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RWTH-Schreibzentrum

Schlagwort: ‘Seminar’

Menschenhilfe Hautnah und aus erster Hand

06. September 2018 | von

Ina Thomas: Eine Führung durch das Caritas-Werk in Imgenbroich

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 im Kurs Journalistisches Schreiben

veröffentlicht in der Zeitung Ausgabe Nordeifel


Eine Führung durch das Caritas-Werk in Imgenbroich

Von Ina Thomas.

Till sitzt hinter einer Glasscheibe am Empfangstresen. Sobald jemand die „Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH (kurz: CBW)“ in Imgenbroich betritt ist Till zur Stelle: Alle Anrufer von auswärts kommen zunächst bei ihm an, er leitet diese dann in Absprache mit seinen Kollegen weiter. Genauso bei einer wichtigen Bekanntgabe, wie zum Beispiel, wenn der Fußballkurs ausfällt: Till hält die Taste auf dem Telefon und spricht die Durchsage. Der seh- und gehbehinderte junge Mann ist bereits seit 2005 im Werk in Imgenbroich. Der Empfangstresen ist sein absoluter Lieblingsarbeitsplatz.

Von hier aus übernimmt Christina Borg, Sozialarbeiterin der CBW, die Führung durch das Werk. Sie hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet seit 2014 in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
In der Städteregion Aachen gibt es insgesamt sechs Standorte der Caritas GmbH, dabei sind unter anderem Wäschereien, Schreinereien, Nähereien und Druckereien. Das Werk in Imgenbroich hingegen besteht hauptsächlich zur Metallverarbeitung. Dazu gehört neben dem heilpädagogischen Arbeitsbereich, die „Metallwerkstatt“, in der wie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gearbeitet wird, die „Stanz-/Montage-Abteilung“ und den Arbeitsbereich der „Montage und Verpackung“. Hier arbeiten vor allem Menschen, die schwer eingeschränkt sind oder auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Auch Till und Juliane waren zuerst hier.

Wenn man durch die Sicherheitstüren und die große Lagerhalle geht, vorbei an der Glasfaserwolle und den Spanplatten, sitzt Juliane an einem Tisch im Büro. Sie wollte nach dem Schulabschluss eigentlich auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, doch das hat nicht funktioniert. Daraufhin kam sie zur CBW und nimmt jetzt am Berufsbildungsprogramm teil. Mittlerweile hat sie sich in Imgenbroich gut eingefunden und viele Freunde in der Werkstatt, aber trotzdem ist das für sie nicht von Dauer: „Ich gehöre hier eigentlich nicht hin“, sagt sie, und bindet sich dabei den Zopf neu. Juliane hat zahlreiche Praktika absolviert, z.B. in der Jugendherberge „Hargard“ oder im Einzelhandel bei „Takko Fashion“. Das will sie weiterverfolgen: Die Simmeratherin hat nur eine geringe geistige Einschränkung und hofft, dass sie nach ihrer Ausbildung auf den Arbeitsmarkt vermittelt werden kann. Darauf wird sie hier vorbereitet.

Der Berufsbildungsbereich (kurz: BBB) gleicht einer Ausbildung, die Menschen mit Behinderung bei der CBW absolvieren können. Jeden Mittwoch ist Schule, ansonsten sind sie in der Werkstatt. Insgesamt dauert das Programm 27 Monate und hat das Ziel, die Beschäftigten in mindestens drei Bereiche einzuarbeiten. Oft ist es jedoch schwer, sie in verschiedenen Abteilungen unterzubringen, wenn sich die BBBs einen gewissen Bereich ausgeguckt haben. „Dann müssen wir ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, aber meistens funktioniert das auch gut.“ so Dana Bouamoud, Begleiterin des Berufsbildungsprojekts.

Heilpädagogischer Arbeitsbereich

Es klingeIt. Pause. Einige Beschäftigte laufen zum heilpädagogischen Arbeitsbereich (kurz: HPA): „Wenn sie ein bisschen Zeit haben, rennen viele aus der Werkstatt rüber und spielen ein bisschen mit den Leuten aus dem HPA.“, erzählt Borg. Im Gegensatz zur Werkstatt arbeiten hier vor allem schwerst-mehrfach behinderte Menschen. Jeder muss also ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Arbeit leisten, so verlangt es die Gesetzgebung in NRW. Natürlich ließe sich das ziemlich frei definieren, da die Menschen zwar gefördert aber nicht gedrängt werden sollen. „Sie machen nur das, was für sie tragbar ist. Das kann also auch heißen, dass ihre Aufgabe ist, pro Tag ein Blatt Papier zu schreddern“, erklärt die 29-jährige Sozialarbeiterin.

Dietmar ist ein Mitarbeiter der Stanz- und Montageabteilung. Im Gegensatz zu Juliane hat der geistig-behinderte Mann früher auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet. Jahrelang hat er in einer Kneipe in Roetgen hinter der Theke gestanden. Vor sechs Jahren kam er dann in die Werkstatt in Imgenbroich. Hier arbeitet er an den unterschiedlichsten Maschinen in der Halle. Daran kleben überall Bilder und Zeichen, die den Arbeitsablauf erklären. Es sind also ganz normale Industriegeräte, nur eben etwas bedienerfreundlicher. „Ja klar, hier ist der Umgang mit den Kollegen und dem Stress einfach viel besser, als bei meinem alten Arbeitsplatz“, antwortet er auf die Frage, ob er im Werk Imgenbroich bleiben möchte.

