{"id":821,"date":"2016-04-13T10:25:38","date_gmt":"2016-04-13T08:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=821"},"modified":"2016-04-13T10:25:38","modified_gmt":"2016-04-13T08:25:38","slug":"auf-mission-jenseits-von-monschau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/auf-mission-jenseits-von-monschau\/","title":{"rendered":"Auf Mission \u2013 jenseits von Monschau"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_821 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_821')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_821').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Der Text entstand im Rahmen unseres Seminars <a href=\"http:\/\/www.zks.rwth-aachen.de\/cms\/ZKS\/Studium\/Kursuebersicht\/~keuh\/Journalistisches-Schreiben\/\">Journalistisches Schreiben<\/a> und wurde in der Aachener Zeitung \/ Aachener Nachrichten publiziert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/04\/Screenshot_Jansen.png\" rel=\"attachment wp-att-823\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-823\" src=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/04\/Screenshot_Jansen.png\" alt=\"Screenshot_Jansen\" width=\"761\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/04\/Screenshot_Jansen.png 761w, https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/04\/Screenshot_Jansen-300x175.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 761px) 100vw, 761px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von Aline Jansen<\/p>\n<p>Er ist Schreiner, Schlosser, Automechaniker und G\u00e4rtner. Er ist Ausbilder, Bauunternehmer, Firmenchef und Manager. Alles in einer Person. Und das nicht einmal in Deutschland, wo Computer und Maschinen einen gro\u00dfen Teil der Arbeit \u00fcbernehmen. Ja nicht einmal in Europa, sondern in Afrika. Sein Job? Afrika-Missionar. Sein Name? Bruder Theo Call \u2013 der Mann f\u00fcr alle F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Auch in seiner alten Heimat vergisst den Missionar niemand. Im Gegenteil. Seit ein paar Jahren liegt in der Eifel fast so etwas wie ein \u201eTheo-Fieber\u201c in der Luft. 2008 besucht das Ehepaar Elke und Martin Krings aus Konzen Bruder Theo in Kabanga. Und sie sind so begeistert von seiner Arbeit, dass sie den F\u00f6rderverein \u201eBruder Theo Call, Wei\u00dfer Vater der Afrika-Missionare\u201c zu seiner Unterst\u00fctzung gr\u00fcnden. Seitdem r\u00fchren sie kr\u00e4ftig die Werbetrommel und sammeln Spenden.<\/p>\n<p>Geboren wird er am 31. M\u00e4rz 1938 in Konzen bei Monschau in der Eifel. Dort besucht er die Volksschule und beginnt mit 16 Jahren eine Lehre als Huf- und Wagenschmied in einer Konzener Schlosserei- und Schmiedewerkstatt. \u201eTheo war ein ganz normaler Jugendlicher\u201c, erz\u00e4hlt seine Schwester Regina. \u201eEr ist gerne tanzen gegangen und hat mit seinen Freunden auch den einen oder anderen Streich gespielt.\u201c Au\u00dferdem ist er im Dorfleben aktiv: im Turnverein, beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes und als zweiter Bass im Kirchenchor.<\/p>\n<p>Doch in dem jungen Mann schlummert ein Traum. Ein Traum, den er nur seiner Mutter verr\u00e4t: Missionar m\u00f6chte er werden und nach Afrika gehen, da ist er sich schon im dritten Schuljahr sicher. Seine Mutter beh\u00e4lt das erst einmal f\u00fcr sich, vielleicht ist es ja nur das Hirngespinst eines Zehnj\u00e4hrigen.<\/p>\n<p>Heute lebt Theo Call 7600 Kilometer von Monschau entfernt in Tansania, genauer: in Kigoma, der westlichsten Region des Landes, in der N\u00e4he des Tanganjika-Sees. Die Di\u00f6zese ist so gro\u00df wie die Niederlande und z\u00e4hlt mehr als zwei Millionen Einwohner. Hier hat Bruder Theo seine neue Heimat gefunden; in einer Missionsstation im Dorf Kabanga, 40 Kilometer von der Grenze zu Burundi entfernt. \u201eIm afrikanischen Busch\u201c, wie er sagt.<\/p>\n<p>Er baut Kirchen, saniert Geb\u00e4ude, legt Brunnen an, installiert Pumpen und Solaranlagen. Und das in der ganzen Di\u00f6zese. Alles, was gebaut wird, l\u00e4uft \u00fcber ihn. Von den Zeichnungen \u00fcber die Berechnungen bis hin zur Ausf\u00fchrung: In Kigoma macht das alles das staatlich anerkannte \u201eEin-Mann-Unternehmen\u201c Bruder Theo.