{"id":975,"date":"2016-09-15T13:08:33","date_gmt":"2016-09-15T11:08:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/?p=975"},"modified":"2016-09-15T13:20:30","modified_gmt":"2016-09-15T11:20:30","slug":"geschaeftsidee-mit-brieftauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/geschaeftsidee-mit-brieftauben\/","title":{"rendered":"Gesch\u00e4ftsidee mit Brieftauben"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_975 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_975')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_975').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zur Ver\u00f6ffentlichung in der AZ \/ AN<\/em><em>!<\/em><br \/>\n<strong>Am 21. Juli 1816, also vor 200 Jahren, wird Paul Julius Reuter geboren. der Unternehmer legt in der Aachener Pontstra\u00dfe den Grundstein f\u00fcr die Nachrichtenagentur Reuters.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen Speisekarte und Heizstrahler zieren ein paar bunte Kacheln die Wand neben dem Eingang des Restaurants \u201eReuters House\u201c in der Aachener Pontstra\u00dfe. Zu erkennen ist ein Vogel, dessen Federn mosaikartig in gr\u00fcn, orange und schwarz nebeneinander schimmern. Es k\u00f6nnte das Symbol einer 68er-Friedenstaube sein. Oder ein Hinweis auf exotische gegrillte Kostbarkeiten. Zu essen bekommt man in der Aachener Pontstra\u00dfe ja alles. Paul Julius Reuter \u2013 liest man in der Inschrift auf den Kacheln \u2013 lie\u00df durch Brieftauben auf das Dach dieses Hauses Nachrichten aus Br\u00fcssel tragen. Die Gedenktafel am Haus 117 ist also ein Denkmal f\u00fcr den deutschen Unternehmer. Vor 175 Jahren l\u00e4sst dieser hier ein erfolgreiches Gesch\u00e4ft mit Nachrichten aufbl\u00fchen.<\/p>\n<p>1850: Sehnlich erwartete B\u00f6rsenkurse rauschen durch die noch neuen Telegrafenleitungen und bedeuten bare M\u00fcnze, wenn man die Zahlen schneller kennt als die Konkurrenz. Das Verlangen der Menschen nach allgemeinen Nachrichten wird zunehmend gr\u00f6\u00dfer. Berlin und Aachen sind bereits mit einer Telegrafenlinie verbunden, ebenso Paris und Br\u00fcssel. Aber zwischen Aachen und Br\u00fcssel gibt es noch keine elektrische Verbindung. Der 33-j\u00e4hrige Paul Julius Reuter entdeckt die L\u00fccke im Nachrichten-Netz und handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schneller als der Postzug<\/strong><br \/>\nSchnelligkeit ist gefragt. Wie kann Reuter die Br\u00fccke schlagen, bevor ihm jemand zuvorkommt? Brieftauben \u2013 so denkt er \u2013 sind der Schl\u00fcssel zum Erfolg! Die Idee ist pragmatisch, Flugtiere werden als \u00dcbermittler bislang noch nicht oft eingesetzt. Ein halbes Jahr lang l\u00e4sst er t\u00e4glich mehrere Brieftauben mit dem Zug nach Br\u00fcssel transportieren. Seine Botinnen eilen mit Nachrichtenzetteln \u2013 vor allem B\u00f6rsendaten \u2013 zum Taubenschlag in der Pontstra\u00dfe zur\u00fcck und sind etwa sieben Stunden schneller als der Postzug. Reuter legt damit in Aachen den Grundstein f\u00fcr eine der heute noch erfolgreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Aktuelle Meldungen zwischen Deutschland, \u00d6sterreich, Belgien und Frankreich werden hier per Luftpost ausgetauscht.<\/p>\n<p>\u201eAm liebsten w\u00fcrde ich das Reuters House kaufen und dort \u2013 so schnell es geht \u2013 ein Brieftaubenmuseum er\u00f6ffnen. Das war schon immer mein Traum\u201c, erz\u00e4hlt der Aachener Unternehmer Michael Mahr, begeisterter Hobby-Taubenz\u00fcchter mit 100 eigenen Wettflugtieren und Reuter-Experte. In seinem B\u00fcro stapeln sich wertvolle Dokumente zur Geschichte des deutschen Brieftaubensports. Wahrscheinlich ist es die gr\u00f6\u00dfte Sammlung dieser Art in Deutschland. Zeitgen\u00f6ssische Berichte, alte Zeitungsartikel, Portr\u00e4ts und erhalten gebliebene Briefe zeichnen ein pr\u00e4zises Bild von Reuters Wirken. Am 21. Juli 1816 wird Israel Beer als dritter Sohn der j\u00fcdischen Familie Josaphat in Kassel geboren. W\u00e4hrend einer Lehre in der Bank seines Onkels in G\u00f6ttingen lernt er Carl Friedrich Gau\u00df kennen, von dem er sich dessen Forschungen zur Telegrafie zeigen l\u00e4sst. Im Alter von 30 Jahren tritt Israel Beer zum christlichen Glauben \u00fcber und l\u00e4sst sich taufen. Warum er gerade den Namen Reuter annimmt, ist unklar. Vermutlich aus Gr\u00fcnden der gesellschaftlichen Akzeptanz betont er seine j\u00fcdischen Wurzeln nicht, sch\u00e4mt sich aber auch nicht daf\u00fcr. Zu seiner Familie hat er eine starke Bindung. Er heiratet Ida Magnus, Tochter eines preu\u00dfischen Bankiers. Gleich zweimal schlie\u00dfen sie den Bund: Nach Reuters Taufe geben sich die zwei erneut das Ja-Wort. Alles soll korrekt sein.