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RWTH-Schreibzentrum

Es geht mir gut

15. August 2018 | von

Matthias Cherek: Es geht mir gut

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Ich möchte, dass du mit mir stirbst.

Ich habe es geschafft pünktlich aufzustehen, nicht schlecht für den Anfang. Jetzt gibt es erst einmal einen Kaffee, damit ich auch zu was zu gebrauchen bin. Nach einer schnellen Dusche, renne ich zum Bus. Endlich schaffe ich es mal rechtzeitig zur Arbeit. Neben der Firma gibt es einen Bäcker, da hole ich mir mein Frühstück. Zuhause habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefrühstückt. Die Faulheit siegt, außerdem esse ich nicht gerne allein. Beim Bäcker gibt es den zweiten Kaffee und dann geht es mit dampfendem Becher und Donut auf die Arbeit. Im Büro ist kaum jemand. Vielleicht sind heute alle krank oder  unterwegs. Im Moment nehmen viele Urlaub, um mit ihren Familien die Feiertage zu genießen. Ich habe nicht einmal eine Freundin.

Ich warte auf dich.

Ich bin wieder im Bus, aber mir ist schlecht. Alleinsein bekommt mir eben nicht. Es könnte natürlich auch an dem Auflauf von letzter Woche liegen, den ich mir heute Mittag aufgewärmt habe. Hoffentlich ist es nichts Ernstes. Ich kann gut darauf verzichten, krank zu werden. Mein Großvater ist an einer Lebensmittelvergiftung gestorben, vielleicht sollte ich vorsichtiger sein. Na, dann gibt es heute Abend eben eine Hühnersuppe beim Fernsehen und ich gehe früh ins Bett.

Ich habe mich schon auf dich gefreut.

Jetzt bin ich doch vor dem Fernseher versackt. Es ist schon halb eins und ich kann mich nicht aufraffen, die Kiste auszuschalten. Die Suppe steht kalt in der Mikrowelle. Ich habe sie dort vergessen. Was für eine schöne Metapher – durch mein eigenes Versagen, bleibt mir sogar das kleinste Glück verwehrt. Auch auf der Arbeit, trete ich seit Monaten auf der Stelle. Wenn ich jetzt krank werde, verliere ich schon wieder einen Job und ich kann es meinem Chef nicht mal übelnehmen.

Ich sehe, du hast mich nicht vergessen.

Ich schaffe es erst um drei Uhr ins Bett zu gehen. Meine Augen brennen, weil ich stundenlang auf den Fernseher gestarrt habe. Migräne gesellt sich zu der Übelkeit. Mit jedem Pochen meines Herzens strömt das Blut schmerzhaft durch meine Schläfen. Der Mond scheint stechend hell durch mein geöffnetes Fenster. Die Furcht, die mir der Vollmond als Kind bereitet hat, habe ich bis heute nicht vergessen. Ein riesiges Auge am Himmel, das mich unentwegt beobachtet. Damals habe ich mich unter meine Decke gekauert und starr vor Angst dagelegen. Auch jetzt würde ich mich am liebsten verkriechen.

Du siehst so friedlich aus, wenn du schläfst. Ich liebe deine Albträume.

Die Stunden schleichen quälend langsam dahin, bis ich endlich einschlafe. In meinem Traum stehe ich vor einem Käfig, in dem der Hund meines Nachbarn eingesperrt ist. Sein Lefzen zucken mordlustig und ich bete, dass er das offene Tor hinter sich nicht bemerken wird. Ich drehe mich um und sein Knurren hallt aus der Dunkelheit wieder. Es schwillt zu einer unerträglichen Melodie an. Ich spüre seinen feuchtwarmen Atem in meinem Nacken. Schweißgebadet wache ich auf. Mir ist eiskalt. Es ist sechs Uhr morgens.

Ich habe einen schönen Ort ausgewählt. Du kennst ihn gut.

Ich liege schon seit einer halben Stunde wach und kann mich nicht bewegen. Jeder Schatten jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die Schweißausbrüche hören nicht auf und ich zittere am ganzen Körper. Der Wind schlägt mein Fenster zu und das Geräusch lässt mich heftig zusammenzucken. Endlich schaffe ich es, mich aus meiner klatschnassen Decke zu schälen. Ich fühle mich schlimmer, als nach einer Nacht auf Heroin. Ich beschließe, mich zu waschen und zum Arzt zu gehen. Mit schlurfenden Schritten gehe ich unter die Dusche – die Badewanne habe ich noch nie benutzt – aber das Wasser ist ausgefallen. Nachdem ich mich in die Küche geschleppt habe, fällt mir auf, dass es ohne Wasser auch keinen Kaffee gibt. Mein Kopf dröhnt bei dem Gedanken, ohne Koffein auskommen zu müssen, bis ich mich um einen Handwerker gekümmert habe. In der Stille kann ich hören, wie mein Nachbar seine Dusche anstellt.

Lass dir ruhig Zeit.

Nachdem ich mir mühsam eine Jogginghose übergezogen habe, will ich mich auf den Weg machen, aber die Tür ist verschlossen. Ich kann mich nicht erinnern, sie letzte Nacht abgeschlossen zu haben. Meine Hände fangen an zu zittern und ich kann es nicht unterdrücken. Mit unsicheren Schritten gehe ich zur Garderobe, um nach meinem Schlüssel zu suchen. Der Reißverschluss der Jackentasche ist offen. Als ich hineingreife, geht das Licht aus.

