{"id":1135,"date":"2018-08-29T11:13:56","date_gmt":"2018-08-29T09:13:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=1135"},"modified":"2018-08-15T13:41:27","modified_gmt":"2018-08-15T11:41:27","slug":"mit-haut-und-haaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/mit-haut-und-haaren\/","title":{"rendered":"Mit Haut und Haaren"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1135 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1135')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1135').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Da, wo der Boden steinig ist, laufen Rinnsale den Weg hinab, vereinen sich, bis ein kleiner Bach entsteht, der sich unruhig seine Bahnen um Hindernisse sucht, bevor er zur Seite schwingt und in der Wiese verschwindet.<\/p>\n<p>Das leise Pl\u00e4tschern des Wassers l\u00e4dt dazu ein, einfach stehen zu bleiben und der Geschichte zu lauschen, die es vorwitzig erz\u00e4hlt, auch wenn es keinen interessiert. Es knabbert an meinem Ohr, ein steter Begleiter auf dem Weg den Berg hinauf, der sich nicht absch\u00fctteln l\u00e4sst, egal, wie sehr man es auch versucht.<\/p>\n<p>Satte Farben nehmen den Wald ein. Es ist die Schwelle zwischen Sommer und Herbst, die Bl\u00e4tter halten gerade so noch ihr Gr\u00fcn, wollen ihr Leben nicht aufgeben. Aber die Luft ist merklich abgek\u00fchlt in letzter Zeit, bald wird der Todeskampf der Bl\u00e4tter beginnen, den sie verlieren werden. Sie werden auf das Bett fallen, dass ihre Vorg\u00e4nger ihnen bereitet haben, ebenso, wie sie das Bett sein werden f\u00fcr diejenigen, die ihnen im n\u00e4chsten Jahr folgen.<\/p>\n<p>Die Herbstluft hat eine Klarheit an sich, die die Fesseln des stickigen Sp\u00e4tsommers l\u00f6st und einen mit sanften Fingern liebkost, als sei sie eine Geliebte, die einen freudestrahlend empf\u00e4ngt, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat. Bis ihre Verbitterung sie einholt und ihre kalten Klauen auch das letzte Bisschen W\u00e4rme zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Erinnerst du dich an dein Versprechen, Liebling? Du sagtest, du w\u00fcrdest alles f\u00fcr mich tun.<\/em><\/p>\n<p>Es wundert mich kaum, dass mir auf diesen Wanderwegen niemand begegnet. Sie f\u00fchren tief in den Wald hinein. Man warnt davor, zu tief in den Wald zu gehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment bleibe ich stehen und atme tief durch. Papier raschelt in meiner Brusttasche.<\/p>\n<p>Der Brief.<\/p>\n<p>Der Grund, warum ich \u00fcberhaupt hier drau\u00dfen unterwegs bin.<\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df, dass du mich vergessen wolltest. Ich war nicht immer gut zu dir. Aber ich bitte dich um einen letzten Gefallen. Einen einzigen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>Kurz lege ich meine Hand auf die Brust, dort, wo in einer innenliegenden Jackentasche der Brief verborgen ist, um ihn zu sch\u00fctzen. Ihm darf nichts passieren. Er ist der einzige Hinweis, den ich habe.<\/p>\n<p>Ein Blick auf den Kompass. Seine Nadel weist mir fordernd den Weg. Im Gegensatz zu den Wirren des Waldes ist die schwarze Farbe der Nadeln berechnend und klar. Etwas, an das ich mich klammern kann, damit ich mich nicht verliere.<\/p>\n<p>Ich muss nach Osten. Der Pfad f\u00fchrt mich aber augenscheinlich nach Norden. Ich kann nicht noch weiter darauf hoffen, dass er sich biegt oder eine Kreuzung erscheint. Nach Osten jedoch f\u00fchrt es mich geradewegs in den Wald hinein.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich den Weg nicht verlassen sollte, aber ich habe keine Wahl. Was getan werden muss, duldet keinen weiteren Aufschub mehr.<\/p>\n<p><em>Du musst es bald machen. Sonst ist es zu sp\u00e4t. Sonst wird es niemand jemals erfahren. Dann wird der Wald es behalten. Er darf es nicht haben. Es ist schon viel zu lange dort.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>An einem Stein reibe ich den Matsch von meinen Schuhen. Dicke, dunkelbraue Brocken bleiben auf der moosigen Oberfl\u00e4che haften. Der n\u00e4chste Regen wird sie hinabwaschen, und dieser wird nicht lange auf sich warten lassen. Der Geruch nach Regen liegt in der Luft.<\/p>\n<p>Satte, feuchte Erde. Schwere Bl\u00e4tter, die sich neigen, weil das Gewicht der Wassertropfen auf ihnen lastet. Ein leises Platschen, wenn ein Tropfen auf den Boden trifft und sich dort zu seinen Geschwistern gesellt, sie sich freudig tummeln und jagen, in der Pf\u00fctze, die sie bilden.<\/p>\n<p><em>Der Wald macht seltsame Dinge mit dir, wenn du Angst hast. Du siehst Dinge. Du h\u00f6rst Dinge. Nicht alles davon ist wirklich da. Manche Dinge aber schon.