Kategorien
Seiten
-

Maike

Excuse me…

02. September 2014 | von

Als ich heute in der Mittagspause kurz die Bibliothek verlassen habe, um mein Mittagessen einzunehmen –  schließlich ist essen in der Library offiziell streng verboten, was niemanden davon abhält, selbst Burger drinnen zu verzehren – wurde ich plötzlich von einer freundlich lächelnden Frau angesprochen: Excuse me, would you mind if I took a picture of you, right here?

Etwas verdutzt und nicht ohne mich ein klein wenig geschmeichelt zu fühlen, habe ich ihr das gern gestattet. Ganz offenbar zeigen mein strikter Verzicht auf Burger, das regelmäßige Joggen und die Sommersonne endlich ihre Wirkung – so habe ich gedacht. Als ich jedoch gerade zu meinem charmantesten Lächeln ansetzte, war ihr trockener Kommentar: Just keep reading your book, allright?  I have a photoblog and I like taking natural portraits.

Seufz. Also habe ich mich weiter in „The EU and the domestic politics of welfare state reforms“ vertieft. Dementsprechend sehen die Bilder auch aus: Prototyp eines Strebers einer fleißigen Harvardstudentin. Damit das ganze noch ein bisschen trister wirkt, hat sie die Fotos  in schwarz-weiß auf ihrem Blog veröffentlicht. Weil ein bisschen Selbstironie aber sein muss, möchte ich euch den Anblick nicht vorenthalten 😉

Photo - Edited

Gleichzeitig ist dieses Bild vielleicht eines der authentischsten Bilder meines Aufenthalts hier. Schließlich unterscheidet sich ein Auslandssemester von einem normalen Urlaub dadurch, dass irgendwann Alltag einkehrt – nur dass dieser Alltag dann zwischen den griechischen Säulen der Law School Library stattfindet, und nicht mehr im Karman-Innenhof. Und leider ist dieser Alltag dann auch manchmal mit Arbeit verbunden – meiner Bachelorarbeit, um genau zu sein. Weil die mich gerade ziemlich in Atem hält, gibt es heute nur einen kurzen Gruß von mir – und wer mag, kann ja mal auf der Suche nach natural portraits über den RWTH Campus laufen und die Fotos auf unserer Facebookseite hochladen 🙂

Sex, Screams and Statues

20. August 2014 | von

Und, hat es funktioniert? Falls ja, habt ihr den Artikel jetzt nur der Überschrift halber angeklickt und die Pressestelle der RWTH freut sich über einen rapid increase in den Zugriffszahlen auf diesen Blog. Inhaltlich korrekter wäre übrigens Sex, Screams and Peeing gewesen. Aber abgesehen davon, dass bei dieser Variante die Alliteration fehlen würde, wollte ich die Gefahr, der unerbittlichen Zensur der RWTH zum Opfer zu fallen, nicht noch weiter vergrößern 😉 Ok, ok – back to topic – was wollte ich nochmal sagen? Ah ja, drei Dinge…

…drei Dinge muss  jeder Harvardstudent Dinge vor dem Ende seiner Collegezeit „erledigt“ haben: (Es folgt ein kurzer Beweis der These, dass große Intelligenz keine hinreichende Bedingung für große Reife ist)

1. Sex in the Stacks

Mit Stacks sind hier die – größtenteils unterirdischen – Bücherregale der Widener Library gemeint. Die sind, um es grob zu sagen, „recht weitläufig“. Etwas detaillierter umfasst die Sammlung der Widener Library 3,5 Millionen Bücher auf 92km Regalbrettern bzw. 6km Regalen, erstreckt sich über verschiedenste, unter- und überirdisch miteinander verbundene Gebäude, Stockwerke und vor allem: Tunnel.  Das ganze ist  minimal verschachtelt und „vermittelt das Gefühl, man solle niemals ohne Kompass, Sandwhich und Trillerpfeife für den Notfall“ (Zitat) auf die Suche nach Büchern gehen. Wie ihr jetzt wisst, kann die Trillerpfeife auch so ganz nützlich sein, um auf sich aufmerksam zu machen…man will ja nicht stören…

2. Running in the Primal Scream

Jedes Jahr im Winter, wenn es wieder schneit…ziehen sich Harvard Freshmen and -women aus und laufen um Mitternacht kreischend um den Yard. Zur Untermalung dieses gesellschaftlichen Ereignisses gibt es dann noch ein bisschen Background Music der Harvard Band und anschließend werden Häppchen gereicht. Kein Witz. Das ganze findet jeweils am Abend vor dem Beginn der Klausurphase statt und soll Mut für die kommende Zeit machen. Dabei steht Harvard übrigens in einer guten Tradition: College Streaking scheint so etwas wie der kollektive Volksssport an amerikanischen Universitäten zu sein – und wird im sonst so prüden Amerika doch tatsächlich von der Universitätsleitung genehmigt. Oder sagen wir mal so: Zumindest wird es nicht verboten.