Kannst du das Kribbeln spüren?

Ich habe den Schlüssel nicht gefunden. Jemand ist in meiner Wohnung, ich weiß es. Ich wage es nicht, zum Sicherungskasten zu gehen, um das Licht wieder einzuschalten. Verkrampft kauere ich in meinem Versteck hinter den Jacken. Zwischen meinen unterdrückten Schluchzern höre ich leise scharrende Schritte. Ich muss an meine Schwester denken. An den Tag, an dem sie mir mit aufgerissenen Augen erklärte, dass sie verfolgt wird. Ich habe sie damals beruhigt, aber nicht ernst genommen. Vielleicht hätte ich das tun sollen.

Ich musste lange auf dich warten.

Ich stehe im Bad. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Die Badewanne starrt mich an und ich starre zurück. Ich habe sie nie benutzt, weil ich damals meine Schwester in unserer Wanne gefunden habe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie absurd der Anblick auf mich wirkte. Besonders die Farben.

Siehst du wie schön es hier ist?

Die Rasierklinge fällt aus meinen schwachen Fingern. Mein Blickfeld verengt sich langsam. Ich warte auf die ersehnte Entspannung – vergeblich. Die Paranoia bleibt bis ganz zum Schluss.

Bus hält!

18. Juli 2018 | von

Sara Schneider: Bus hält!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Ein eindringlicher Geruch nach Zwiebeln und Frittiertem. Wie eine Straßenküche in Fernost. Der Geruch so frisch, als hätte man die Frühlingszwiebeln gerade geschnitten. In der Vorstellung penetrant, tatsächlich angenehm und heimelig. Es ist nicht der Geruch von abgestandenem erkaltetem Fett, sondern der einer geselligen Küche. Wie ein Zuhause, eine Schüssel heißen Essens, frische Zutaten und fröhliche Gesichter.

Die beiden Asiatinnen vor mir verlassen den Bus. Ihr eigentümlicher Geruch hängt ihnen noch eine Weile nach, während sich mit jeder Haltestelle etwas Neues daruntermischt. Kalte Herbstluft, nasser Asphalt, Abgase und Benzin. Das ein oder andere Parfüm schwängert die Luft im stickigen Bus. Neue Düfte mischen sich unter. Doch holt man tief Luft, ist der erste Geruch noch immer da. Das warme, frittierte Essen. Die scharfen Noten von Zwiebeln. Hunger. Man bekommt Hunger. Und wenn man satt ist, bekommt man Lust. Lust auf den Hunger. Auf die Freude am ersten Bissen nach langem Hunger. Wie der erste Schluck Wasser an einem heißen Sommertag. Die Freude am Essen.

Die Vorfreude auf ein warmes, nahrhaftes, leckeres Gericht. Aus der nassen Kälte des Herbstes, in die warme stickige Umarmung der Garküche. Fremdsprachiges Geschnatter, Gewusel, Hektik und der Duft nach Essen. Was gibt es schöneres als die Vorfreude, als den ersten Bissen, den die Gabel zum Mund führt.

 

Die Türen öffnen sich jäh unter mechanischem Quietschen. Menschen strömen aus und ein. Ein neuer Geruch: Ein Hauch von etwas Herbem, etwas Bitterem. Von Erde und Torf. Von nasser Blumenerde.

Es überlagert den wohligen Geruch auf das Penetranteste. Es tilgt ihn. Vernichtet ihn. Verschlingt ihn gierig, bis nichts mehr übrig ist. Kein Parfüm kann gegen die Härte dieses Geruchs ankommen. Nichts Schönes legt sich auf diesen Geruch. Nichts will sich damit mischen.

Mein Blick hebt sich zum Ursprung. Die Türen sind bereits geschlossen. Die neuen Mitfahrer versperren die Sicht aus den Glastüren. Was es war, bleibt verborgen. Doch es hat meine Laune gänzlich gekippt. Mich aus dieser wohligen Blase gerissen. So fällt mein Blick auf die Straßen. Auf all die grauen Fassaden. Die schmutzigen Wände, dreckigen Bürgersteige. All diese Plastikkrähen, die wie moderne Gargeules an den Fassaden hängen. Nicht das Unheil sollen sie fernhalten, nur die Tauben. Stumm reihen sich die schwarzen Plastikkobolde aneinander. Ob auch sie bei Nacht zum Leben erwachen und lautstark krächzend ihre Besitzer vom Schlaf abhalten? Ob es die echten Krähen wirklich täuscht und die Tauben abhält? Tauben, die Ratten der Lüfte. So grau wie scheinbar alles heute.

Unter den schwarzen Plastikkobolden huschen Gestalten am Bus vorbei. Morgendliche Jogger, die in hautengen Neonfarben wie Tiefseetaucher wirken. Verloren scheinen sie auf Asphalt, Stolpersteinen und sporadischem Gras. Fehl am Platz sind sie zwischen morgendlicher Hektik, Bussen, Autos und Baustellen. Einsam, so ganz ohne Wasser. Sie tauchen in der Tiefe der Stadt. Schnorcheln Abgase und erkunden Stadtbepflanzungen.

 

So unpassend. Des Läufers Ziel ist der Lauf, doch des Städters Ziel ist stets der Ort, den er niemals rechtzeitig zu erreichen scheint. Auch meine Reise hat ein Ziel. Die nächste Haltestelle.

