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Maike

Weihnachten in Quarantäne

22. Dezember 2014 | von

Wir stehen im Kreis, noch etwas unsicher, die Arme verschränkt oder in den Hosentaschen, einige blicken verlegen zu Boden, andere schauen herausfordernd in die Runde. Das Seminar beginnt mit einem dieser Kennenlernspiele: Finde ein Adjektiv, dass mit dem gleichen Buchstaben wie dein Vorname beginnt. Fieberhaft denke ich nach. Früher fiel meine Wahl regelmäßig auf munter – aber munter bin ich nach der langen Zugfahrt ganz sicher nicht mehr. Ah, ich hab’s: Mutig. Das klingt stark und so ein bisschen nach Superwoman. Zufrieden mit mir selbst sage ich laut: Ich bin die mutige Maike. Gelächter ringsherum, Erleichterung in mir.

Wenn ich in Sierra Leone in einem Seminar gesessen hätte, wären einige von uns jetzt nicht mehr am Leben. Wen hätte es getroffen? Die freche Franzi, die chaotische Clara oder den liebenswürdigen Leon? Tatsache ist: Wir hätten wohl existenziellere Sorgen gehabt, als die, möglichst cool und sympathisch auf die anderen Seminarteilnehmer zu wirken. Und ich bin mir sicher, die mutige Maike hätte sich angesichts der Diagnose Ebola ganz schnell in die Memme Maike oder so verwandelt – jedenfalls den Mut verloren.

Von meinem Fernsehsessel aus kann ich nur erahnen, was es heißen muss, Weihnachten in Quarantäne zu feiern. Wie das sein muss, wenn die Mutter teilnahmslos in einem Plastikbett liegt, statt den Weihnachtsbraten zu machen, wenn die Schwester aus allen möglichen Körperöffnungen blutet, statt mit mir den Tannenbaum zu schmücken, wenn der Opa Leichen sammelt statt Glühweintassen und irgendwelche komischen Leute mit Schutzanzügen durch meine Wohnung – oder Holzhütte – stapfen.

Ich habe keine Antwort auf das Grauen, was sich dort abspielt. Und daher endet dieser Blogbeitrag auch nicht mit einem harmonischen Abschluss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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