3. Peeing on the John Harvard Statue

Selbsterklärend, oder? Tja, liebe Touristen: Den golden schimmernden Fuß der John Harvard Statue mitten auf dem Campus zu berühren, bringt euch vermutlich weniger Glück, als einen Haufen Bakterien. Und kein Harvard Student würde das jemals tun…auch wenn sie euch liebend gern erzählen, dass das ein alter Harvard-Brauch ist 😉

Aus Datenschutzgründen kann ich zu diesem Beitrag jetzt keine Fotos hochladen. Aber ich wollte euch diesen kleinen Einblick in die Traditionen amerikanischer Colleges doch nicht vorenthalten 🙂

 

 

You are what you eat

15. August 2014 | von

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Sachen im Leben: Essen! In meinem letzten Eintrag zum Thema Baseball und Hotdogs hatte ich ja bereits erwähnt, dass die Nahrungsaufnahme keine geringe Rolle in diesem wunderbaren Land spielt. Um es in den Worten einer anderen Forschungspraktikantin auszudrücken: „I would never have thought that food would be such a big issue here„. Lasst mich euch dieses issue anhand einer kleinen Grafik etwas genauer erklären:

Magisches Dreieck

Es gibt als Student in den USA eine Art magisches Dreieck, was Essen anbetrifft. Dieses Dreieck besteht aus den Zielen „Gesundheit“, „Geld“ und „Zeit“: Erstens möchte man sich ja einigermaßen gesund ernähren, schon alleine um es all denjenigen zu beweisen, die vor der Abreise Wetten abgeschlossen haben, mit wievielen Kilos Übergewicht man wohl zurückkommen werde. Zweitens hat man als Austauschstudent aber auch nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung (der Blogbeitrag zum Thema Finanzierung kommt noch – versprochen!) bzw. möchte sein Geld lieber für sinnvollere Sachen als Lebensmittel ausgeben (gibt es sinnvolleres?). Drittens hat man – zumindest in Harvard 😉 – aber auch nicht unbegrenzt Zeit zur Nahrungssuche- und Zubereitung zur Verfügung. Um es nerdiger auszudrücken: Man optimiere die Variable Gesundheit unter scarcity-Bedingungen von Zeit und Geld – dies führt zu folgenden möglichen Zielkombinationen:

a) Zeit und Geld: Hier lautet die Lösung eindeutig: Fertiggerichte. Tatsächlich sind die in den USA billiger als die einzelnen Zutaten selber zu kaufen – berühmtestes Beispiel hierfür: Ein Stück fertiger Applepie im Supermarkt kostet weniger als der Apfel mit gleichem Gewicht. Alternativ kann man auch zu McDonalds gehen. Gibt es überall, außer auf dem Campus – Harvardstudenten scheinen nicht zum typischen Clientele von Fastfoodketten zu gehören 😉

b) Zeit und Gesundheit: Wer ausreichend Geld zur Verfügung hat, kann sich natürlich regelmäßig in den vielen absolut hippen vegetarischen, ökologisch abbaubaren, garantiert plastikfreien, generationengerechten, ultranachhaltigen, fair trade Hipster-Restaurants in und um Cambridge versorgen. Ohne jeden Zweifel schmeckt das Essen da gut. Oder man bildet es sich ein, dass es einfach gut schmecken muss, wenn man gerade schon 15 Euro für einen gemischten Salat ausgibt…

c) Geld und Gesundheit: Wer sich gesund ernähren will und gleichzeitig nicht zuviel Geld ausgeben, dem bleibt nur eines: selber kochen. Das erfordert natürlich regelmäßiges einkaufen im amerikanischen Supermarktwahnsinn – wenn der Supermarkt deines Vertrauens nicht gerade bestreikt wird, wie bei mir 😉

Um die jetzt unweigerlich auftretende Frage zu beantworten: Ja, es gibt so etwas wie eine Mensa, es gibt sogar verschiedene kleine Restaurants vom Harvard Catering/Dining Service. Obwohl deren Qualität ohne jeden Zweifel nahezu restaurantreif ist, sind es die Preise leider auch. Als Collegestudent (vorm Bachelor) ist die on-campus Verpflegung zwar großzügigerweise in den 45000 Dollar Studiengebühren inbegriffen, dies gilt jedoch nicht für visiting researchers wie mich ;(

Die hohen Preise in Restaurants und Supermarkt liegen zwar zum Teil einfach an Boston bzw. Cambridge. Auf der anderen Seite verzeichnen die USA aber seit Jahren steigende Lebensmittelpreise, insbesondere im Bereich Obst und Gemüse: Laut einer Statistik des US Department of Labour sind die Preise für Chocolate Chip Cookies zwischen Juni 2013 und Juni 2014 um 12 Prozent gesunken; im gleichen Zeitraum sind die Preise für Eisbergsalat um 20, Tomaten um 13 und Paprika um 19 Prozent gestiegen. Auch wenn ich es wirklich schlimm finde, dass so viele Menschen hier übergewichtig sind, bin ich daher mit meinem Urteil über „diese fetten Amis“ deutlich vorsichtiger geworden: Gesunde Ernährung muss man sich schließlich erst einmal leisten können. Leider habe ich noch nicht ganz herausfinden können, wieso Obst und Gemüse hier eigentlich soviel teurer sind als Fertiggerichte. Eine Theorie, die ich gehört habe, lautet, dass die Maismonokulturen der USA den Anbau anderer Produkte verdrängen, die dann teuer importiert werden müssen; gleichzeitig erlauben diese Kulturen die billigen Herstellung von Maiszucker, der wiederum für jegliche Art von Fertiggerichten verwendet werden kann.

Bevor jetzt jemand auf den Gedanken kommt, mir Carepakete zu schicken: Nein, dank großzügigem Funding für meinen Forschungsaufenthalt habe ich derzeit keine Geld-/Gewicht-/Ernährungssorgen. Der Artikel sollte nur einen tieferen Einblick hinter die Kulisse des Fastfoodlands USA geben – ein Blogbeitrag rein darüber wie lecker die Burger hier sind, wäre irgendwie doch zu langweilig, oder?

