{"id":1129,"date":"2018-07-18T12:40:00","date_gmt":"2018-07-18T10:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=1129"},"modified":"2018-07-18T12:40:00","modified_gmt":"2018-07-18T10:40:00","slug":"bus-haelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/bus-haelt\/","title":{"rendered":"Bus h\u00e4lt!"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1129 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1129')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1129').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/blog.rwth-aachen.de\\\/kreativesschreiben\\\/bus-haelt\\\/\",\"post_id\":1129,\"post_title_referrer_track\":\"Bus+h%C3%A4lt%21\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div><p>Sara Schneider: Bus h\u00e4lt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017\/2018 in unserem Oberseminar <a href=\"http:\/\/www.sz.rwth-aachen.de\/schreibzentrum\">Texte in Arbeit<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein eindringlicher Geruch nach Zwiebeln und Frittiertem. Wie eine Stra\u00dfenk\u00fcche in Fernost. Der Geruch so frisch, als h\u00e4tte man die Fr\u00fchlingszwiebeln gerade geschnitten. In der Vorstellung penetrant, tats\u00e4chlich angenehm und heimelig. Es ist nicht der Geruch von abgestandenem erkaltetem Fett, sondern der einer geselligen K\u00fcche. Wie ein Zuhause, eine Sch\u00fcssel hei\u00dfen Essens, frische Zutaten und fr\u00f6hliche Gesichter.<\/p>\n<p>Die beiden Asiatinnen vor mir verlassen den Bus. Ihr eigent\u00fcmlicher Geruch h\u00e4ngt ihnen noch eine Weile nach, w\u00e4hrend sich mit jeder Haltestelle etwas Neues daruntermischt. Kalte Herbstluft, nasser Asphalt, Abgase und Benzin. Das ein oder andere Parf\u00fcm schw\u00e4ngert die Luft im stickigen Bus. Neue D\u00fcfte mischen sich unter. Doch holt man tief Luft, ist der erste Geruch noch immer da. Das warme, frittierte Essen. Die scharfen Noten von Zwiebeln. Hunger. Man bekommt Hunger. Und wenn man satt ist, bekommt man Lust. Lust auf den Hunger. Auf die Freude am ersten Bissen nach langem Hunger. Wie der erste Schluck Wasser an einem hei\u00dfen Sommertag. Die Freude am Essen.<\/p>\n<p>Die Vorfreude auf ein warmes, nahrhaftes, leckeres Gericht. Aus der nassen K\u00e4lte des Herbstes, in die warme stickige Umarmung der Gark\u00fcche. Fremdsprachiges Geschnatter, Gewusel, Hektik und der Duft nach Essen. Was gibt es sch\u00f6neres als die Vorfreude, als den ersten Bissen, den die Gabel zum Mund f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die T\u00fcren \u00f6ffnen sich j\u00e4h unter mechanischem Quietschen. Menschen str\u00f6men aus und ein. Ein neuer Geruch: Ein Hauch von etwas Herbem, etwas Bitterem. Von Erde und Torf. Von nasser Blumenerde.<\/p>\n<p>Es \u00fcberlagert den wohligen Geruch auf das Penetranteste. Es tilgt ihn. Vernichtet ihn. Verschlingt ihn gierig, bis nichts mehr \u00fcbrig ist. Kein Parf\u00fcm kann gegen die H\u00e4rte dieses Geruchs ankommen. Nichts Sch\u00f6nes legt sich auf diesen Geruch. Nichts will sich damit mischen.<\/p>\n<p>Mein Blick hebt sich zum Ursprung. Die T\u00fcren sind bereits geschlossen. Die neuen Mitfahrer versperren die Sicht aus den Glast\u00fcren. Was es war, bleibt verborgen. Doch es hat meine Laune g\u00e4nzlich gekippt. Mich aus dieser wohligen Blase gerissen. So f\u00e4llt mein Blick auf die Stra\u00dfen. Auf all die grauen Fassaden. Die schmutzigen W\u00e4nde, dreckigen B\u00fcrgersteige. All diese Plastikkr\u00e4hen, die wie moderne <em>Gargeules<\/em> an den Fassaden h\u00e4ngen. Nicht das Unheil sollen sie fernhalten, nur die Tauben. Stumm reihen sich die schwarzen Plastikkobolde aneinander. Ob auch sie bei Nacht zum Leben erwachen und lautstark kr\u00e4chzend ihre Besitzer vom Schlaf abhalten? Ob es die echten Kr\u00e4hen wirklich t\u00e4uscht und die Tauben abh\u00e4lt? Tauben, die Ratten der L\u00fcfte. So grau wie scheinbar alles heute.