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Maike

Do more of what you are interested in!

24. April 2015 | von

Vor ziemlich genau einem Jahr begann mein Engagement als RWTH-Bloggerin – erst als Outgoing, dann als normale Studentin. Mit einem Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft möchte ich mich heute von euch verabschieden.

 

„What are you interested in?“ Es war eine sehr einfache und gleichzeitig sehr präzise Frage, mit der mich mein betreuender Professor in Harvard in unserem ersten Gespräch konfrontierte. Nicht nur der Jetlag und die Aufregung waren damals schuld daran, dass ich ins Stottern geriet. Es war eher das grundsätzliche Gefühl, dass ich die Antwort auf diese Frage irgendwo zwischen Studienverlaufsplänen und To-Do-Listen verloren hatte.

Erinnert ihr euch noch an die „Freiarbeit“ in der Grundschule? Diese Stunden, in denen man an verschiedenen Stationen auf verschiedene Arten zu verschiedenen Themen arbeiten durfte? Keine Stunden habe ich so sehr geliebt wie diese. Und genau dieses Gefühl der akademischen Freiheit vermisse ich oft in meinem Studium.

Zugegeben: Das ist auch meine eigene Schuld. Niemand zwingt mich dazu, zwei Bachelorabschlüsse in vier Jahren zu machen und in meine ohnehin schon viel zu vollen Stundenpläne dann auch noch Praktika, Nebenjobs und sonstiges Engagement reinzustopfen. Valid point.

Trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass unser Studium mehr Phasen vorsehen würde, die „frei“ sind – für individuelle Lern- und Forschungsprojekte, für echte Debatten in den Seminaren und Vorlesungen, für Begegnung und generationenübergreifenden Austausch und vor allem für mehr interessengleitetes Arbeiten.

Andererseits besteht eine der zentralen Lektionen und Leistungen des Studiums vielleicht auch darin, dass man lernt, sich aktiv und bewusst für etwas zu interessieren, was auf den ersten Blick nichts mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun hat. In der lateinischen Wortbedeutung meint inter-esse soviel wie „dazwischen sein“. Ich denke dabei an so etwas wie eine Brücke zwischen mir und einem Thema, einer Person, einer Sache. Diese Brücke muss gebaut werden, sie fällt nicht einfach vom Himmel – aber das andere Ufer kann mehr oder weniger weit entfernt sein.

Ich hab selten Menschen getroffen, die mit soviel Hingabe gegoogelt, mit soviel Aufmerksamkeit zugehört und mit soviel Leidenschaft Fragen gestellt haben wie in Harvard. Gleichzeitig schien jeder dieser Menschen ein oder mehrere Kernthemen gefunden zu haben, für die er brannte. Do more of what you are interested in – ein Karrieretipp? Zumindest eine gelungene Balance, finde ich: Ebenso wenig, wie man alle Brücken hinter sich abbrechen sollte, ist es vermutlich gut; an so vielen Stellen gleichzeitig zu bauen, dass man das andere Ufer nie erreicht.

Während ich gebloggt habe, wart Ihr für mich so etwas wie das andere Ufer – und ich habe mich oft gefragt, was euch wohl interessiert. Ich hoffe, es ist mir ab und an gelungen, eine Brücke zu euch aufzubauen und ich danke euch dafür, dass ihr mir entgegengekommen seid.

Für die Zukunft wünsche ich euch alles Gute!

Maike

 

 

Save our Souls

20. April 2015 | von

„Maike, ich würde dich gern auf einen jungen Nigerianer ansetzen.“

„Aber gern. Was macht er denn hier?“.

„Er ist ein Flüchtling.“

Ich traf Amaru das erste Mal am Ostermontag im Gottesdienst. Am nachmittag saß er bei uns auf der Couch und erzählte in gebrochenem Englisch seine Geschichte. Dass sein Vater gelähmt und arbeitslos, seine Schwester spurlos verschwunden und seine Familie hungrig sei. Dass ihm sein Cousin den Flug nach Griechenland bezahlt habe. Dass die dortigen Behörden ihn aber nach Italien geschickt hätten, wo ihm von Landsmännern sein gesamtes Gepäck gestohlen wurde. Dass er dann in Deutschland eine längere Odyssee mit Stationen in München, Dortmund und Unna hinter sich gebracht hatte, bevor er schließlich einer Unterkunft in meiner Heimatstadt zugeteilt wurde. Dass diese Unterkunft ein Hotel sei, indem er nicht kochen könne, weswegen er keine warmen Mahlzeiten hätte. Dass dort außer ihm nur Muslime seien, vor denen er offensichtlich Angst zu haben schien. Vor allem aber: Dass er hierbleiben und unsere Sprache lernen und arbeiten wolle.

Überfordert von soviel Leid, beschränken sich unsere guten Ratschläge auf die Auswahl eines passenden Mobilfunkvertrags, um kostengünstig mit seiner Familie zu telefonieren. Offenbar erfolgreich: Schon am nächsten Tag ruft Amaru mich und meine Schwester auf’s Handy an. Und am übernächsten. Und am überübernächsten. Schickt SMS, fragt, wann wir uns wiedersehen. Sagt, dass wir sein Leben hier gerettet haben. Dass er Gott für uns gedankt hat. Dass er unsere Eltern liebt.