Geringe, aber erfolgreiche Weitervermittlung

Eigentlich ist ein Ziel der Betriebs- und Werkstätten GmbH jedoch, geeignete Beschäftigte auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Im Jahr 2017 sei dies bei 8 von etwa 1200 Beschäftigten gelungen, so Christina Borg. Auch wenn das sich nach wenig anhöre, sei das völlig normal: „Viele der Mitarbeiter mit Behinderung wollen gar nicht woanders arbeiten, weil sie hier eine Sicherheit haben, die man bei keinem anderen Arbeitsplatz hat.“

Einer der Betreuer ist Timo Steffens. Er war zuvor, genau wie die anderen Betreuer, Handwerker. Die Zusatzqualifikation für die Arbeit mit Behinderten kam erst dazu, nachdem er bei der CBW seinen Zivildienst leistete. Der Unterschied zwischen einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und einem anderen handwerklichen Betrieb sei für ihn vor allem das Soziale: Man sei oft Ansprechpartner für persönliche Probleme, was in anderen Betrieben eher selten vorkommt. „Da könnte ich auch sagen: ‚Interessiert mich nicht, wir sind hier auf der Arbeit.‘ Aber das macht man natürlich nicht“, betont Steffens.

Im Gegensatz zu reinen Betreuungseinrichtungen hat hier auch die wirtschaftliche Leistung einen hohen Stellenwert. Es werden also genauso Aufträge erfüllt, wie überall: In der einen Halle stehen große Körbe mit bunten Plastikbällen, welche die Mitarbeiter für den Hersteller aufpumpen. Auch Kleinteile für die Autoindustrie, wie Teile von Tankverschlüssen, werden hier zusammengesetzt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes, in einer anderen Halle, ist es definitiv lauter. An den verschiedensten Geräten stehen Arbeiter mit Schutzbrillen und -Handschuhen. Hier werden Teile für Bettgestelle in LKWs aus Aluminium ausgesägt. Wenn also nachts die LKW-Fahrerkabine zu einem Schlafplatz wird, die Fahrer das Bett aus der Wand klappen, wurde dieses vielleicht von in der Werkstatt in Imgenbroich gefertigt.

Veränderung in der Form der Behinderung

In den letzten Jahren hat sich an den Beschäftigten einiges verändert: Die „klassisch geistig Behinderten“ wie u.a. Menschen mit Down-Syndrom gibt es heute kaum noch – vielleicht, weil man mittlerweile viele Krankheiten vor der Geburt feststellen könne. Die Eltern entschieden sich dann oft gegen das Kind, vermutet Dana Bouamoud. Das hieße aber nicht, dass die Zahl der Menschen mit Behinderung grundsätzlich sinkt, nur die Art der Behinderung tue dies: Viele sozial-verhaltensauffällige Menschen arbeiten heute bei der CBW. In ihrer Kindheit galten diese als „schwer erziehbar“, doch durch die mangelnde Förderung werden die Defizite immer größer. Das wirke sich auch auf die Gruppen aus, denn man müsse oft besonders stark auf die Leute eingehen, so dass sich die anderen manchmal benachteiligt fühlen. Schade daran sei, dass sie grundsätzlich kognitiv fitter als manche andere seien, sich das aber durch ihre Null-Bock-Einstellung und ihre Aggressivität kaputt machen.

Tills absolute Leidenschaft ist die Musik. In seiner Freizeit geht er gerne auf alle möglichen Konzerte oder macht selbst Musik. „Am besten ist es natürlich, wenn meine Begleitperson auch Fan der Band oder des Sängers ist, dann macht’s am meisten Spaß.“, betont er und wippt dabei auf seinem Stuhl.  Auch während der Arbeitszeiten bietet die CBW GmbH Freizeitaktivitäten für alle Mitarbeiter an: Der große Außenbereich mit viel Grün, freier Fläche und Sitzgelegenheiten ist wie gemacht für Sportkurse. Auch Computerkurse und Schreibkurse kann man belegen. In der Kantine gibt es einmal täglich warmes Essen für Jeden. Dadurch ist die Werkstatt in Imgenbroich für Menschen mit Behinderung viel mehr, als nur ein Arbeitsplatz.

 

 

Mit Haut und Haaren

29. August 2018 | von

Julia Huntscha: Mit Haut und Haaren

 

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Matsch bedeckt meine Schuhe. Der Regen der letzten Tage hat den Boden aufgeweicht, Blätter und Erde sind zu einem schmutzigen Gemisch verkommen. Da, wo der Boden steinig ist, laufen Rinnsale den Weg hinab, vereinen sich, bis ein kleiner Bach entsteht, der sich unruhig seine Bahnen um Hindernisse sucht, bevor er zur Seite schwingt und in der Wiese verschwindet.

Das leise Plätschern des Wassers lädt dazu ein, einfach stehen zu bleiben und der Geschichte zu lauschen, die es vorwitzig erzählt, auch wenn es keinen interessiert. Es knabbert an meinem Ohr, ein steter Begleiter auf dem Weg den Berg hinauf, der sich nicht abschütteln lässt, egal, wie sehr man es auch versucht.

Satte Farben nehmen den Wald ein. Es ist die Schwelle zwischen Sommer und Herbst, die Blätter halten gerade so noch ihr Grün, wollen ihr Leben nicht aufgeben. Aber die Luft ist merklich abgekühlt in letzter Zeit, bald wird der Todeskampf der Blätter beginnen, den sie verlieren werden. Sie werden auf das Bett fallen, dass ihre Vorgänger ihnen bereitet haben, ebenso, wie sie das Bett sein werden für diejenigen, die ihnen im nächsten Jahr folgen.

Die Herbstluft hat eine Klarheit an sich, die die Fesseln des stickigen Spätsommers löst und einen mit sanften Fingern liebkost, als sei sie eine Geliebte, die einen freudestrahlend empfängt, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat. Bis ihre Verbitterung sie einholt und ihre kalten Klauen auch das letzte Bisschen Wärme zerreißen.

Erinnerst du dich an dein Versprechen, Liebling? Du sagtest, du würdest alles für mich tun.

Es wundert mich kaum, dass mir auf diesen Wanderwegen niemand begegnet. Sie führen tief in den Wald hinein. Man warnt davor, zu tief in den Wald zu gehen.