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>V\u00f6gel singen in den \u00c4sten traurige Lieder. Sie bedauern, dass ich den Weg verlasse. Es sei gef\u00e4hrlich, durch das wilde Dickicht zu laufen. Man sehe nie wirklich, was genau unter einem liege.<\/p>\n<p><em>Manche lauern im Zwielicht und warten auf eine unbedachte Bewegung.<\/em><\/p>\n<p>Ich komme abseits des Weges erheblich langsamer voran. Zweige krallen sich in meine Kleidung. Sie wollen nicht, dass ich tiefer in den Wald gehe. M\u00fchsam entwinde ich mich ihnen, heute werden mich ihre gierigen H\u00e4nde nicht festhalten. Jeder Zweig zischt eine Warnung, als er zur\u00fcckschnellt, bevor er regungslos verstummt. Vielleicht haben sie verstanden, dass es mir egal ist, was sie wollen.<\/p>\n<p>Ich muss weiter, bevor der Regen losbricht.<\/p>\n<p><em>Du musst zu der H\u00fctte. Dort wirst du finden, was sehr lange Zeit niemand mehr zu Gesicht bekommen hat.<\/em><\/p>\n<p>Ich stapfe weiter, immer brav dem Kompass folgend, die Anweisungen des Briefes an meiner Brust brennend. Sein Fl\u00fcstern hat das Pl\u00e4tschern des Baches abgel\u00f6st, nun liegt es mir im Ohr und l\u00e4sst mir keine freie Sekunde.<\/p>\n<p><em>Du darfst dich nicht ablenken lassen. Der Wald ist kein stiller Ort. Er wacht und ist geduldig, denn er ist alt und hat alle Zeit der Welt. Er lebt und er will dich haben.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>Die Baumkronen wachsen so dicht, dass das Licht kaum bis zum Boden vordringen kann. Selbsts\u00fcchtig saugen sie es ein, nehmen mir die Sicht, lassen mich stolpern \u00fcber das, was die D\u00e4mmerung versteckt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ich habe kein Zeitgef\u00fchl mehr. Ich bin am Morgen losgelaufen. Es kann mittlerweile jede Uhrzeit sein. Oder keine. Der Wald hat seinen eigenen Zeitkosmos.<\/p>\n<p><em>Die H\u00fctte. Du musst die H\u00fctte erreichen.<\/em><\/p>\n<p>Eine H\u00fctte. Sie versucht sich zwischen den B\u00e4umen zu verstecken, wagt sich nur zaghaft hervor. Ihre Fenster lugen m\u00fcde unter dem Moos hervor. Irgendwo kr\u00e4chzt ein Vogel, beschwert sich \u00fcber die unfreundliche St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr klemmt, l\u00e4sst sich nur unter starken Zerren wiederstrebend \u00f6ffnen. Ihre Angeln jaulen schmerzverzerrt. Wimmernd zieht der Wind durch die Ritzen zwischen den halbrunden Baumst\u00e4mmen, aus denen die W\u00e4nde bestehen.<\/p>\n<p><em>Unter einer Planke am Boden liegt das Buch. Du musst es zur\u00fcck nach Hause bringen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>Unter der Planke ist ein Loch verborgen, ein klaffender Schlund, der hungrig nach F\u00fcllung lechzt. Wei\u00dfer Speichel klebt sich an meine Hand, als ich hineingreife. Scharfe Z\u00e4hne kratzen die Haut auf. Seine Zunge leckt \u00fcber meine Handfl\u00e4che, kostet den salzigen Schwei\u00df. Er grinst mich an, lange hat er auf Beute warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich beuge mich vor, packe die Zunge mit beiden H\u00e4nden und rei\u00dfe sie aus dem Loch. Staubige Erde hustet es mir entgegen, der Wind kreischt. Ich schlage die Planke zu.<\/p>\n<p>Stille.<\/p>\n<p>Durchatmen.<\/p>\n<p>Das einst weiche Leder des Buches ist br\u00fcchig geworden, die Seiten wellen sich. Ohne hineinzuschauen, verstaue ich es im Rucksack und fl\u00fcchte aus der H\u00fctte. Dumpf lacht der Schlund hinter mir her.<\/p>\n<p>Ich renne. Die Str\u00e4ucher auf dem Boden versuchen mich zu packen, Wurzeln legen sich mir in den Weg, bringen mich zum Straucheln.<\/p>\n<p><em>Sei vorsichtig auf dem R\u00fcckweg.<\/em> <em>Der Wald ist gef\u00e4hrlich.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>Erde rutscht unter meinen F\u00fc\u00dfen zur Seite. Kichernd rollen kleine Steine den Hang hinunter. Sie haben mich fast.<\/p>\n<p>Zweige peitschen mir ins Gesicht. Sie haben mich gewarnt, und jetzt ist es zu sp\u00e4t. Ihr Griff ist kr\u00e4ftiger, zielsicherer, sie wissen, was sie wollen.<\/p>\n<p><em>Bring es nach Hause.<\/em><\/p>\n<p>Ich falle.<\/p>\n<p>Es tut fast gar nicht weh. Nur ein bisschen, als irgendwo Knochen brechen. Ich kann mich nicht mehr bewegen.<\/p>\n<p>Ich starre nach oben zu den Baumkronen, die im d\u00fcsteren Licht des Gewitters kaum zu sehen sind. Kalte Tropfen landen auf meinem Gesicht. Ein Blitz erhellt f\u00fcr einen Moment wenige Bl\u00e4tter, sie blicken ausdrucklos auf mich hinab.<\/p>\n<p>Ich bezweifle, dass mich hier jemand finden wird.<\/p>\n<p>Denn der Wald ist hungrig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Huntscha: Mit Haut und Haaren &nbsp; Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit. &nbsp; Matsch bedeckt meine Schuhe. 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