<\/p>\n<p>Kabanga entwickelt sich durch ihn zu einem Schwerpunkt f\u00fcr die ganze Region, denn hier steht eines der wichtigsten H\u00e4user. Wei\u00df gestrichene Fassade, ein gro\u00dfes Eingangstor, zu dem sechs Stufen f\u00fchren, davor eine gr\u00fcne Wiese und ein paar schattenspendende B\u00e4ume: das Krankenhaus mit Chirurgie, Geburtsstation, Zahnarztpraxis und einem separaten Geb\u00e4ude f\u00fcr Leprakranke. Und mit Strom und flie\u00dfendem Wasser. Eine Seltenheit in dieser Ein\u00f6de fast ohne Technik.<\/p>\n<p>Eine Turbine versorgt Missionsstation, Krankenhaus, Werkst\u00e4tten und die Schule in Kabanga seit 17 Jahren mit Strom. 1984 heben der \u201estarke Mann\u201c, wie die Einheimischen Call nennen, und seine Arbeiter einen Stausee aus \u2013 mit Spaten. Ihn speist das Regenwasser und der kleine Karunga-Bach. Die Wasserkraft treibt eine Turbine an und vier Kilometer lange Hochspannungsleitungen transportieren den Strom ans Ziel. Rund um den See sind 50.000 B\u00e4ume angepflanzt worden, \u201edie ziehen den Regen an und der Boden kann das Wasser besser speichern\u201c, erkl\u00e4rt der 77-J\u00e4hrige. Fast 15 Jahre vergehen, bis das erste gro\u00dfe Projekt vollendet ist.<\/p>\n<p>Calls Glaubensweg beginnt 1960 mit einem Postulat und einem anschlie\u00dfenden Noviziat. 1967 bildet er sich mit einem Fernkurs \u00fcber Statik und Bautechnik weiter. Au\u00dferdem schickt der Orden ihn f\u00fcr drei Monate nach London, um Englisch zu lernen. Denn in Afrika spricht niemand Deutsch, und erst recht kein \u201eEifeler Platt\u201c.<br \/>\nAufbruch in ein neues Leben<\/p>\n<p>Am 4. Dezember 1967 ist der gro\u00dfe Tag gekommen: Aufbruch in ein neues Leben in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer fremden Sprache und Kultur. Von D\u00fcsseldorf \u00fcber Amsterdam und Rom nach Uganda und weiter nach Tansania. Nach vier Tagen erreicht der 29-J\u00e4hrige sein Ziel: Ujiji, knapp 100 Kilometer von Kabanga entfernt.<\/p>\n<p>Dort arbeitet er in der Autowerkstatt eines Mitbruders, Pater Fulgens Hirt aus Konstanz. 1970 besteht Call die Pr\u00fcfung als Kfz-Mechaniker in K\u00f6ln, \u00fcbernimmt nach Pater Fulgens&#8216; Tod die Werkstatt und zieht mit ihr nach Kabanga um. Zus\u00e4tzlich baut er eine Schreinerei, eine Schlosserei und ein S\u00e4gewerk auf, die er bis heute mit seinen Arbeitern betreibt.<\/p>\n<p>Das neueste Vorhaben des Missionars entpuppt sich als Mammutprojekt: der Bau eines 125 KW-Wasserkraftwerks zur Stromerzeugung f\u00fcr das \u201eBisch\u00f6fliches Knabenseminar St. Josef\u201c in Iterembogo, 80 Kilometer von Kabanga entfernt. 600 junge M\u00e4nner werden dort unterrichtet und auf die Priesterlaufbahn vorbereitet. Zum Priester geweiht werden aber nur vier oder f\u00fcnf aus jedem Jahrgang. \u201eAber das ist in Ordnung. Hauptsache, die jungen Leute erhalten eine gute Bildung\u201c, findet Call.<\/p>\n<p>Die Idee, auch dort eine Turbine zu installieren, \u00e4hnlich der in Kabanga, geistert bereits seit Jahren in seinem Kopf herum. Jetzt nimmt das Projekt langsam Form an: In den vergangenen drei Jahren haben 50 Arbeiter einen 600 Meter langen, 2,10 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Kanal mit Hacke und Schaufel ausgehoben. Wirkliche Handarbeit. Die M\u00e4nner stehen barfu\u00df auf Ger\u00f6llhaufen, v\u00f6llig verstaubt. Acht Stunden am Tag bei sengender Hitze, nur mit Shorts bekleidet. Meter f\u00fcr Meter graben sie sich voran. Einzige Gemeinsamkeit mit deutschen Baustellen: die gelben Schutzhelme.<\/p>\n<p>Die Afrika-Missionare kommen aus Europa, Amerika und mittlerweile auch aus Afrika selber, zum Beispiel aus Schulen wie St. Josef. 