Kategorien
Seiten
-

Maike

Fürchtet euch nicht.

19. Januar 2015 | von

Manchmal sind sie einfach da, diese dummen Gedanken.

  • Zum Beispiel, wenn ich im Audimax eine Vorlesung höre, irgendwo eingepfercht in der Mitte einer Sitzreihe. Wenn jetzt ein Amokläufer hereinspazieren würde, käme ich schnell genug hier raus?
  • Zum Beispiel, wenn ich nachts allein durch Aachen laufe. Wenn ich jetzt überfallen würde, könnte ich noch genug Kung Fu, um mich zu wehren?
  • Zum Beispiel, wenn ich nächstes Wochenende mit dem ICE nach Berlin fahre. Wenn es jetzt wirklich einen Anschlag auf den Hauptbahnhof gäbe, würde ich es überleben?

Keiner dieser Gedanken hält mich davon ab, mich in Vorlesungen zu meinen Freunden zu setzen, abends auf die Pontstraße zu gehen oder Zug zu fahren. Dazu besitze ich einfach zu viel Optimismus, dazu ist mir bisher in meinem Leben zu wenig negatives passiert, um mir meine rheinländische Grundhaltung: „Et hätt noch immer jot jejange“ zu nehmen.

Im Fall von Charlie Hebdo war das anders. Die Karikaturisten und Journalisten wussten spätestens seit dem ersten Brandanschlag auf das Redaktionsgebäude 2011, dass sie in realer Gefahr schwebten – und wurden noch dazu jeden Tag durch Polizeipräsenz in ihren Räumen daran erinnert. Trotzdem haben sie weitergemacht. Ich bewundere das umso mehr, seitdem ich neulich in der Zeit einen Artikel gelesen habe, in dem ein ehemaliger Widerstandskämpfer gegen Nationalsozilalismus beschrieb, wie er gefoltert wurde. Mich hat tief bewegt, was Jean Amery in diesem Artikel über den ersten Schlag ausgesagt hat:

„Der erste Schlag bringt dem Inhaftierten zu Bewußtsein, daß er hilflos ist – und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen, fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewißheit: Man wird mit mir anstellen, was man will. Es ist nur wenig ausgesagt, wenn irgendein Ungeprügelter die ethisch-pathetische Feststellung trifft, daß mit dem ersten Schlag der Inhaftierte seine Menschenwürde verliere. Doch bin ich sicher, daß er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niedergeht, etwas einbüßt, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. Weltvertrauen. Dazu gehört vielerlei: der irrationale und logisch nicht zu rechtfertigende Glaube an unverbrüchliche Kausalität etwa. Wichtiger aber – und in unserem Zusammenhang allein relevant – ist als Element des Weltvertrauens die Gewissheit, daß der andere auf Grund von geschriebenen oder ungeschriebenen Sozialkontrakten mich schont, genauer gesagt, daß er meinen physischen und damit auch metaphysischen Bestand respektiert.“

Wenn wir in diesen Tagen alle sagen, hashtaggen und schreiben #JeSuisCharlie, dann identifizieren wir uns nicht nur mit der Trauer und dem Leid der Hinterbliebenen, sondern auch mit deren Mut. Es ist der Mut, nach dem ersten, und nach dem zweiten Schlag weiterzumachen. Nebenbei bemerkt: Für mich als Christin ergibt sich hier eine ganz neue Interpretation der mir bisher unverständlichen Bibelstelle: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt im auch die linke Wange hin. (vgl. Die Bibel, Matthäus 5, 39)

Sind wir aber so mutig? Ich weiß nicht, was ich hier schreiben würde, wenn ich mit Peitschenhieben rechnen müsste oder damit, dass wirklich jemand mit einer Kalaschnikow in den Hörsaal stürmt.  Vielleicht geht es aber auch gar  nicht so sehr um die Heldentaten. Vielleicht geht es einfach darum, das gleiche zu tun, wie die Charlie Hebdo Leute: Weitermachen. Unser Leben leben, ohne den Terroristen die Macht zu geben, die soziale Realität in der wir uns befinden, neu zu definieren – zum Beispiel durch neue Sicherheitsgesetze. Konkret: Vorlesungen besuchen, nach Berlin fahren. Und uns abends gegenseitig nach Hause begleiten, damit die Angst auch hier keinen Raum hat.

 

never give up

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.