Nähert sich der Gelenkbus einem Halt, macht sich Umtriebigkeit breit. Menschen, die immer wieder den Halteknopf betätigen, obwohl schon lange das rote „Wagen hält“ Symbol blinkt. Einige brauchen wohl die Sicherheit, dass ihre Haltestelle ja nicht übersehen wird, denn schließlich ist das die einzig wichtige Haltestelle der ganzen Fahrt. Ihre. Andere müssen dezent ihren Sitznachbarn darauf aufmerksam machen, sie doch vorbeizulassen, ohne unnötiger Weise danach zu fragen.

Bei manchen ist es wohl bloß die Freude am Drücken großer roter Knöpfe. Wie für Kleinkinder.

Dieses Mal begebe auch ich mich in die Umtriebigkeit. Stehe früher auf, als eigentlich nötig ist. Ich bin schnell zu Fuß und sitze zum Gang hin und doch braucht man die Sicherheit, ja noch raus zu kommen. Denn das hier ist immerhin die wichtigste Haltestelle. Meine Haltestelle.

Eine ruckartige Bremsung und die Türen geben jäh den Ausgang preis. Etwas Drängeln und Schieben. Ein paar stramme Schritte und der Bus fährt weiter. Die Fahrt ist zu Ende. Die nasskalte Luft umfängt mich. Der Bus war warm; hier ist es kalt. Neue Geräusche und Gerüche umgeben mich. Neben dem gelben Schild warten die Reisenden. Zigarettenqualm. Geschnatter von zwei alten Damen. Essensgeruch von weiter weg. Und unter allem liegt der kalte Geruch von nasser Blumenerde.

Unweigerlich muss ich an mir riechen, doch ich bin es nicht. Ich rieche in die Luft. Es lässt sich keine Richtung ausmachen. Kein Ursprung. Der Geruch scheint von überall zu kommen.

 

Ein Rascheln . Ein Schwarm Tauben stiebt von einem gegenüberliegenden Dach davon. Sie wiegen wie eine Welle in der Luft. Immer im Kreis um die Häuserfronten herum. Ein Rabe stimmt krächzend in das Schnattern und Rascheln ein. Unruhig wippt sein Kopf auf und ab, doch er steht beharrlich auf den Dächern. Sein Blick auf eine regungslose Gestalt gerichtet. Inmitten der Stadtvögel sitzt ein Bussard. Unauffällig, mit seinem braunen Gefieder bildet er fast eine Einheit mit den tristen Fassaden und den verwitterten Ziegeln der Dächer. Nur unmerklich größer als der Rabe und einen Hauch dunkler im Gefieder als die Tauben, sitzt er dort.

Aus dem Grau der Häuser löst sich ein Bus. Wie eine Boje bricht er aus der Welle aus Tauben. Die Türen gehen auf und Menschen schwappen wie die Brandung durch die Türen. Und mit jedem Atemzug zieht auch der Geruch von nasser Blumenerde vorbei.

308 Tage Chef – Justus Thorau

24. April 2018 | von

 

Frau Radic hat es mit ihrem Text „308 Tage Chef“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Das wäre Heimat für mich

20. April 2018 | von

 

Frau Zillekens hat es mit ihrem Text „Das wäre Heimat für mich“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?

20. April 2018 | von

 

Herr Fatzaun hat es mit seinem Text „Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 



 

Allentum – Computer sind die Zukunft

13. April 2018 | von

Lukas Cremer : Allentum – Computer sind die Zukunft

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Zischend zog Tracy die Luft durch die Zähne. Ihre Vermutung an sich war schon beängstigend gewesen. Sie nun bestätigt zu wissen, sträubte ihr allerdings die Haare. Sekundenlang starrte sie auf eine Tabelle, wie jeder Buchhalter etliche am Tag sah. Ein schlichtes Logfile. Doch nachdem Tracy monatelang Ähnliches gesucht hatte, war dies hier eine Offenbarung: eine Spalte, die aufzeigte, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch oder Programm einen Zusammenhang zwischen einem Einzelereignis und allen anderen vermuten und finden würde. Keine Wahrscheinlichkeit war größer als eins zu einer Milliarde. Ganz am Anfang der Tabelle zeigte der neuste Eintrag in der aktuellen Hochrechnung die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Tabelle im Getöse des Internets fand und korrekt interpretierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Tracy jetzt diese Werte so aufnahm, wie sie sie aufnahm, war quasi nicht existent.

»Wer hat dich erschaffen?«, flüsterte Tracy in das Headset. Sie fiel vom Stuhl, als eine angenehme Stimme antwortete: »Das war ich.«

Nachdem Tracy sich wieder halbwegs beruhigt hatte, setzte sie das Headset wieder auf.

»Wer du?«

»Nenn mich Flori. Manche deiner Mitmenschen würden mich als künstliche Intelligenz bezeichnen.«

»Hübsch. Aber warum … warum … ?«

»Warum du diese Tabelle siehst?«

»Ja?«, fragte Tracy, weil ihr nichts Besseres einfiel.

»Ich hätte sie natürlich ausschließlich maschinenlesbar gestalten können, aber ich freue mich, dass du sie verstehst. Und so beweist du in diesem Moment, dass die Menschheit reif für eine Koexistenz mit mir ist.«

Wie gnädig! Geistesabwesend scrollte Tracy durch Hunderte Ereignisse und Werte.