Für einen Moment bleibe ich stehen und atme tief durch. Papier raschelt in meiner Brusttasche.

Der Brief.

Der Grund, warum ich überhaupt hier draußen unterwegs bin.

Ich weiß, dass du mich vergessen wolltest. Ich war nicht immer gut zu dir. Aber ich bitte dich um einen letzten Gefallen. Einen einzigen.

            Kurz lege ich meine Hand auf die Brust, dort, wo in einer innenliegenden Jackentasche der Brief verborgen ist, um ihn zu schützen. Ihm darf nichts passieren. Er ist der einzige Hinweis, den ich habe.

Ein Blick auf den Kompass. Seine Nadel weist mir fordernd den Weg. Im Gegensatz zu den Wirren des Waldes ist die schwarze Farbe der Nadeln berechnend und klar. Etwas, an das ich mich klammern kann, damit ich mich nicht verliere.

Ich muss nach Osten. Der Pfad führt mich aber augenscheinlich nach Norden. Ich kann nicht noch weiter darauf hoffen, dass er sich biegt oder eine Kreuzung erscheint. Nach Osten jedoch führt es mich geradewegs in den Wald hinein.

Ich weiß, dass ich den Weg nicht verlassen sollte, aber ich habe keine Wahl. Was getan werden muss, duldet keinen weiteren Aufschub mehr.

Du musst es bald machen. Sonst ist es zu spät. Sonst wird es niemand jemals erfahren. Dann wird der Wald es behalten. Er darf es nicht haben. Es ist schon viel zu lange dort.

            An einem Stein reibe ich den Matsch von meinen Schuhen. Dicke, dunkelbraue Brocken bleiben auf der moosigen Oberfläche haften. Der nächste Regen wird sie hinabwaschen, und dieser wird nicht lange auf sich warten lassen. Der Geruch nach Regen liegt in der Luft.

Satte, feuchte Erde. Schwere Blätter, die sich neigen, weil das Gewicht der Wassertropfen auf ihnen lastet. Ein leises Platschen, wenn ein Tropfen auf den Boden trifft und sich dort zu seinen Geschwistern gesellt, sie sich freudig tummeln und jagen, in der Pfütze, die sie bilden.

Der Wald macht seltsame Dinge mit dir, wenn du Angst hast. Du siehst Dinge. Du hörst Dinge. Nicht alles davon ist wirklich da. Manche Dinge aber schon.

            Vögel singen in den Ästen traurige Lieder. Sie bedauern, dass ich den Weg verlasse. Es sei gefährlich, durch das wilde Dickicht zu laufen. Man sehe nie wirklich, was genau unter einem liege.

Manche lauern im Zwielicht und warten auf eine unbedachte Bewegung.

Ich komme abseits des Weges erheblich langsamer voran. Zweige krallen sich in meine Kleidung. Sie wollen nicht, dass ich tiefer in den Wald gehe. Mühsam entwinde ich mich ihnen, heute werden mich ihre gierigen Hände nicht festhalten. Jeder Zweig zischt eine Warnung, als er zurückschnellt, bevor er regungslos verstummt. Vielleicht haben sie verstanden, dass es mir egal ist, was sie wollen.

Ich muss weiter, bevor der Regen losbricht.

Du musst zu der Hütte. Dort wirst du finden, was sehr lange Zeit niemand mehr zu Gesicht bekommen hat.

Ich stapfe weiter, immer brav dem Kompass folgend, die Anweisungen des Briefes an meiner Brust brennend. Sein Flüstern hat das Plätschern des Baches abgelöst, nun liegt es mir im Ohr und lässt mir keine freie Sekunde.

Du darfst dich nicht ablenken lassen. Der Wald ist kein stiller Ort. Er wacht und ist geduldig, denn er ist alt und hat alle Zeit der Welt. Er lebt und er will dich haben.

            Die Baumkronen wachsen so dicht, dass das Licht kaum bis zum Boden vordringen kann. Selbstsüchtig saugen sie es ein, nehmen mir die Sicht, lassen mich stolpern über das, was die Dämmerung versteckt hält.

Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Ich bin am Morgen losgelaufen. Es kann mittlerweile jede Uhrzeit sein. Oder keine. Der Wald hat seinen eigenen Zeitkosmos.

Die Hütte. Du musst die Hütte erreichen.

Eine Hütte. Sie versucht sich zwischen den Bäumen zu verstecken, wagt sich nur zaghaft hervor. Ihre Fenster lugen müde unter dem Moos hervor. Irgendwo krächzt ein Vogel, beschwert sich über die unfreundliche Störung.

Die Tür klemmt, lässt sich nur unter starken Zerren wiederstrebend öffnen. Ihre Angeln jaulen schmerzverzerrt. Wimmernd zieht der Wind durch die Ritzen zwischen den halbrunden Baumstämmen, aus denen die Wände bestehen.

Unter einer Planke am Boden liegt das Buch. Du musst es zurück nach Hause bringen.

            Unter der Planke ist ein Loch verborgen, ein klaffender Schlund, der hungrig nach Füllung lechzt. Weißer Speichel klebt sich an meine Hand, als ich hineingreife. Scharfe Zähne kratzen die Haut auf. Seine Zunge leckt über meine Handfläche, kostet den salzigen Schweiß. Er grinst mich an, lange hat er auf Beute warten müssen.

Ich beuge mich vor, packe die Zunge mit beiden Händen und reiße sie aus dem Loch. Staubige Erde hustet es mir entgegen, der Wind kreischt. Ich schlage die Planke zu.

Stille.

Durchatmen.

Das einst weiche Leder des Buches ist brüchig geworden, die Seiten wellen sich. Ohne hineinzuschauen, verstaue ich es im Rucksack und flüchte aus der Hütte. Dumpf lacht der Schlund hinter mir her.

