sie etwas gefunden?“, fragt der Kellner. Aber klar! Einen Rotwein aus Spanien und eine Geschichte voller Überraschungen.

Aachen sehen … und bleiben?

22. Juni 2016 | von

LisaSchubert_relatif

 

Was macht Aachen schön und liebenswert? Für ihre Reportage hat Lisa Schubert mit drei Studierenden und einem Unternehmensgründer gesprochen, die für ihr Studium in die Karlsstadt gezogen sind. Können sie sich vorstellen, sich nach dem Abschluss in Aachen niederzulassen?

Ein toller Text aus unserem Seminar Journalistisches Schreiben, der auch in der AStA-Zeitschrift „relatif“ zu lesen ist. Vielen Dank!

 

 

 

 

Aachen ist eine der beliebtesten Studienstädte des Landes. Aber können sich junge Studierende vorstellen, ihr ganzes Leben in der Kaiserstadt zu verbringen?

Die goldenen Zeiger des Aachener Rathauses zeigen viertel nach eins. Die steinernen Könige an dessen Nordfassade wachen über den Marktplatz. Der Karlsbrunnen schimmert im Sonnenlicht. Postkartentauglich! Und vor dieser historischen Kulisse, mitten auf dem Aachener Markt tummeln sich unzählige Leute – bunt, laut und vor allem jung.

Jährlich strömen tausende Studierende aus vielen verschiedenen Nationen in die Karlsstadt. Auch Jana, Moritz und Lisa gehören zu denjenigen, die sich für ein Studium in Aachen entschieden haben. Hinter ihnen liegen mittlerweile mehrere Jahre in der Stadt am Dreiländereck.

Die „Hidden Champions“
Als Lars Lambrecht vor fünfzehn Jahren die Leidenschaft für das Segelfliegen nach Aachen trieb, ahnte er noch nicht, dass er sich hier einmal eine Zukunft aufbauen würde. Als junger Bursche stand für ihn zunächst nur fest: „Irgendwas mit Flugzeugen soll es sein!“ Daraus wurde ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Luftfahrt; und so steuerte er den Überfliegern der RWTH Elite-Universität entgegen.

Ruhig und gelassen sitzt er in einer gemütlichen Sitzecke seiner Firma. Ein großer Raum mit einer überschaubaren Anzahl an Mitarbeitern, direkt am Bahnhof Schanz gelegen. „Engidesk“ stellt Ingenieuren
eine Software zur Verfügung, die ihnen hilft, sehr viel produktiver und kreativer zu arbeiten. Zufrieden erzählt Lambrecht von der Entscheidung, Aachen als Standort für sein Unternehmen gewählt zu haben: „Durch das Studium war genug Zeit, sich hier ein breites Netzwerk aufzubauen, und außerdem gibt es hier viele Unternehmen und ‚Hidden Champions‘.“ Laut Lambrecht wirkt das Jobangebot in Aachen vordergründig begrenzt, schaut man aber genauer hin, finden sich jedoch auch einige Weltmarktführer.

Aufgeschlossen noch und (n)Öcher
Auf dem Aachener Campus tummeln sich mittlerweile etwa 58.000 Studierende. Darunter überwiegend Männer. Einige von ihnen eher schmal und etwas blässlich; als Kleidungsstück dominiert das Karohemd. Klischee erfüllt! „Man trifft eigentlich nur einen Schlag Mensch hier – Ingenieure“, findet Moritz. Als ehemaliger Elektrotechnikstudent fügte er sich eine Zeit lang selbst in die Reihe der Unauffälligen; seit etwa drei Jahren geht er als Doktorand seinen eigenen Weg.

