{"id":1304,"date":"2025-09-18T14:54:45","date_gmt":"2025-09-18T12:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=1304"},"modified":"2025-09-18T14:54:45","modified_gmt":"2025-09-18T12:54:45","slug":"texte-in-arbeit-release-ein-u-boot-in-berlin-celine-lang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/texte-in-arbeit-release-ein-u-boot-in-berlin-celine-lang\/","title":{"rendered":"\u201eTexte in Arbeit\u201c, Release \u2013 Ein U-Boot in Berlin, Celine Lang"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1304 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1304')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1304').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Sie studierte zun\u00e4chst im <em>Verein der Berliner K\u00fcnstlerinnen<\/em>, sp\u00e4ter an der Berliner <em>Akademie der K\u00fcnste<\/em> und spezialisierte sich auf Zeichnungen und Malerei. Im Jahr 1935 erhielt sie Berufsverbot. Aufgrund ihrer j\u00fcdischen Abstammung und ihrer lesbischen Identit\u00e4t wurde sie von den Nationalsozialisten verfolgt, \u00fcberlebte aber in der Illegalit\u00e4t in Berlin. Nach 1945 engagierte sie sich f\u00fcr Frauenrechte und war Mitbegr\u00fcnderin der \u201eL 74\u201c \u2013 einer Gruppe f\u00fcr \u00e4ltere lesbische Frauen. Ihre Kunst thematisiert h\u00e4ufig weibliche K\u00f6rper, Alter und Verletzlichkeit. Sandmann blieb k\u00fcnstlerisch aktiv bis zu ihrem Tod und gilt als wichtige Stimme der deutschen Nachkriegskunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Ein U-Boot in Berlin \u2013<\/h2>\n<h3>die K\u00fcnstlerin Gertrude Sandmann<\/h3>\n<p><em>Als \u201eU-Boot\u201c bezeichneten sich J\u00fcdinnen und Juden, die w\u00e4hrend der NS-Zeit durch Helfende \u2013 sp\u00e4ter als \u201eJudenretter\u201c bekannt \u2013 versteckt wurden.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Toppkeller (1926)<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Toppkeller und das Eldorado waren bekannte Treffpunkte queeren Lebens im Berlin der 1920er Jahre. F\u00fcr Gertrude Sandmann war ihr Lesbisch-Sein ein Vorteil, besonders als K\u00fcnstlerin. Sie beschrieb es sinngem\u00e4\u00df als gro\u00dfes Gl\u00fcck, da sie dadurch weniger in die damals herrschende Rolle der Frau gedr\u00e4ngt und sie in ihrem pers\u00f6nlichen Wachstum und Arbeitsdrang nicht gebremst wurde.<\/em><\/p>\n<p>Dichte Rauchschwaden ziehen durch den Vorraum. Einige Herren \u2013 gut betucht, wie es scheint \u2013 drehen sich nach ihr um. Trude nimmt wahr, wie die M\u00e4nner-Augen \u00fcber ihren K\u00f6rper wandern, sie mustern. Ist es Interesse, Schaulust, Verlangen? All das kennt sie gut. Der Grund f\u00fcr ihr eigenes Erscheinen an diesem Abend liegt dem auch nicht fern. Eine der Empfangsdamen bl\u00e4st ihr Zigarrenrauch direkt ins Gesicht. Die Frau ist deutlich \u00e4lter als sie selbst und sieht dennoch reizend aus in den schwarz-grau gestreiften Pantalons und der dunklen Weste \u00fcber dem wei\u00dfen Hemd. Mehr als ein keckes L\u00e4cheln kann sie ihr allerdings nicht entlocken. Trude bahnt sich den Weg durch die Gr\u00fcppchen, denen ein weiteres Vordringen verwehrt bleibt.<\/p>\n<p>Diese Clubs haben etwas Besonderes \u2013 auch wenn sie nicht viel hermachen mit den billigen Lampions und den vom Tanzen abgewetzten B\u00f6den: ein Raum voller Frauen, ganz ungeziert und frei. Die pastellfarbenen T\u00f6ne der Abendgarderobe einiger weniger tanzen bunt durch das \u00fcberm\u00e4chtige Schwarz der vielen. Perlenbesetzte Stirnb\u00e4nder schimmern im gedimmten Licht, ziehen Trudes Aufmerksamkeit mal hierhin, mal dorthin.<\/p>\n<p>\u201eTrude!\u201c, dringt es durch das Stimmengewirr zu ihr. Johnny!<\/p>\n<p>Nervosit\u00e4t steigt unerwartet heftig in Trude auf. Mit ihren knallroten Mary Janes ist sie fast so gro\u00df wie Johnny, die sich durch das Menschengewimmel zu ihr hindurch gedr\u00e4ngt hat. Johnny tr\u00e4gt einen schlichten Anzug. Wie gern Trude sie doch malen w\u00fcrde. Ohne den l\u00e4stigen Stoff.