<\/p>\n<p>Einige Versuche, in Deutschland oder England Fu\u00df zu fassen und ein eigenes Gesch\u00e4ft zu gr\u00fcnden, zeigen Reuters Ehrgeiz und seine Unnachgiebigkeit. 1848 verschl\u00e4gt es ihn nach Paris, wo er bei Charles Havas in der \u201eAgence Havas\u201c arbeitet, der ersten europ\u00e4ischen Nachrichtenagentur. Nach einem Jahr macht er sich dort mit einem Presseb\u00fcro selbstst\u00e4ndig, das jedoch nur m\u00e4\u00dfig erfolgreich l\u00e4uft. Neben dem florierenden Nachrichten-Netz von Havas gibt es zu der Zeit in Berlin das W.T.B., \u201eWolffs Telegraphisches Bureau\u201c. Der findige Reuter erkennt 1849 das Potenzial der Aachener Region am damaligen Vierl\u00e4ndereck, in der sich noch niemand mit einem Nachrichtenb\u00fcro niedergelassen hat. Es ist der ideale Standort f\u00fcr den Nachrichtenaustausch zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Mehr noch: Reuters Brieftauben k\u00f6nnen bald auch Informationen aus Frankreich von Br\u00fcssel nach Aachen bringen, denn neben der schon funktionierenden Telegrafenlinie Aachen-Berlin wird 1850 die elektrische \u00dcbermittlung zwischen Paris und Br\u00fcssel m\u00f6glich. Die Aachener Bankiers und Unternehmer sind sehr interessiert \u2013 die Nachfrage vor allem nach Wechselkursen, Informationen zu Staatsanleihen oder zur Politik aus Paris und Berlin ist hoch.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr den Erfolg des Brieftaubendienstes ist ein Aachener Brauer, B\u00e4cker und Taubenz\u00fcchter: Heinrich Geller schlie\u00dft mit Reuter einen Vertrag, der Reuter 40 Brieftauben zusichert. Geller bietet dem neuen Freund Reuter in seinem Haus in der Pontstra\u00dfe eine Unterkunft an. Auf dem Dach des Hauses befindet sich der Taubenschlag. Reuters B\u00fcro ist gut zu Fu\u00df erreichbar. Der Brieftaubenservice startet am 28. April 1850 und funktioniert hervorragend. Die \u201eDepeschen\u201c mit den Nachrichten bestehen aus extra d\u00fcnnem Papier, das die Tauben transportieren. Die hohen Kosten f\u00fcr die Bef\u00f6rderung der Tiere mit dem Zug sind schnell erwirtschaftet. Nach etwa drei Monaten kannReuter alle 200 Tauben von Geller nutzen und ihm monatlich 30 Taler zahlen \u2013 eine stattliche Summe.<\/p>\n<p>Taubenz\u00fcchter Mahr zieht aus einem Stapel gesammelter Kopien und Briefb\u00f6gen drei Seiten heraus, die der \u201eZeitschrift f\u00fcr Brieftaubenkunde\u201c aus dem Jahr 1939 entstammen. Es ist ein Bericht des Journalisten F. A. Bacciocco, der 1850 als Dienstbote arbeitet und die eingeflogenen Nachrichten von Gellers Taubenschlag zu Reuters B\u00fcro bringt. Mahr liest aus dem Bericht vor: \u201eDann kommt der Moment der gespanntesten Erwartung. Herr Geller entlockt seiner Brust die s\u00fc\u00dfesten Lockt\u00f6ne \u2013 und klatsch! lag eine unserer Blauen auf dem Brett. \u201aBrav\u2018 \u2013 sagte Geller \u2013 \u201ado es der Zeddel!\u2018\u201c Geller \u00fcbergibt dem Dienstboten dann die Nachricht und f\u00fcgt hinzu: \u201eNe sch\u00f6ne Gro\u00df an der Herr Reuter.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sicherheit und Diskretion<\/strong><br \/>\nMahr k\u00fcmmert sich heute um 100 eigene Tauben in seinem Schlag in Seffent im Aachener Stadtbezirk Laurensberg. \u201eLeider ist die Beliebtheit f\u00fcr diesen Sport hier in Deutschland stark zur\u00fcckgegangen. Etwa 120 000 Brieftaubenz\u00fcchter gab es 1968, heute sind es weniger als ein Drittel. W\u00e4hrend sich diese Leidenschaft hier, in Belgien, Holland oder Frankreich im Steilflug zur\u00fcckentwickelt, erleben wir ein Aufbl\u00fchen des Sportes etwa in China und Japan. Das ist erstaunlich, die Menschen dort kaufen jede Menge Tauben aus Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>Zeitgenossen beschreiben Reuter als klein und intelligent. Scharfe Augen und pr\u00e4gnant im Gespr\u00e4ch. Er ist bei seinem Service auf