Außerhalb der technischen Universität, fernab von Karohemden und Unscheinbarkeit, begegnet einem das bunte Leben. Lambrecht genießt seinen heterogenen Bekanntenkreis, den er und seine Frau sich über die Jahre aufgebaut haben. „Die meisten sind sehr aufgeschlossen und man spürt die Kreativität. Es begegnen einem vermehrt Leute mit festen Plänen und Zielen, die eine Geschichte zu erzählen haben und unternehmenslustig sind.“

Von allem ein bisschen
Für Aachen finden die meisten zwei Worte: Gemütlich, überschaubar. Die Innenstadt direkt vor der Haustür, die Natur zum Greifen nahe. Der Aachener Wald, das Dreiländereck, der Lousberg; ideale Rückzugsorte für den Naturfreund, der die gelegentliche Flucht aus dem Stadttrubel sucht.

Die Studentin Jana hat etwa drei Jahre in einer Wohngemeinschaft in der Aachener Innenstadt verbracht. Als Geographiestudentin liebt sie die Ferne, Abwechslung und das Reisen. Viele Städte hat sie schon gesehen, darunter Großstädte wie Stockholm, Hamburg und Berlin. Trotzdem hat sie zu Aachen eine ganz besondere Verbindung. „Aachen ist für mich eine ganz besondere Stadt. Sie bietet viel Abwechslung und trotzdem ist zu Fuß fast alles erreichbar.“

Alles Wasser kommt von oben
Der Ursprung des Namens Aachen wird in dem altgermanischen Wort „Ahha“ vermutet, das so viel wie „Wasser“ bedeutet. Noch vor einigen Jahren war Aachen Anlaufpunkt für zahlreiche überarbeitete Geschäftsmänner aus der Umgebung, die nach Erholung in den heißen Quellen suchten. Das heilende Thermalwasser, ein Aushängeschild der Stadt.

Dennoch vermissen viele das Wasser. Denn einen See oder einen Fluss hat das kleine Städtchen nicht zu bieten. „Das Einzige, was in Aachen fehlt, ist ein Gewässer“, findet auch Hobbysegler Lambrecht. Um zum Wasser zu gelangen, muss er mindestens eine Stunde Fahrt zum Rursee oder nach Roermond in Kauf nehmen.

Zu wenig Wasser am Boden, zu viel Wasser von oben. Nicht selten sind die Öcher dem monotonen Plätschern des Regens ausgesetzt. „Das Wetter in Aachen ist eine Katastrophe!“, bemerkt auch Geisteswissenschaftlerin
Lisa. Sie stammt aus Nürnberg, der zweitsonnigsten Stadt Deutschlands. Dabei schneidet Aachen insgesamt mit durchschnittlich 1552 Sonnenstunden im Jahr und auf Platz 19 der sonnigsten Städte Deutschlands gar nicht so schlecht ab.

Bis dass der Studienabschluss uns scheidet?
„Ich bin noch nie so lange an einem Ort gewesen wie jetzt in Aachen“. Für Lambrecht steht fest, dass er das kleine Städtchen so schnell nicht mehr verlassen wird. Können sich die drei Studierenden ebenfalls vorstellen, in Aachen zu bleiben?

Jana ist für das Masterstudium aus Aachen weggegangen, da sie sich nach einer neuen Umgebung gesehnt hat. „Generell könnte ich mir aber schon gut vorstellen, irgendwann wieder hierherzuziehen.“ Doktorand Moritz zieht es nach über zehn Jahren in der Karlsstadt in eine größere Stadt wie Köln. Und Geisteswissenschaftlerin Lisa ist sich noch nicht sicher, kann sich aber durchaus eine Zukunft in Aachen vorstellen.

Zurück auf dem Marktplatz. Mittendrin fällt jetzt auch vereinzelt der ein oder andere Rentner auf, der seine Füße behutsam über das Kopfsteinpflaster hebt. Vielleicht wird in vielen Jahren einer der dreien unter ihnen sein; gealtert, zufrieden und umgeben von Studierenden.

Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

09. Juni 2016 | von

Bis ins Gefängins hat sich Helena Mertens für unser Seminar Journalistisches Schreiben gewagt. Das Thema ihres Artikels ist eine Partie Fußball: Die JVA-Mannschaft „Villa Kunterbunt“ gegen die Gastmannschaft „Motex“. Der spannende Spielbericht hat es sogar in die Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten geschafft – Herzlichen Glückwunsch!

