{"id":685,"date":"2014-12-22T12:49:27","date_gmt":"2014-12-22T10:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=685"},"modified":"2015-03-11T15:17:17","modified_gmt":"2015-03-11T13:17:17","slug":"zks-storys-fahr-doch-mal-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/zks-storys-fahr-doch-mal-mit\/","title":{"rendered":"ZKS Story &#8211; Fahr doch mal mit"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_685 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_685')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_685').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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P\u00fcnktlich dazu eine Kurzgeschichte aus der Feder von Marie Ludwig aus unserem <a href=\"http:\/\/www.zks.rwth-aachen.de\/go\/id\/hdup\">Oberseminar: Texte in Arbeit<\/a>. Wir w\u00fcnschen euch sch\u00f6ne Feiertage und falls ihr auf Reisen geht, eine gute Fahrt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fahr doch mal mit<\/strong><\/p>\n<p><em>Eine Kurzgeschichte von Marie Ludwig<\/em><\/p>\n<p>Bunte Lichter, laute Musik und eine unwahrscheinliche Hitze \u2013 auf den ersten Blick w\u00fcrde man denken, dass ich mich in einer Disco bef\u00e4nde. Doch dem ist nicht so! Ich bin auf der A3. Genau genommen zwischen Oberhausen und D\u00fcsseldorf in einer proppenvollen Mitfahrgelegenheit: Zehn Menschen, die sich wohl nie auf \u201enormalem\u201c Wege begegnet w\u00e4ren, noch eine verbliebene Stunde Fahrt und ich mittendrin. \u201eWas war die verr\u00fcckteste Geschichte, die du in deinem Leben jemals erlebt hast\u201c, frage ich mich im Stillen, w\u00e4hrend ich ein Guckloch in das beschlagene Fenster wische: diese Fahrt ist sicherlich eine von solchen Geschichten, die man nur einmal erlebt.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df auf meinem Koffer an der U-Bahn-Station Friedrichsstra\u00dfe in Berlin. Relativ zufrieden mit mir, dass ich das <em>Mistding<\/em> durch drei U-Bahnen, zwei Treppen ohne Rollfunktion und tausend dr\u00e4ngelnde Menschenmassen katapultiert hatte. Alles lief nach Plan: Ich hatte die Kofferaktion \u00fcberstanden, mir sogar noch ein fluffiges Croissant organisiert und ich hatte eine Mitfahrgelegenheit, die mich in 10 Minuten an ebendiesem Punkt abholen sollte. Gebannt beobachtete ich die Kennzeichen der Autos, die auf den Vorplatz der U-Bahnstation fuhren. Ich hatte gerade einen besonders gro\u00dfen Fetzen von meinem Croissant abgerissen, als ich ihn sah: Der wei\u00dfe Transporter rollte auf mich zu und hielt mit der Sto\u00dfstange unmittelbar vor meiner Nase. Meine Augen, die voller Erstaunen bisher nur das Nummernschild wahrgenommen hatten, schweiften nach oben und starrten in das Gesicht des Fahrers Jerome. Dieser nickte mir zu, beugte sich aus dem Fenster und fragte: \u201eDu Marie?\u201c Ich nickte, konnte mich aber nicht aus meiner Schockstarre herauswinden. Der circa 50-j\u00e4hrige Mann hinter dem Steuer des Wagens h\u00e4tte einem Jerome nicht un\u00e4hnlicher sein k\u00f6nnen. Dicke Pranken, auf einem mit grauem Pl\u00fcsch besetzten Lenker. Dahinter ein volumin\u00f6ser K\u00f6rper, der mit seiner sp\u00e4rlichen Kopfbehaarung bis an die Autodecke reichte. Mit der linken Hand aus dem Fenster gestikulierend, gab mir Jerome zu verstehen, dass ich mich ins Auto bewegen sollte. Ich schluckte, schlang die \u00dcberreste des Croissants herunter und wuchtete meinen Koffer in Richtung Seitent\u00fcre.