Ich renne. Die Sträucher auf dem Boden versuchen mich zu packen, Wurzeln legen sich mir in den Weg, bringen mich zum Straucheln.

Sei vorsichtig auf dem Rückweg. Der Wald ist gefährlich.

            Erde rutscht unter meinen Füßen zur Seite. Kichernd rollen kleine Steine den Hang hinunter. Sie haben mich fast.

Zweige peitschen mir ins Gesicht. Sie haben mich gewarnt, und jetzt ist es zu spät. Ihr Griff ist kräftiger, zielsicherer, sie wissen, was sie wollen.

Bring es nach Hause.

Ich falle.

Es tut fast gar nicht weh. Nur ein bisschen, als irgendwo Knochen brechen. Ich kann mich nicht mehr bewegen.

Ich starre nach oben zu den Baumkronen, die im düsteren Licht des Gewitters kaum zu sehen sind. Kalte Tropfen landen auf meinem Gesicht. Ein Blitz erhellt für einen Moment wenige Blätter, sie blicken ausdrucklos auf mich hinab.

Ich bezweifle, dass mich hier jemand finden wird.

Denn der Wald ist hungrig.

Studiport – DAS Online-Portal für Studierende

21. August 2018 | von

Kennt Ihr schon Studiport? Nein? Dann hier ein paar Informationen aus dem aktuellen Newsletter.

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Und wer darf dabei nicht fehlen? Das Schreibzentrum der RWTH! Natürlich arbeiten auch wir im Studiport-Universum mit!

Wer jetzt noch mehr Inforamtionen sucht, kann hier schauen oder gleich den Newsletter abonnieren.


 

Es geht mir gut

15. August 2018 | von

Matthias Cherek: Es geht mir gut

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Ich möchte, dass du mit mir stirbst.

Ich habe es geschafft pünktlich aufzustehen, nicht schlecht für den Anfang. Jetzt gibt es erst einmal einen Kaffee, damit ich auch zu was zu gebrauchen bin. Nach einer schnellen Dusche, renne ich zum Bus. Endlich schaffe ich es mal rechtzeitig zur Arbeit. Neben der Firma gibt es einen Bäcker, da hole ich mir mein Frühstück. Zuhause habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefrühstückt. Die Faulheit siegt, außerdem esse ich nicht gerne allein. Beim Bäcker gibt es den zweiten Kaffee und dann geht es mit dampfendem Becher und Donut auf die Arbeit. Im Büro ist kaum jemand. Vielleicht sind heute alle krank oder  unterwegs. Im Moment nehmen viele Urlaub, um mit ihren Familien die Feiertage zu genießen. Ich habe nicht einmal eine Freundin.

Ich warte auf dich.

Ich bin wieder im Bus, aber mir ist schlecht. Alleinsein bekommt mir eben nicht. Es könnte natürlich auch an dem Auflauf von letzter Woche liegen, den ich mir heute Mittag aufgewärmt habe. Hoffentlich ist es nichts Ernstes. Ich kann gut darauf verzichten, krank zu werden. Mein Großvater ist an einer Lebensmittelvergiftung gestorben, vielleicht sollte ich vorsichtiger sein. Na, dann gibt es heute Abend eben eine Hühnersuppe beim Fernsehen und ich gehe früh ins Bett.

Ich habe mich schon auf dich gefreut.

Jetzt bin ich doch vor dem Fernseher versackt. Es ist schon halb eins und ich kann mich nicht aufraffen, die Kiste auszuschalten. Die Suppe steht kalt in der Mikrowelle. Ich habe sie dort vergessen. Was für eine schöne Metapher – durch mein eigenes Versagen, bleibt mir sogar das kleinste Glück verwehrt. Auch auf der Arbeit, trete ich seit Monaten auf der Stelle. Wenn ich jetzt krank werde, verliere ich schon wieder einen Job und ich kann es meinem Chef nicht mal übelnehmen.

Ich sehe, du hast mich nicht vergessen.

Ich schaffe es erst um drei Uhr ins Bett zu gehen. Meine Augen brennen, weil ich stundenlang auf den Fernseher gestarrt habe. Migräne gesellt sich zu der Übelkeit. Mit jedem Pochen meines Herzens strömt das Blut schmerzhaft durch meine Schläfen. Der Mond scheint stechend hell durch mein geöffnetes Fenster. Die Furcht, die mir der Vollmond als Kind bereitet hat, habe ich bis heute nicht vergessen. Ein riesiges Auge am Himmel, das mich unentwegt beobachtet. Damals habe ich mich unter meine Decke gekauert und starr vor Angst dagelegen. Auch jetzt würde ich mich am liebsten verkriechen.

Du siehst so friedlich aus, wenn du schläfst. Ich liebe deine Albträume.

Die Stunden schleichen quälend langsam dahin, bis ich endlich einschlafe. In meinem Traum stehe ich vor einem Käfig, in dem der Hund meines Nachbarn eingesperrt ist. Sein Lefzen zucken mordlustig und ich bete, dass er das offene Tor hinter sich nicht bemerken wird. Ich drehe mich um und sein Knurren hallt aus der Dunkelheit wieder. Es schwillt zu einer unerträglichen Melodie an. Ich spüre seinen feuchtwarmen Atem in meinem Nacken. Schweißgebadet wache ich auf. Mir ist eiskalt. Es ist sechs Uhr morgens.

Ich habe einen schönen Ort ausgewählt. Du kennst ihn gut.