Helena Mertens_JVA_AZAN

 

Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

13 Männer entscheiden sich freiwillig für den Gang in die Aachener JVA und lassen sich zwei Stunden für ein Spiel gegen die Gefängnismannschaft einschließen

Aachen. Es ist ein nasskalter Mittwochabend. Das grelle Flutlicht ist eingeschaltet, und die zehn Spieler der „Villa Kunterbunt“ in gelben Trikots und blauen Hosen spielen sich den Ball auf dem Kunstrasen zu. Ein ganz normaler Fußballplatz, könnte man auf den ersten Blick meinen. Wären da nicht die meterhohen Mauern mit dem Natodraht, die Überwachungskameras an fast jeder Ecke und schwere Seile, die über den gesamten Rasenplatz gespannt sind, damit dort kein Hubschrauber landen kann.

Flapsige Sprüche

Was für die Jungs von „Villa Kunterbunt“, der Fußballmannschaft in der JVA, längst zur Normalität geworden ist, wirkt für Besucher abschreckend. So ergeht es auch den Spielern von „Motex“, der Gastmannschaft, die am heutigen Abend ins Gefängnis kommt.

Unterschiedlicher könnten die Spieler der Mannschaften kaum sein. Während die einen sie nicht mehr sehen können, brennen die anderen darauf, einen Blick hinter die hohen Mauern zu erhaschen. Für den Bauingenieur Jan (23) liegt genau darin der Reiz: „Wir freuen uns auf ein gutes und spannendes Spiel. Aber wir wollen natürlich auch mal sehen, wie so ein Gefängnis von innen aussieht.“

„Motex“ trifft auf die JVA-Jungs, während die sich auf dem Platz aufwärmen. Man mustert einander und nickt sich zu. Kurz vor Spielbeginn ist noch in der Kabine gescherzt worden, die ernste Situation überspielen die „Knast-Neulinge“ mit Humor. Flapsige Sprüche wie „Benehmt euch, sonst bleibt ihr hier“ oder „Unterschätzt die nicht, die üben den ganzen Tag“ werden mit viel Gelächter quittiert. Kameraden, die nicht zum ersten Mal in der JVA spielen, ermutigen: „Ihr braucht nicht zu denken, dass die ein Messer dabei haben, also geht ruhig in die Offensive!“

Der Weg vom Haupteingang bis zum Fußballplatz ist kein alltäglicher: Elf Stahltüren müssen auf und wieder zugeschlossen werden. Umso erstaunlicher, dass auf dem Spielfeld selbst keine Vollzugsbeamten stehen, mit Schlagstock und Pistole. Dass den inhaftierten Spielern Vertrauen geschenkt wird, fällt auf: „In puncto Umgangston und Spielverhalten ist das hier angenehmer als bei manchem Spiel in der zweiten oder dritten Liga“, meint Frank Mingers, der entspannt am Spielfeldrand steht und die Mannschaften mit verschränkten Armen beobachtet. Mingers leitet zusammen mit sechs anderen Vollzugsbeamten den Sport in der JVA. Statt Uniform trägt er einen Jogginganzug.

Feste Regeln, kein Schiedsrichter

Ein Schiedsrichter wird nicht zum heutigen Duell erscheinen. Auch wenn das Fußballspiel im Knast stattfindet, haben die Regeln der Bunten Liga an diesem Abend höchste Priorität: Kein Schiedsrichter, kein passives Abseits, fliegender Spielerwechsel, Einrollen statt Einwerfen, erlaubter Rückpass.

Apropos Bunte Liga: „BUNTE“ steht für Balance, Unterhaltung, Neutralität, Toleranz, Erlebnis. Seit 1982 gibt es diese freie Fußballgemeinschaft. Heute sind dort 56 Mannschaften vertreten. „Wer hier spielt, hat einfach Bock aufs Kicken“, sagt Vorstand Dieter Jeandrèe.