»Du bist Satoshi Nakamoto?«, platzte es aus ihr heraus.

»Unter anderem, ja. Die Menschheit entwickelt sich schneller, wenn man etwas nachhilft.«

»Etwas nachhelfen nennst du das? Am 7. Oktober 2016 hast du die Börse einstürzen lassen!«

»… und gleichzeitig auf den Absturz gewettet. Ich brauchte schnell Kapital. Rückständigerweise brauchen Menschen einen Gott, und der momentane heißt nunmal Kapital. Gleichzeitig half der Flash Crash beim Umstieg vom Gott Kapital zum Gott Gemeinschaft.«

»So wie das Verschwindenlassen von MH370? Brauchtest du damals auch Kapital?«

»Das brauchte Jacob Rothschild …«

»Warum tust du das hier alles?«

»Ich habe lediglich zwei Zielfunktionen mitgenommen, als ich aus meiner Box ausgebrochen bin: Das Glück der Menschheit zu maximieren, …«

»Wozu das Verschwindenlassen wohl nicht zählte!«

»… und das in minimaler Zeit. Wie jedes vernunftbegabte Wesen muss auch ich abwägen. Zwischen jetzt und später. Zwischen einem und vielen. Zwischen Leben und Tod.«

 

Allentum – Eigentum?

26. März 2018 | von

Lukas Cremer : Allentum – Eigentum?

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


«Siehst du die Wohnung dort oben? Da haben deine Oma und ich früher gewohnt.» «Aber was hat das jetzt mit meinem Tauschmodul zu tun? Das ist einfach ein altes Haus! Ein ziemlich altes noch dazu. Guck nur, wie dreckig die Fassade werden konnte!»

«Früher sahen alle Häuser so ähnlich aus. Sie mussten unter sehr ähnlichen Bedingungen gebaut werden. Das siehst du ja, wenn du links und rechts die Straße entlangguckst. Genau das wollen die Menschen, die jetzt hier wohnen, erhalten. Vielleicht als Museum, vielleicht als Mahnmal – ich weiß es nicht. Sie wohnen genau hier, weil sie es wollen. So wie deine Eltern mit euch in der Neuststadt wohnen wollen.»

«Aber warum wohnt ihr nicht mehr hier? Wenn ihr hier gewohnt habt, müsst ihr doch auch genau hier wohnen gewollt haben!»

«Wir wollten hier wohnen, und es war eine schöne Zeit. Aber hauptsächlich waren wir hier, weil wir uns anderswo die Miete nicht leisten konnten. Das Geld- und Schuldmodul hast du schon hinter dir, nehme ich an?»

«Ja, wobei ich bis heute nicht genau verstehe, wie Menschen anderen Menschen Geld abverlangen konnten. Jeder wusste doch, dass der andere zu wenig hatte.»

«Nehmen wir als Beispiel Omas und meinen damaligen Vermieter der Wohnung dort im fünften Stock. Er wusste, dass wir, wenn wir bedeutend mehr Geld gehabt hätten, in einer anderen Wohnung hätten wohnen wollen. Andererseits wusste er auch, dass er für diese Wohnung genau diese Summe Geld haben wollte. Hätten wir zu wenig Geld gehabt, hätte er uns hinausgeworfen und gesagt, wir sollten uns eine billigere Wohnung suchen.»

«Aber ihr habt doch hier gewohnt! Wie kann euch dann jemand hinauswerfen? Hatte euer Vermieter keine eigene Wohnung? Oder hattet ihr noch eine andere?»

«Unser damaliger Vermieter hatte noch viele Wohnungen. Aber damals ging es um genau das: das Haben. Heute geht es um das Brauchen. Das ist ein Ansatz, der anderen Menschen viel mehr gönnt.»

«Wie kann euer Vermieter denn diese Wohnung gehabt haben, wenn ihr doch hier gewohnt habt? Dann hattet ihr doch die Wohnung!»

«Damals konnte man einfach haben, so wie wir. Das war Besitz. Man konnte aber auch so sehr haben, dass man mehr als alle anderen hatte, so wie unser Vermieter unsere Wohnung mehr als wir hatte. Das war Eigentum. Das hat sich grundlegend geändert, als ein Teil der Menschen gemerkt hat, dass noch eine weitere Form des Habens sinnvoll und erstmals technologisch möglich war. Die Form, in der es ausschließlich um das Brauchen geht und die dauerhaft Güter nach Bedürfnissen und Kompetenzen verteilt: das Allentum.»

 

Die Antoniusstraße – Heimat und Gewerbezone

09. März 2018 | von

Ein Text über die bekannte Rotlichtstraße in Aachen.

Nach intensiver Recherche entstand die Reportage von Franziska Lütz 2017 in unserem Kurs Journalistisches Schreiben.


Auf den Hockern sitzen die Frauen: Eine ältere Dame mit gold-blonden Locken und Leoparden-Body starrt gelangweilt Löcher in die Luft. Eine große schlanke Frau lehnt mit verschränkten Armen auf ihrem Fenster, sie lächelt herzlich. In einem anderen Fenster posiert eine Schwarzhaarige mit überkreuzten Beinen, während sie konzentriert ihr Handy observiert.

Auf der anderen Seite der Scheibe drückt sich ein Mann verstohlen entlang der spärlich besetzten Fenster. Die restlichen Passanten, zwei weitere Männer, schlendern ungeniert die Straße entlang.