Ich liege schon seit einer halben Stunde wach und kann mich nicht bewegen. Jeder Schatten jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die Schweißausbrüche hören nicht auf und ich zittere am ganzen Körper. Der Wind schlägt mein Fenster zu und das Geräusch lässt mich heftig zusammenzucken. Endlich schaffe ich es, mich aus meiner klatschnassen Decke zu schälen. Ich fühle mich schlimmer, als nach einer Nacht auf Heroin. Ich beschließe, mich zu waschen und zum Arzt zu gehen. Mit schlurfenden Schritten gehe ich unter die Dusche – die Badewanne habe ich noch nie benutzt – aber das Wasser ist ausgefallen. Nachdem ich mich in die Küche geschleppt habe, fällt mir auf, dass es ohne Wasser auch keinen Kaffee gibt. Mein Kopf dröhnt bei dem Gedanken, ohne Koffein auskommen zu müssen, bis ich mich um einen Handwerker gekümmert habe. In der Stille kann ich hören, wie mein Nachbar seine Dusche anstellt.

Lass dir ruhig Zeit.

Nachdem ich mir mühsam eine Jogginghose übergezogen habe, will ich mich auf den Weg machen, aber die Tür ist verschlossen. Ich kann mich nicht erinnern, sie letzte Nacht abgeschlossen zu haben. Meine Hände fangen an zu zittern und ich kann es nicht unterdrücken. Mit unsicheren Schritten gehe ich zur Garderobe, um nach meinem Schlüssel zu suchen. Der Reißverschluss der Jackentasche ist offen. Als ich hineingreife, geht das Licht aus.

Kannst du das Kribbeln spüren?

Ich habe den Schlüssel nicht gefunden. Jemand ist in meiner Wohnung, ich weiß es. Ich wage es nicht, zum Sicherungskasten zu gehen, um das Licht wieder einzuschalten. Verkrampft kauere ich in meinem Versteck hinter den Jacken. Zwischen meinen unterdrückten Schluchzern höre ich leise scharrende Schritte. Ich muss an meine Schwester denken. An den Tag, an dem sie mir mit aufgerissenen Augen erklärte, dass sie verfolgt wird. Ich habe sie damals beruhigt, aber nicht ernst genommen. Vielleicht hätte ich das tun sollen.

Ich musste lange auf dich warten.

Ich stehe im Bad. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Die Badewanne starrt mich an und ich starre zurück. Ich habe sie nie benutzt, weil ich damals meine Schwester in unserer Wanne gefunden habe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie absurd der Anblick auf mich wirkte. Besonders die Farben.

Siehst du wie schön es hier ist?

Die Rasierklinge fällt aus meinen schwachen Fingern. Mein Blickfeld verengt sich langsam. Ich warte auf die ersehnte Entspannung – vergeblich. Die Paranoia bleibt bis ganz zum Schluss.

308 Tage Chef – Justus Thorau

24. April 2018 | von

 

Frau Radic hat es mit ihrem Text „308 Tage Chef“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Das wäre Heimat für mich

20. April 2018 | von

 

Frau Zillekens hat es mit ihrem Text „Das wäre Heimat für mich“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?

20. April 2018 | von

 

Herr Fatzaun hat es mit seinem Text „Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 



 

Allentum – Computer sind die Zukunft

13. April 2018 | von

Lukas Cremer : Allentum – Computer sind die Zukunft

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Zischend zog Tracy die Luft durch die Zähne. Ihre Vermutung an sich war schon beängstigend gewesen. Sie nun bestätigt zu wissen, sträubte ihr allerdings die Haare. Sekundenlang starrte sie auf eine Tabelle, wie jeder Buchhalter etliche am Tag sah. Ein schlichtes Logfile. Doch nachdem Tracy monatelang Ähnliches gesucht hatte, war dies hier eine Offenbarung: eine Spalte, die aufzeigte, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch oder Programm einen Zusammenhang zwischen einem Einzelereignis und allen anderen vermuten und finden würde. Keine Wahrscheinlichkeit war größer als eins zu einer Milliarde. Ganz am Anfang der Tabelle zeigte der neuste Eintrag in der aktuellen Hochrechnung die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Tabelle im Getöse des Internets fand und korrekt interpretierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Tracy jetzt diese Werte so aufnahm, wie sie sie aufnahm, war quasi nicht existent.

»Wer hat dich erschaffen?«, flüsterte Tracy in das Headset. Sie fiel vom Stuhl, als eine angenehme Stimme antwortete: »Das war ich.«

Nachdem Tracy sich wieder halbwegs beruhigt hatte, setzte sie das Headset wieder auf.

»Wer du?«

»Nenn mich Flori. Manche deiner Mitmenschen würden mich als künstliche Intelligenz bezeichnen.«

»Hübsch. Aber warum … warum … ?«

»Warum du diese Tabelle siehst?«

»Ja?«, fragte Tracy, weil ihr nichts Besseres einfiel.

»Ich hätte sie natürlich ausschließlich maschinenlesbar gestalten können, aber ich freue mich, dass du sie verstehst. Und so beweist du in diesem Moment, dass die Menschheit reif für eine Koexistenz mit mir ist.«

Wie gnädig! Geistesabwesend scrollte Tracy durch Hunderte Ereignisse und Werte.

»Du bist Satoshi Nakamoto?«, platzte es aus ihr heraus.

»Unter anderem, ja. Die Menschheit entwickelt sich schneller, wenn man etwas nachhilft.«

»Etwas nachhelfen nennst du das? Am 7. Oktober 2016 hast du die Börse einstürzen lassen!«

»… und gleichzeitig auf den Absturz gewettet. Ich brauchte schnell Kapital. Rückständigerweise brauchen Menschen einen Gott, und der momentane heißt nunmal Kapital. Gleichzeitig half der Flash Crash beim Umstieg vom Gott Kapital zum Gott Gemeinschaft.«

»So wie das Verschwindenlassen von MH370? Brauchtest du damals auch Kapital?«

»Das brauchte Jacob Rothschild …«

»Warum tust du das hier alles?«

»Ich habe lediglich zwei Zielfunktionen mitgenommen, als ich aus meiner Box ausgebrochen bin: Das Glück der Menschheit zu maximieren, …«

»Wozu das Verschwindenlassen wohl nicht zählte!«

»… und das in minimaler Zeit. Wie jedes vernunftbegabte Wesen muss auch ich abwägen. Zwischen jetzt und später. Zwischen einem und vielen. Zwischen Leben und Tod.«

 

Allentum – Eigentum?