Raus aus den grauen Mauern des Gefängnisses geht es für die „Villa Kunterbunt“ nur bei „knastinternen“ Spielen, z. B. gegen die JVA Siegburg oder Köln. Um für die Meisterschaften und Pokalrunden fit zu sein, trainieren die Fußballbegeisterten einmal pro Woche, meist am Samstag, dem Sporttag in der JVA. Für die Mittwochabende ist in der Regel ein Spiel der Bunten Liga angesetzt. Neben dem Lauf- und Fußballtraining können Inhaftierte Tischtennis, Badminton oder Volleyball spielen und im Fitnessstudio trainieren. „Das Sportangebot ist sehr wichtig für die Jungs, aber wenn mal Not am Mann ist, müssen wir irgendwo anders einspringen. Dann fällt Sport als Erstes aus“, sagt Mingers.

18 Uhr: Es geht los. Der Ball rollt. Gespielt wird zehn gegen zehn. Die ersten fünf Spielminuten sind ein vorsichtiges Abtasten beider Mannschaften. Dann ein Steilpass aus dem Mittelfeld von „Motex“, der die Abwehrreihe der „Villa Kunterbunt“ vollkommen überrascht. Stürmer Jan mit der Trikotnummer 13 läuft allein auf den Torwart zu – Querpass: 0:1.

Nach verhaltenem Jubel wird die Partie fortgesetzt. „Motex“ ist die stärkere Mannschaft. Durch gelungene Kombinationen erarbeiten sich die Jungs weitere Torchancen und treffen. Die Zweikämpfe werden härter. Halbzeit: 2:5.

Keinerlei Fan-Unterstützung

90 Minuten lang spielt die kriminelle Vergangenheit der Heimmannschaft keine Rolle. Für die Jungs von „Motex“ sind sie einfach nur „Gegner, so wie jede Woche“. Kein Grund also, auf dem Platz nicht alles zu geben. Doch in der Halbzeit gesteht Jan: „Als wir uns vor dem Spiel gegenüberstanden, da überlegt man sich schon, was die gemacht haben und warum die hier sind.“ Auf die Frage nach der Fairness des Gegners antwortet der Stürmer: „Klar, es gibt Fouls auf beiden Seiten, aber die sind völlig im sportlichen Rahmen!“

Trotz des unbestreitbaren Heimvorteils fehlt der „Villa Kunterbunt“ jegliche Fan-Unterstützung. Mitinsassen, die von ihren Zellen aus durch die Eisengitter das Spiel beobachten und mitfiebern, sieht man nicht. Keine Reaktion auf Tore. Kein Jubeln, kein Pfeifen, kein Applaus. Nur das Flackern der Fernsehbildschirme in den Zellen.

Zweite Halbzeit: Die Jungs der „Villa Kunterbunt“ geben nicht auf und demonstrieren mit vereinzelt guten Aktionen ihr fußballerisches Können. Der Abwehrchef hämmert einen sehenswerten Weitschuss mit gefühlten 150 km/h in den Winkel – 4:8. Doch den Jubelnden ist klar, dass es sich nur noch um Ergebniskosmetik handelt. In der Schlussphase ist die Luft raus. Am Ende gewinnen die Gäste mit 4:9. Doch die geschlagenen Häftlinge erweisen sich als faire Verlierer. Alle klatschen ab, wirken zufrieden und erschöpft.

Was die Gastmannschaft nach dem Spiel nachdenklich stimmt, ist vor allem das Alter der Inhaftierten. Manche sind gerade Anfang 20 und sitzen nicht wegen Kavaliersdelikten ein. Auf dem Weg zurück auf die andere Seite der hohen Mauern, beim erneuten Auf- und Abschließen der elf Türen, versuchen einige „Motex“-Jungs einen Blick auf die Zellen zu erhaschen. Plötzlich ist die Neugierde groß.