<\/p>\n<p>Unter den schwarzen Plastikkobolden huschen Gestalten am Bus vorbei. Morgendliche Jogger, die in hautengen Neonfarben wie Tiefseetaucher wirken. Verloren scheinen sie auf Asphalt, Stolpersteinen und sporadischem Gras. Fehl am Platz sind sie zwischen morgendlicher Hektik, Bussen, Autos und Baustellen. Einsam, so ganz ohne Wasser. Sie tauchen in der Tiefe der Stadt. Schnorcheln Abgase und erkunden Stadtbepflanzungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So unpassend. Des L\u00e4ufers Ziel ist der Lauf, doch des St\u00e4dters Ziel ist stets der Ort, den er niemals rechtzeitig zu erreichen scheint. Auch meine Reise hat ein Ziel. Die n\u00e4chste Haltestelle.<\/p>\n<p>N\u00e4hert sich der Gelenkbus einem Halt, macht sich Umtriebigkeit breit. Menschen, die immer wieder den Halteknopf bet\u00e4tigen, obwohl schon lange das rote \u201eWagen h\u00e4lt\u201c Symbol blinkt. Einige brauchen wohl die Sicherheit, dass ihre Haltestelle ja nicht \u00fcbersehen wird, denn schlie\u00dflich ist das die einzig wichtige Haltestelle der ganzen Fahrt. Ihre. Andere m\u00fcssen dezent ihren Sitznachbarn darauf aufmerksam machen, sie doch vorbeizulassen, ohne unn\u00f6tiger Weise danach zu\u00a0fragen.<\/p>\n<p>Bei manchen ist es wohl blo\u00df die Freude am Dr\u00fccken gro\u00dfer roter Kn\u00f6pfe. Wie f\u00fcr Kleinkinder.<\/p>\n<p>Dieses Mal begebe auch ich mich in die Umtriebigkeit. Stehe fr\u00fcher auf, als eigentlich n\u00f6tig ist. Ich bin schnell zu Fu\u00df und sitze zum Gang hin und doch braucht man die Sicherheit, ja noch raus zu kommen. Denn das hier ist immerhin die wichtigste Haltestelle. Meine Haltestelle.<\/p>\n<p>Eine ruckartige Bremsung und die T\u00fcren geben j\u00e4h den Ausgang preis. Etwas Dr\u00e4ngeln und Schieben. Ein paar stramme Schritte und der Bus f\u00e4hrt weiter. Die Fahrt ist zu Ende. Die nasskalte Luft umf\u00e4ngt mich. Der Bus war warm; hier ist es kalt. Neue Ger\u00e4usche und Ger\u00fcche umgeben mich. Neben dem gelben Schild warten die Reisenden. Zigarettenqualm. Geschnatter von zwei alten Damen. Essensgeruch von weiter weg. Und unter allem liegt der kalte Geruch von nasser Blumenerde.<\/p>\n<p>Unweigerlich muss ich an mir riechen, doch ich bin es nicht. Ich rieche in die Luft. Es l\u00e4sst sich keine Richtung ausmachen. Kein Ursprung. Der Geruch scheint von \u00fcberall zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Rascheln . Ein Schwarm Tauben stiebt von einem gegen\u00fcberliegenden Dach davon. Sie wiegen wie eine Welle in der Luft. Immer im Kreis um die H\u00e4userfronten herum. Ein Rabe stimmt kr\u00e4chzend in das Schnattern und Rascheln ein. Unruhig wippt sein Kopf auf und ab, doch er steht beharrlich auf den D\u00e4chern. Sein Blick auf eine regungslose Gestalt gerichtet. Inmitten der Stadtv\u00f6gel sitzt ein Bussard. Unauff\u00e4llig, mit seinem braunen Gefieder bildet er fast eine Einheit mit den tristen Fassaden und den verwitterten Ziegeln der D\u00e4cher. Nur unmerklich gr\u00f6\u00dfer als der Rabe und einen Hauch dunkler im Gefieder als die Tauben, sitzt er dort.<\/p>\n<p>Aus dem Grau der H\u00e4user l\u00f6st sich ein Bus. Wie eine Boje bricht er aus der Welle aus Tauben. Die T\u00fcren gehen auf und Menschen schwappen wie die Brandung durch die T\u00fcren. Und mit jedem Atemzug zieht auch der Geruch von nasser Blumenerde vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sara Schneider: Bus h\u00e4lt! &nbsp; Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017\/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit. &nbsp; Ein eindringlicher Geruch nach Zwiebeln und Frittiertem. Wie eine Stra\u00dfenk\u00fcche in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"c2c_always_allow_admin_comments":false,"footnotes":""},"categories":[28,22,54,25],"tags":[26,4,51,27,52,14,10],"class_list":["post-1129","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bloggen","category-in-eigener-sache","category-oberseminar","category-schreiben-im-studium","tag-barrierefreie-sprache","tag-kreativitat","tag-kuerzestgeschichte","tag-leichte-sprache","tag-oberseminar","tag-schreiben","tag-zentrum-fur-kreatives-schreiben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1129"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1133,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions\/1133"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}