<\/p>\n<p>\u201eIst sie schon hier? Hast du sie gesehen?\u201c, fragt sie \u00fcberschw\u00e4nglich.<\/p>\n<p>\u201eWie w\u00e4re es, wenn du erstmal deinen Mantel ablegst?\u201c, entgegnet Johnny.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldige, ich bin etwas aufgeregt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer ist das heute Abend nicht?\u201c<\/p>\n<p>Eine Dame betritt die B\u00fchne. Man h\u00f6rt die klackernden Schritte auf dem Parkett, jeden ein bisschen lauter, w\u00e4hrend das Stimmengewirr langsam verebbt, bis zur vollkommenen Abwesenheit eines jeden Ger\u00e4usches. Endlich hat die Frau das Mikrofon erreicht.<\/p>\n<p>\u201eMeine verehrten Damen, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Anita heute Abend nicht auftreten wird. Ihre Verfassung verwehrt es ihr.\u201c<\/p>\n<p>Ein emp\u00f6rtes Raunen geht durch den Raum.<\/p>\n<p>\u201eIch bef\u00fcrchte\u201c, bemerkt eine hagere Frau nicht unweit von Trude, \u201edass sie selbst an ihrer Verfassung schuld ist. Entweder hat sie die Cognac-Vorr\u00e4te dezimiert oder wieder einmal zu viel Mehl in der Nase.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Begleiterinnen lachen \u2013 einige verhohlen, andere schrill. Trude ist entt\u00e4uscht. Als sie geh\u00f6rt hat, dass Anita Berber im Toppkeller auftreten sollte, was sich wie ein Lauffeuer unter den Lesbierinnen verbreitete, da hat sie einfach kommen m\u00fcssen. Seit sie <em>Anders als die anderen<\/em> im Apollo gesehen hat, ist sie fasziniert von Berber.<\/p>\n<p>\u201eMach dir nichts daraus\u201c, sagt Johnny nah an ihrer Seite. \u201eWir haben bestimmt noch mal die Gelegenheit, sie zu sehen. Hier oder im Eldorado.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie recht du hast, meine Liebe.\u201c<\/p>\n<p>Trude dreht den Kopf und sieht Johnny direkt in die dunklen Augen. Sie l\u00e4sst den Blick langsam \u00fcber das Gesicht wandern: Vereinzelt zieren Sommersprossen die schmale Nase, der Bogen der Braue f\u00fchrt zu kleinen Falten um die Augenwinkel, die sich abzuzeichnen beginnen. Die Boten des k\u00fcnftigen Alters sind f\u00fcr Trude genauso sch\u00f6n wie die Spuren der Jugend.<\/p>\n<p>\u201eJohnny, bist du das?\u201c, ruft jemand von fern. Johnny wendet ihr sch\u00f6nes Gesicht in die Richtung, aus der die Stimme kommt, und Trudes Streifzug endet abrupt.<\/p>\n<p>\u201eEine Arbeitskollegin. Kannst du mich kurz entbehren?\u201c<\/p>\n<p>Trude nickt, ohne den Blick zu senken. Johnnys Hand gleitet aus der ihren, als sie sich aufmacht und unter den Damen verschwindet. Trude atmet kurz und tief ein, dann lange aus. Sie braucht dringend einen Absinth.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zu sp\u00e4t (1939)<\/strong><\/p>\n<p><em>Sandmann musste als J\u00fcdin die Repressalien des Nazi-Regimes ertragen. Sie erhielt bereits 1935 ein Berufsverbot und musste ihren Zweitnamen \u00e4ndern, um ihre j\u00fcdische Abstammung deutlich zu machen. Sie war von der Ausgangssperre und dem Ausschluss der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung am \u00f6ffentlichen Leben betroffen. Die \u201eArisierung\u201c bezeichnete die nationalsozialistische Praxis, die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung zu enteignen und sich deren Besitz und Betriebe anzueignen. Obwohl sie ein Visum f\u00fcr England erhielt, blieb sie in Berlin, um ihre kranke Mutter zu pflegen. <\/em><\/p>\n<p>Sie verbieten ihr zu arbeiten, stehlen ihr den zweiten Namen und zwingen sie, einen fremden zu tragen: Sara statt Tusnelda. J\u00fcdisch statt germanisch. Doch religi\u00f6s lebt Trude schon lange nicht mehr, hat der Gemeinde den R\u00fccken gekehrt. Auch wenn sie kein Nationalgef\u00fchl hat, einfach nur Mensch ist, so ist Berlin dennoch ihre Heimat. Aber jetzt z\u00e4hlt nur noch Geburt, nicht Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Sie blickt sich im Haus um. Die Backsteinmauern, die fr\u00fcher warm und robust erschienen sind, wirken jetzt kalt und br\u00fcchig. <em>Dann seid ihr sicher<\/em>, schreibt ihre Schwester Else in dem Brief, der vor Wut zerknittert auf dem Sekret\u00e4r liegt.