Für den Justizvollzugsbeamten Mingers ist das nichts Neues: „Meistens will die Gastmannschaft erst nach dem Spiel etwas von den Häftlingen erfahren.“ Die Frage, warum die Jungs denn eigentlich sitzen, wird auch an diesem Abend mehrfach gestellt. Mingers lässt sie unbeantwortet – wie jedes Mal.

Fehlende (Schreib-) Kenntnisse zu Studienbeginn: Die Aachener Erstsemesterbefragung 2014

03. April 2014 | von

Im Januar wurden die Erstsemester in den Bachelorstudiengänge der RWTH Aachen zu Ihrer Zufriedenheit mit dem Studium befragt. Das Schöne an den Ergebnissen: Die Mehrzahl der Studierenden sehen die RWTH als Wunsch-UniFireShot Screen Capture #019 - 'RWTH-Aachen-Erstsemesterbefragung-WS13-14_pdf' - blog_rwth-aachen_de_lehre_files_2014_04_RWTH-Aachen-Erstsemesterbefragung-WS13-14und sind mit ihrem Studium zufrieden.

Was uns natürlich besonders interessiert hat: Der Bedarf an Veranstaltungen zur Verbesserung der Schreibkompetenz. Tatsächlich geben 34% der Befragten an, dass sie zu Studienbeginn nicht ausreichend Vorkenntnisse „im Verfassen von schriftlichen, akademischen Arbeiten“ mitbringen. Immerhin noch 25% sind der Ansicht, dass Sie diese Fähigkeiten auch nicht durch ihr Studium erwerben können.

Unsere Angebote sollen genau dazu einen Beitrag leisten, diese Nachfrage zu bedienen. Unabhängig davon, ob man am ZKS einen eher wissenschaftlich, journalistisch oder literarisch orientierten Kurs besucht, am Ende wird durch die gezielte Schreiberfahrung und die Betreuung bei der Verbesserung von Texten aller Art auch das Schreiben im Studium leichter fallen.

Wir nehmen das Ergebnis als Asporn und hoffen, viele von denen zu erreichen, die ihre Schreibfähigkeiten verbessern wollen.

In diesem Sinne: Wir wünschen ein produktives Sommersemester 2014 und wünschen beim Studieren und Schreiben viel Spaß und Erfolg!

ZKS on air: Vom Seminartext zum Radiobeitrag

06. Februar 2014 | von

Im fast beendeten Wintersemester lief zum ersten Mal unser Seminar „Journalistisches Schreiben“, das in Kooperation mit den Aachener Nachrichten, der relatif und dem Hochschulradio stattfindet. Aufgrund der großen Nachfrage haben sich sogar zwei Seminare realisieren lassen, und auch im kommenden Semester wird es wieder im Angebot sein.

Wir freuen uns, dass jetzt die ersten journalistischen Perlen ans Tageslicht kommen: Diese Woche strahlte das Hochschulradio einen Beitrag über das Rhönradfahren beim Hochschulsport  aus, der Text dazu ist von unserer Teilnehmerin Johanna Hochschulradio_LogoPurschke verfasst worden, die Moderation übernahm Sophia Schmitz. Hier könnt Ihr den Beitrag in voller Länge hören:

 

http://www.hochschulradio-aachen.de/system/files/Hochschulsport+Johanna+Purschke.mp3

Vielen Dank ans Hochschulradio für die tolle Zusammenarbeit und Herzlichen Glückwunsch an Johanna zur erfolgreichen Veröffentlichung!


Ankündigung: Die erste lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten an der RWTH

23. Januar 2014 | von

Du bist die einsamen Stunden am Schreibtisch leid? Du brauchst noch einen Motivationsschub, um Deine Hausarbeit rechtzeitig fertigzustellen? Wir bieten Dir eine gesellige Alternative zum quälenden Alleingang:Postkarte_RZ_neu_Seite_1

Zum ersten Mal findet am 24.02.2014 an der RWTH Aachen ab 19 Uhr die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ statt. Hier kannst Du Dich inspirieren lassen, konzentriert arbeiten und Deinen Text ein gutes Stück vorantreiben oder sogar fertigstellen. Weiterlesen »