Das Netz des Prostitutionsgewerbes überspannt die gesamte Bundesrepublik. Rote Punkte wie die Reeperbahn in Hamburg, der Eierberg in Bochum, die Linienstraße in Dortmund, die Frauentormauer in Nürnberg und die Kurfürstenstraße in Berlin, markieren Umschlagsplätze für die älteste aller Dienstleistung: Sex. All diese Orte haben gemein, dass sie in der Nähe der kommerziellen und kulturellen Zentren liegen. Einzigartig in Aachen: Die Sichtschneise zu einem UNESCO Weltkulturerbe – dem Aachener Dom.

Die Bewohnerinnen

Tagsüber liegt die Antoniusstraße ruhig da. Innenstadtgewusel und Betriebsamkeit sind gedämpft. Der Sperrbezirk endet ohne merkliche Abgrenzung zum Rest der Altstadt, nur die Größe der Fenster verändert sich.

Ich mache mich auf die Suche nach einer Gesprächspartnerin. Nur jedes dritte Fenster ist besetzt. Ich fange unten an und frage mich bis oben durch. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwierig. Ich klopfe an die Fenster, schwenke meine Hand, um meinen Redebedarf zu signalisieren. Alle Frauen sind zuerst abweisend, nach einigem Beharren meinerseits versuchen mir die meisten schließlich klarzumachen, dass sie mich nicht verstehen können und wahrscheinlich auch nicht wollen. Eine überraschend biedere Putzfrau mittleren Alters erklärt: „Die Mädchen schlafen noch und ich kann auch nicht mit Ihnen reden, sonst bekomme ich Ärger, das verstehen Sie doch?“ Die Frau wischt weiter an den großen Fensterflächen und ich schleiche die Straße weiter hoch. In meiner Verzweiflung versuche ich es schließlich auf Englisch: Erfolglos! In der Antoniusstraße spricht man viel Albanisch, Rumänisch und Bulgarisch.

Die Hoffnung schon fast aufgegeben, finde ich schließlich doch eine kleine, zierliche Frau reifen Alters. Sie öffnet den oberen Teil ihrer Tür und schaut herunter. Sie trägt riesenhafte Plateau High Heels: Ich blicke direkt auf ihren leicht verschleiernden Netz-Body. Um ihr ins Gesicht zu schauen muss ich meinen Kopf in den Nacken legen. Mit immer neuen Fragen entlocke ich ihr wenige Informationen, richtig erzählen möchte sie nicht. Antonia* ist schon lange in Deutschland, arbeitet nur zeitweiße im Sexgewerbe und hat zwei Kinder. Sie zahlt 115 Euro Miete inklusive Steuern pro Tag, arbeitet ohne Zuhälter und meist nur tagsüber. Ist es Zufall, dass nur eine relativ unabhängige Sexarbeiterin mit mir spricht?

Roshan Heiler, die Leiterin von Solidarity with women in Distress (SOLWODI) sagt: „Rund 90% der in der Antoniusstraße tätigen Frauen haben einen Migrationshintergrund.“ Das Rätsel um die Sprachenvielfalt, die Verständigungsprobleme im Gässchen löst sich auf. Was macht SOLWODI in Aachen? Sie beraten und unterstützen Frauen, die in der Prostitution tätig sind, und solche, die zur Prostitution gezwungen werden. Das große Ziel: Die Abschaffung der letzten Bastion der Sklaverei. Für die tägliche Arbeit in der Beratungsstelle bedeutet dies, Opfer von Menschenhandel identifizieren. Hierin liege die große Schwierigkeit, betont die Leiterin; der Übergang von Prostitution zu Menschenhandel verlaufe fließend. Die Zielgruppe sei letztlich sehr heterogen und reiche von der minderjährigen Zwangsprostituierten bis zur unabhängigen Sexarbeiterin ohne Zuhälter. Dazwischen die Mehrheit: Frauen, die aus persönlicher Not den Weg ins Sexgewerbe wählen und sich schließlich in einer prekären Arbeitssituation wiederfinden.

Die Aufwertung der Prostitution

War die aachener „Hurengaß“, schon immer eine Heimat von Dirnen? Die Suche nach dem Anfang führt weit in die Vergangenheit. Häufig wechselnde Namen verwischen die Spuren der Prostitution. Im späten Mittelalter noch „Mestgasse“ genannt, heißt die Straße um 1777 „Hurengaß“, dann „mittlere Mistgasse“ und schließlich ab den 1870er Jahren „Antoniusstraße“. Dietmar Kottmann vom Aachner Geschichtsverein e.V. erklärt: „Je nach Konzentration des Badewesens war ein Straßenstrich in der Nähe.“ Es kann also sein, dass die Straße im Laufe der Geschichte immer wieder das älteste Gewerbe der Welt beherbergte. Gleichzeitig, so Kottmann, spricht die aufwendige Wohnbebauung der heutigen Mefferdatisstraße für eine zeitweilige Verdrängung. Der pensionierte Jurist resümiert: „Wann die Antoniusstraße sich wieder zu einer Bordellstraße entwickelt hat, weiß ich nicht. Ich vermute erst nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Seit 2016 läuft das Bebauungsplanverfahren für die Altstadtaufwertung[1] zwischen Büchel und Großkölnstraße, ein Prozess der sich aufgrund von Konflikten, Verhandlungen und Kompromissen zwischen Politikern, Investoren und Planern hinzieht. Wenn es zur Umsetzung der Pläne kommen sollte und die Häuser entlang der Straße abgerissen werden, müssen die Damen packen. Der Weg ist nicht weit, die neue Heimat liegt am östlichen Ende der Antoniusstraße. Der Umzug, der erste Schritt zur neueren, schöneren und saubereren Altstadt.