<\/p>\n<p>Er ist schon einige Wochen alt und enth\u00e4lt die triumphierende Mitteilung, dass sie der Arisierung entkommen sind und die \u00dcberschreibung des Elternhauses auf ihre Schwester gegl\u00fcckt ist. Doch nur Trude wird hier sicher sein, zumindest vorerst.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnte sie schon lange auf und davon sein. Sie hat an so vielen Orten gelebt: Berlin, M\u00fcnchen, Paris. Auch in Italien und in der Schweiz. Sie h\u00e4tte jetzt schon in England sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie muss sich dringend beruhigen! Ihre Z\u00e4hne beginnen durch das Knirschen zu schmerzen, und ihr schlankes Gesicht verkrampft sich immer mehr. Es ist ihre Entscheidung gewesen zu bleiben. Das Visum auszuschlagen, um sich um ihre Mutter zu k\u00fcmmern. Au\u00dferdem glaubt sie nicht, dass sie wirklich h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen. Neu anfangen und f\u00fcr immer fort? Nein. Hier ist ihr Zuhause. Vor einem Monat hat der Krieg begonnen und nun ist es zu sp\u00e4t zu gehen. \u201eRei\u00df dich zusammen\u201c, ermahnt sie sich selbst.<\/p>\n<p>Sie geht hin\u00fcber zum Sekret\u00e4r, gl\u00e4ttet Elses Brief mit der Linken auf der leicht schr\u00e4gen Holzplatte und nimmt Platz. Sie kann die Antwort nicht l\u00e4nger hinausz\u00f6gern, zieht ein wei\u00dfes Blatt aus der Schublade, setzt den Briefkopf auf und h\u00e4lt kurz inne. Trude versucht gar nicht erst, Else zu erkl\u00e4ren, wie es ihr geht oder wie ihr Leben St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck gestohlen wird. Sie ist noch nie eine Frau vieler Worte gewesen, hat immer ihre Bilder sprechen lassen.<\/p>\n<p><em>Mutter ist gestern Abend gestorben. <\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Flucht (1942)<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Lage der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung spitzte sich weiter zu. Es gab immer mehr Deportationen; die Reaktion darauf war entweder Flucht oder Selbstmord. An eine legale Ausreise war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.<\/em><\/p>\n<p>Sie kommen. Ich wei\u00df, dass sie kommen. Hastig nehme ich noch eine gef\u00fctterte Jacke aus der Kommode. Es ist schlie\u00dflich Winter. Eine Jacke, die schon etwas aus der Mode ist, aber deren Verschwinden nicht auffallen wird. Ich darf nicht zu viel mitnehmen, sonst werden sie es nicht glauben. Dass ich meine Lebensmittelkarten nicht behalten kann, tut trotzdem weh. Ich sp\u00fcre meinen Magen jetzt schon vor Leere krampfen.<\/p>\n<p>Ich wende mich nicht noch einmal um, bevor ich die schwere Holzt\u00fcr hinter mir zuziehe. Ich muss es auch gar nicht: Viel zu gut kenne ich diese Mauern, die schon vor einiger Zeit aufgeh\u00f6rt haben, mein Zuhause zu sein. Seit Mutter tot ist, sind sie abweisend und unbehaglich. Wo ich jetzt hingehe, wird es schlimmer sein.<\/p>\n<p>Im Haus sieht es ordentlich, aber nicht zu ordentlich aus. Vor allem sieht es nicht nach Flucht aus. Ich kann nicht glauben, dass ich vor kaum einer Viertelstunde meinen Abschiedsbrief geschrieben habe. Ob sie ihn Else wirklich zukommen lassen werden? Wird sie glauben, dass ich es getan habe? Werden sie in der Spree nach mir suchen oder denken, ich sei einer der leblosen K\u00f6rper in den Gassen von Kreuzberg?