Abseits von Burgern hat Boston übrigens ein besonderes kulinarisches Highlight zu bieten: Lobster! Und im Verhältnis zu deutschen Preisen sind diese ausnahmesweise sogar richtig billig 😉 Einen „traditional steamed Lobster“ bekommt man für 20-30 Dollar, als Sandwhich gibt es sie schon für 12-15. Ich frage mich nur, wie irgendjemand mit einigermaßem intakten Geschmack Hummer auf ein SANDWHICH packen kann… 😉 Unten daher ein paar Fotos vom obligatorischen Lobster-Essen!

 

 

 

 

 

 

„You must see a RedSox Game!“

09. August 2014 | von

You must see a RedSox Game“ – nachdem mir mein Professor in mindestens drei aufeinanderfolgenden Treffen mit ernster Miene erklärt hatte, dass ich unmöglich abreisen könne, ohne ein Baseball Spiel der Boston Red Sox angeschaut zu haben, hatte ich quasi keine Wahl mehr. Und so haben wir uns letzte Woche mit 16 ’summer interns‘ auf den Weg ins älteste Baseballstadion der Welt gemacht: Fenway Park Boston. Da wir nicht ganz einkalkuliert haben, dass es inmitten von 30 000 anderen Spielbesuchern ein wenig schwierig sein könnte, sich rechtzeitig zu finden, sind wir quasi erst haarscharf zur Nationalhymne ins Stadion geschlittert – das zu dem Zeitpunkt aber noch verhältnismäßig leer war. Die allermeisten Amis kamen erst eine halbe Stunde nach Spielbeginn, verließen das Stadion deutlich vor dem Abpfiff – und schienen auch sonst nach deutschen Fußballspielmaßstäben nicht ganz bei der Sache. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gecheckt habe, worum es bei Baseball eigentlich geht: HotDogs und Bier! Während nahezu überall sonst in den USA das öffentliche Trinken von Alkohol streng verboten ist und mit drakonischen Strafen geahndet wird, stellen Baseballspiele eine begehrte Ausnahme dar. Leider waren die Preise mit 8-10 Dollar pro Glas maßlos übertrieben, und geschmeckt hat das Bier genausowenig wie der lächerlich kleine Hotdog oder die lauwarmen Pommes, die es dazu gab, aber um das richtige amerikanische Feeling aufkommen zu lassen, muss man sowas ja mal probiert haben 😉

Das Spiel selber hat ungefähr 3einhalb Stunden gedauert. Zeit genug, um sich ausführlich die Regeln von den neben mir sitzenden Amis erklären zu lassen; Zeit genug auch, um dann hinterher nochmal bei Wikipedia nachzulesen, was man alles nicht verstanden hat oder sich gemeinsam in wilden Spekulationen darüber zu ergehen, was die vielen Zahlen auf der Anzeigetafel wohl so bedeuten mögen. Am besten fand ich persönlich wenn in den Pausen zwischen den Innings alle möglichen Songs zum Mitsingen gespielt wurden…natürlich inklusive Sweet Caroline! (dadadaa 😉 )

Zuerst haben wir übrigens gedacht, dass Baseball ein rein „weißer Sport“ wäre – die Zuschauer im Stadion waren nicht gerade extrem multicultural. Einer Statistik der Sports Business Daily zufolge stimmt das aber keineswegs. Wer sich näher informieren möchte, wie die unterschiedlichen Sportarten in den USA sich auf race und income aufteilen, schaue hier nach – ziemlich spannend!

 

 

In God we trust

05. August 2014 | von

And together with your help and God’s grace we will continue our journey forward and remind the world just why it is that we live in the greatest nation on Earth. Thank you, America. God bless you. God bless these United States!“ Jubel, Applaus, Emotionen – die Dankesrede von Obama anlässlich seiner Wiederwahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist beendet. Nicht nur in der geschickten politischen Rhetorik spielt Religion eine große Rolle in den USA: Nahezu 80 Prozent aller Amerikaner bezeichnen sich selber als religiös, jeder zweite besucht mindestens einmal in der Woche einen Gottesdienst – mehr als in jedem anderen Industrieland dieser Welt.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich versucht, durch Besuche in verschiedenen Gemeinden einen Eindruck von der bunten Vielfalt an Glaubensrichtungen zu bekommen, die hier zu Hause sind. Aus persönlichem Interesse – aber auch, weil Kirche ein guter Ort ist, um mit durchschnittlichen Amerikanern ins Gespräch zu kommen und das Leben außerhalb der Harvard Bubble kennenzulernen. Es ist gar nicht so einfach, sich in dem Chaos aus Evangelicals, United Church of Christ, United Universalists, Episcopals, Baptists, Methodists, Reborn Christians, Lutherans, Catholics, Protestants und und und…zurechtzufinden – von den nicht-christlichen Gemeinden mal ganz abgesehen. Da es keine Kirchensteuer gibt und ein Konfessionswechsel ohne größere Bürokratie möglich ist, müssen die Gemeinden sich einiges einfallen lassen, um ihre finanzielle Sicherung  gewährleisten und die Mitglieder nicht zu vergraulen.  Ob beim Jazz-Gottesdienst der Old South Church Boston glutenfreie Reiscracker zum Abendmahl gereicht werden oder der umwerfend gut aussehende Pastor der (frisch gegründeten!) Netcast Church in Beverly mit einer professionellen I-Phone App sowohl Worship-Sessions als auch Gemeinde managed – als ehemalige Messdienerin einer gemütlichen niederrheinischen Landpfarrei ist das alles erstmal schwer zu begreifen. Ich bin positiv davon beeindruckt, wie Kirche es hier schafft, relevant zu bleiben und eine wichtige soziale Funktion im Leben der jeweiligen neighbourhoods zu übernehmen. Gleichzeitig kann ich oft nicht aus meiner nüchternen westeuropäischen Haut heraus, wenn mir die Predigt allzu hollywoodreif inszeniert erscheint.

