{"id":920,"date":"2016-07-25T16:07:05","date_gmt":"2016-07-25T14:07:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=920"},"modified":"2016-07-26T10:47:34","modified_gmt":"2016-07-26T08:47:34","slug":"ausser-mir-weiss-es-niemand-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/ausser-mir-weiss-es-niemand-mehr\/","title":{"rendered":"\u201eAu\u00dfer mir wei\u00df es niemand mehr.\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_920 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_920')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_920').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Danke f\u00fcr diesen tollen Artikel!<\/em><\/div>\n<div data-canvas-width=\"164.36223999999999\"><\/div>\n<div data-canvas-width=\"164.36223999999999\"><\/div>\n<\/div>\n<div data-canvas-width=\"164.36223999999999\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-931 size-full\" src=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/06\/H\u00fcttenberend-1.jpg\" width=\"678\" height=\"543\" srcset=\"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/06\/H\u00fcttenberend-1.jpg 678w, https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/files\/2016\/06\/H\u00fcttenberend-1-300x240.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px\" \/><\/p>\n<div data-canvas-width=\"164.36223999999999\"><\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div data-canvas-width=\"164.36223999999999\">\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"41.834399999999995\">Als der junge Siegmund die M\u00e4nner an seinem Fenster vorbeimarschieren sieht, ist er fasziniert von ihrem imposanten Erscheinungsbild: \u201eBaumlange Kerle, adrett gekleidet und gut gen\u00e4hrt.\u201c Disziplinierte Frontsoldaten in geordneten Reihen. Kein einziger Schuss f\u00e4llt. Die Ger\u00fcchte, die den Besatzern vorausgeeilt sind, scheinen sich\u00a0 nicht zu bewahrheiten; Deutschland ist eben doch eine Kulturnation und wei\u00df sich zu benehmen. Glaubt man.<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"41.834399999999995\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"41.834399999999995\">\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"215.4101333333334\">3. September 1939, zwei Tage nach Kriegsbeginn. Die Nazis besetzen das polnische B\u0119dzin, um es kurzerhand in Bendsburg umzubenennen und es in das Deutsche Reich einzugliedern \u2013 inklusive seiner 40.000 Einwohner, unter ihnen 27.000 Juden.<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"215.4101333333334\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"215.4101333333334\">\n<div data-canvas-width=\"76.37866666666667\">In der Nacht vom 8. zum 9. September ermordet die Wehrmacht im historischen Judenviertel 400 Menschen. Sie werden in die Synagoge getrieben und in ihr verbrannt. Wer zu fliehen versucht, wird erschossen. Von eben jenen baumlangen Kerlen, die der junge Siegmund noch f\u00fcnf Tage zuvor so bewundert hatte. Mit 15 Jahren muss er\u00a0 erfahren, was es hei\u00dft, wenn einen die blo\u00dfe Existenz zum Verbrecher macht.<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"76.37866666666667\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"76.37866666666667\">\n<div data-canvas-width=\"217.1530666666666\">\u00dcber dem Sofa h\u00e4ngt ein farbenfrohes Bild von den G\u00e4rten von Jerusalem. Dunkelgr\u00fcne Palmen und Pinien stehen vor einem tiefblauen Himmel, dazwischen liegen wei\u00dfe H\u00e4user mit roten D\u00e4chern. \u201eDas Bild ist von meinem Sohn\u201c, sagt Siegmund Pluznik stolz. Ihm gegen\u00fcber h\u00e4ngt ein \u00e4hnlich buntes Gem\u00e4lde, gemalt von seinen Enkeln. Siegmund Pluznik wohnt heute in der Budge-Stiftung in Frankfurt. Das Ehepaar Henry und Emma Budge hat vor \u00fcber 90 Jahren die Stiftung gegr\u00fcndet, damit hier Juden und Christen miteinander in W\u00fcrde altern k\u00f6nnen. Mit diesem Auftrag ist das Seniorenheim einzigartig in Europa, auch wenn es kaum noch m\u00f6glich ist, die Zimmer zu gleichen Teilen zu belegen. Im koscheren Esssaal sitzen die letzten \u00dcberlebenden der Shoah, beinahe w\u00f6chentlich werden es weniger.