<\/p>\n<p>Meine H\u00e4nde zittern. Die Tr\u00e4nen, die beim Schreiben aus meinen Augen gequollen sind, lasse ich auf dem Papier zur\u00fcck. Sie m\u00fcssen es glauben. Meine Schrift ist krakelig und verschmiert, die S\u00e4tze sind kaum zusammenh\u00e4ngend. Ich wirke aufgebracht, verzweifelt, hoffnungslos. Und ich bin es auch. Kaum muss ich mich verstellen. Auch das letzte Bisschen haben sie mir entrissen. Onkel und Tante sind l\u00e4ngst wer wei\u00df wo oder sogar schon bei Mutter. Alles kriegen sie, die Nazis, aber mich kriegen sie nicht. Und auch nicht meine Bilder.<\/p>\n<p>Ich will \u00fcberleben, und wenn auch nur aus Trotz. Ich muss es nach Treptow schaffen. Drau\u00dfen wende ich mich nach Osten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kammer (1944)<\/strong><\/p>\n<p><em>Durch die selbstlose Hilfe der Familie Grossmann, ihrer Lebenspartnerin Hedwig \u201eJohnny\u201c Koslowski und ihrer Freundin Kitty Kuse war es m\u00f6glich, Gertrude Sandmann \u00fcber mehrere Jahre in Berlin zu verstecken. Durch das Rezitieren von Gedichten und mithilfe von Muskel\u00fcbungen versuchte sie, sich geistig und k\u00f6rperlich fit zu halten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Bald werd ich dich verlassen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fremd in der Fremde gehn<\/p>\n<p>rezitiere ich Eichendorff.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Auf buntbewegten Gassen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Des Lebens Schauspiel sehn<\/p>\n<p>Johnny hat gesagt, dass sie nicht sicher wei\u00df, wann sie das n\u00e4chste Mal kommen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und mitten in dem Leben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wird deines Ernsts Gewalt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Mich Einsamen erheben,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">So wird mein Herz nicht alt.<\/p>\n<p>Das ist jetzt bestimmt schon eine Woche her, vielleicht sogar zehn Tage. Ich muss nachfragen. Frau Grossmann kommt sp\u00e4ter sicher in die Kammer. Mehr als das ist Sonjas winziges Kinderzimmer n\u00e4mlich nicht. Ein wenig Brot w\u00e4re gut. Gestern hatte ich Brot.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Falls Johnny etwas zugesto\u00dfen ist, w\u00fcrde ich es \u00fcberhaupt erfahren? Aber daran darf ich nicht denken. Sie hat mir diesen Unterschlupf organisiert, sie kommt regelm\u00e4\u00dfig vorbei. Johnny lebt! Sie muss einfach leben. Wir alle m\u00fcssen. Sie kommt bestimmt bald durch diese T\u00fcr und ich werde geblendet vom Sonnenlicht, das durch das K\u00fcchenfenster f\u00e4llt. So wie immer.<\/p>\n<p>Schon lange habe ich nicht mehr aus dem Fenster gesehen. Es ist wohl Fr\u00fchjahr. Im Fr\u00fchjahr sind Johnny und ich einmal spazieren gegangen. An der Spree entlang. Eine Allee ges\u00e4umt von Linden hat uns vom Ufer weggef\u00fchrt. Es war bitterkalt und ich habe meinen Mantel getragen. Und die Sonne schien an diesem Tag durch die noch jungen Triebe der Linden. Doch dann kann es gar nicht so kalt gewesen sein, wenn die neuen Bl\u00e4tter schon im Begriff waren zu sprie\u00dfen. Nicht wichtig.<\/p>\n<p>\u201eSiehst du, wie sch\u00f6n das Licht hindurchf\u00e4llt?\u201c, habe ich Johnny gefragt und mit dem Finger nach oben gezeigt. Sie hat mich angel\u00e4chelt. Kleine Gr\u00fcbchen, die schmale Oberlippe. Sie hat sch\u00f6n ausgesehen im strahlenden Licht. Wie gern h\u00e4tte ich sie in diesem Moment gek\u00fcsst. Es h\u00e4tte kein \u00fcberschw\u00e4nglicher Kuss sein m\u00fcssen. Ein kurzer, fl\u00fcchtiger h\u00e4tte gen\u00fcgt. Ein Kuss, der zum Ausdruck bringt, dass man einen Moment teilt. Da waren wir gerade erst liiert. Es muss 1927 gewesen sein. 17 Jahre ist das jetzt her, vielleicht sogar auf den Tag genau.