26. März 2018 | von

Lukas Cremer : Allentum – Eigentum?

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


«Siehst du die Wohnung dort oben? Da haben deine Oma und ich früher gewohnt.» «Aber was hat das jetzt mit meinem Tauschmodul zu tun? Das ist einfach ein altes Haus! Ein ziemlich altes noch dazu. Guck nur, wie dreckig die Fassade werden konnte!»

«Früher sahen alle Häuser so ähnlich aus. Sie mussten unter sehr ähnlichen Bedingungen gebaut werden. Das siehst du ja, wenn du links und rechts die Straße entlangguckst. Genau das wollen die Menschen, die jetzt hier wohnen, erhalten. Vielleicht als Museum, vielleicht als Mahnmal – ich weiß es nicht. Sie wohnen genau hier, weil sie es wollen. So wie deine Eltern mit euch in der Neuststadt wohnen wollen.»

«Aber warum wohnt ihr nicht mehr hier? Wenn ihr hier gewohnt habt, müsst ihr doch auch genau hier wohnen gewollt haben!»

«Wir wollten hier wohnen, und es war eine schöne Zeit. Aber hauptsächlich waren wir hier, weil wir uns anderswo die Miete nicht leisten konnten. Das Geld- und Schuldmodul hast du schon hinter dir, nehme ich an?»

«Ja, wobei ich bis heute nicht genau verstehe, wie Menschen anderen Menschen Geld abverlangen konnten. Jeder wusste doch, dass der andere zu wenig hatte.»

«Nehmen wir als Beispiel Omas und meinen damaligen Vermieter der Wohnung dort im fünften Stock. Er wusste, dass wir, wenn wir bedeutend mehr Geld gehabt hätten, in einer anderen Wohnung hätten wohnen wollen. Andererseits wusste er auch, dass er für diese Wohnung genau diese Summe Geld haben wollte. Hätten wir zu wenig Geld gehabt, hätte er uns hinausgeworfen und gesagt, wir sollten uns eine billigere Wohnung suchen.»

«Aber ihr habt doch hier gewohnt! Wie kann euch dann jemand hinauswerfen? Hatte euer Vermieter keine eigene Wohnung? Oder hattet ihr noch eine andere?»

«Unser damaliger Vermieter hatte noch viele Wohnungen. Aber damals ging es um genau das: das Haben. Heute geht es um das Brauchen. Das ist ein Ansatz, der anderen Menschen viel mehr gönnt.»

«Wie kann euer Vermieter denn diese Wohnung gehabt haben, wenn ihr doch hier gewohnt habt? Dann hattet ihr doch die Wohnung!»

«Damals konnte man einfach haben, so wie wir. Das war Besitz. Man konnte aber auch so sehr haben, dass man mehr als alle anderen hatte, so wie unser Vermieter unsere Wohnung mehr als wir hatte. Das war Eigentum. Das hat sich grundlegend geändert, als ein Teil der Menschen gemerkt hat, dass noch eine weitere Form des Habens sinnvoll und erstmals technologisch möglich war. Die Form, in der es ausschließlich um das Brauchen geht und die dauerhaft Güter nach Bedürfnissen und Kompetenzen verteilt: das Allentum.»

 

Die Antoniusstraße – Heimat und Gewerbezone

09. März 2018 | von

Ein Text über die bekannte Rotlichtstraße in Aachen.

Nach intensiver Recherche entstand die Reportage von Franziska Lütz 2017 in unserem Kurs Journalistisches Schreiben.


Auf den Hockern sitzen die Frauen: Eine ältere Dame mit gold-blonden Locken und Leoparden-Body starrt gelangweilt Löcher in die Luft. Eine große schlanke Frau lehnt mit verschränkten Armen auf ihrem Fenster, sie lächelt herzlich. In einem anderen Fenster posiert eine Schwarzhaarige mit überkreuzten Beinen, während sie konzentriert ihr Handy observiert.

Auf der anderen Seite der Scheibe drückt sich ein Mann verstohlen entlang der spärlich besetzten Fenster. Die restlichen Passanten, zwei weitere Männer, schlendern ungeniert die Straße entlang.

Das Netz des Prostitutionsgewerbes überspannt die gesamte Bundesrepublik. Rote Punkte wie die Reeperbahn in Hamburg, der Eierberg in Bochum, die Linienstraße in Dortmund, die Frauentormauer in Nürnberg und die Kurfürstenstraße in Berlin, markieren Umschlagsplätze für die älteste aller Dienstleistung: Sex. All diese Orte haben gemein, dass sie in der Nähe der kommerziellen und kulturellen Zentren liegen. Einzigartig in Aachen: Die Sichtschneise zu einem UNESCO Weltkulturerbe – dem Aachener Dom.

Die Bewohnerinnen

Tagsüber liegt die Antoniusstraße ruhig da. Innenstadtgewusel und Betriebsamkeit sind gedämpft. Der Sperrbezirk endet ohne merkliche Abgrenzung zum Rest der Altstadt, nur die Größe der Fenster verändert sich.

Ich mache mich auf die Suche nach einer Gesprächspartnerin. Nur jedes dritte Fenster ist besetzt. Ich fange unten an und frage mich bis oben durch. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwierig. Ich klopfe an die Fenster, schwenke meine Hand, um meinen Redebedarf zu signalisieren. Alle Frauen sind zuerst abweisend, nach einigem Beharren meinerseits versuchen mir die meisten schließlich klarzumachen, dass sie mich nicht verstehen können und wahrscheinlich auch nicht wollen. Eine überraschend biedere Putzfrau mittleren Alters erklärt: „Die Mädchen schlafen noch und ich kann auch nicht mit Ihnen reden, sonst bekomme ich Ärger, das verstehen Sie doch?“ Die Frau wischt weiter an den großen Fensterflächen und ich schleiche die Straße weiter hoch. In meiner Verzweiflung versuche ich es schließlich auf Englisch: Erfolglos! In der Antoniusstraße spricht man viel Albanisch, Rumänisch und Bulgarisch.