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich mit Wucht, und ich blickte in die Gesichter von sieben Menschen. Sieben Menschen, die sich scheinbar nicht besonders freuten mich zu sehen. \u201e\u00c4hm Jerome, du bist dir sicher, dass ich da noch reinpasse\u201c, fragte ich kleinlaut durch den Schlitz zwischen Fenster und seinem speckigen Nacken. \u201eIch nix Jerome, Jerome krank! Ich Herr Virtis. Gro\u00dfe Auto, viel Platz!\u201c, bemerkte Herr<\/p>\n<p>Virtis selbstzufrieden. Ich beschloss nichts mehr zu sagen und quetschte mich samt Koffer hinter Herr Virtis Sitz. In Embryonalstellung beobachtete ich meine Mitfahrer. Auf der Vorderbank: drei Typen, gleicher Klamottenstil, gleiche Frisuren. In meiner Bank: zwei M\u00e4dels, die unterschiedlicher nicht h\u00e4tten sein k\u00f6nnen! Die Eine: blond, geschminkt, Minirock, k\u00fcnstliche Fingern\u00e4gel. Die Andere: Piercings in Lippe und Braue, st\u00e4mmig, kurze, gegelte Haare. In der letzten Reihe: eine schlafende Person und zwei unscheinbare Typen, die mit ihren Reiserucks\u00e4cken auf dem Scho\u00df wenig gl\u00fccklich dreinschauten. Doch schnell galt meine Aufmerksamkeit nur Einem: Herrn Virtis. Sich lauthals \u00fcber den Verkehr beschwerend, man\u00f6vrierte er den Transporter \u00fcber die noch so kleinste L\u00fccke durch den Berliner Stra\u00dfenverkehr.<\/p>\n<p>Trotz des wild auf- und abh\u00fcpfenden Herrn Virtis war die blonde Extensionsch\u00f6nheit Alina neben mir bereits bei der Autobahnauffahrt eingeschlafen. W\u00e4hrend ich interessiert ihren mit Kleber benetzten Wimpernrand und ihr vom Makeup modelliertes Gesicht beobachtete, erfreuten sich die drei Jungs aus der ersten Reihe an Alinas offenstehenden Mund. Aus Verpackungsresten und Spucke bastelten die Sportstudenten kleine K\u00fcgelchen, die sie in Alinas Schlund zu versenken versuchten. Nach einer Verpackung Toffifee war es dann endlich soweit: Alina erwachte aus ihrem Sch\u00f6nheitsschlaf und spuckte zahlreiche K\u00fcgelchen in ihre H\u00e4nde. Leicht verwirrt sch\u00fcttelte sie ihre Haarpracht, wobei etliche K\u00fcgelchen auf uns herabschneiten. \u201eAlta, jetzt bin isch voll dreckisch ey!\u201c, keifte sie mehrfach im Auto herum und versuchte sich aus dem Toffifeeb\u00e4lleparadies zu befreien. Die Sportis auf der Vorderbank kugelten sich vor Freude und brachten mit ihren Witzen das ganze Auto in Hochstimmung. Naja, fast das ganze. Herr Virtis hatte nebenbei angefangen lauthals auf T\u00fcrkisch \u00fcber Headset zu telefonieren und nahm an dem Geschehen im Auto wenig teil. Inmitten dieses Zusammenspiels von t\u00fcrkischen Impulsivvortr\u00e4gen, lachenden Fahrg\u00e4sten und Alinas Hasstirade gegen K\u00fcgelchen in Ausschnitt, Haar und Hose, erwachte die schlafende Person auf dem R\u00fccksitz. \u201eEy, Junge, ich muss mal sicken, jo!\u201c, grummelte er mit benommener Stimme. Herr Virtis, der nicht sonderlich erfreut \u00fcber die Unterbrechung seines Telefonats schien, drehte sich mit einem \u201eH\u00e4?\u201c zu uns um. Mit hektischen Handgriffen \u00fcbernahm einer der Sportis kurzerhand das Steuer. \u201eDu Pipi?\u201c, fragte er mit hochgezogenen Brauen und wendete sich \u00e4chzend wieder nach vorn.