Sicherheit und Diskretion bedacht \u2013 grundlegende Werte, f\u00fcr die die Agentur heute noch bekannt ist. Er l\u00e4sst bei jedem Flug drei Tauben mit identischer Nachricht ausstatten, und die in Aachen ankommenden Tiere werden gr\u00f6\u00dftenteils von Geller pers\u00f6nlich vonden Botschaften befreit, der diese nicht zu lesen hat. F\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe sind vertraglich hohe Geldstrafen festgelegt. Die Nachrichten werden gut verpackt \u2013 zum Teil in Spardosen \u2013 und von Dienstboten auf direktem Weg zum B\u00fcro von Reuter gebracht, wo alle Personen, die die Informationen verarbeiten, die Texte zur selben Zeit zu sehen bekommen. Bacciocco schreibt: \u201eReuter hatte mich erwartet und nahm begierig den blechernen Sparpott in Empfang. W\u00e4hrend ich meine Entlohnung entgegennahm, flogen schon die Federn \u00fcber das Papier.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zuverl\u00e4ssig und schnell<\/strong><br \/>\nAm 16. April 1851 ist der Bau einer Telegrafenlinie zwischen Aachen und Br\u00fcssel vollendet. Die lange elektrische Verbindung zwischen Paris und Berlin ist damit komplett, so dass keine Zwischen\u00fcbermittler mehr n\u00f6tig sind. Dies bedeutet das Aus f\u00fcr Reuter in Aachen, der den Dienst mit den Brieftauben nur etwa ein halbes Jahr lang anbieten kann. Reuters Meldungen stehen aber schon zur Aachener Zeit hoch im Kurs: Als zuverl\u00e4ssig und schnell gelten seine Dienste. Trotz aller Schnelligkeit im Nachrichtengesch\u00e4ft pr\u00e4gt er mit seiner Agentur schon im 19. Jahrhundert den Leitspruch \u201eFirst do it right, then do it first\u201c \u2013 Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit. \u201eReuter war ein angesehener Mann, der in Aachen deutliche Spuren hinterlassen hat und die Region stark beeinflusst hat\u201c, sagt Mahr.<\/p>\n<p>Reuters Ehrgeiz und sein \u00f6konomisches Talent f\u00fchren dazu, dass er schnell neue Erfolge erzielt. Werner<br \/>\nvon Siemens legt ihm einen Neustart in London nahe. 1851 er\u00f6ffnet Reuter dort ein B\u00fcro f\u00fcr Wirtschaftsnachrichten, und es entsteht ein ungeahnter Brennpunkt f\u00fcr den internationalen Austausch von Nachrichten, so dass Reuter mit der Havas-Agentur in Paris konkurrieren kann. Dieser Startpunkt in England z\u00e4hlt heute oft als die bedeutendere Gr\u00fcndung der Agentur. Die Aachener Zeit mit den Brieftauben f\u00e4llt dabei leicht unter den Tisch.<\/p>\n<p>Das \u201eReuters House\u201c ist ganz untypisch f\u00fcr die Imbissbuden-Landschaft in der Pontstra\u00dfe. Gem\u00fctlichkeit und italienische Musik in einem schicken Restaurant. Die Weinkarte ziert ein silberner Vogel. Ganz klar: Eine Brieftaube. \u201eHaben Sie etwas gefunden?\u201c, fragt der Kellner. Aber klar! Einen Rotwein aus Spanien und eine Geschichte voller \u00dcberraschungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von einem Taubenschlag in Aachen, zu einer der wichtigsten Nachrichtenagentur der Welt: Im Rahmen unseres Kurses\u00a0Journalistisches Schreiben ging Jonas van Bebber den Spuren der Nachrichtenagentur Reuters nach und entdeckete [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":675,"featured_media":984,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"c2c_always_allow_admin_comments":false,"footnotes":""},"categories":[35,1,28,37,25,42],"tags":[46,38,4,6,32,14,15,5,10],"class_list":["post-975","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aachener-zeitung","category-allgemein","category-bloggen","category-journalistisches-schreiben","category-schreiben-im-studium","category-zeitung","tag-aachener-zeitung","tag-journalismus","tag-kreativitat","tag-presse","tag-redaktion","tag-schreiben","tag-schreibkurs","tag-seminar","tag-zentrum-fur-kreatives-schreiben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/975","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/675"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=975"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":996,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions\/996"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media\/984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.rwth-aachen.de\/kreativesschreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}