Ich mache kurz den irren Versuch, mich in seine Situation hineinzuversetzen, aber ich weiß, dass ich das nicht kann. Wann immer ich bisher in diesem Leben im Ausland war, bin ich auf Menschen getroffen, die mich erwartet haben. Als ich zu Beginn meines Freiwilligendienstes in Chile landete, wurde ich mit Luftballons und Konfetti am Flughafen abgeholt, großartig bewirtet und bekam feierlich die Schlüssel meiner eigenen, vorgeheizten Wohnung überreicht. In Boston hatte ich das unverschämte Glück, in eine WG zu kommen, die mit mir nicht nur die Nächte durchdiskutierte, sondern mir auch sonst unconditional support dabei gab, mich in der neuen Welt zurechtzufinden. Gefühle von Fremdheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit dauerten bei mir meistens nicht länger als ein paar Wochen an und gingen dann ziemlich schnell in die berühmte Honeymoon-Phase über.

Mir ist klar, dass das alles bei Amaru anders ist und dass wir in dieser Situation auf ihn wie Engel wirken müssen. Ich habe genügend interkulturelle Trainings mitgemacht, um zu wissen, dass sein Lobeslied auf unsere Familie vermutlich trotzdem nicht wortwörtlich zu verstehen ist. Und trotzdem fühle ich mich unangenehm unter Druck gesetzt. In den kommenden Tagen telefoniere ich mir die Finger wund, in der Hoffnung ein paar gute Tipps von Profis zu bekommen. Doch weder beim Aachener Netzwerk Save me, noch bei Caritas und Diakonie erreiche ich jemanden – Osterferien, erst ab Montag wieder jemand da. Also beschließe ich, mich Donnerstag noch einmal mit Amaru zu treffen, diesmal in der Stadt.

„Hi! Don’t you wanna come and see my room?“ Breit grinsend, mit Achselshirt und Badelatschen steht Amaru am Hoteleingang. Ebenso breit grinsend erwidere ich: „No, the weather is so beautiful, let’s take a walk in the park“ und schäme mich innerlich für meine Vorurteile. Nach ein bisschen Small Talk erzählt er mir, was er Ostermontag verschwiegen hat: Dass er in seiner Gemeinde für schwul gehalten wird, weil er mit 33 noch nicht verheiratet ist und öfter mit einem schwulen Mann zusammen gesehen wurde. Dass er aber ganz gewiss nicht schwul sei, weil das Sünde ist und er für seinen Glauben leben wolle. Und dass er von mehreren Männern aus seinem Dorf nachts vergewaltigt worden ist. Spätestens in dem Augenblick, als er mir die Narben an seinen Fußgelenken zeigt sitze ich nicht mehr auf der Bank neben ihm, sondern blicke mit 5 Metern Distanz auf uns beide herab. Nicht nur mein Kopf sondern auch mein Bauch sagen mir deutlich, dass das hier eine Nummer zu groß für mich ist. Und so beende ich nach einigen vermutlich eher unbeholfenen Versuchen ihn zu trösten das Gespräch ziemlich rasch und wimmele sein Betteln, mich nach Hause begleiten zu dürfen, ab.

Glücklicherweise erreiche ich zwei Tage später eine gute Bekannte, die früher selbst mit Flüchtlingen gearbeitet hat und kann sie um Rat fragen. Sie bietet an, Amaru in die entsprechenden Flüchtlingsnetzwerke in unserer Sadt zu integrieren und ihm ggf. einen geschulten Flüchtlingspaten zu vermitteln. Das scheint ganz gut zu klappen. Ich sage „scheint“, weil ich Amaru seither nicht mehr gesehen habe. Der dringenden Bitte eines Gemeindemitglieds, ihn darauf vorzubereiten, seine Geschichte dem Flüchtlingsbeauftragten unserer Stadt zu erzählen und ihn zu einer Psychotherapie zu überreden, bin ich nicht nachgekommen – nach reiflicher Überlegung und ausführlicher Beratung durch Flüchtlingsexperten. Ob ich gerade versuche, mich zu rechtfertigen? Ja. Weil ich noch immer nicht ganz mit mir selbst im reinen bin, ihn einfach so weggeschoben zu haben – und gleichzeitig weiß, dass Trauma-Opfer mehr Hilfe benötigen, als ich sie geben kann.

 

Aus der Geschichte gelernt habe ich vor allem eines: Bei Flüchtlingen geht es um viel mehr als nur um ein paar Millionen EU-Fördermittel mehr und bessere Boote im Mittelmeer. So überlebenswichtig diese Boote sind – Flüchtlinge haben nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele.

Rettset oder Jetset?

25. Februar 2015 | von

 

Berlin! Wenn ich durch deine Straßen laufe, geht’s mir einfach gut – wie keine andere Stadt in Deutschland vermittelst du mir ein Gefühl von Weite und Freiheit. Vor zwei Wochen war es wieder da, dieses Berlin-Gefühl und so ein kleines bisschen großartig kam ich mir schon vor, als ich in meinem neuen Hosenanzug über den Alex lief. Wie wohl die Konferenz gleich werden würde? Vorfreudig unsere Erwartungen austauschend, steuerten K., B. und ich auf die U-Bahn Station zu.