<\/p>\n<p>Johnny sieht, was ich sehe. Sie sieht die Sch\u00f6nheit im Unscheinbaren. Ein gutes Auge, nicht nur f\u00fcr die Kunst. Wie gerne w\u00fcrde ich zeichnen oder malen, aber das geht nicht. Ich h\u00e4tte gerne meinen Beruf wieder. Wenn es jetzt Fr\u00fchjahr ist, dann habe ich schon eineinhalb Jahre nicht mehr gezeichnet. So lange bin ich schon in diesem engen Zimmer.<\/p>\n<p>Ich muss meine \u00dcbungen weitermachen. Ich bewege die Zehen, ziehe den Fu\u00df hoch und strecke ihn wieder von mir, spanne meine Wanden an und lockere sie wieder. Immer erst links, dann rechts. Doch das ersetzt bestimmt nicht das Laufen. Wie weit ich wohl kommen w\u00fcrde, bis ich mich setzen m\u00fcsste? Mir wird schwindelig. Diagonal lege ich mich in das quadratische Kinderzimmer. So muss ich die Beine nicht anwinkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dicht wie L\u00f6cher eines Siebes stehn<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fenster beieinander, dr\u00e4ngend fassen \u2026<\/p>\n<p>Die Grossmanns nehmen meinetwegen so viel auf sich. Wenn ich entdeckt werde, sind wir alle tot. Wenn Johnny kommt, dann m\u00fcssen wir reden. Vielleicht hat sie eine Idee, wo ich sonst noch unterkommen k\u00f6nnte. Vielleicht gibt es irgendwo etwas Unbewohntes, dann gef\u00e4hrde ich niemanden. Au\u00dfer Johnny nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gartenlaube (1944)<\/strong><\/p>\n<p><em>Da Gertrude Sandmann zunehmend Angst bekam, dass sie die Familie Grossmann gef\u00e4hrdete, floh sie in eine unbewohnte Gartenlaube. Als der Winter kam und es in der Laube zu kalt wurde, versteckte sie sich bis zum Kriegsende in der Wohnung ihrer Freundin Johnny. <\/em><\/p>\n<p>Kurz und unregelm\u00e4\u00dfig tippeln die Regentropfen auf dem Dach. Zwischendurch platscht es ordentlich, wenn sich auf den Eichenbl\u00e4ttern \u00fcber der Laube kleine Lachen gebildet haben und das Laub das Gewicht nicht mehr halten kann. Allm\u00e4hlich nimmt der Regen ab.<\/p>\n<p>Dann ein anderes, auch nicht unbekanntes Ger\u00e4usch: gluckernde Fu\u00dfstapfen im matschigen Rasen. Dr\u00fcckt man den Handballen in etwas zu feuchten Brotteig, macht es ein \u00e4hnliches Ger\u00e4usch. Sie lauscht. Eine Person kommt n\u00e4her, geht auf die Laube zu. Trude erhebt sich vom Boden, stellt sich hinter die T\u00fcr. Sollte sie aufschwingen, wird man sie nicht direkt entdecken.<\/p>\n<p>Die Person hat es nicht eilig, sucht keinen Schutz vor dem Regen. Offenbar hat sie ein klares Ziel. Trudes Anspannung geht nicht weg.<\/p>\n<p>Angekommen. Ohne vorheriges Klopfen \u00f6ffnet sich die T\u00fcr langsam.\u00a0 \u201eTrude?\u201c, klingt es unsicher, leise. Die hohe Stimme mischt sich mit dem Klang der berstenden Tropfen.<\/p>\n<p>\u201eIch bin hier.\u201c<\/p>\n<p>Die Augen, in die sie blickt, sind dunkel. Kein L\u00e4cheln. Johnny. Sie fragt nicht, warum Trude so schwer atmet. Sie fragt nicht, warum sie hinter der T\u00fcr steht. Sie wei\u00df es.<\/p>\n<p>\u201eIch werde nicht lange bleiben k\u00f6nnen. Nur, bis der Regen aufh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Bis eben hat Trude noch Angst davor gehabt, zuf\u00e4llig von jemandem, der Schutz vor dem Regen sucht, entdeckt zu werden. Jetzt versteht sie: Der Regen ist eine gute Tarnung. Johnny kann ihn als Ausrede nutzen, falls jemand fragt, warum sie aus einer alten Laube kommt.<\/p>\n<p>\u201eWie geht es dir?\u201c<\/p>\n<p>Es ist ihr unangenehm. Sie wei\u00df, wie sie aussieht. Die spitzen Knochen, \u00fcber die ihre Haut gespannt ist wie Leinen auf einen Keilrahmen, zeichnen sich unter dem zerlumpten Sommerkleid kantig ab.\u00a0 Trude verschr\u00e4nkt die Arme vor dem abgemagerten K\u00f6rper. Nur noch 45 Kilogramm oder sogar weniger. Jedes Mal, wenn sie ihr eigenes Spiegelbild in einer Glasscheibe entdeckt, wendet sie sich sofort ab. Sie k\u00f6nnte es Johnny nicht ver\u00fcbeln, wenn sie das Gleiche t\u00e4te.