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neuland: Der Erstsemester-Blog

An Tagen wie diese.

19. Dezember 2013 | von

Pfandflaschensammlung

 

Das warme Licht im Raum fahl gedämmt, blicke ich mit müden Augen auf die gegenüberliegend kalkweiße Wand, dessen noppige Oberfläche mir ebenso kühl den Nacken streichelt. Ein verschwommenes Profil, die mittellangen Haare zum Dutt gesteckt, aus dem stachelig einige Härchen abstehen. Ausdruckslos betrachte ich meine eigene Projektion – bewege den Kopf nach rechts, dann langsam nach links, synchron folgt mir mein Schatten.
Vom ruckartigen Drehen bekomme ich Kopfschmerzen, halte inne und schließe deshalb meine Augen, öffne sie wieder, als das schwummrige Gefühl dadurch nur wie eine rollende Lawine stärker wird. Mechanisch schiebe ich die brandschutzsichere Gardine von mir weg und lausche dem – durch das Reiben der Kunststoffringe an der Halterung entstehende Knarzen. Damit die Geräuschkulisse nicht verebbt, ziehe und schiebe ich immer und immer wieder am Stoff. Mit verstreichender Zeit spüre ich die in mir aufbrodelnde Nervosität, die durch das Geräusch erzeugt wird und lasse von dem baumwollartigen Stoff ab. Unschlüssig schweift mein Blick durch den Raum, der schließlich beim  fünfstöckigen Holzregal ruht. Schlechten Gewissens blicke ich wieder weg, als die ganzen angebrochenen Bücher vorwurfsvoll  zurückstarren. Beim Anblick meiner Pfandflaschensammlung huscht mir jedoch unerwartet ein kraftloses Lächeln über die Lippen, als ich mir im Kopf den Wert der Mehrwegflaschen ausrechne. „14,50€“, murmel ich vor mich hin, als hätte jemand nach der Summe gefragt. Mit angespannter Konzentration versuche ich, meinen Gedankenfluss inne zuhalten, das Geschrei an Terminen, Pflichten und Erinnerungen auszublenden. Das innere pulsieren wurde lauter je angestrengter ich versuche gegen die Flutwelle zu fliehen, die langsam zu brechen scheint. Daher lenke ich meine volle Aufmerksamkeit auf das Geschnatter, dass aus der Gemeinschaftsküche zu mir dringt. Rumorend beschwert sich mein Magen, dem das Corden Bleu aus der Zeltmensa vom Mittag nicht genug scheint. Vom Hunger getrieben, springe ich aus meinem Bett, erreiche die Zimmertür, bin gerade dabei die Türklinke runterzudrücken, als ich an mir herunter schaue. Nicht im klaren, wen ich in der Küche treffen würde, wollte ich auf Nummer sicher gehen, meinen Etagenbewohnern einen Gefallen zutun und bei den Gästen keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Deswegen laufe ich in meinem Zimmer wahllos umher, unentschlossen, wie ich die Zeit überbrücken würde. Zur Erinnerung: Mein Zimmer ist ultimative 11 m„groß“, wodurch ich mich plötzlich in meinen eigenen vier Wänden eingeengt fühle, als würden diese jede Minute ein Stück näher rücken. Mein Vorhaben, Staub zu saugen verwerfe ich sogleich, nachdem ich mich daran erinnere in einer Papiertüte noch Süßigkeiten vorzufinden. Mit einem Riegel Schokolade und Kaubonbons verschiedener Geschmacksrichtungen schmeiße ich mich zurück auf mein Bett und blicke im warmen fahl gedämmten Licht mit müden Augen zur gegenüberliegend kalkweißen Wand.

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