Am Gleis angekommen nehme ich aus den Augenwinkeln eine merkwürdige Gestalt wahr, die auf einer Wartebank sitzt. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen, denn die Bewegungen der Person sind ganz und gar nicht normal, sondern eher ruckartig verkrampft. Als tägliche Pendlerin bin ich es gewöhnt, dass man an Bahnhöfen ab und an seltsame Personen trifft – an den verdrehten Pupillen, dem undefinierbaren Sekret, das aus der Nase des jungen Mannes tropft und der Wunde unter seinem rechten Auge kann ich jedoch erkennen, dass es diesmal „was Ernsteres“ sein muss. Während mein innerer Schweinehund sich angeekelt abwenden möchte, geht B. sofort auf ihn zu: „Brauchen Sie irgendetwas? Benötigen Sie Hilfe?“ – „Wasser“, lautet die stöhnende Antwort. Eine neben der Bank stehende Frau klärt uns auf, dass der Mann sich eben schon auf die Gleise schmeißen wollte, ihr Handy kaputt wäre und sie ihn alleine nicht abhalten könne. Nach kurzer Beratung mit meinen Begleitern wähle ich das erste Mal in meinem Leben die 112. Die fünf Minuten, die wir warten müssen, bis die Sanitäter eintreffen, dauern eine quälende Ewigkeit. Der Mann krampft weiter und zerdrückt dabei fast die Wasserflasche, die wir ihm eben am Automaten gezogen haben. Sein Gesicht verzerrt sich, als hätte er unsagbare Schmerzen. Angestrengt versuche ich mich an meine Erste-Hilfe-Kurse zu erinnern. Sollte ich ihm nicht etwas in den Mund stecken, damit er sich nicht die Zunge abbeißt? Aber was, wenn er AIDS hat? Ich bin überrascht, wie skrupellos mein Selbstschutzinstinkt sich aktiviert und ziemlich erleichtert, als wir die Verantwortung schließlich an den Rettungsdienst abgeben können. Mit halbem Ohr höre ich mit, wie der Mann zugibt, Speed und Alkohol genommen zu haben – in einer scheinbar äußerst ungesunden Mischung.

Noch immer etwas aufgewühlt komme ich auf der Konferenz an, versuche meine Schweißflecken unter dem Blazer zu verstecken und mir mit Rouge wieder etwas Farbe ins Gesicht zu zaubern. Schließlich muss ich hier gleich noch ein Projekt vorstellen und das ein- oder andere Gespräch führen; außerdem hab ich um Mitternacht noch eine Deadline für eine Bewerbung. Als der Trubel des Tages nach dem Abendessen schließlich einer gewissen Ruhe weicht, werde ich nachdenklich. In den letzten Monaten habe ich jegliches Engagement zu Gunsten meiner Masterbewerbungen sausen lassen, um in den kommenden beiden Jahren an einer möglichst guten Uni zu lernen, wie man professionell die Welt rettet. Aber ist es nicht eine Illusion, dass ich eines Tages in der Lage sein werde, Strukturen zu verändern? Wäre es nicht viel sinnvoller, könnte ich nicht viel mehr Gutes tun, wenn ich das Studium abbreche und meine Zeit full-time in einem Obdachlosenheim oder einer Drogenberatungsstelle investiere? Und wie viele neue Hosenanzüge verkraftet mein Ego, bevor mein innerer Schweinehund endgültig siegt und ich genau wie viele Umstehende den Junkie am U-Bahnsteig einfach ignoriere? Es sind keine einfachen Fragen, mit denen ich in dieser Nacht schlafen gehe…

Schreibtischpotatoe meets RWTH Gym

28. Januar 2015 | von

Ich hab’s gemacht! Nach fast vier Jahren in Aachen habe ich mich das erste Mal für ein Angebot des Hochschulsportzentrums angemeldet – und bin dann tatsächlich hingegangen. Um ungefähr zu erahnen, was das für  mich bedeutet, müsst ihr wissen: In der Schule war ich immer die mit der 3- in Sport; die, die immer bis zuletzt auf der Bank saß, wenn Mannschaften gewählt wurden; die, die als einzige bei den Bundesjugendspielen keine Siegerurkunde bekam; die… ihr wisst, was ich meine, oder?

Aus genau dem Grund war dann für mich mit Beginn der Studienzeit erstmal Schluss mit lustig. Um mein Gewicht zu halten genügte es schließlich völlig, wenn ich mich zu Fuß die sieben Hügel rauf- und runterquälte, auf denen Aachen erbaut wurde, statt den Bus zu nehmen. Wozu also noch mehr schwitzen? Mir ging es doch gut, auch ohne Sport.

Bis, ja bis…mein linkes Knie begann, ganz fies wehzutun. Und mein Orthopäde mit Blick auf meinen Rücken fragte, wie alt ich eigentlich schon wäre. Und die überflüssigen Pfunde aus den USA partout nicht von selbst verschwinden wollten.  Die drei Gründe zusammen haben mich dann dazu bewogen, mich doch mal etwas näher mit den Angeboten des Hochschulsportzentrums zu beschäftigen. Klar war: Mit einer Ballsportart wird das nichts, Bälle haben aus unerfindlichen Gründen Angst vor mir. Kontakthüpfen Fitness mit Musik war nach all den fiesen Kommentaren die ich darüber schon gemacht habe auch keine richtige Alternative 😉

Schließlich habRWTH_GYM_72_dpie ich mich für einen Einführungskurs im RWTH Gym entschieden. Diese Kurse müssen von allen belegt werden, die selbst noch keine Erfahrung mit Fitnesstraining an Geräten haben. Es gibt sechs Termine, einmal darf man fehlen; wer möchte, kann sich schon nach dem dritten Termin eine Dauerkarte kaufen. Mitbringen muss man außer einem Handtuch nicht viel, und mit einem Preis von 30 € ist es eine günstige Gelegenheit, in die Welt des Fitness-/Krafttrainings an Geräten hineinzuschnuppern.