<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"217.1530666666666\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"217.1530666666666\">\n<div data-canvas-width=\"81.41013333333333\">\u201eWir durften nicht auf der Hauptstra\u00dfe laufen, in den Park gehen, auf der Bank sitzen. Alles nicht ausdr\u00fccklich Erlaubte war verboten. Darunter fiel vor allen Dingen der Schulbesuch.\u201c Die Jugendorganisation Ha\u2018noar Hazioni fasst den waghalsigen Entschluss, ihre Mitglieder trotz Schulverbots weiter zu unterrichten. Siegmund Pluznik ist einer von ihnen. Die Sch\u00fcler m\u00fcssen ihre B\u00fccher zum Unterricht schmuggeln und riskieren f\u00fcr ein bisschen Bildung nicht nur das eigene, sondern auch das Leben ihrer Familien. Einmal erwischt gibt es keine Hoffnung auf R\u00fcckkehr. \u201eAuschwitz lag 40 km vor den Toren von B\u0119dzin. Wir h\u00f6rten, dass es immer mehr Gaskammern und Krematorien gab. Ganz einfach: Auschwitz bedeutete langsamen oder schnellen Tod. Mit dieser Gewissheit konnten wir alles riskieren. Sie hat uns geholfen, in den Widerstand zu gehen.\u201c<\/div>\n<div data-canvas-width=\"81.41013333333333\"><\/div>\n<div data-canvas-width=\"77.76746666666669\">\u00a0Als Siegmund Pluznik vor gut 20 Jahren in den Ruhestand geht, wird die Geschichte des J\u00fcdischen Widerstandes zu seiner Lebensaufgabe. Er hat Archive aufgesucht, Dokumente und Fotos durchforstet sowie eine Ausstellung ins Leben gerufen. Er nennt Namen, von Opfern und von T\u00e4tern. \u201eEs ist mir wichtig, dass Sie es wissen. Weil nach Elie Wiesel (Shoah-\u00dcberlebender und Friedensnobelpreistr\u00e4ger, Anm. d. Red.) wird jemand, der dem Zeitzeugen zuh\u00f6rt, auch zum Zeitzeugen. Vom wem sollen Sie es sonst erfahren? Au\u00dfer mir wei\u00df es niemand mehr.\u201c<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"81.41013333333333\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"77.76746666666669\">\n<div>Das erste Opfer der Klasse ist Joseph Weinstock. Er wird in ein Arbeitslager geschickt. Ein paar Wochen sp\u00e4ter kommt die Nachricht von seinem Tod. Monat f\u00fcr Monat verschwinden weitere Menschen, Bendsburg wird\u00a0 germanisiert. W\u00e4hrend die Wehrmacht die polnische Bev\u00f6lkerung aus der Stadt vertreibt, wird Siegmund Pluznik mit seiner Familie einem \u201eGeschlossenen Judenbezirk\u201c zugewiesen. \u201eIm Prinzip war es kein richtiges Ghetto. Unter Ghetto versteht man, wenn es umz\u00e4unt ist, mit Mauern umgeben oder mit Wacht\u00fcrmen und Stacheldraht. Das war in B\u0119dzin nicht n\u00f6tig. Um sich zu verstecken oder wegzulaufen, brauchte man Hilfe. Die hatten wir nicht.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<div data-canvas-width=\"107.11039999999998\">Als am 1. August 1943 der \u201eJudenbezirk\u201c liquidiert wird, hat sich die ehemals unpolitische Ha\u2018noar Hazioni zu einer gut organisierten Widerstandsgruppe entwickelt. Mit Verbindung zu Mordechaj Anielewicz und Eliezer Geller, zwei Anf\u00fchrern des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Ihr erkl\u00e4rtes Ziel ist es, zu \u00fcberleben, um ihre Geschichte weiter erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Von den 60 Menschen, die an diesem Tag in den Untergrund abtauchen, werden 45 den Krieg \u00fcberstehen.<\/div>\n<div data-canvas-width=\"107.11039999999998\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"107.11039999999998\">\n<div data-canvas-width=\"75.21706666666667\">Siegmund Pluznik ist der reinste Entertainer, wenn er vor Leuten spricht. In einem Moment scherzt er \u00fcber seine Karriere als Schulschw\u00e4nzer, im n\u00e4chsten durchwacht man mit ihm eine Nacht im Luftschutzbunker. Gerade\u00a0 Sch\u00fcler f\u00fchlen mit dem jungen Siegmund, der ohne Grund von einem Polizisten ins Gesicht geschlagen wird, und sie fiebern mit, als der 17-J\u00e4hrige sich auf die Suche nach Schmugglern macht und nicht so recht wei\u00df, wie er das anstellen soll.<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"75.21706666666667\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"75.21706666666667\">\n<div data-canvas-width=\"75.9829333333333\">In einer zehnk\u00f6pfigen Gruppe fl\u00fcchtet Siegmund Pluznik \u00fcber die Tschechei nach Wien. \u201eDer 1. August 1943 war ein sehr hei\u00dfer Tag und ich trug ein Sommerj\u00e4ckchen. Im Winter trug ich noch dasselbe J\u00e4ckchen, dieselbe Unterw\u00e4sche.