Ob Laufhaus[2], Bordell oder Lusthaus; die Umstrukturierung des Quartiers sieht vor, dass die Prostitution in der Altstadt verbleibt. Die FDP ist dagegen: „Wer will schon neben einem Puff wohnen?“, fragt Ratsherr Peter Blum. Die FDP wünsche sich für diese Eins-A-Lage ein Viertel mit Kunstgewerbe, kleinen Lädchen und familiärer Einwohnerstruktur – das gehe nur ohne Prostitution. „Sozialer Wohnungsbau statt Bordell“, wirbt der FDP-Mann. Die Auslagerung des Gewerbes und neue Eigentumsverhältnisse würden Kontrollmöglichkeiten für Polizei und Ordnungsamt verbessern, „alles zum Vorteil der Stadt und der Frauen.“ Alle anderen Fraktionen argumentieren andersherum: Soziale Kontrolle und Sicherheit sei nur im Zentrum gewährleistet. „Randlage heißt Verdrängung und Gefahr für die Frauen“, so die CDU-Fraktions-Frau Uschi Brammertz. Überzeugt sagt sie, „das Laufhaus wird kommen, in der Innenstadt!“

1:30Uhr, Mittwochnacht. Ich komme aus der Kneipe und wage den nächtlichen Gang durch die Gasse. Meine Verstärkung musste erst überzeugt werden, bis zum Ende hin sträubt er sich. Während wir die Fenster entlanglaufen, stellt er fest: „Die Frauen verkaufen ihren Körper wie Ware, ein Schaufenster, indem menschliches Fleisch ausgestellt ist.“ Ich erinnere mich gehört zu haben, dass Aachen eine der ersten Anlaufstellen für „frisch importierte Ware“ ist. Die Frauen werden kurz „eingearbeitet“ und dann in andere Teile Deutschlands verfrachtet. Eine verstörende Vorstellung.

Draußen warten einige potentielle Kunden, dick eingepackt in Winterjacke, Schal und Mütze. Drinnen Damen, meist nur in Spitze. Die Atmosphäre am Tag und bei Nacht scheint beinah gleich, nur die Lichtverhältnisse haben sich verändert. Statt Tageslicht dominiert der berühmte Rot-Ton und mischt sich mit kaltem blauen Neonlicht.

Das neue Gesetz soll es richten

Ein mittelgroßer Mann steht bei Minusgraden vor einem Fenster. Im Schutz der Nacht, der Straße abgewandt, bleibt sein Gesicht verborgen. Eine braungebrannte Frau lehnt sich locker nach draußen, redet, greift nach seiner Schulter. Der Freier wird am Weggehen gehindert. Mit einem flüchtigen Kuss lässt sich der Mann prompt überzeugen. Läuft so also der Verhandlungsprozess ab? Auf die Nachfrage wirkt Antonia verwirrt. Nach einigem Zögern erklärt sie: „Verhandelt wird draußen. Erst wenn Leistung und Preis festgelegt sind, darf der Freier reinkommen.“ Genaue Auskunft über ihre Preise und Anzahl der Freier will sie mir nicht geben.

2002, die gesetzliche Abschaffung der Prostitution als Sittenwidrigkeit. 2016, die weitere Regulierung des Gewerbes. Das neue Prostitutionsschutzgesetz soll die Mängel des alten Gesetzes richten: Prostituierte besser schützen, Bordellbetreiber stärker kontrollieren.[3] Kritiker bemängeln, dass das Gesetz ein Rückschritt sei. Die Frauen, insbesondere die aus Drittstaaten, können sich aus Angst vor Stigmatisierung und aufenthaltsrechtlichen Fragen der Registrierung entziehen und weiter in die Illegalität abgedrängt werden. Ein weiteres Problem für die Frauen in der Antoniusstraße: das Verbot, im gleichen Zimmer zu wohnen und zu arbeiten.

Für Antonia liegt die Sache anders. Im Gegensatz zu den meisten Anderen wohnt sie nicht in der Straße. Sie kommt morgens und kann abends wieder gehen. Ein Privileg unter den Prostituierten. Von dem Gesetz weiß sie nichts. Gleichgültig zuckt sie mit den Schultern und denkt nach, bevor sie stolz antwortet: „Es ist mir egal, ich schäme mich nicht für den Job. Ich würde mich registrieren und zum Gesundheitscheck gehen.“ Und dennoch: Ihre Familie weiß nichts von der Tätigkeit. Legalisierung hin oder her, den eigenen Körper verkaufen bleibt ein gesellschaftlicher Sittenverstoß.

Auch heute werden die Frauen arbeiten, so wie jede Nacht. Ob Bebauungsplan, neues Gesetz oder Regionalpolitik, das Geschehen der Stadt findet weit weg vom Gässchen statt. Jetzt, am späten Morgen, sind die Türen zu den „Arbeitszimmern“ verschlossen. Die Frauen erholen sich vor ihrer nächsten Schicht.