Meine anfängliche Skepsis löste sich schnell auf: Zum Glück waren in meinem Anfängerkurs nicht nur Arnold Schwarzennegger Miniaturversionen, sondern auch ein paar normale Leute. Als ich beim PWC-Einstufungstest recht schnell aufgegeben hab, kamen keine blöden Sprüche, sondern viele hilfreiche Tipps. Klar: Mehr als 15-20 kg auf den Armen und 40-50 auf den Beinen stemm ich auch jetzt noch nicht. Oft ist es sogar deutlich weniger. Aber trotz höllischem Muskelkater am Tag danach begannen mir die Übungen nach einiger Zeit sogar Spaß zu machen.

Jetzt gibt es nur ein Problem: Seit letzter Woche ist der Kurs offiziell vorbei. Und jetzt müsste ich mir selber eine Karte kaufen und selbstständig trainieren. Nur…jetzt ist Klausurphase. Und eigentlich hab ich überhaupt keine Zeit für irgendwas…und überhaupt, so ein paar Wochen Pause haben doch noch niemandem geschadet…

Und ihr so? Wie vereinbart ihr Studium und Sport?

 

Fürchtet euch nicht.

19. Januar 2015 | von

Manchmal sind sie einfach da, diese dummen Gedanken.

  • Zum Beispiel, wenn ich im Audimax eine Vorlesung höre, irgendwo eingepfercht in der Mitte einer Sitzreihe. Wenn jetzt ein Amokläufer hereinspazieren würde, käme ich schnell genug hier raus?
  • Zum Beispiel, wenn ich nachts allein durch Aachen laufe. Wenn ich jetzt überfallen würde, könnte ich noch genug Kung Fu, um mich zu wehren?
  • Zum Beispiel, wenn ich nächstes Wochenende mit dem ICE nach Berlin fahre. Wenn es jetzt wirklich einen Anschlag auf den Hauptbahnhof gäbe, würde ich es überleben?

Keiner dieser Gedanken hält mich davon ab, mich in Vorlesungen zu meinen Freunden zu setzen, abends auf die Pontstraße zu gehen oder Zug zu fahren. Dazu besitze ich einfach zu viel Optimismus, dazu ist mir bisher in meinem Leben zu wenig negatives passiert, um mir meine rheinländische Grundhaltung: „Et hätt noch immer jot jejange“ zu nehmen.

Im Fall von Charlie Hebdo war das anders. Die Karikaturisten und Journalisten wussten spätestens seit dem ersten Brandanschlag auf das Redaktionsgebäude 2011, dass sie in realer Gefahr schwebten – und wurden noch dazu jeden Tag durch Polizeipräsenz in ihren Räumen daran erinnert. Trotzdem haben sie weitergemacht. Ich bewundere das umso mehr, seitdem ich neulich in der Zeit einen Artikel gelesen habe, in dem ein ehemaliger Widerstandskämpfer gegen Nationalsozilalismus beschrieb, wie er gefoltert wurde. Mich hat tief bewegt, was Jean Amery in diesem Artikel über den ersten Schlag ausgesagt hat:

„Der erste Schlag bringt dem Inhaftierten zu Bewußtsein, daß er hilflos ist – und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen, fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewißheit: Man wird mit mir anstellen, was man will. Es ist nur wenig ausgesagt, wenn irgendein Ungeprügelter die ethisch-pathetische Feststellung trifft, daß mit dem ersten Schlag der Inhaftierte seine Menschenwürde verliere. Doch bin ich sicher, daß er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niedergeht, etwas einbüßt, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. Weltvertrauen. Dazu gehört vielerlei: der irrationale und logisch nicht zu rechtfertigende Glaube an unverbrüchliche Kausalität etwa. Wichtiger aber – und in unserem Zusammenhang allein relevant – ist als Element des Weltvertrauens die Gewissheit, daß der andere auf Grund von geschriebenen oder ungeschriebenen Sozialkontrakten mich schont, genauer gesagt, daß er meinen physischen und damit auch metaphysischen Bestand respektiert.“

Wenn wir in diesen Tagen alle sagen, hashtaggen und schreiben #JeSuisCharlie, dann identifizieren wir uns nicht nur mit der Trauer und dem Leid der Hinterbliebenen, sondern auch mit deren Mut. Es ist der Mut, nach dem ersten, und nach dem zweiten Schlag weiterzumachen. Nebenbei bemerkt: Für mich als Christin ergibt sich hier eine ganz neue Interpretation der mir bisher unverständlichen Bibelstelle: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt im auch die linke Wange hin. (vgl. Die Bibel, Matthäus 5, 39)

Sind wir aber so mutig? Ich weiß nicht, was ich hier schreiben würde, wenn ich mit Peitschenhieben rechnen müsste oder damit, dass wirklich jemand mit einer Kalaschnikow in den Hörsaal stürmt.  Vielleicht geht es aber auch gar  nicht so sehr um die Heldentaten. Vielleicht geht es einfach darum, das gleiche zu tun, wie die Charlie Hebdo Leute: Weitermachen. Unser Leben leben, ohne den Terroristen die Macht zu geben, die soziale Realität in der wir uns befinden, neu zu definieren – zum Beispiel durch neue Sicherheitsgesetze. Konkret: Vorlesungen besuchen, nach Berlin fahren. Und uns abends gegenseitig nach Hause begleiten, damit die Angst auch hier keinen Raum hat.