\u201c Im November sinkt die Temperatur in Wien auf unter f\u00fcnf Grad. Um der K\u00e4lte zu entgehen, f\u00e4hrt Siegmund Pluznik lange Strecken Stra\u00dfenbahn und treibt sich in den \u00f6ffentlichen Badeanstalten herum. Dabei gilt es, m\u00f6glichst nicht aufzufallen: Ungepflegte, unbesch\u00e4ftigte Menschen gelten als suspekt, erst recht in Kriegszeiten. \u201eWenn Sie obdachlos sind, wo wollen Sie sich rasieren?\u201c<\/div>\n<div data-canvas-width=\"75.9829333333333\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"75.9829333333333\">\n<div data-canvas-width=\"216.9824\">Am Opernring, direkt neben dem Naturhistorischen Museum, steht zu jener Zeit ein Toilettenh\u00e4uschen. Im Morgengrauen, wenn es die M\u00e4nner vor lauter K\u00e4lte nicht mehr aushalten, k\u00f6nnen sie sich hier ein wenig aufw\u00e4rmen, sich waschen und rasieren. Nur die Toilettenfrau wird Zeugin des Geschehens. Siegmund Pluznik gibt ihr statt 10 Pfennig 20 Pfennig. \u201eNach ein paar Tagen fand ich eine Rasierklinge beim Waschbecken. Gebraucht<\/div>\n<div data-canvas-width=\"59.226666666666674\">zwar, aber sie war besser als meine. Die Frau h\u00e4tte mich der Gestapo ausliefern k\u00f6nnen, stattdessen machte sie mir ein Geschenk. Um jemanden in Not zu helfen, muss man keine Titel, keine Diplome besitzen, man muss nur das Herz an der richtigen Stelle haben.\u201c<\/div>\n<div data-canvas-width=\"59.226666666666674\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"59.226666666666674\">\n<div data-canvas-width=\"180.11520000000002\">Heute spricht Siegmund Pluznik nicht mehr zu Klassen. Er hat seine Ausstellung an den HEIMATSUCHER e.V. weitergegeben. Damit die Geschichte nicht mit den letzten \u00dcberlebenden verstummt, hat der Verein das Konzept der Z(w)eitzeugen entwickelt. Die Zeugen der Zeitzeugen veranstalten Ausstellungen und besuchen Schulen. Sie tragen die Geschichten der Shoah weiter und sto\u00dfen bei den Sch\u00fclern auf viel Empathie und Tatendrang. Als frisch gebackene Z(w)eitzeugen k\u00f6nnen die Sch\u00fcler schlie\u00dflich Briefe an die \u00dcberlebenden schicken, solange es sie noch gibt.<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"208.86826666666664\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"208.86826666666664\">\n<div data-canvas-width=\"202.55679999999998\">Siegmund Pluznik sitzt an seinem K\u00fcchentisch neben der Durchreiche. Eine gro\u00dfe Lupe in der einen, sein Telefon in der anderen Hand. Vorsichtig dr\u00fcckt er die Ziffern und wartet auf das Freizeichen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Stimme und Siegmund Pluznik geht in die Charme-Offensive. Am liebsten sucht er Unterst\u00fctzer f\u00fcr den HEIMATSUCHER e.V. und schmiedet Pl\u00e4ne f\u00fcr neue Ausstellungen und Lesungen. Auch wenn er seit einigen Jahren kaum selbst noch Vortr\u00e4ge h\u00e4lt, den Kampf gegen das Vergessen wird er niemals aufgeben. Es ist ein unerbittlicher Kampf mit einem hartn\u00e4ckigen Gegenspieler \u2013 der Zeit.<\/div>\n<div data-canvas-width=\"202.55679999999998\"><\/div>\n<div data-canvas-width=\"202.55679999999998\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"202.55679999999998\">\n<div data-canvas-width=\"160.02986666666663\"><em>\u201eIch bin 15 Jahre alt und eigentlich ein wenig kalt manchmal, aber du hast mich zum Nachdenken gebracht. Ich sehe jetzt alles mit anderen Augen. Ich finde es gut, dass du deine Erfahrung und dein Wissen mit uns teilst. Mit uns meine ich alle Menschen, die deine Geschichte mitbekommen haben, denn alle Menschen sind gleich. Danke, dass du da bist, Siegmund.\u201c<\/em><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\" data-canvas-width=\"160.02986666666663\">\u2013 Brief einer Sch\u00fclerin (15 Jahre)<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" data-canvas-width=\"75.9829333333333\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Dieses bewegende Portrait des \u00fcberlebenden j\u00fcdischen Widerstandsk\u00e4mpfers, schrieb Simone H\u00fcttenberend im Rahmen unseres Journalistisches Schreiben . Vielleicht habt ihr es auch schon in der letzten Ausgabe der AStA-Zeitschrift &#8222;relatif&#8220; gesehen? 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