Am schönsten fand ich bisher meinen Besuch in der Andover Chapel der Harvard Divinity School. Anders als in vielen konfesssionsgebundenen theologischen Fakultäten und Seminaren anderer Universitäten lernen und lehren an der HDS Glaubende und Nicht-Glaubende aller Religionen und Weltanschauungen gemeinsam. In der Kapelle finden sich daher auch Gebetsteppiche neben Taizéhockern, Rosenkranz neben Misbaha und Bibel neben Talmud und Koran. Gerade angesichts der aktuellen Situation im nahen Osten ein kostbarer Ort…

Unten findet ihr noch einige Bilder von verschiedenen Gemeinden, die ich mir hier angeschaut habe. Einen guten Überblick über die Rolle von Religion in den USA bietet übrigens die bpb. In diesem Sinne: God bless America!

 

Halbzeitansprache: Keep calm…

17. Juli 2014 | von

….and carry on. Vermutlich kennt ihr alle die hippen roten Plakate mit diesem Spruch oder einer seiner vielfältigen Varianten. Und vermutlich ist es genau das, was in die augenblickliche Hochstimmung nicht passt: We are the champions, wir sind Weltmeister, verdammt noch mal! Grund genug, auszurasten, in die Luft zu springen, den stressigen Alltag in der Klausurphase für einen kurzen Moment hinter sich zu lassen.

Stimmt. Ich glaube aber, dass unsere Jungs in Brasilien ganz schön viel keep calm and carry on gebraucht haben, um Sonntag zu gewinnen. Und das das Leben in den allermeisten Fällen eher einem Ausdauerlauf als einem Sprint gleicht. Im Auslandssemester ist das nicht anders – vielleicht ist die Laufstrecke hier nur etwas abwechslungsreicher. Manchmal ist die Umgebung so aufregend und die neuen Erfahrungen so spannend, dass ich auf einer Wolke positiver Emotionen über dem Boden dahinschwebe. An anderen Stellen habe ich eher das Gefühl, versehentlich für einen Hürdenlauf angemeldet worden zu sein – da komm ich dann ganz schön ins Schwitzen (was auch mit dem stabilen Hoch über Boston zusammenhängt 😉 )

Warum die Laufmetapher? In keiner anderen Stadt der Welt habe ich so viele Menschen joggen sehen, wie in Boston. Der Boston Marathon ist darum auch viel mehr als nur ein Sportevent – er ist Ausdruck einer City in Move, einer Stadt, die immer in Bewegung ist. Die Terroranschläge haben diesem Spirit nichts genommen, sondern eher noch etwas hinzugefügt. #BostonStrong hieß das Motto, dass nur Stunden nach den Bombings über die sozialen Netzwerke verbreitet wurde und heute überall in der Stadt auf T-Shirts, Fahnen und Autoaufklebern zu lesen ist. Keep calm and carry on, #Bostonstrong – Für mich passen die beiden Slogans gut zusammen. Manchmal beweist sich wahre Stärke eben nicht in Heldentaten, sondern im Durchhaltevermögen. Das kann sich auf die großen Herausforderungen des Lebens und den kleinen Herausforderungen des Alltags beziehen:

Keep calm and carry on – wenn in einer Woche die Klausur ansteht und du nicht weißt, wie du dein Lernpensum bis dahin bewältigen sollst.

Keep calm and be yourself – wenn deine Umgebung scheinbar ausnahmslos auf Privatschulen und Eliteuniversitäten war und über einen staatlich geprüften IQ in Höhe Einsteins verfügt.

Keep calm and read on – wenn die Leseliste für die Bachelorarbeit noch immer nicht kleiner wird.

Keep calm and drink on – wenn der kostenlose Café Colombia in der Library wieder mal aus ist und du dich zwischen langweiligem French Roast, French Vanilla, House Blend, Nestle-Kakao und dreierlei Sorten Tee entscheiden musst.

Keep calm and hope on – wenn deine Mitbewohnerin plötzlich mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert wird.

Keep calm and play on – wenn es in der 112. Minute noch 0:0 steht.

Keep calm and plan on – wenn die Umsetzung deiner Bucketlist bisher nur langsam vorangeht.

Keep calm and wait on – wenn du noch immer nicht den reichen Harvardabsolventen für’s Leben gefunden hast.

 

Habt ihr Lust, die Liste zu ergänzen?

 

Keep calm and carry on.

Put things into perspective.

Don’t lose ground.

Check your privilege.

Think positive.

There are no problems, there are challenges.

Go back to your comfort zone, take your time, but then GET THE HELL BACK FROM THERE .

 

Wie ihr lesen könnt, haben Amerikaner eine ganze Menge motivierender Sprüche auf Lager. Vielleicht klingt dieser Blogbeitrag jetzt auch ein bisschen zu sehr nach amerikanischem Peptalk und würde eher als Halbzeitansprache in eine Fußballkabine passen. Falls das so ist: Pech gehabt 😛 Für mich war das Keep calm and carry on Plakat auf meinem Zimmer hier an manchen Tagen ebenso wichtig wie das morgendliche Joggen, ein ermunterndes „Hör auf zu meckern“ meiner Freunde, Balkonabende mit der WG, die überteuerte Lindtschokolade und der ritualisierte Blick in Boston’s Sonnenaufgang, wenn mich morgens früh um 5 die ersten Sonnenstrahlen wachkitzeln.