 

never give up

 

Weihnachten in Quarantäne

22. Dezember 2014 | von

Wir stehen im Kreis, noch etwas unsicher, die Arme verschränkt oder in den Hosentaschen, einige blicken verlegen zu Boden, andere schauen herausfordernd in die Runde. Das Seminar beginnt mit einem dieser Kennenlernspiele: Finde ein Adjektiv, dass mit dem gleichen Buchstaben wie dein Vorname beginnt. Fieberhaft denke ich nach. Früher fiel meine Wahl regelmäßig auf munter – aber munter bin ich nach der langen Zugfahrt ganz sicher nicht mehr. Ah, ich hab’s: Mutig. Das klingt stark und so ein bisschen nach Superwoman. Zufrieden mit mir selbst sage ich laut: Ich bin die mutige Maike. Gelächter ringsherum, Erleichterung in mir.

Wenn ich in Sierra Leone in einem Seminar gesessen hätte, wären einige von uns jetzt nicht mehr am Leben. Wen hätte es getroffen? Die freche Franzi, die chaotische Clara oder den liebenswürdigen Leon? Tatsache ist: Wir hätten wohl existenziellere Sorgen gehabt, als die, möglichst cool und sympathisch auf die anderen Seminarteilnehmer zu wirken. Und ich bin mir sicher, die mutige Maike hätte sich angesichts der Diagnose Ebola ganz schnell in die Memme Maike oder so verwandelt – jedenfalls den Mut verloren.

Von meinem Fernsehsessel aus kann ich nur erahnen, was es heißen muss, Weihnachten in Quarantäne zu feiern. Wie das sein muss, wenn die Mutter teilnahmslos in einem Plastikbett liegt, statt den Weihnachtsbraten zu machen, wenn die Schwester aus allen möglichen Körperöffnungen blutet, statt mit mir den Tannenbaum zu schmücken, wenn der Opa Leichen sammelt statt Glühweintassen und irgendwelche komischen Leute mit Schutzanzügen durch meine Wohnung – oder Holzhütte – stapfen.

Ich habe keine Antwort auf das Grauen, was sich dort abspielt. Und daher endet dieser Blogbeitrag auch nicht mit einem harmonischen Abschluss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Novembernebel: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

25. November 2014 | von

Leben ist optimieren unter Nebenbedingungen. Dumm nur, wenn einem nicht einmal die Nebenbedingungen bekannt sind. Bei mir ist das gerade so: Seitdem ich aus Boston zurück bin, ist alles ziemlich unklar. Im Augenblick kann ich nicht einmal sagen, wie das nächste halbe Jahr aussieht, geschweige denn meine nächsten 3 Jahre:

  • Ich weiß nicht, in welchem Master ich ab September 2015 studieren werde – aber ich weiß, dass ich für einen sehr guten Masterplatz sehr gute Noten, sehr gute Gutachten, ein sehr gutes Ergebnis im TOEFL und ein sehr gutes Motivationsschreiben brauche.
  • Ich weiß nicht, ob ich die notwendigen Stipendien bekomme, aber ich weiß, dass ich ca. 36.000 Euro pro Jahr für Studiengebühren und Lebenshaltungskosten während meines Masters benötige.
  • Ich weiß nicht, ob mein Bachelorzeugnis bis dahin erstellt und meine Gutachten und Arbeitszeugnisse auf englisch übersetzt wurden, aber ich weiß, dass ich meine Masterbewerbung Anfang Dezember einreichen muss.
  • Ich weiß nicht, wo ich im Frühjahr 2015 ein Praktikum machen werde, aber ich weiß, dass ich noch ein Praktikum für meinen Bachelor in BWL brauche und es verdammt gerne genau da machen würde, wo ich in zwei Wochen ein Bewerbungsgespräch habe. Und ob die Bahn dann fährt, wenn ich mein Bewerbungsgespräch habe, weiß ich auch nicht 🙂
  • Ich weiß nicht, wie vieler Anträge an den Prüfungsausschuss es noch bedarf, um meinen, sagen wir, „originellen“ Studienverlaufsplan zu rechtfertigen, aber ich weiß, dass ich auf sein okay angewiesen bin, um meinen BWL-Bachelor rechtzeitig vor meinem Traummaster im Ausland (von dem ich, wie erwähnt, noch nicht weiß, ob ich ihn bekomme) zu beenden.
  • Ich weiß nicht, ob ich nächstes Semester wirklich die 51 CP’s schaffe oder ob das nicht alles ein ziemlich gewagter Plan war.
  • Ich weiß nicht genau, was in meinem neuen Nebenjob eigentlich von mir erwartet wird, aber ich weiß, dass ich den Job unbedingt wollte.

Ich könnte die Liste jetzt noch eine Zeitlang fortsetzen, aber so ein Blogbeitrag ist ja keine Therapieakte 😉

Um mit all dieser Unsicherheit mal produktiv umzugehen, hab ich mir jetzt bei Amazon ein Whiteboard bestellt. Nicht so ein kleines 0815 Ding, nene, das musste schon direkt monstermäßige neunzig mal einszwanzig haben. Mit Hilfe einer strukturierten, professionellen Mindmap wollte ich Übersicht über die verschiedenen Baustellen meines Lebens schaffen. Immerhin: Ich hab es geschafft, in die Mitte des Boards sehr ordentlich die beiden Worte „My life“ zu schreiben. Danach habe ich aufgegeben – irgendwie lässt sich die derzeitige Komplexität (oder das Chaos) meines Lebens nicht wirklich in 2D abbilden (an die Ingenieure da draußen, ein 3D Whiteboard für den Hausgebrauch wär ziemlich cool!)