1405 von ihnen leben in 20 L\u00e4ndern Afrikas und 13 \u00fcbrigen L\u00e4ndern der Welt. Neben Bruder Theo arbeiten 33 Mitbr\u00fcder in Tansania, davon vier Deutsche. Das typische lange, wei\u00dfe, wallende Gewand bringt ihnen schon bei der Ordensgr\u00fcndung 1868 den Beinamen \u201eWei\u00dfe V\u00e4ter\u201c ein. Heute verzichten sie lieber darauf, denn er wird \u2013 f\u00e4lschlicherweise \u2013 oft mit der Hautfarbe der Mitglieder gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Theo Call m\u00f6chte den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben. \u201eGlaubensverk\u00fcndung durch praktische Arbeit\u201c nennt er das. Manchmal braucht er daf\u00fcr aber viel Geduld, denn die Menschen m\u00f6gen keine Ver\u00e4nderungen. Deshalb sind Fortschritte schwer zu erreichen. \u201eHier will kaum mal einer etwas anderes tun als die anderen. So wie es der Gro\u00dfvater gemacht hat, so machen es auch noch die Jungen\u201c, erz\u00e4hlt der Eifeler.<\/p>\n<p>Ein anderes gro\u00dfes Problem: Korruption. Das ist auch bei einem aktuell brisanten Thema zu sp\u00fcren: der Verfolgung der Albinos. Albinos sind Menschen, denen durch einen seltenen Gendefekt das Pigment Melanin fehlt. Ihre Haut ist nicht dunkel, sondern hell, genau wie ihre Haare. Sie werden regelrecht gejagt und verst\u00fcmmelt oder umgebracht, denn selbsternannte Medizinm\u00e4nner verbreiten einen schrecklichen Aberglauben. Die \u201eHeiler\u201c brauen aus K\u00f6rperteilen und Organen der Albinos kannibalische Zaubertr\u00e4nke, die Gl\u00fcck und vor allem Reichtum versprechen.<\/p>\n<p>Seit 2000 sind mindestens 75 Albinos ermordet worden; und das ist nur die offizielle Zahl. Besonders bedroht sind Kinder: M\u00f6rderbanden entf\u00fchren sie aus den H\u00fctten ihrer Eltern und t\u00f6ten sie brutal. Manchmal werden sie sogar von Nachbarn, Freunden oder der eigenen Familie gegen Bezahlung verraten, denn wenn es um Albinos geht, winkt bares Geld. Ein Fu\u00df oder eine Hand sollen umgerechnet 3500 Euro, ein ganzer K\u00f6rper 70.000 Euro einbringen. Sehr viel Geld, denn das Durchschnittseinkommen in Tansania liegt bei 500 Euro im Jahr.<\/p>\n<p>Sichere Anlaufstellen f\u00fcr Albinos gibt es in Tansania nur sehr wenige. Eine davon liegt in Kabanga. Seit Jahren kommen Albinos zu Bruder Theo, der sie in einer Blindenschule unterbringt \u2013 schon lange bevor die Regierung das Problem ernstnimmt.<\/p>\n<p>Heute platzt die Schule aus allen N\u00e4hten: Blinde und Behinderte plus 70 Albinos. 150 Kinder. Eigentlich viel zu viele, aber: \u201eHier sagt man nicht, wir haben Platz f\u00fcr 40 oder 50 Kinder. Nein, hier sagt man, wir haben Platz f\u00fcr alle\u201c, meint Call. Weitere Schlafs\u00e4le hat er bereits gebaut, denn die Kleinkinder kommen meistens mit ihren M\u00fcttern. Manchmal liefern die Eltern ihr Albino-Kind auch einfach ab und verschwinden.<\/p>\n<p>Die Kinder k\u00f6nnen in Kabanga zur Schule gehen, ansonsten bleibt ihnen keine Freiheit. Sie leben hinter hohen W\u00e4nden mit eingemauerten Scherben, damit niemand her\u00fcberklettert, gesichert durch ein Eisentor, das abends verschlossen und von Polizisten bewacht wird. Wenn die Kinder vollj\u00e4hrig sind, verlassen sie die Schule und machen Platz f\u00fcr die n\u00e4chsten. Manche kehren in ihre D\u00f6rfer zur\u00fcck. Wie lange sie dort \u00fcberleben? Das wei\u00df niemand.<\/p>\n<p>Mut und unerm\u00fcdliche Kraft f\u00fcr seine kleinen und gro\u00dfen Projekte sch\u00f6pft Bruder Theo aus seinem Glauben. Er ist \u00fcberzeugt, dass Jesus letzter Satz im Matth\u00e4us-Evangelium zutrifft: \u201eSeit gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.\u201c Er glaubt daran, dass Gott ihm auch in schweren Zeiten zur Seite steht.<\/p>\n<p>Zweimal hat er bereits die t\u00fcckische Malaria \u00fcberlebt, und mit seinen 77 Jahren ist er immer noch ziemlich fit \u2013 in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei knapp 61 Jahren liegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir gratulieren Aline Jansen zur Ver\u00f6ffentlichung ihrer Reportage \u00fcber einen geb\u00fcrtigen Monschauer, den eine Missionsreise nach Tansania gef\u00fchrt hat. 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