{"id":1235,"date":"2020-04-27T17:07:48","date_gmt":"2020-04-27T15:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=1235"},"modified":"2020-06-19T11:43:09","modified_gmt":"2020-06-19T09:43:09","slug":"was-wird-von-der-corona-krise-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/was-wird-von-der-corona-krise-bleiben\/","title":{"rendered":"Was wird von der Corona-Krise bleiben?"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1235 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1235')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1235').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Vielleicht. Indes mit Gewissheit sagen, kann es niemand. Hat es doch \u00e4hnliche Aussagen schon im Zusammenhang mit der Finanzkrise von 2008 gegeben. Und mal ehrlich: So wahnsinnig viel hat sich seitdem f\u00fcr die Menschen auf der Stra\u00dfe, die momentan eher zu Hause bleiben m\u00fcssen, nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Aber \u2013 zwischen 2008 und 2020 gibt es einen fundamentalen Unterschied: Die Krise damals war f\u00fcr die meisten Menschen eine sehr abstrakte. Banken mussten gerettet werden. Rettungsschirme wurden aufgespannt. Aber au\u00dfer den Finanzexperten und denjenigen, die tats\u00e4chlich Aktien von Lehman Brothers gekauft hatten, wusste niemand so recht, was da eigentlich geschah. Die B\u00f6rsen sp\u00fcrten es und massiv nat\u00fcrlich die Griechen, aber hierzulande war der ganze Spuk f\u00fcr die meisten schnell vorbei. Ein bisschen musste man noch um den Euro bangen, aber das war\u2018s dann auch: Die wenigsten Deutschen waren existenziell bedroht.<\/p>\n<p>Das ist jetzt anders. Und das Ausma\u00df l\u00e4sst sich bislang allenfalls erahnen. Sehen und f\u00fchlen kann man aber schon jetzt: Das, was die sogenannte Corona-Krise mit uns macht, betrifft pl\u00f6tzlich die Menschen selbst \u2013 ganz real und in Echtzeit. Nicht die da oben, nicht die Mega-Konzerne, nicht irgendwen, nein, uns alle und unmittelbar.<\/p>\n<p>Das Virus ist lebensgef\u00e4hrlich! Und das im doppelten Sinn. Die einen kostet \u2013 und das ist am allerschlimmsten \u2013 die Krise tats\u00e4chlich das Leben. (Dabei ist es im \u00dcbrigen v\u00f6llig egal, wie alt man ist \u2013 alles andere ist blanker Zynismus!) Das Leben der anderen wird in irgendeiner Form ber\u00fchrt sein. Corona, so sch\u00f6n der Name auch klingt, scheint sich vor allem zu einer psychologischen und einer wirtschaftlichen Krise auszuwachsen. Aber diesmal trifft es in erster Linie die Friseurin, die ihren Job verliert, den Mechatroniker, der in Kurzarbeit muss, und den mittelst\u00e4ndischen Unternehmer, dem die Insolvenz droht.<\/p>\n<p>Die gesundheitliche Gefahr beziehungsweise Dimension des Ganzen ist immer noch schwer zu fassen. Unzweifelhaft erkennt man sie daran, dass in den Medien aktuell die Virologen das Wort f\u00fchren. Vorher kamen die in den Programmen gar nicht vor. Ansonsten k\u00e4mpfen die meisten von uns eher mit den Konsequenzen des sogenannten Kontaktverbots als mit der wirklichen Bedrohung. Die Fernsehbilder italienischer Milit\u00e4rkonvois, die Hunderte von Leichen transportieren, wirken nur tausend Kilometer entfernt wie d\u00fcstere Hollywoodproduktionen, surreal, nicht wie das wahre Leben.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, dass nicht alle Experten in der Krise immer richtigliegen. Manche Virologen und Wirtschaftsweisen scheinen bei ihren Vorhersagen eher die hauseigenen Glaskugeln zu bem\u00fchen. Gleichwohl: Je l\u00e4nger das Ganze dauert, desto h\u00e4ufiger fragen die Menschen schon jetzt nach dem Sinn. Was lernen wir aus der Krise?<\/p>\n<p>Erste Antworten klingen hier und da allerdings, als sei irgendjemand schuld an dem Ausbruch von Covid-19. Als m\u00fcsse man Systeme oder Handlungstr\u00e4ger daf\u00fcr zur Rechenschaft ziehen.<\/p>\n<p>Das ist Unsinn! Weder der Kapitalismus hat das Virus losgetreten noch die Globalisierung. Alles andere ist Verschw\u00f6rungstheorie. Eine Pandemie kommt einfach: die Pest, die Spanische Grippe, Ebola, Corona. Wie sehr sie sich ausbreitet, ist eine andere Frage. Und eine Epidemie ist auch keine Strafe Gottes. Gleichwohl muss man nicht alles in der Welt, wie wir sie kennen, grenzenlos gut finden \u2013 nicht den Turbo-Kapitalismus, der uns kurzsichtig und kurzatmig macht, nicht diejenige Globalisierung, die die Menschen vergisst, und erst recht keine Religionen, die von strafenden G\u00f6ttern tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Es kann nie schaden, dar\u00fcber nachzudenken, wie wir in Zukunft leben wollen: Wie k\u00f6nnen wir \u2013 wenn schon nicht total \u201eentschleunigen\u201c \u2013 wenigstens nicht permanent \u00fcberdrehen? Wie l\u00e4sst sich die drohende Spaltung der Gesellschaft und der Welt \u00fcberwinden? Ist es richtig, dass ein Top-Manager zig Mal so viel verdient wie eine Altenpflegerin oder ein Paketzusteller? Hat das eine vielleicht sogar mit dem anderen zu tun? Diese Fragen kann und muss man sich immer stellen. Manche Leute haben nur gerade mehr Zeit zum Denken \u2013 und vielleicht ist das gut so.