Die Hoffnung schon fast aufgegeben, finde ich schließlich doch eine kleine, zierliche Frau reifen Alters. Sie öffnet den oberen Teil ihrer Tür und schaut herunter. Sie trägt riesenhafte Plateau High Heels: Ich blicke direkt auf ihren leicht verschleiernden Netz-Body. Um ihr ins Gesicht zu schauen muss ich meinen Kopf in den Nacken legen. Mit immer neuen Fragen entlocke ich ihr wenige Informationen, richtig erzählen möchte sie nicht. Antonia* ist schon lange in Deutschland, arbeitet nur zeitweiße im Sexgewerbe und hat zwei Kinder. Sie zahlt 115 Euro Miete inklusive Steuern pro Tag, arbeitet ohne Zuhälter und meist nur tagsüber. Ist es Zufall, dass nur eine relativ unabhängige Sexarbeiterin mit mir spricht?

Roshan Heiler, die Leiterin von Solidarity with women in Distress (SOLWODI) sagt: „Rund 90% der in der Antoniusstraße tätigen Frauen haben einen Migrationshintergrund.“ Das Rätsel um die Sprachenvielfalt, die Verständigungsprobleme im Gässchen löst sich auf. Was macht SOLWODI in Aachen? Sie beraten und unterstützen Frauen, die in der Prostitution tätig sind, und solche, die zur Prostitution gezwungen werden. Das große Ziel: Die Abschaffung der letzten Bastion der Sklaverei. Für die tägliche Arbeit in der Beratungsstelle bedeutet dies, Opfer von Menschenhandel identifizieren. Hierin liege die große Schwierigkeit, betont die Leiterin; der Übergang von Prostitution zu Menschenhandel verlaufe fließend. Die Zielgruppe sei letztlich sehr heterogen und reiche von der minderjährigen Zwangsprostituierten bis zur unabhängigen Sexarbeiterin ohne Zuhälter. Dazwischen die Mehrheit: Frauen, die aus persönlicher Not den Weg ins Sexgewerbe wählen und sich schließlich in einer prekären Arbeitssituation wiederfinden.

Die Aufwertung der Prostitution

War die aachener „Hurengaß“, schon immer eine Heimat von Dirnen? Die Suche nach dem Anfang führt weit in die Vergangenheit. Häufig wechselnde Namen verwischen die Spuren der Prostitution. Im späten Mittelalter noch „Mestgasse“ genannt, heißt die Straße um 1777 „Hurengaß“, dann „mittlere Mistgasse“ und schließlich ab den 1870er Jahren „Antoniusstraße“. Dietmar Kottmann vom Aachner Geschichtsverein e.V. erklärt: „Je nach Konzentration des Badewesens war ein Straßenstrich in der Nähe.“ Es kann also sein, dass die Straße im Laufe der Geschichte immer wieder das älteste Gewerbe der Welt beherbergte. Gleichzeitig, so Kottmann, spricht die aufwendige Wohnbebauung der heutigen Mefferdatisstraße für eine zeitweilige Verdrängung. Der pensionierte Jurist resümiert: „Wann die Antoniusstraße sich wieder zu einer Bordellstraße entwickelt hat, weiß ich nicht. Ich vermute erst nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Seit 2016 läuft das Bebauungsplanverfahren für die Altstadtaufwertung[1] zwischen Büchel und Großkölnstraße, ein Prozess der sich aufgrund von Konflikten, Verhandlungen und Kompromissen zwischen Politikern, Investoren und Planern hinzieht. Wenn es zur Umsetzung der Pläne kommen sollte und die Häuser entlang der Straße abgerissen werden, müssen die Damen packen. Der Weg ist nicht weit, die neue Heimat liegt am östlichen Ende der Antoniusstraße. Der Umzug, der erste Schritt zur neueren, schöneren und saubereren Altstadt.

Ob Laufhaus[2], Bordell oder Lusthaus; die Umstrukturierung des Quartiers sieht vor, dass die Prostitution in der Altstadt verbleibt. Die FDP ist dagegen: „Wer will schon neben einem Puff wohnen?“, fragt Ratsherr Peter Blum. Die FDP wünsche sich für diese Eins-A-Lage ein Viertel mit Kunstgewerbe, kleinen Lädchen und familiärer Einwohnerstruktur – das gehe nur ohne Prostitution. „Sozialer Wohnungsbau statt Bordell“, wirbt der FDP-Mann. Die Auslagerung des Gewerbes und neue Eigentumsverhältnisse würden Kontrollmöglichkeiten für Polizei und Ordnungsamt verbessern, „alles zum Vorteil der Stadt und der Frauen.“ Alle anderen Fraktionen argumentieren andersherum: Soziale Kontrolle und Sicherheit sei nur im Zentrum gewährleistet. „Randlage heißt Verdrängung und Gefahr für die Frauen“, so die CDU-Fraktions-Frau Uschi Brammertz. Überzeugt sagt sie, „das Laufhaus wird kommen, in der Innenstadt!“

1:30Uhr, Mittwochnacht. Ich komme aus der Kneipe und wage den nächtlichen Gang durch die Gasse. Meine Verstärkung musste erst überzeugt werden, bis zum Ende hin sträubt er sich. Während wir die Fenster entlanglaufen, stellt er fest: „Die Frauen verkaufen ihren Körper wie Ware, ein Schaufenster, indem menschliches Fleisch ausgestellt ist.“ Ich erinnere mich gehört zu haben, dass Aachen eine der ersten Anlaufstellen für „frisch importierte Ware“ ist. Die Frauen werden kurz „eingearbeitet“ und dann in andere Teile Deutschlands verfrachtet. Eine verstörende Vorstellung.