 

Und bei dir so? Was treibt dich an? Welcher Satz lässt dich durchhalten? Und vor allem: Wofür ?

DSC_0119

 

 

 

Happy third of July!

08. Juli 2014 | von

Auf diesen Tag hatte ich mich mit am meisten gefreut: Independence Day! Mein erster Plan war, nach Washington zu fahren. Dann haben mich aber meine beiden Mitfahrer, die am 04. Juli absolut überzogenen Flugpreise und ein paar nette Bostoner* davon überzeugt, dass Boston „The place to be“ ist am patriotischsten Wochenende des Jahres. Immerhin wird das Feuerwerk aus Boston – nicht das aus Washington – landesweit übertragen! So bereitete ich mich also mental darauf vor, meinen Bucketlist-Punkt „einen genialen vierten Juli verbringen“ in Boston abzuhaken. Um es vorwegzunehmen: Es war genial. Aber völlig anders, als ich dachte…

Als ich voller Vorfreude auf das Abendessen am Mittwochabend die Bibliothek verließ und den mittlerweile wohlvertrauten von-eisiger-Klimaanlagenluft-in-die-Bostoner-Waschküchen-Tropenluft-Schock verdaut hatte, erreichte mich eine SMS von Jakob, einem anderen deutschen research assistant hier: „hey. feuerwerk wahrscheinlich schon morgen abend wegen hurricane. plan zb abendessen in der stadt und dann zum charles laufen.“ Hurricane? Was hab ich da wieder verpasst? Da das gleichnamige Musikfestival meines Wissens nach schon vorbei war, konnte es sich hier wohl nur um einen Sturm handeln. Schnell mal googlen und per Whatsapp ein paar Freunde befragen – tatsächlich. Offensichtlich war der erste Hurricane des Jahres im Anflug und die Stadt hatte deswegen Feuerwerk und Open-Air Konzert einen Tag vorverlegt. In Gedanken begann ich bereits, unseren Konservenbestand durchzugehen, überlegte mir, welche Bretter ich vor die Fenster nageln könnte und ob wir vorsorglich Trinkwasser abfüllen sollten, als ich aus wohlunterrichteten Quellen (=CNN) erfuhr, dass der Hurricane an sich wohl eher auf den Outer Banks bei North Carolina (=schlappe 7 Bundesstaaten unter uns) eintreffen würde, und für Boston lediglich „tropische Regengüsse“ erwartet würden. Sowohl entspannt als auch gespannt machte ich mich also am nächsten nachmittag auf den Weg in die Stadt. Nachdem ich noch schnell beim 4th of July Sale Shopping einen ca. 3m langen Schal erstanden und in meine Tasche gequetscht hatte (Anmerkung für die Ladies: Von 50 auf 5 Dollar runtegesetzt!), begab ich mich auf die Cambridger Seite der Uferpromenade des Charles River. Auf beiden Seiten des Flusses wurde das Independence-Day Konzert mit großen Lautsprechern übertragen, so dass die Menschenmassen bequem picknicken und den Beach Boys, dem Sinfonieorchester oder dem Boston Children’s Chorus zuhören konnten. Die Stimmung war sehr schön, ein Hauch von Frieden lag in der Luft, das Panorama auf die im Dämmerlicht langsam erleuchtende Skyline Bostons und den Fluss mit vielen Booten davor war großartig, wildfremde Menschen tanzten gemeinsam auf der Straße und alles war, wie es sein sollte an einem 04. Juli in der kulturellsten Stadt Amerikas. Müßig, da zu erwähnen, dass Jakob, Anna (=eine weitere research assistant), deren Kollegen und ich ca. 2 Stunden wilder Telefoniererei und einige Handyakkuladungen gebraucht haben, um uns auf dem Gelände zu finden 😉 Das Feuerwerk war schließlich erst für 22.30 geplant, und da bleibt eine Menge Zeit, um Fotos zu machen und nach Menschen Ausschau zu halten. Um 22 Uhr jedoch wurde die Stimme der Sprecherin plötzlich ein wenig hektisch: Man wisse ja, dass die Menschen alle nur wegen des Feuerwerks her wäre, und sie wolle uns jetzt auch nicht länger auf die Folter spannen, man habe das Feuerwerk spontan vorverlegt – „due to the impending weather conditions…“. Mit einiger Verwunderung haben wir Deutschen die plötzliche Hektik wahrgenommen, schließlich war außer einer sehr angenehmen leichten Brise nichts wahrzunehmen. Aus dem Augenwinkel fiel mir während der kommenden 20min Raketenleuchten dann auch auf, dass die Nationalgarde auf einmal leicht nervös hin und her lief. Kaum war das Feuerwerk vorbei, grabschte ein Mensch in Uniform der Moderatorin das Mikro weg, wünschte einen schönen Abend und sagte lapidar, man werde jetzt die Uferzonen evakuieren. Naja, naja – uns allen erschien das noch immer sehr übertrieben, aber wir haben uns brav von den Menschenmassen stadteinwärts schieben lassen. Vor dem marriot Hotel hielten wir an, aßen ein paar Cookies und hielten Smalltalk, bei dem es sich größtenteils um die maßlos überzogenen Sicherheitsbestimmungen der Amis ging. Plötzlich passierte es: Die Straße hinter unserem Rücken löste ich in einem einzigen Kreischen auf, Menschen kamen auf uns zugestürmt. Durch meinen Kopf schossen die Gedanken: ein Tsunami – nein, das hier ist der Charles und nicht die offene See, scheiße, dann schießt da bestimmt jemand, ein Amokläufer also – oder ein Terrorist! Auf die Antwort, was da im Anmarsch war, musste ich nicht lange warten, als ich plötzlich das Gefühl hatte, unter der Dusche zu stehen. Das also war ein tropischer Regenguß – mit Blitz und Donner, versteht sich. Gemeinsam mit den anderen Menschen auf dem Platz haben wir uns dann in die umliegenden Hotels, Bars und Restaurants verteilt, die freundlicherweise ihre Türen für uns geöffnet haben. Keine 3min nachdem wir uns getrocknet hatten – wobei meinem Schal eine nicht unbedeutende Rolle zukam – konnten wir dann auf den Fernsehern in der Hotelbar uns selbst auf CNN Breaking News betrachten: Offenbar hatte der Hotelchef schnell reagiert und vermutlich den Deal seines Lebens gemacht, indem er die Bilder der Hotelüberwachungskamera an CNN verkauft hatte. 10000 Vierter-Juli-Pilger, die im Schweinsgalopp auf eine Glastür zulaufen – „The Day after Tomorrow“ lässt grüßen. Statt wie ursprünglich geplant in einer netten Bar endete der Abend dann für uns bei Dunkin Donuts und einem heißen Kakao 😉