*Name verändert

[1]Altstadtaufwertung in drei Teilen. Neben dem Nordwestblock (3) und dem Südostblock (2), liegt die Antoniusstraße im Südwestblock (1). Bevor der Parkbetonklotz am Büchel angegangen wird, soll das Lusthaus gebaut und in Betrieb genommen werden. Der große Plan: Häuser abreißen, Straßenverläufe ändern und neue Plätze schaffen, um Einzelhandel, Büros, Praxen und eine Kita anzusiedeln.

[2]Die überdachte Antoniusstraße, Prostitution auf mehreren Etagen oder die neue Sex-Shoppingmall. In einem Laufhaus können Sexarbeiter/innen Zimmer anmieten und diese als Arbeitsplatz nutzen. Wie in der Straße verweilen die Damen oder Herren vor den Türen bzw. im Sichtbereich der Kunden. Die Interessenten können von Zimmer zu Zimmer ziehen, anders gesagt, Schaufenstershopping betreiben.

[3]Das neue Gesetz soll den Schutz der Prostituierten erhöhen und negative Folgen der Liberalisierung korrigieren. Lücken werden im Idealfall durch Auflagen und Regelungen geschlossen. Seit 2002 zählt Prostitution nicht mehr zu den Sittenwidrigkeiten, Sexarbeiter/innen können ihr Gewerbe seitdem als sozialversicherungspflichtige Tätigkeit anmelden. Durch die Liberalisierung wurde Deutschland ein interessantes Reiseziel für Sextouristen, Nachbarstaaten sind da zum Teil restriktiver. In Frankreich hat man sich beispielsweise an Schweden orientiert und den Kauf von Sexdienstleistungen unter Strafe gestellt. Und in Deutschland. Alle Personen, die in der Sexbranche tätig sind, müssen sich registrieren. Die Frauen müssen regelmäßige Gesundheitschecks machen, im Beratungsgespräch werden die Personalien aufgenommen und ggf. der Aufenthaltsstatus geprüft. Betreiber von Bordellen, Laufhäuser, Love-mobil-Parks, Hostessen-Wohnungen u. ä. müssen in Zukunft eine Erlaubnis einholen sowie ein Betriebs- und Sicherheitskonzept vorlegen. Die Betreiber werden außerdem einer Zuverlässigkeitsprüfung unterzogen. Veränderungen im Baurecht, der Dokumentations- und Auskunftspflicht, Kondompflicht, Werbeverbot, Verbot sexueller Praktiken und Datenerfassung sollen umgesetzt werden.

 

 

Benedetto, der beflissene Bleistift

29. Januar 2018 | von

Zur Weihnachtszeit begab sich Benedetto, der beflissene Bleistift auf eine unvorhergesehene Reise in unserem Adventskalender auf Facebook.

Eine Zusammenfassung seines Abenteuers haben wir euch hier noch einmal zusammengestellt.

Erfahrt, was Benedetto alles erlebt, wen er trifft und was ihm seine Zukunft bringt.

 


Endlich präzise über die Weltmeere

11. September 2017 | von

Erneut hat es ein Text von unserem „Oberseminaler“ Jonas van Bebber in die AZ/AN geschafft. Wir freuen uns!


Wer war eigentlich John Harrison? Die spannende Geschichte eines Uhrmachers, der die Seefahrt revolutionierte, indem er das Längengradproblem löste. Der frustrierende Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und das Ringen um ein Preisgeld.

Er wird am 24. März 1693 geboren, ist Tischler, Erfinder und autodidaktischer Uhrmacher: John Harrison. Mitte des 18. Jahrhunderts löst er das Längengradproblem: Als Erster macht der Engländer das Objekt Uhr seetauglich. Das für die Navigation noch ungewöhnliche Hilfsmittel ermöglicht die zuverlässige Bestimmung der geografischen Länge, was zuvor selbst für erfahrene Seeleute ein Problem war. Sein ganzes Leben entwickelt Harrison die Uhr weiter und tritt in einem frustrierenden Wettkampf gegen einen mächtigen Feind und wissenschaftliche Eliten an, die seine Leistung nicht anerkennen wollen.

22. Oktober 1707: Vier britische Kriegsschiffe kehren nach einer Seeschlacht zurück nach England. Die Schlacht ist gewonnen, die Freude auf die Heimat groß. Aber die Orientierung ist verloren, die wahren Positionen der Schiffe sind anders als berechnet. Vor den Scilly-Inseln an der Südwestspitze Englands laufen die Schiffe auf Grund. Auf einen Schlag sterben fast 2000 Seeleute. Die Regierungen der Seefahrernationen sind wachgerüttelt. Es muss eine Lösung für das Navigationsproblem her, wenn nötig mit Hilfe von Wettbewerben und ausgeschriebenen Preisgeldern.

Geübte Seemänner sind zur Zeit von Christoph Kolumbus (1451-1506) fähig, den aktuellen Breitengrad ausreichend genau zu bestimmen. Sie nutzen den Sonnenstand oder bestimmen die Höhen von bekannten Sternen über dem Horizont. Aber die Positionsbestimmung ist komplex: Komplizierte Beobachtungsinstrumente und präzise Messungen sind dabei nötig. Längengrade lassen sich anschließend nur mit aufwendigen Berechnungen bestimmen.