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens bei der Frage, wie wir unsere Umwelt und damit auch unsere Gesundheit besser sch\u00fctzen, was wir dringend tun m\u00fcssen, sp\u00e4testens da lehrt uns die Krise, dass L\u00f6sungen nicht so einfach sind wie \u201eIch sehe was, was du nicht siehst\u201c. Weil die Welt eine komplexe ist.<\/p>\n<p>Erste Reaktionen und Kommentare, die bereits jubilieren und das aktuelle \u201eHerunterfahren\u201c des gesellschaftlichen Lebens als Beweis daf\u00fcr anf\u00fchren, dass es \u201eauch anders geht\u201c, darf man getrost als naiv oder ideologisch zur\u00fcckweisen. Der aktuelle Zustand der Gesellschaft ist sicher weit vom Ideal entfernt \u2013 es sei denn, man ist zuf\u00e4llig Misanthrop oder Narzisst.<\/p>\n<p>Aber noch einmal: Was k\u00f6nnen wir lernen? M\u00fcssen wir etwas lernen?<\/p>\n<p>Sicher wird es Neuerungen in der n\u00e4chsten Zeit des Improvisierens geben, die sich als sinnvoll erweisen; aus der Not Geborenes, das wir, wo es m\u00f6glich ist, beibehalten k\u00f6nnen: Homeoffice, Videokonferenzen, Desinfektionsmittel. Manchmal sind es auch Gepflogenheiten, die wir bereits kannten, aber irgendwie vergessen hatten: Lesen, Sinnieren, Spazierengehen.<\/p>\n<p>Wir lernen auch, dass die Krankenh\u00e4user und Pflegeheime demn\u00e4chst besser mit Masken und Schutzausr\u00fcstung ausgestattet sein m\u00fcssen, logisch. Ach ja, wir lernen \u2013 wieder einmal \u2013, dass Geld nicht alles, aber auch nicht unwichtig ist. Und wir lernen gleichzeitig, dass \u201eDurch\u00f6konomisieren\u201c nicht \u00fcberall das Ma\u00df der Dinge sein darf. Und: Alles ist wichtiger als Klopapier!<\/p>\n<p>Bleibt die verwunderte Erkenntnis: Das Leben und unsere Gesellschaft sind immer noch verdammt verletzlich \u2013 auch in Zeiten von schnellerem Internet und Operationen am offenen Herzen. Das h\u00e4tten wir so nicht gedacht. F\u00fcr unsere Gesundheit gibt es selbst in der hochmodernen Welt keine Garantie. Aber wir leben zum Gl\u00fcck nicht mehr im Mittelalter und unser Gesundheitswesen kann Ma\u00dfnahmen ergreifen, die bisweilen sogar erfolgreicher sind als Medikamente und Impfstoffe.<\/p>\n<p>Mitte M\u00e4rz, kurz vor dem Kontaktverbot, als sich die Entwicklung schon abzeichnete, da sagte meine unerschrockene Friseurin: \u201eDie Krise wird auch eine Chance f\u00fcr uns sein. Selbst die schlimmste Katastrophe ist f\u00fcr irgendetwas gut.\u201c Mutig. Uneigenn\u00fctzig. Nahezu philosophisch. Aber das wussten wir ja schon immer: dass die wahren Philosophen Steinmetze, Linsenschleifer und Friseurinnen sind.<\/p>\n<p>Und ob wir daraus etwas lernen oder nicht \u2013 es zeigt sich: Leben findet auch in digitalisierten Zeiten immer noch vor Ort statt. Dort leisten die kleinen und gro\u00dfen Helden der Krise gerade Bewundernswertes: Die Kassiererin im Supermarkt, der Student, der bei der Telefonseelsorge aushilft, \u00c4rzte und Pfleger in Kliniken und Altenheimen sowieso. Die Liste l\u00e4sst sich ins Unendliche verl\u00e4ngern. Selbst Politiker machen keine schlechte Figur. Und pl\u00f6tzlich gibt es \u00fcberall Nachbarn, die sich unterst\u00fctzen, Spazierg\u00e4nger, die sich gr\u00fc\u00dfen, Polizisten, die singend durch die Stra\u00dfen ziehen und f\u00fcr einsame Menschen die Sonne aufgehen lassen. Das tut gut. Das l\u00e4sst hoffen. Grandios, wenn das auch nach der Krise so bliebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014<\/p>\n<p>Christoph Leuchter ist Schriftsteller und Musiker und leitet das Schreibzentrum der RWTH-Aachen University.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christoph Leuchter Entstanden ist das Essay als Gastbeitrag f\u00fcr die AZ\/AN im Rahmen der Corona-Pandemie. \u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014 Was auch geschieht, wie lange auch immer das alles noch dauert \u2013 f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"c2c_always_allow_admin_comments":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1235","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1235"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1257,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1235\/revisions\/1257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}