Der 04. Juli selber verlief relativ ereignislos. Nachdem ich morgens um halb acht einigen besorgten Whatsapp-Nachfragen aus Deutschland leicht genervt erklärt hatte, dass es mir gut gehe, der Hurricane bereits da war, und ich nur gern SCHLAFEN würde 😉 habe ich mich schließlich dazu entschieden, doch aufzustehen, und Wäsche zu waschen – an diesem Tag und um diese Uhrzeit würde ich mich wohl kaum um die Waschmaschine streiten müssen. Gegen Mittag habe ich mich dann für das Deutschland Spiel auf den Weg zu Jakob und Anna gemacht, anschließend gab es – natürlich – Barbecue. After that haben wir uns überlegt, was man noch machen könnte an einem vierten Juli, an dem es draußen seit 5 Stunden regnet und die allermeisten Programmpunkte in der Stadt spontan gecanceled wurden. Als wir um 17 Uhr nicht länger auf dem Sofa versacken wollten, hatten wir den rettenden Einfall: Patriotische Kekse backen! Also haben wir den restlichen Tag Cookies und Muffins gebacken und mit dem Star-spangled-Banner verziert.

Und so konnte ich an diesem Wochenende direkt drei Punkte auf meiner Bucketlist abhaken: Shopping in einer Mall/Sale-Shopping, bei DunkinDonuts essen und ja, definitig auch „einen genialen vierten Juli verbringen“! 😉 In diesem Sinne: Happy Independence Day!

Wie steht ihr zu der Art, wie wir in Deutschland unseren Nationalfeiertag begehen? Ich freue mich auf eure Kommentare!

*Bostoner meint in diesem Fall keine „native Bostonians“, sondern Menschen, die wie 99,99 Prozent der Bewohner dieser Stadt aus irgendeinem Grund mal hierhergezogen sind. Ich bin bisher nur einer einzigen Person begegnet, die von sich behaupten konnte, in Boston geboren zu sein…

Tatütata Amerika

02. Juli 2014 | von

Wie klingen die Vereinigten Staaten? Vor allem ein Geräusch hier erinnert mich regelmäßig daran, dass ich nicht in Deutschland bin: Die Sirenen. Ob Polizei, Fire Brigade oder Ambulance, ein hollywoodmäßiges „WIIIIHUUUWIIIHUUU“ durchbricht mindestens 5mal täglich (und nächtlich 😉 ) die sommerliche Ruhe. Nicht das erste Mal, das mir auffällt, dass das deutsche Martinshorn mit seinem klassischen „TATÜÜTATAA“ weltweit ein ziemliches Unikat darzustellen scheint. Da es heute ohnehin viel zu warm ist (86 Fahrenheit), um sinnvoll zu arbeiten, habe ich den Sonntagnachmittag kurzerhand für eine vergnügte Recherche über weltweite Alarmsignale genutzt – und einige neue Erkenntnisse gewonnen:

1. Das Martinshorn müsste eigentlich Martinhorn heißen, erfunden wurde es nämlich von der Deutschen Signalinstrumentenfabrik Max B. Martin in Markneukirchen. Das heutige amerikanische Pendant dazu wäre wohl die Federal Signal 🙂

2. Offiziell wird das Martinshorn als „Folgetonhorn“ bezeichnet. Die amerikanische Variante nennt sich „Wail-Signal“, von engl. „to wail“ = heulen, jammern. Das „Wail-Signal“ wurde in mehreren deutschen Städten zu Ergänzung des üblichen Martinshorns erprobt, ist jedoch bislang in Deutschland verboten.

3. Nicht mehr länger verboten sondern sogar sehr hip ist hingegen die Aufrüstung von Polizeiwagen mit dem „Yelp-Signal“, das uns ebenfalls aus Hollywood bekannt ist. Auf Initiative des NRW-Innenministers Ralf Jäger soll dieses Signal in Zukunft Autofahrer zum Anhalten auffordern. Grund: Das Martinshorn werde oft nicht mehr richtig wahrgenommen. Mit 104 Dezibel sollte dieses Problem im Falle des Yelp Signals gelöst sein. Sein ebenfalls bestens aus Blockbustern bekannter Sound entspricht übrigens dem des „Wail-Signals“, nur mit deutlich kürzeren Intervallen, in etwa also „WIHUWIHUWIHU“.