Seltsamerweise geht es mir trotz all den Unklarheiten gut. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht bin ich in Boston stressresistenter geworden, vielleicht ist es ein Anflug von Vorweihnachtsstimmung, vielleicht sind’s auch nur irgendwelche Hormonschwankungen, die mir gerade gute Laune machen. Und vielleicht wiege ich mich auch in falscher Sicherheit. Anyway: Ich habe jedenfalls beschlossen, jetzt einfach mal so weiterzuleben, Tag für Tag. Und voller Zuversicht. Life can only be understood backwards, but it must be lived forwards.

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Was wäre, wenn…

15. November 2014 | von

…man alle Mitarbeiter und Studierenden der RWTH verpflichten würde, 10 Prozent ihrer Arbeits- und Studienzeit in Projekte zu investieren, die direkt der RWTH zugutekommen?

Schon lange stelle ich mir die Frage, ob man das geballte intellektuelle Potential der RWTH nicht auch intern nutzen könnte. Keine Frage – wir haben da schon ein paar richtig schlaue Köpfe an den verschiedenen Fakultäten und Forschungszentren und die hohe Reputation der RWTH als forschungsstarke, innovative Universität ist sehr wertvoll. Wenn ich mir jedoch meinen Unialltag so anschaue, fallen mir ein paar Dinge ein, wo noch Verbesserungsbedarf besteht – und warum in die Ferne schweifen, wenn die Lösung liegt so nah?

Ein paar Beispiele, um die Idee zu verdeutlichen:

  • Was wäre, wenn Eltrotechnik und Informatik gemeinsam eine App entwickeln, die mit Hilfe modernster Sensortechnik misst, wie voll gerade welche Mensa in meiner Nähe ist und mir die durchschnittlichen Wartezeiten auf meinem Handy anzeigt?
  • Was wäre, wenn die Architekten endlich den faltbaren Hörsaal erfinden würden, der seine Größe automatisch der aktuellen Zahl an Studierenden anpasst?
  • Was wäre, wenn die Mediziner ergonomisch geformte Hörsaalstühle entwerfen – und dann gemeinsam mit den BWLern dafür sorgen, dass sie finanzierbar bleiben?
  • Was wäre wenn ein paar Mediziner und Biologen die Mensaköchinnen und – köche dabei unterstützen würden, für gesundes, vollwertiges Essen zu sorgen?
  • Was wäre, wenn wir selber unsere Freistunden zwischen zwei Vorlesungen dazu nutzen würden,
    • …den weniger technikaffinen Professor_innen Nachhilfe zu geben in Sachen Beamer, Mikro und L2P?
    • …mitzuhelfen in Bibliothek, ZPA und Co – müsste man dann noch 8 Wochen auf ein Bachelorzeugnis warten?
    • …ein Alumninet der RWTHler aufzubauen, über das Praktika, Mentoring und Beratung stattfindet?
    • …einen regelmäßigen Bücherflohmarkt für gebrauchte Uniliteratur zu organisieren?

Be the change you want to see in the world (Gandhi)!

Epilogue: Enter to Grow in Wisdom

16. Oktober 2014 | von

Das war’s. Die Koffer sind ein und wieder ausgepackt, die Bachelorarbeit geschrieben und abgegeben, der erste Hunger nach Lindt-Schokolade gestillt und während ich gerade so im ICE von Berlin nach Düsseldorf sitze, frage ich mich unwillkürlich: War das alles nur ein Traum?

Harvard kann unwirklich sein, soviel steht fest – im negativen wie im positiven. Nicht umsonst sprechen Studenten wie Professoren übereinstimmend von der Harvard Bubble. Es ist eine Blase, die buchstäblich aufgeblasen wirken kann: Ein Hype, basierend auf ein paar berühmten Namen, einer Handvoll Nobelpreisträgern, den Ergebnissen aus einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Rankings und schließlich einer unverschämt großen Menge Geld. Gleichzeitig ist es aber auch eine Blase, die Luft beinhaltet, die einen Schutzraum bietet, zum Forschen, Ausprobieren, Entdecken. Manchmal hatte ich das Gefühl, Harvard sei so etwas wie ein riesiger wissenschaftlicher Spielplatz – in ähnlicher Weise bezeichnete die Professorin zweier Freunde von mir Harvard einmal als academic Disneyland. Ein Disneyland, in dem vieles glitzert und funkelt und vieles einfach wunderschön ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Jason mich in unserem zweiten Gespräch fragte, ob ich mich denn auch schon gut eingelebt habe. Als ich ihm antwortete: Yes, I have, I just got struck by the amazing beauty around me klang dies sicherlich etwas seltsam – und doch war ich in meiner Anfangszeit und auch später noch sehr oft geflasht von der bloßen Schönheit meiner Umgebung. Fair Harvard, mit diesen Worten beginnt denn auch die offizielle Universitätshymne.