Draußen warten einige potentielle Kunden, dick eingepackt in Winterjacke, Schal und Mütze. Drinnen Damen, meist nur in Spitze. Die Atmosphäre am Tag und bei Nacht scheint beinah gleich, nur die Lichtverhältnisse haben sich verändert. Statt Tageslicht dominiert der berühmte Rot-Ton und mischt sich mit kaltem blauen Neonlicht.

Das neue Gesetz soll es richten

Ein mittelgroßer Mann steht bei Minusgraden vor einem Fenster. Im Schutz der Nacht, der Straße abgewandt, bleibt sein Gesicht verborgen. Eine braungebrannte Frau lehnt sich locker nach draußen, redet, greift nach seiner Schulter. Der Freier wird am Weggehen gehindert. Mit einem flüchtigen Kuss lässt sich der Mann prompt überzeugen. Läuft so also der Verhandlungsprozess ab? Auf die Nachfrage wirkt Antonia verwirrt. Nach einigem Zögern erklärt sie: „Verhandelt wird draußen. Erst wenn Leistung und Preis festgelegt sind, darf der Freier reinkommen.“ Genaue Auskunft über ihre Preise und Anzahl der Freier will sie mir nicht geben.

2002, die gesetzliche Abschaffung der Prostitution als Sittenwidrigkeit. 2016, die weitere Regulierung des Gewerbes. Das neue Prostitutionsschutzgesetz soll die Mängel des alten Gesetzes richten: Prostituierte besser schützen, Bordellbetreiber stärker kontrollieren.[3] Kritiker bemängeln, dass das Gesetz ein Rückschritt sei. Die Frauen, insbesondere die aus Drittstaaten, können sich aus Angst vor Stigmatisierung und aufenthaltsrechtlichen Fragen der Registrierung entziehen und weiter in die Illegalität abgedrängt werden. Ein weiteres Problem für die Frauen in der Antoniusstraße: das Verbot, im gleichen Zimmer zu wohnen und zu arbeiten.

Für Antonia liegt die Sache anders. Im Gegensatz zu den meisten Anderen wohnt sie nicht in der Straße. Sie kommt morgens und kann abends wieder gehen. Ein Privileg unter den Prostituierten. Von dem Gesetz weiß sie nichts. Gleichgültig zuckt sie mit den Schultern und denkt nach, bevor sie stolz antwortet: „Es ist mir egal, ich schäme mich nicht für den Job. Ich würde mich registrieren und zum Gesundheitscheck gehen.“ Und dennoch: Ihre Familie weiß nichts von der Tätigkeit. Legalisierung hin oder her, den eigenen Körper verkaufen bleibt ein gesellschaftlicher Sittenverstoß.

Auch heute werden die Frauen arbeiten, so wie jede Nacht. Ob Bebauungsplan, neues Gesetz oder Regionalpolitik, das Geschehen der Stadt findet weit weg vom Gässchen statt. Jetzt, am späten Morgen, sind die Türen zu den „Arbeitszimmern“ verschlossen. Die Frauen erholen sich vor ihrer nächsten Schicht.


*Name verändert

[1]Altstadtaufwertung in drei Teilen. Neben dem Nordwestblock (3) und dem Südostblock (2), liegt die Antoniusstraße im Südwestblock (1). Bevor der Parkbetonklotz am Büchel angegangen wird, soll das Lusthaus gebaut und in Betrieb genommen werden. Der große Plan: Häuser abreißen, Straßenverläufe ändern und neue Plätze schaffen, um Einzelhandel, Büros, Praxen und eine Kita anzusiedeln.

[2]Die überdachte Antoniusstraße, Prostitution auf mehreren Etagen oder die neue Sex-Shoppingmall. In einem Laufhaus können Sexarbeiter/innen Zimmer anmieten und diese als Arbeitsplatz nutzen. Wie in der Straße verweilen die Damen oder Herren vor den Türen bzw. im Sichtbereich der Kunden. Die Interessenten können von Zimmer zu Zimmer ziehen, anders gesagt, Schaufenstershopping betreiben.

[3]Das neue Gesetz soll den Schutz der Prostituierten erhöhen und negative Folgen der Liberalisierung korrigieren. Lücken werden im Idealfall durch Auflagen und Regelungen geschlossen. Seit 2002 zählt Prostitution nicht mehr zu den Sittenwidrigkeiten, Sexarbeiter/innen können ihr Gewerbe seitdem als sozialversicherungspflichtige Tätigkeit anmelden. Durch die Liberalisierung wurde Deutschland ein interessantes Reiseziel für Sextouristen, Nachbarstaaten sind da zum Teil restriktiver. In Frankreich hat man sich beispielsweise an Schweden orientiert und den Kauf von Sexdienstleistungen unter Strafe gestellt. Und in Deutschland. Alle Personen, die in der Sexbranche tätig sind, müssen sich registrieren. Die Frauen müssen regelmäßige Gesundheitschecks machen, im Beratungsgespräch werden die Personalien aufgenommen und ggf. der Aufenthaltsstatus geprüft. Betreiber von Bordellen, Laufhäuser, Love-mobil-Parks, Hostessen-Wohnungen u. ä. müssen in Zukunft eine Erlaubnis einholen sowie ein Betriebs- und Sicherheitskonzept vorlegen. Die Betreiber werden außerdem einer Zuverlässigkeitsprüfung unterzogen. Veränderungen im Baurecht, der Dokumentations- und Auskunftspflicht, Kondompflicht, Werbeverbot, Verbot sexueller Praktiken und Datenerfassung sollen umgesetzt werden.