Kategorien
Seiten
-

Maike

Rettset oder Jetset?

25. Februar 2015 | von

 

Berlin! Wenn ich durch deine Straßen laufe, geht’s mir einfach gut – wie keine andere Stadt in Deutschland vermittelst du mir ein Gefühl von Weite und Freiheit. Vor zwei Wochen war es wieder da, dieses Berlin-Gefühl und so ein kleines bisschen großartig kam ich mir schon vor, als ich in meinem neuen Hosenanzug über den Alex lief. Wie wohl die Konferenz gleich werden würde? Vorfreudig unsere Erwartungen austauschend, steuerten K., B. und ich auf die U-Bahn Station zu.

Am Gleis angekommen nehme ich aus den Augenwinkeln eine merkwürdige Gestalt wahr, die auf einer Wartebank sitzt. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen, denn die Bewegungen der Person sind ganz und gar nicht normal, sondern eher ruckartig verkrampft. Als tägliche Pendlerin bin ich es gewöhnt, dass man an Bahnhöfen ab und an seltsame Personen trifft – an den verdrehten Pupillen, dem undefinierbaren Sekret, das aus der Nase des jungen Mannes tropft und der Wunde unter seinem rechten Auge kann ich jedoch erkennen, dass es diesmal „was Ernsteres“ sein muss. Während mein innerer Schweinehund sich angeekelt abwenden möchte, geht B. sofort auf ihn zu: „Brauchen Sie irgendetwas? Benötigen Sie Hilfe?“ – „Wasser“, lautet die stöhnende Antwort. Eine neben der Bank stehende Frau klärt uns auf, dass der Mann sich eben schon auf die Gleise schmeißen wollte, ihr Handy kaputt wäre und sie ihn alleine nicht abhalten könne. Nach kurzer Beratung mit meinen Begleitern wähle ich das erste Mal in meinem Leben die 112. Die fünf Minuten, die wir warten müssen, bis die Sanitäter eintreffen, dauern eine quälende Ewigkeit. Der Mann krampft weiter und zerdrückt dabei fast die Wasserflasche, die wir ihm eben am Automaten gezogen haben. Sein Gesicht verzerrt sich, als hätte er unsagbare Schmerzen. Angestrengt versuche ich mich an meine Erste-Hilfe-Kurse zu erinnern. Sollte ich ihm nicht etwas in den Mund stecken, damit er sich nicht die Zunge abbeißt? Aber was, wenn er AIDS hat? Ich bin überrascht, wie skrupellos mein Selbstschutzinstinkt sich aktiviert und ziemlich erleichtert, als wir die Verantwortung schließlich an den Rettungsdienst abgeben können. Mit halbem Ohr höre ich mit, wie der Mann zugibt, Speed und Alkohol genommen zu haben – in einer scheinbar äußerst ungesunden Mischung.

Noch immer etwas aufgewühlt komme ich auf der Konferenz an, versuche meine Schweißflecken unter dem Blazer zu verstecken und mir mit Rouge wieder etwas Farbe ins Gesicht zu zaubern. Schließlich muss ich hier gleich noch ein Projekt vorstellen und das ein- oder andere Gespräch führen; außerdem hab ich um Mitternacht noch eine Deadline für eine Bewerbung. Als der Trubel des Tages nach dem Abendessen schließlich einer gewissen Ruhe weicht, werde ich nachdenklich. In den letzten Monaten habe ich jegliches Engagement zu Gunsten meiner Masterbewerbungen sausen lassen, um in den kommenden beiden Jahren an einer möglichst guten Uni zu lernen, wie man professionell die Welt rettet. Aber ist es nicht eine Illusion, dass ich eines Tages in der Lage sein werde, Strukturen zu verändern? Wäre es nicht viel sinnvoller, könnte ich nicht viel mehr Gutes tun, wenn ich das Studium abbreche und meine Zeit full-time in einem Obdachlosenheim oder einer Drogenberatungsstelle investiere? Und wie viele neue Hosenanzüge verkraftet mein Ego, bevor mein innerer Schweinehund endgültig siegt und ich genau wie viele Umstehende den Junkie am U-Bahnsteig einfach ignoriere? Es sind keine einfachen Fragen, mit denen ich in dieser Nacht schlafen gehe…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.