<\/p>\n<p>Johnny gibt acht, dass der Boden bei ihren Schritten nicht knarzt. Sie greift in ihre Weste. Eine gesalzene Kartoffel ist viel. Praktisch ein Festmahl. Und Trude merkt, wie vorsichtig Johnny ihr gegen\u00fcber ist. Als traue sie sich nicht, sie zu ber\u00fchren. Als habe sie Angst, ihr wehzutun. Vielleicht findet sie sie sogar absto\u00dfend, so z\u00f6gerlich ist sie. Trude hasst es, ber\u00fchrt zu werden, wenn sie so aussieht. Wenn sich beide doch umarmen, dann f\u00fchlt es sich hart und f\u00f6rmlich an. Trude hasst es, sich bei dem Gedanken schuldig zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Sie l\u00f6st ihren Krallengriff und nimmt die Kartoffel: \u201eDas ist zu viel.\u201c Ihre Stimme kratzt beim Sprechen.<\/p>\n<p>\u201eDie Kartoffeln in der Ration waren diesmal gro\u00df. Mach dir keine Gedanken deswegen.\u201c<\/p>\n<p>Beide wissen sie, dass Johnny l\u00fcgt, und Trude beginnt zu essen. Der Regen l\u00e4sst schneller nach, als es ihnen lieb ist. An die Wand gelehnt rutschen sie allm\u00e4hlich n\u00e4her aneinander, bis Johnny den Arm um sie legt. Nein, Trude hasst es doch nicht: das Gef\u00fchl, ber\u00fchrt zu werden. Sie hasst es, kein gemeinsames Leben nach ihrer Vorstellung f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Sie hasst es, nicht die Frau f\u00fcr Johnny sein zu k\u00f6nnen, die sie gerne sein will. Nat\u00fcrlich ist sie Johnny dankbar, aber immer nur verstecken, das ist doch kein Leben. Wenn der Krieg nur vorbei w\u00e4re! Trude wei\u00df nicht, wie lange sie noch durchhalten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frei (1945)<\/strong><\/p>\n<p><em>Nach Kriegsende war Sandmann wieder k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig und wirkte an mehreren Ausstellungen mit. Sie schuf ein beeindruckendes Gesamtwerk an Gem\u00e4lden und Zeichnungen. In sehr bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebte sie dennoch \u00fcberwiegend von Entsch\u00e4digungszahlungen, die ihr als Folge des Holocausts sowie der zur Zeit des Nationalsozialismus unm\u00f6glichen Berufsaus\u00fcbung zustanden. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2025\/08\/image1-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1319 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2025\/08\/image1-4.jpg\" alt=\"\" width=\"552\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2025\/08\/image1-4.jpg 552w, https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2025\/08\/image1-4-300x220.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 552px) 100vw, 552px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nachhall (1967)<\/strong><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs begaben sich die Einwohner bei Bombenangriffen in den Luftschutzbunker. Die T\u00fcren zu ihren Wohnungen mussten offengelassen werden, damit der Luftschutzwart im Anschluss die Geb\u00e4ude begutachten konnte, um Instabilit\u00e4ten zu erkennen. Gertrude Sandmann wurde zweimal bei diesen Rundg\u00e4ngen entdeckt, aber durch Herrn Grossmanns Einfluss kam es nicht zu einer Meldung. Sp\u00e4ter wurde er selbst Luftschutzwart, um sie besser sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Die Beziehung zu Johnny endete gegen 1956. Danach lernte Sandmann die Artistin Tamara Streck kennen und das Paar war bis zu Tamaras Tod liiert.<\/em><\/p>\n<p>Die Kohle kr\u00e4chzt \u00fcber das Papier. Der Kieferwinkel stimmt noch nicht ganz. Er m\u00fcsste steiler sein. Das M\u00e4dchen ist kess gewesen, das muss sie einfangen. Dazu beigetragen haben bestimmt auch der Blick und die elegante Haltung, aber die Kessheit entstand vor allem durch den leicht geneigten Kopf mit der spitzwinkligen Kieferlinie \u2013 da ist sich Trude sicher. Sie dreht den Kohlestab zwischen Zeigefinger und Daumen, w\u00e4hrend ihr Blick \u00fcber die rauen Fasern des Zeichenkartons schweift. Mit dem Mittelfinger der gleichen Hand wischt sie \u00fcber die korrigierte Linie den Hals des frechen M\u00e4dchens hinab. Und dann immer wieder hin und her, bis die Fingerkuppe warm wird. Besser!