<\/p>\n<p>An der Rastst\u00e4tte angekommen, rannte der bisher unter der Jacke Verborgene eilends in Richtung der sanit\u00e4ren Anlagen. Als er zur\u00fcckkehrte, konnte ich ihn zum ersten Mal wirklich wahrnehmen: ein spindeld\u00fcrres M\u00e4nnlein, Baggyhose, Tanktop, rote Augen und das Kurioseste: drei kunterbunte Gameboys, die an seinem G\u00fcrtel befestigt, in seinen Schritt baumelten. Dass diese Elektroger\u00e4te nicht nur f\u00fcr seine pers\u00f6nliche Bespa\u00dfung bestimmt waren, sollte ich noch schmerzvoll erfahren. In einigem Durcheinander und einer unglaublichen Redewelle des j\u00fcngst erwachten Gameboy-Jonas, stiegen wir zur\u00fcck ins Auto. Noch zweieinhalb Stunden! Herr Virtis, der sich an der Rastst\u00e4tte mit einigen Snacks versorgt hatte, begann in einem unfassbaren Tempo Sonnenblumenkerne zu naschen. Wie ein Eichh\u00f6rnchen trennte er Schalen vom Kern und spuckte Ungenie\u00dfbares auf Armaturenbrett und Fu\u00dfboden. Ungl\u00fccklicherweise war jedoch das Fenster einen Spalt breit ge\u00f6ffnet. Vom Fahrtwind erfasst, ergoss sich ein Schalenregen \u00fcber mich und die hintere Reihe. Ergriffen von diesem rauschenden Lautst\u00e4rkepegel verk\u00fcndet Gameboy-Jonas, dass er DJ sei und in Berlin bei einer <em>\u201e3-Tage-wach-Party\u201c<\/em> aufgelegt habe. Alina, die der Toffiefeekampf stark gezeichnet hatte, drehte sich zu ihm um und verlangte nach einer H\u00f6rprobe. Ein Fehler!<\/p>\n<p>Und da sitze ich nun. Irgendwo auf der A3. In einem wei\u00dfen Transporter mit Entertainmentprogramm. Denn Jonas hat seine Gameboys nicht umsonst mit dabei. Zwischen Tetres- und Super-Mario-Sounds packt er zur visuellen Unterst\u00fctzung einen Mini-Beamer aus, \u00fcber welchen wir zahlreiche seiner Auftritte an der Autodecke miterleben d\u00fcrfen. Nach einer Viertelstunde haben wir alle das Verlangen, dass D\u00fcsseldorf schnell in Sicht kommen m\u00f6ge! Nach einer halben Stunde versuchen wir Jonas klarzumachen, dass wir seine Musik sch\u00e4tzen, uns aber die bisherige Vorf\u00fchrung reichen w\u00fcrde. Nach einer Dreiviertelstunde steht die Stimmung im Auto an der Grenze zur Eskalation. Die Sportis und meine Reihe verlangen eindringlich, dass Jonas die Musik abdrehen soll. Die Rucksackfraktion neben ihm scheint bereits fertig mit der Welt zu sein. Von ihnen ist kein Lebenszeichen mehr zu vernehmen. Gameboy-Jonas scheint dies alles nicht zu st\u00f6ren; ekstatisch bewegt er sich zu den Rhythmen seiner Musik.<\/p>\n<p>Als die rollende Gameboydisco nach einer Stunde Dauerbeschallung endlich auf den D\u00fcsseldorfer Parkplatz am HBF rollt, dr\u00f6hnt es in meinem Kopf. Extension-Alina wirft sich schluchzend in die Arme eines muskelbepackten Sonnenstudiohelden, w\u00e4hrend ich mit einem Grinsen beobachte, wie der Rest der Besatzung fluchtartig in alle Richtungen davonstr\u00f6mt. Nur einer scheint nicht gehen zu wollen: Jonas packt mit sehns\u00fcchtigem Blick seine Gameboys in den Rucksack, zieht seine Jacke an, bedankt sich f\u00fcr die tolle Fahrt und geht auf einen Mann in Anzug vor einer Mercedesklasse zu. Optisch scheint sein Vater die Leidenschaft f\u00fcr Gameboys wohl nicht zu teilen. Herr Virtis hingegen wartet ungeduldig darauf, dass seine zehn neuen Mitfahrer endlich Platz genommen haben. Diese blicken den vermeintlichen Jerome genauso ungl\u00e4ubig an wie ich am Morgen. Ich versichere ihnen mit einem Lachen, dass Herr Virtis ein ganz toller Fahrer sei und beobachte grinsend, wie der Transporter mit einem Affenzahn vom Parkplatz zur\u00fcck in Richtung Berlin brettert.<\/p>\n<p>Als ich am selben Abend unter der Dusche stehe und versonnen die Tetresmusik summe, f\u00e4llt mein Blick auf das Abflussgitter: Ein Fetzen Toffifeepapier und einige Sonnenblumenkerne wirbeln im Wasser umher. Von dieser Fahrt habe ich doch wohl mehr mitgenommen, als ich dachte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ferienzeit ist Reisezeit! P\u00fcnktlich dazu eine Kurzgeschichte aus der Feder von Marie Ludwig aus unserem Oberseminar: Texte in Arbeit. 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