Blasen sind nicht nur mit viel Luft befüllt, sie werden auch durch eine Haut geschützt. Im Falle von Harvard erscheint diese Haut recht dick – nicht nur, weil massive Backsteinmauern den Campus umgeben. Um einen meiner Mitbewohner zu zitieren: Harvard ist gleichzeitig einer der inklusivsten und der exklusivsten Orte auf der Welt. Ist man einmal drin in der Bubble, kann man ohne Schwierigkeiten Nobelpreisträger und Vizepräsidenten anschreiben und bekommt eine Antwort. Um jedoch hineinzukommen muss man einiges leisten – und sich einiges leisten können. Trotzdem sei hier darauf hingewiesen, dass Harvard ebenso wie Princeton eine no-dead policy hat – niemand soll aufgrund finanzieller Probleme vom Besuch des Harvard Colleges ausgeschlossen werden.

Mein eigenes Forschungspraktikum wäre nicht möglich gewesen ohne die finanzielle Unterstützung durch UROP bzw. die Studienstiftung. Nicht immer fand ich es einfach vor mir selber zu legitimieren, dass ich gerade von zwei Institutionen Geld dafür erhalte, unter Kronleuchtern auf Polstersesseln zu sitzen und mich entspannt durch das ein- oder andere wissenschaftliche Journal zu lesen. Natürlich ist das eine überzogene Darstellung – Harvard war gewiss nicht die entspannteste Zeit meines Lebens. Trotzdem war auch ich ohne jeden Zweifel privilegiert – nicht nur, weil das Wort Harvard auf dem Lebenslauf ungeahnte Türen öffnet.

Beim Commencement verlassen die frischgebackenen Harvard-Absolventen den Campus durch das sogenannte Dexter Gate. Als eines der ältesten Tore zum Campus trägt es auf der Außenseite die Inschrift: enter to grow in wisdom. Auf der Innenseite wird diese komplettiert durch den Satz: depart to serve better thy country and thy kind. Bin ich „in Weisheit gewachsen“ während meines Aufenthalts in Boston? Ich weiß es nicht. Definitiv habe ich akademisch-fachlich in kurzer Zeit mehr gelernt als jemals zuvor in meinem Leben. Ich bin beeindruckenden Menschen begegnet, ich habe viele spannende und bereichernde Gespräche geführt, ich habe besser als je zuvor verstanden was es heißt, zu wissen, dass man nichts weiß. Aber macht Wissen Weisheit aus? Ist Weisheit nicht vielmehr die Fähigkeit zur richtigen Anwendung von Wissen? Die Inschrift auf dem Dexter Gate fordert Harvard-Absolventen dazu auf, nach dem Abschied von der Universität ihrem Land und der Menschheit zu dienen. Ob auch ich mein Wissen eines Tages „zum Wohle der Menschheit“ einsetzen kann? Oder sind das alles bloß fromme Wünsche, die man im alltäglichen Trubel und der Sorge um die eigene Karriere schnell vergisst?

Ich war auf der Suche nach Leben zwischen Alltag und Elite. In der Praxis war ich oft eher auf der Suche nach meinem Haustürschlüssel zwischen hunderten von Büchern, nach den fehlenden Englischvokabeln, nach meinem eigenen Arbeitsstil, nach dem kürzesten Weg zum Supermarkt, der entscheidenden Information für die Bachelorarbeit, dem fehlenden Quarter für die Waschmaschine und dem besten Kaffee der Stadt. (Heraus-)gefunden habe ich meine Leidenschaft für indisches Essen, die Tatsache, dass ich tatsächlich länger als 12min am Stück joggen kann, dass auch Oxford-Absolventen weinen, wenn wir Weltmeister werden, die besten Sitzplätze in der Bibliothek, die Auswirkungen von Capuccino mit dreifachem Espresso auf meine Konzentrationsfähigkeit und ein paar gute Freunde. Ich bin nicht sicher, ob das „das Leben“ ist. I’d rather say it was a roller coaster ride – and I gonna miss my daily portion of adrenaline.

 

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Money, Money

02. Oktober 2014 | von

Lange angekündigt, endlich da: Nein, nicht das neue I-Phone, sondern mein Blogbeitrag über die Finanzierung von Auslandsaufenthalten. Ein sehr relevantes Thema, wie ich finde – oft genug haben mir Freunde erzählt, dass sie zwar gerne ins Ausland würden, aber es letztlich am Geld scheitert. Gerade wenn es um Auslandsaufenthalte abseits des klassischen Erasmus-Semesters geht, ist eine Finanzierung nur aus eigenen Mitteln für den Durchschnitts-Studenten kaum machbar. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Lebenshaltungskosten nur bedingt im voraus ermitteln lassen – es erfordert einiges an googlen, um eine ungefähre Ahnung zu bekommen, wie billig oder teuer das Leben in einem anderen Land nun wirklich ist. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, möchte ich im Folgenden kurz meine eigene Kosten- und Finanzierungsstruktur (ja, ich studiere auch BWL, sorry 😉 ) erläutern und dann ein paar generelle Hinweise zu möglichen Finanzierungsquellen geben. Ich habe versucht, ziemlich genau aufzuschreiben, was ich wofür ausgebe, die Werte stellen aber teilweise gerundete/Durchschnittswerte dar.

Insgesamt habe ich für meinen Auslandsaufenthalt 5923 Euro ausgegeben. Davon entfielen 1179 Euro auf sunk costs – Flug (696 Euro), Visagebühren (255 Euro), Bahntickets und Hotelübernachtung zum Abholen des Visums (ca.100€), Passfotos, Gastgeschenke, Großeinkauf bei der Apotheke, Reisekrankenversicherung (276 Euro, Hanse-Merkur).

