{"id":1271,"date":"2020-08-17T15:08:44","date_gmt":"2020-08-17T13:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=1271"},"modified":"2020-08-17T15:08:44","modified_gmt":"2020-08-17T13:08:44","slug":"olkhon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/olkhon\/","title":{"rendered":"Olkhon"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1271 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1271')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1271').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Vor mir bietet sich eine Szenerie, die so unfassbar sch\u00f6n ist, dass es fast schon kitschig erscheint. Wir stehen in unserer Lieblingsbucht am Baikalsee unweit unserer Unterkunft. Zu meiner Rechten liegt der Schamanenfels, ein f\u00fcnfzig Meter hoher, extrem steiler, zerkl\u00fcfteter Fels, der aussieht wie zwei siamesische Zwillinge, die versuchen, in unterschiedliche Richtungen in den See zu springen. Auf der linken Seite w\u00e4chst eine Felswand in die H\u00f6he, an der lediglich ein schmaler Ziehweg wie ein Rinnsal hinabf\u00fchrt. Dazwischen und weit dar\u00fcber hinaus erstreckt sich der Baikalsee, der in der untergehenden Abendsonne in den fantastischsten Rosa- und Oranget\u00f6nen schillert. Klein und fern sind ein paar mit Schnee bedeckte Berge, die bald den Rest der Sonne verschlucken werden. Knapp hundert Meter entfernt segelt ein Seeadler kreischend \u00fcber die Wasseroberfl\u00e4che. Der See strahlt eine m\u00e4chtige Ruhe und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber alledem aus.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte noch Stunden hier stehen und die ereignislose und zugleich ma\u00dflose Szenerie in mich aufnehmen. Doch eine leichte B\u00f6e erinnert mich fr\u00f6stelnd an unsere Mission.<\/p>\n<p>Ich blicke an meinen bis auf die Boxershorts nackten K\u00f6rper hinab. Neben mir h\u00f6re ich Ludger rufen und Sekunden sp\u00e4ter rennt dieser rauschend an mir vorbei in den See und durchschneidet den bisher herrschenden Frieden. Dicht gefolgt von Jack \u2013 einem chinesischen Reisenden, den wir in unserer Unterkunft kennengelernt haben. Von hinten ruft Theresa mir zu, die die ganze Operation filmt. Auch ich st\u00fcrze mich daraufhin an Eisschollen vorbei in das kristallklare Wasser, tauche einige Meter und \u00f6ffne meine Augen. Alles leuchtet rosa und orange mit Ausnahme von einigen dunklen Schatten, die von den Eisschollen geworfen werden. Das Licht bricht sich traumhaft sch\u00f6n in dem klaren Wasser und ich kann die untergehende Sonne f\u00fcr einen Augenblick durch die Wasseroberfl\u00e4che sehen. So sch\u00f6n der Moment unter Wasser auch ist, so schmerzhaft ist auch jede Sekunde. Mit einem befreienden Schrei tauche ich wieder auf und sch\u00fcttle das Wasser aus meinen Haaren. Mit schnellen gro\u00dfen Schritten pfl\u00fcge ich eilig hinter Ludger und Jack aus dem Wasser. Theresa erwartet uns, mit der bereits ge\u00f6ffneten Wodkaflasche und einem breiten Grinsen. In dem sonnengegerbten Gesicht wirken ihre Z\u00e4hne so wei\u00df wie von einem Jugendlichen, obwohl sie schon achtunddrei\u00dfig ist. Wir lassen die Flasche kreisen, w\u00e4hrend wir im Wind trocknen. Erst jetzt bemerke ich, wie warm mir eigentlich ist. Nein, nicht warm \u2013 hei\u00df! Meine Haut brennt kribbelnd und ich habe den Eindruck, vor Energie zu platzen.<\/p>\n<p>Wieder in trockenen Klamotten steckend, setze ich mich zu den anderen in den Sand. Wir lassen weiter den Wodka kreisen und ich beginne mir eine Zigarette zu drehen. Jack bietet mir wortlos eine von seinen chinesischen Filterlosen an, welche ich dankend ablehne. Jedes Mal, wenn Jack sich eine Zigarette ansteckt bin ich irritiert, da er trotz seiner f\u00fcnfundzwanzig Jahre und seinem Job als Banker noch sehr jungenhaft wirkt. Seinem drahtigen K\u00f6rper und seinen feinen, fast kindlichen Gesichtsz\u00fcgen verleihen lediglich die ernsthaften, wachen Augen etwas Erwachsenes \u2013 und die Zigarette. Wir reden wenig. Alle genie\u00dfen den Blick auf den schier endlosen See, der ein letztes Mal f\u00fcr heute von warmem Licht geflutet wird. Ich kann gar nicht denken, da mein Verstand so damit besch\u00e4ftigt ist, jede einzelne Facette dieses einzigartigen Naturschauspiels aufzunehmen. Im Sand sitzend und in die rosige Ferne starrend \u00fcberkommt mich ein Gef\u00fchl absoluten Friedens.<\/p>\n<p>\u201eDurak!\u201c, rufen alle lachend. Die Sonne ist untergegangen und langsam kriecht die K\u00e4lte der Nacht vom See heran. \u201eBlyat\u201c, antworte ich nur. Ludger reicht mir grinsend den Kartenstapel und ich beginne zu mischen. Wir unterhalten uns heiter weiter \u00fcber kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland, China und Russland und unser Leben daheim. Jack ist seit seinem Start in Wladivostok vor zwei Wochen allein unterwegs und will in weiteren zwei Wochen in Moskau sein, um dann nach China zur\u00fcckzukehren. Theresa berichtet von ihren Abenteuern in den letzten zwei Monaten in Kasachstan, der Mongolei und von der Nacht, in der sie am Ostufer des Baikalsees gecampt hat \u2013 wo wir sie getroffen haben. W\u00e4hrend die Temperaturen sinken, steigt unsere Stimmung. Nach geleerter Wodkaflasche \u00f6ffnen wir die ersten Biere und spielen noch ein paar Runden Durak, bis es zu dunkel ist. Nachdem die Nacht \u00fcber uns hereingebrochen ist, lege ich mich auf den R\u00fccken und beobachte rauchend das Firmament. Selten konnte ich so viele Sterne in einer solchen Intensit\u00e4t beobachten. Als die erste Sternschnuppe einen weiten Bogen \u00fcber das Himmelszelt zieht, wei\u00df ich gar nicht, was ich mir w\u00fcnschen soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Tim Seidel Im Rahmen des Kurses \u201eTexte in Arbeit (Oberseminar)\u201c ist dieser Text \u00fcber eine Reise mit der Transsibirischen-Eisenbahn durch Russland entstanden. \u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014 Ich stehe am Ufer und grabe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"c2c_always_allow_admin_comments":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1271","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1271"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1272,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271\/revisions\/1272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}