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Maike

Epilogue: Enter to Grow in Wisdom

16. Oktober 2014 | von

Das war’s. Die Koffer sind ein und wieder ausgepackt, die Bachelorarbeit geschrieben und abgegeben, der erste Hunger nach Lindt-Schokolade gestillt und während ich gerade so im ICE von Berlin nach Düsseldorf sitze, frage ich mich unwillkürlich: War das alles nur ein Traum?

Harvard kann unwirklich sein, soviel steht fest – im negativen wie im positiven. Nicht umsonst sprechen Studenten wie Professoren übereinstimmend von der Harvard Bubble. Es ist eine Blase, die buchstäblich aufgeblasen wirken kann: Ein Hype, basierend auf ein paar berühmten Namen, einer Handvoll Nobelpreisträgern, den Ergebnissen aus einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Rankings und schließlich einer unverschämt großen Menge Geld. Gleichzeitig ist es aber auch eine Blase, die Luft beinhaltet, die einen Schutzraum bietet, zum Forschen, Ausprobieren, Entdecken. Manchmal hatte ich das Gefühl, Harvard sei so etwas wie ein riesiger wissenschaftlicher Spielplatz – in ähnlicher Weise bezeichnete die Professorin zweier Freunde von mir Harvard einmal als academic Disneyland. Ein Disneyland, in dem vieles glitzert und funkelt und vieles einfach wunderschön ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Jason mich in unserem zweiten Gespräch fragte, ob ich mich denn auch schon gut eingelebt habe. Als ich ihm antwortete: Yes, I have, I just got struck by the amazing beauty around me klang dies sicherlich etwas seltsam – und doch war ich in meiner Anfangszeit und auch später noch sehr oft geflasht von der bloßen Schönheit meiner Umgebung. Fair Harvard, mit diesen Worten beginnt denn auch die offizielle Universitätshymne.

Blasen sind nicht nur mit viel Luft befüllt, sie werden auch durch eine Haut geschützt. Im Falle von Harvard erscheint diese Haut recht dick – nicht nur, weil massive Backsteinmauern den Campus umgeben. Um einen meiner Mitbewohner zu zitieren: Harvard ist gleichzeitig einer der inklusivsten und der exklusivsten Orte auf der Welt. Ist man einmal drin in der Bubble, kann man ohne Schwierigkeiten Nobelpreisträger und Vizepräsidenten anschreiben und bekommt eine Antwort. Um jedoch hineinzukommen muss man einiges leisten – und sich einiges leisten können. Trotzdem sei hier darauf hingewiesen, dass Harvard ebenso wie Princeton eine no-dead policy hat – niemand soll aufgrund finanzieller Probleme vom Besuch des Harvard Colleges ausgeschlossen werden.

Mein eigenes Forschungspraktikum wäre nicht möglich gewesen ohne die finanzielle Unterstützung durch UROP bzw. die Studienstiftung. Nicht immer fand ich es einfach vor mir selber zu legitimieren, dass ich gerade von zwei Institutionen Geld dafür erhalte, unter Kronleuchtern auf Polstersesseln zu sitzen und mich entspannt durch das ein- oder andere wissenschaftliche Journal zu lesen. Natürlich ist das eine überzogene Darstellung – Harvard war gewiss nicht die entspannteste Zeit meines Lebens. Trotzdem war auch ich ohne jeden Zweifel privilegiert – nicht nur, weil das Wort Harvard auf dem Lebenslauf ungeahnte Türen öffnet.

Beim Commencement verlassen die frischgebackenen Harvard-Absolventen den Campus durch das sogenannte Dexter Gate. Als eines der ältesten Tore zum Campus trägt es auf der Außenseite die Inschrift: enter to grow in wisdom. Auf der Innenseite wird diese komplettiert durch den Satz: depart to serve better thy country and thy kind. Bin ich „in Weisheit gewachsen“ während meines Aufenthalts in Boston? Ich weiß es nicht. Definitiv habe ich akademisch-fachlich in kurzer Zeit mehr gelernt als jemals zuvor in meinem Leben. Ich bin beeindruckenden Menschen begegnet, ich habe viele spannende und bereichernde Gespräche geführt, ich habe besser als je zuvor verstanden was es heißt, zu wissen, dass man nichts weiß. Aber macht Wissen Weisheit aus? Ist Weisheit nicht vielmehr die Fähigkeit zur richtigen Anwendung von Wissen? Die Inschrift auf dem Dexter Gate fordert Harvard-Absolventen dazu auf, nach dem Abschied von der Universität ihrem Land und der Menschheit zu dienen. Ob auch ich mein Wissen eines Tages „zum Wohle der Menschheit“ einsetzen kann? Oder sind das alles bloß fromme Wünsche, die man im alltäglichen Trubel und der Sorge um die eigene Karriere schnell vergisst?

Ich war auf der Suche nach Leben zwischen Alltag und Elite. In der Praxis war ich oft eher auf der Suche nach meinem Haustürschlüssel zwischen hunderten von Büchern, nach den fehlenden Englischvokabeln, nach meinem eigenen Arbeitsstil, nach dem kürzesten Weg zum Supermarkt, der entscheidenden Information für die Bachelorarbeit, dem fehlenden Quarter für die Waschmaschine und dem besten Kaffee der Stadt. (Heraus-)gefunden habe ich meine Leidenschaft für indisches Essen, die Tatsache, dass ich tatsächlich länger als 12min am Stück joggen kann, dass auch Oxford-Absolventen weinen, wenn wir Weltmeister werden, die besten Sitzplätze in der Bibliothek, die Auswirkungen von Capuccino mit dreifachem Espresso auf meine Konzentrationsfähigkeit und ein paar gute Freunde. Ich bin nicht sicher, ob das „das Leben“ ist. I’d rather say it was a roller coaster ride – and I gonna miss my daily portion of adrenaline.

 

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