<\/p>\n<p>Ein Knarzen im Flur, das pl\u00f6tzlich ohrenbet\u00e4ubend laut wird. Das Ger\u00e4usch rei\u00dft ihr die Finger weg, und f\u00fcr einen Moment ist es absolut still. Nur das Rauschen in Trudes Ohren schwillt weiter an.<\/p>\n<p>Die Bombe muss ganz in der N\u00e4he eingeschlagen sein. Ich kauere im Kinderzimmer, regungslos, nur der Brustkorb hebt und senkt sich. Die Sirene hat bereits Entwarnung gegeben. Da h\u00f6re ich lautes Trampeln auf der Treppe. Ich springe auf.\u00a0 Aus der T\u00fcr hinaus vorbei an der kleinen K\u00fcchenzeile. Verstecken! Besser verstecken. In die Zimmer werden sie gucken. Ich sehe den klobigen Schreibtisch. Die linke S\u00e4ule besteht aus Schubk\u00e4sten, aber die rechte hat eine T\u00fcr. Frau Grossmann hat diese Seite ausger\u00e4umt und alles, was darin war, anderweitig verstaut. Ich \u00f6ffne die Schrankt\u00fcr und mache mich so klein, wie ich kann. Dann krieche ich hinein. Weil ich selbst immer weniger werde, habe ich von Mal zu Mal mehr Platz, wobei von Platz eigentlich keine Rede sein kann. Ich schlie\u00dfe die T\u00fcr so rasch und leise wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Grossmanns sind bereits im Luftschutzbunker. Ein Privileg, das mir nicht zuteilwird. Da h\u00f6re ich wieder ein lautes Knarzen, diesmal im Raum: Der Luftschutzwart macht den Kontrollgang. Findet er mich? Ich halte die Luft an, w\u00e4hrend er sich im Raum nach Sch\u00e4den umsieht. Seine Schritte kommen langsam n\u00e4her.<\/p>\n<p>Trude klammert sich mit ihrer Linken so fest an die Staffelei, dass der Schmerz im Handballen sie wieder zu sich kommen l\u00e4sst. Jemand ist an der T\u00fcr. Es ist nicht 1943, es ist 1967. Tamara ist an der T\u00fcr. Trude kann nun auch Stimmen neben dem Restrauschen vernehmen. Sie blickt von ihrer Hand hoch in das Gesicht der jungen Frau auf dem Papier.<\/p>\n<p>Tamara klopft nicht an: \u201eLiebes, der neue Nachbar von 87 hat sich eben vorgestellt. Er l\u00e4dt n\u00e4chste Woche zu einem kleinen Umtrunk ein.\u201c<\/p>\n<p>Tamara nimmt Trudes linke Hand von der Staffelei in ihre Rechte. Sie l\u00e4chelt. Trudes Hand ist faltig und von kleinen Altersflecken gezeichnet, Tamaras hingegen ist noch glatt und frei von den Zeichen der Zeit. Sie l\u00e4chelt zur\u00fcck. Tamara weist mit dem Kinn zum Zeichenkarton: \u201eSie hat etwas an sich. Etwas K\u00fchnes. Ich mag sie.\u201c<\/p>\n<p>Nach einem Kuss auf Trudes Schl\u00e4fe dr\u00fcckt sie einmal sanft die Hand ihrer Liebsten, l\u00e4sst sie los und geht aus dem Raum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So weit (1981)<\/strong><\/p>\n<p><em>In den 1970er und 1980er Jahren erstarkten die Lesben- und Frauenbewegungen in Europa. Gertrude Sandmann war Gr\u00fcndungsmitglied der Gruppe \u201eL 74\u201c, die eine Gemeinschaft \u00e4lterer lesbischer Frauen darstellte. Die Gruppe brachte unter anderem die UkZ \u2013 kurz f\u00fcr \u201eUnsere kleine Zeitung\u201c \u2013 heraus, f\u00fcr die Sandmann Illustrationen anfertigte. Ihre Zeichnung \u201eLiebende\u201c zierte mehrere Jahre die Titelseite. Nach langer Krankheit starb Sandmann am 6. Januar 1981 in Berlin.<\/em><\/p>\n<p>Ich kann gehen. Keine Behandlungen mehr. Der Krebs wird gewinnen und das ist in Ordnung. Mein K\u00f6rper hat so lange mitgemacht. Damals im Dritten Reich war ich aufgrund meiner miserablen Gesundheit nicht einmal in der Lage, Zwangsarbeit zu leisten. Trotzdem bin ich jetzt 87. Das h\u00e4tte ich nicht gedacht. All das Hungern, all das Leid!<\/p>\n<p>Auch meine Tamara musste schon gehen, obwohl sie so viel j\u00fcnger war. Ihr K\u00f6rper hat viel ertragen m\u00fcssen, musste sich st\u00e4ndig verbiegen. Ich habe nie einen ihrer Auftritte gesehen, aber sie hat trotzdem immer die Eleganz der Akrobatin ausgestrahlt. Sie hatte Esprit. Auch noch, als wir uns kennengelernt haben.