4. Wer jetzt noch nicht genug von Polizeisirenen weltweit hat, den interessiert vielleicht diese Website mitsamt Audiovorlagen: „Listen to the ten coolest Police sirens in the world“

Ungeklärt bleibt die Frage, was das onomatopoetische Pendant zum deutschen „tatütata“ in der englischen Sprache wäre. Vielleicht schreibt man einfach „weehuuweehuu“?

Viel stiller, aber dafür sehr fancy kommt hier übrigens die Campuspolizei daher, die in keinster Weise mit der RWTH Hochschulwache zu vergleichen ist. Ob Golfwägelchen, Jeep, Harley-Davidson-Verschnitt oder Segway – die Harvard-Sheriffs zeigen auf dem Campus ordentlich Präsenz. Die leibliche und seelische Sicherheit der Studenten wird hier generell sehr ernst genommen: So finden sich in Abständen von 50-100 Metern überall auf dem Yard Notrufsäulen, die nachts erleuchtet sind; in den Toiletten wird darauf hingewiesen, sich im Falle sexueller Übergriffe unbedingt zu wehren und Anzeige bei den entsprechenden Stellen zu erstatten; und die regelmäßigen „Sanitizing“-Stationen in den Gebäuden schlagen auch noch das letzte Bakterium in die Flucht. Ob all diese Maßnahmen aus dem Grund existieren, dass es so viel Gewalt, Verbrechen und Epidemien in „Harvard Town“  gibt, oder ob sie der Grund dafür sind, dass es das nicht gibt, lässt sich schwer beurteilen. Die Hauptaufgabe der Campus-Polizeit besteht ohnehin in etwas anderem – Fotos mit Touristen! Und so habe ich mich heute ebenfalls dreist in die „Schlange“ eingereiht und mit meinem allercharmantesten Lächeln um ein Foto auf einem Harvard Police-Segway gebeten – siehe unten! 😉 Schickt mir jemand von euch ein Foto mit der Hochschulwache zurück?

Mit solch nerdigen Fragen und Gedanken verabschiede ich mich aus Boston. Bis zum nächsten Mal!

 

Gesundheit goes Underground

24. Juni 2014 | von

Was mache ich hier eigentlich?! Die Arbeitsgruppe, in der ich während meines Praktikums mitarbeiten darf, beschäftigt sich – grob gesagt – mit den  Auswirkungen der Europäischen Integration auf Einkommensungleichheit in Europa. Etwas genauer gesagt: In den letzten 20-30 Jahren lässt sich in nahezu allen westeuropäischen Staaten ein Anstieg des sogenannten Gini-Koeffizienten beobachten. Dieser Koeffizient gibt die Einkommensverteilung in einem Land an – liegt er bei 0, haben alle Bürger gleich viel Geld, liegt er bei 1, besäße eine Person das gesamte Einkommen eines Landes und der Rest nichts. Gleichzeitig wurden seit der Ölpreiskrise und vermehrt seit Ende der 90er in zahlreichen westeuropäischen Staaten Wohlfahrtsreformen verabschiedet, die die Sozialausgaben kürzen und damit die teilweise sehr hohen Budgetdefizite in den einzelnen Ländern mindern sollten. Unser Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Einfluss der Europäischen Integration auf diesen Trend – und wem es jetzt noch nicht zu langweilig ist, sei empfohlen, meinen betreuenden Professor, Jason Beckfield, zu googlen und dessen Artikel lesen 😉

Im Rahmen meiner Aufgaben hier habe ich mich in den letzten Tagen ausgiebig mit den verschiedenen Sozialsystemen in westeuropäischen Staaten beschäftigt. Bei der Analyse von Gesundheitsreformen in Frankreich und Belgien, der Arbeitslosenversicherung in England und Italien und Rentenreformen in Belgien und den Niederlanden kommt irgendwann unweigerlich irgendwann die Frage auf: Und in den USA? Jedes Mal, wenn ich mit der Bostoner T (=Metro) downtown fahre, fallen mir in den U-Bahn Abteilen seltsame Plakate auf: In aggressiven Farben stehen da Sätze wie: „Bist du depressiv und Linkshänder?“ „Hast du bleibende Schmerzen nach einem Autounfall, bist weiblich und nicht älter als 43?“ „Nimmst du seit mehr als drei Jahren regelmäßig Cannabis?“ „Hast du eine Erdnussallergie und kommst aus Westvirginia?“ „…wenn das zutrifft, call…“ (Unten stehend findet ihr ein paar Fotos) Die Ärztin, mit der ich zusammenwohne, hat mir erklärt, dass dies Ausschreibungen zur Teilnahme an klinischen Studien sind. Da viele Menschen sich eine Krankenversicherung nicht leisten können, bzw. die Versicherung die entsprechenden Krankheiten nicht abdeckt, ist die Teilnahme an einer klinischen Studie manchmal die einzige Hoffnung auf Besserung. Das Risiko, doch nur zur Placebogruppe zu gehören oder die Langzeitfolgen der Einnahme bisher unerforschter Medikamente zu tragen, wird von so manchem buchstäblich „armem Schlucker“ gern in Kauf genommen. Die Wissenschaft freut sich über ausreichend „freiwillige“ menschliche Versuchsobjekte – dennoch ist es schwer zu begreifen, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so schnell so begrenzt zugehen kann.