Meine laufenden Kosten pro Monat beliefen sich auf ca. 1186 Euro und strukturierten sich wie folgt:

Kosten USA

 

Miete: Da ich innerhalb der WG mehrfach das Zimmer gewechselt habe, und die Mietpreise sich nach Zimmergröße berechneten, steht da oben so eine krumme Zahl. Ich habe nicht direkt on Campus gewohnt, sondern ca. 20min Fußweg entfernt in Somerville, daher war meine Miete verhältnismäßig günstig. Dass es noch billiger geht, bewiesen zwei Freunde von mir, die sich in einer 6er WG relativ weit außerhalb ein Zimmer geteilt haben – für jeden fielen dementsprechend nur ca. 270 Euro an.

Essen: Darin ist sowohl mein Supermarkteinkauf, als auch mein Essen on Campus (=Mensa) bzw. in Restaurants inbegriffen. Aufgrund der hohen Essenspreise, über die ich in früheren Blogs bereits berichtet habe, war Essen in der Tat ein großer Kostenfaktor. Wer nicht viel selbst kocht, sollte mit deutlich(!) höheren Kosten rechnen, geschätzt ca. 500 Dollar.

Transport: U-Bahn und Bus, abends auch Taxi. In Cambridge kann man sich sehr gut zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad bewegen, was ich auch getan habe. Wer häufiger als ich in die Stadt fährt und unterwegs ist, muss sicherlich deutlich mehr kalkulieren. Eine billige Alternative ist uber, das in den USA sehr weit verbreitet ist.

Handy: Ich hatte t-mobile mit Internet und Handyflat, 50 Dollar im Monat plus Grundgebühr, die man einmalig zahlt. Auch das geht billiger, wenn man aufs Internet verzichtet. Wollte ich aber nicht, wegen GPS – und Whatsapp, was fast wieder Kommunikationskosten spart.

Wäsche: Wenn man alle 14 Tage für 1,50 Dollar pro Maschine wäscht und für 0,5 Dollar trocknet…kommt man bei den Preisen aus.

Kopieren: Ein Din A 4 Blatt kostet zwischen 0,5 und 0,1 Dollar, und da ich als Geisteswissenschaftlerin viel ausdrucken musste, war das in der Tat ein hoher Kostenfaktor.

Rest: Wie oben erläutert entfiel dieser Teil auf alles mögliche: Alle Einkäufe außerhalb von reinen Lebensmitteln (Putzsachen, Schreibwaren, Hygieneartikel), Geschenke, Shopping, Ausflüge, Eintritte. In Bezug auf auf Ausflüge, Eintritte und Shopping sollte ich erwähnen, dass ich nicht allzu viel außerhalb von Cambridge unternommen habe…da gingen also teilweise deutlich höhere Kosten.

 

Soweit die Ausgaben – wie finanziert man das nun? Ich selbst hatte das Glück, sowohl von der Studienstiftung des deutschen Volkes als auch vom Undergraduate Researchers Opportunities Programme der RWTH gefördert zu werden. Konkret hieß das, dass ich 4740 Euro nicht selbst finanzieren musste. Für den kleinen Rest war ich arbeiten, so banal das klingen mag. Von zwei Programmen parallel gefördert zu werden ist natürlich Luxus…aber auch schon mit einem Auslandsstipendium können viele Kosten abgedeckt sein. Mögliche Stipendiengeber sind:

Klassisch und nicht nur auf Auslandsaufenthalte begrenzt die dreizehn Begabtenförderungswerke in Deutschland: Die Studienstiftung des deutschen Volkes, die parteinahen Stiftungen (Konrad Adenauer Stiftung, Friedrich Naumann Stiftung, Friedrich Ebert Stiftung, Heinrich Böll Stiftung, Hanns Seidel Stiftung, Rosa Luxemburg Stiftung), die konfessionsgebundenen Stiftungen (Evangelisches Studienwerk Villigst, Cusanuswerk, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, Avicenna), und schließlich die Hanns Böckler Stiftung (gewerkschaftsnah), die Stiftung der deutschen Wirtschaft und das Studienförderwerk Klaus Murmann. Ich würde jedem uneingechränkt raten, sich dort zu bewerben und sich ggf. auch die Sonderprogramme dieser Stiftungen anzuschauen, die sich nicht nur an Stipendiat_innen richten.

Ebenso klassisch aber auslandsaufenthaltszentriert ist der DAAD. Auf der überaus übersichtlichen Homepage kann man übrigens gezielt suchen: Nach Fach, Land und Studierendenstatus. Der DAAD bietet übrigens auch Infos zum Thema Auslandsbafög.

Viele Universitäten haben eigene Programme – sowohl für Incomings, als auch für Outgoings. Hier lohnt ein Blick auf die Homepage des International Office der RWTH bzw. ein Besuch dort, aber auch die Kontaktaufnahme mit der Wunschuni im Gastland. Gerade im nordamerikanischen Bereich gibt es viele Unis die Incomings die Studiengebühren erlassen – zumindest der Finanzierungsbatzen entfällt damit.

Erasmus erläutere ich hier jetzt nicht weiter 😉

Ja, und dann gibt es noch eine Unzahl weiterer Programme von kleinen und kleinst-Stiftungen und Unternehmen, die oftmals nur für ein bestimmtes Land oder eine bestimmtew Hochschule fördern. Am einfachsten und übersichtlichsten hilft hier Mystipendium weiter – bietet ganz kostenlos eine unkomplizierte Übersicht über große und kleine Förderprogramme im In- und Ausland.

Ich wünsche euch viel Erfolg!