<\/p>\n<p>Ich habe Gl\u00fcck gehabt. Ich habe wundervolle Menschen gekannt, die mich geliebt und besch\u00fctzt haben. Die Grossmanns und Johnny. Wie sehr ich mir gew\u00fcnscht habe, dass wir uns wiederfinden. Aber es ist zu viel passiert. Es war danach nicht mehr so wie vorher. Johnny war meine Retterin. Aber irgendwann musste ich nicht mehr gerettet werden. Da war ich frei und sie immer noch gefangen in ihrer alten Rolle. Ich nehme es ihr nicht \u00fcbel. In mir haben auch so viele Gef\u00fchle getobt, dass meine Liebe darin einfach untergegangen ist. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns beide vergeben. Vielleicht sehe ich Johnny ja wieder, wer wei\u00df das schon.<\/p>\n<p>Ich bin ein sogenanntes U-Boot: W\u00e4hrend des Krieges bin ich jahrelang in Berlin untergetaucht. Ich habe den Nazis getrotzt. \u00dcberlebt. Danach habe ich weitergelebt und weiter geschaffen. Das ist viel.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt so weit \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Quellen und weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n<p>Anna Havemann: \u201eGertrude Sandmann. K\u00fcnstlerin und Frauenrechtlerin&#8220;, 2., erweiterte Auflage, Hentrich &amp; Hentrich 2011 (J\u00fcdische Miniaturen, Band 2).<\/p>\n<p>Marcella Schmidt: \u201eEldorado: Homosexuelle Frauen und M\u00e4nner in Berlin 1850-1950\u201c, \u00a0Fro\u0308lich &amp; Kaufmann 1984.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Weiterf\u00fchrende Links<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.fembio.org\/biographie.php\/frau\/biographie\/gertrude-sandmann\/\">Gertrude Sandmann (fembio.org)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lesbengeschichte.org\/Pdfs\/pdfs_bio_skizzen_deutsch\/sandmann_schoppmann_d.pdf\">sandmann_schoppmann_d.pdf (lesbengeschichte.org)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/stadtteilzeitung.nbhs.de\/aktuelles\/news-detail\/artikel\/gertrude-sandmann-juedische-lesbische-malerin-und-grafikerin-1893-1981\">Gertrude Sandmann, j\u00fcdische lesbische Malerin und Grafikerin (1893-1981): Nachbarschaftsheim Sch\u00f6neberg e. V., Berlin (nbhs.de)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/!417967\/\">Aus der Zeit fallen &#8211; taz.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/berlinischegalerie.de\/out-and-about\/gertrude-sandmann\/\">Gertrude Sandmann &#8211; Berlinische Galerie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.frauen-im-widerstand-33-45.de\/biografien\/biografie\/sandmann-gertrude\">Frauen im Widerstand: Biografie (frauen-im-widerstand-33-45.de)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/unsere-woche\/unter-einsatz-ihres-lebens\/\">Unter Einsatz ihres Lebens | J\u00fcdische Allgemeine (juedische-allgemeine.de)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das verwendete Bildmaterial stammt aus:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/newspaper\/item\/KWEEIEPDNK4MC7VE2TXPJRR2H7NW5N54?filter=B&amp;query=befreiung+berlins&amp;language=ger&amp;filterQuery=&amp;fromDay=9&amp;fromMonth=5&amp;fromYear=1945&amp;toDay=31&amp;toMonth=12&amp;toYear=1945&amp;hit=20&amp;issuepage=1\">S\u00fcddeutsche Mitteilungen : alliiertes Nachrichtenblatt, Sonder-Ausgabe &#8211; Mittwoch, 09.05.1945 &#8211; Deutsches Zeitungsportal (deutsche-digitale-bibliothek.de)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gedichtzeilen stammen aus Joseph von Eichendorff: \u201eAbschied\u201c und Alfred Wolfenstein: \u201eSt\u00e4dter\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgende Erz\u00e4hlung von Celine Lang ist entstanden im Kurs \u201eTexte in Arbeit\u201c. 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