Ob „Obamacare“ da etwas ändern kann und wird? Das lässt sich derzeit weder absehen noch beurteilen. Wer sich gerne näher über die Diskussion rund um Health Care in den USA und die angedachten Reformen informieren möchte, dem sei neben dem obligatorischen Wikipediaartikel  vielleicht ein kurzes, einführendes Video ans Herz gelegt.

 

 

 

Community Spirit

17. Juni 2014 | von

Stell dir vor, du gehst über den Innenhof des Karman-Auditorium und plötzlich steht da ein Streichelzoo. Jawohl, ein Streichelzoo, so richtig mit Babyziegen und Katzen und Kaninchen und vielen, vielen Studenten außenrum, die voller Begeisterung die Tierchen auf den Arm nehmen, Fotos mit ihren iPads machen und irgendwie total glücklich aussehen. Ich selbst habe jedenfalls erst einmal verdutzt geguckt, als ich am 09. Mai an eben so einem Pet Zoo mitten auf dem Campus vorbeilief. Auf mein neugieriges Nachfragen hin wurde mir dann freundlich erklärt, dass heute der Beginn der Klausurphase in Harvard sei und die Streichelzooaktion dazu beitragen solle, den Stress ein wenig zu reduzieren. Dass der Stress für die Tiere natürlich umso größer ist, versteht sich von selber – aber dennoch ist diese Aktion das vielleicht kurioseste Beispiel für die „Harvard Common Spaces„. Worum geht es bei dieser Initiative? Ich beschreibe es mal in den Worten von Harvard Presidentin Drew Faust:

„Through the Common Spaces program, Harvard is taking advantage of the ways in which the physical environment can support the kinds of engagement that enhance and sustain the vitality of the University community.“

Der Campus ist hier also nicht nur einfach der physische Ort über den man von einem Gebäude zum nächsten läuft, sondern wird als  öffentlicher Raum verstanden, in dem mit verschiedenen immer wechselnden Mitteln versucht wird, a) auf soziale Probleme aufmerksam zu machen und die Diskussion darüber anzuregen, b) die Interaktion zwischen allen Mitgliedern der Harvard Community zu fördern und c) für Gesundheit, Bewegung und Wohlbefinden zu sorgen. Konkret kann das folgendes heißen:

  • Anfang Mai gab es im Rahmen des Arts First Festival zwei Tage lang überall auf dem Campus kleine Kunstwerke zu sehen bzw. kleine scheinbar spontane Kunstperformances, Konzerte und Ausstellungen
  • seit Anfang dieser Woche stehen stabile bunte Plastikturngeräte (siehe Foto – mir fällt kein besserer Name ein) auf einer grünen Wiese vor dem Sander’s Theatre
  • an verschiedenen Orten findet man „small public libraries“ als öffentliche Bücherregale
  • während der Sommermonate gibt es ein über die andere Woche einen Harvard Farmer’s Market und einen Harvard Arts Market,
  • das ganze Jahr über stehen bunte Bänke, Liegestühle und ein Außen-Schachspiel dort, wo normalerweise die „Foodtrucks“ in der Mittagspause vorbeikommen,
  • Studenten haben regelmäßig die Chance, unkompliziert und kostenlos eine Mini-Bühne zu beantragen und ihr Talent zur Schau zu stellen – sei es nun Poetry, Artistik, Gesang oder anderes
  • auf einer Wäscheleine vor einem der Hörsäle wurden Opfer von sexueller Gewalt und all jene, die sich mit ihnen identifizieren möchten, dazu aufgefordert, ein T-Shirt mit einer Botschaft an die Täter aufzuhängen
  • und jeden Mittwoch gibt es „Zumba on the Plaza“ als Teil de Harvard Wellness Programms.

All diese Veranstaltungen sind kostenlos und offen für alle Interessenten.

Dieser Community Spirit lässt sich hier nicht nur auf dem Campus beobachten: In Somerville, dem kleinen Vorort von Boston in dem ich lebe, gab es am letzten Maiwochenende das sogenannte „Somerville Porch Festival“, bei dem jede/r  der/die wollte, dazu eingeladen wurde, bei sich zuhause auf der Veranda (=Porch) Musik zu machen. Die Besucher des Festivals konnten auf einer interaktiven Karte einsehen, wo welcher Musikstil gespielt wurde und gemütlich im Sonnenschein von Haus zu Haus oder auch Nachbar zu Nachbar schlendern. In den Supermärkten stehen „Take a Penny, give a Penny“ Schalen, auf denen man, wenn man denn möchte, einen Teil des Wechselgeldes ablegen kann. Sollten einem beim nächsten Einkauf ein paar Cent fehlen, kann man diese dann wiederum aus der Schale herausnehmen. Und schließlich startet in diesr Woche die sogenannte „Salsa in the Park“ Aktion, bei der in einem großen öffentlichen Park Bostons kostenlose Salsakurse mit anschließender Party angeboten werden.

Und in Aachen? Natürlich haben wir keinen Campus, aber auch bei uns gibt es öffentliche Plätze. Wann startest du deinen ersten kostenlosen Jonglierkurs im Karman-Innenhof? Wann tanzen wir Salsa vor dem Audimax? Und wann werden die ersten Schachspiele und Liegestühle vor der Uniklinik aufgestellt? Ist sowas in Deutschland überhaupt machbar bzw. darf man das überhaupt ohne polizeiliche Genehmigung? 😉 Fragen über Fragen…

mit nachdenklichen Grüßen,

Maike