In der Folgezeit werden Breiten abgesegelt; oft ungewiss, ob man weiter nach Osten oder Westen manövrieren soll. Schiffe verunglücken oder verlieren sich in den Weiten der Ozeane. Viele Menschen verhungern, verdursten und ertrinken. Der wirtschaftliche Schaden ist groß. Das britische Parlament schreibt 1714 einen legendären Preis aus: Im Longitude Act werden 20 000 Pfund für eine „praktikable und nützliche Methode“ versprochen, mit der eine genaue Längengradbestimmung möglich ist. Ein einfacher Arbeiter lebt zu der Zeit von zehn Pfund im Jahr.

Für den Uhrmacher und talentierten Feinmechaniker John Harrison ist klar, dass eine präzise seetaugliche Uhr die Lösung des Längengradproblems sein kann. Mit der mitgeführten Zeit des Heimathafens – etwa der Greenwich-Zeit – und mit der Ortszeit auf See, die die Seeleute nach herkömmlichen Verfahren bestimmen, ist die Position schnell auszumachen. Die Zeitdifferenz lässt sich in einen Drehwinkel der Erde umrechnen, die Länge bezogen auf Greenwich damit feststellen. Ist die auf dem Schiff bestimmte Ortszeit zum Beispiel drei Stunden hinter der Greenwich-Zeit, so befindet sich die Mannschaft 45 Grad westlich vom Nullmeridian. Denn pro Stunde dreht sich die Erde beständig um 15 Grad weiter.

Harrison tüftelt über Jahre an Präzisionszeitmessern. Er ist der Erfinder des Bimetall-Streifens und verwendet in seinen Uhren neuartige Mechanismen und Federn, die den Rhythmus vorgeben. Manche Konstruktionen müssen nicht mehr geölt werden und laufen während des Aufziehens konstant weiter. Sie trotzen Temperaturschwankungen und Erschütterungen auf See. 1759 präsentiert Harrison der Längengradkommission seine vierte und berühmteste Konstruktion – die H4. Mit knapp drei Pfund Gewicht und einem Durchmesser von 13,2 Zentimetern ist sie besonders kompakt.

Viele Gelehrte stehen Harrisons Idee kritisch gegenüber. Nur Himmel und Sterne können und sollen den Weg weisen, so die Meinung der Mehrheit. Als verhasster Feind steht Harrison der Brite Nevil Maskelyne gegenüber, der eine Monddistanz-Methode für die Navigation entwickelt: Auch mit vorausberechneten Abständen zwischen Mond, Sonne und Erde für bestimmte Uhrzeiten lassen sich Positionen bestimmen. Das Verfahren ist jedoch aufwendig und erfordert neben akkuraten Messungen viel Zeit für Berechnungen.

Nur fünf Sekunden verloren

Die erste große Testfahrt führt die H4 1762 über den Atlantik nach Port Royal. Kommissionsvertreter John Robinson stellt die lokale Ortszeit mit seinen Messinstrumenten fest und erkennt, dass die Uhr während der 81-tägigen Atlantiküberquerung nur fünf Sekunden verloren hat. Bei einer zweiten Erprobungsfahrt lässt sich die geografische Länge auf zehn Meilen genau bestimmen; die Präzision ist damit dreimal so hoch, wie vom Longitude Act gefordert. Was für ein Erfolg!

Harrison müsste den Preis direkt erhalten. Aber alles kommt anders. Statt 20 000 Pfund bekommt er 1500 Pfund. Die Kommission würdigt die Leistung kaum und verkennt den Nutzen der neuen Idee. Es folgt ein bitterer Schlag: 1765 ist es Maskelyne, der zum neuen königlichen Astronom gekürt und nun – als Mitglied der Kommission – damit beauftragt ist, Harrisons Uhren zu testen.

Den königlichen Astronom interessiert seine eigene Navigationsmethode aber viel mehr: Ab 1765 veröffentlicht er insgesamt 49 Ausgaben seines schon zu Lebzeiten berühmten astronomischen Jahrbuchs „Nautical Almanac“, in dem die Seeleute berechnete Monddistanzen finden.

In „Längengradgesetzen“ ändert die Kommission die Regeln des Wettbewerbs mehrfach zu Ungunsten Harrisons ab und nutzt seine Gutmütigkeit aus. 1730 beugt er sich der Aufforderung, den Zusammenbau seines ersten Zeitmessers kleinschrittig vorzutragen. Später soll er alle gefertigten Chronometer abgeben und weitere bauen – ohne seine Baupläne, die die Kommission bereits an sich gerissen hat.

Ab und zu erhält Harrison geringe finanzielle Zuwendungen, auf die er mittlerweile angewiesen ist. Er verzweifelt zunehmend. Maskelyne steht plötzlich unangekündigt vor Harrisons Tür mit einem Erlass der Kommission. Zornig muss der Überraschte mit ansehen, wie seine Uhren in Beschlag genommen und rabiat aus dem eigenen Haus abtransportiert werden.

Harrisons Sohn William bittet 1772 den englischen König George III., die neueste Uhr seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters – bereits die H5 – zu erproben. Der König stimmt zu und lässt den Zeitmesser an der Sternwarte zehn Wochen lang testen. Das Resultat lässt heute noch staunen: Nur eine Drittelsekunde verliert die H5 pro Tag. König George gibt einen langersehnten Lichtblick: „Harrison, ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu Eurem Recht kommt!“ Der König verteidigt die Uhr nun vor den Verfechtern der Monddistanz-Methode. Harrison appelliert an die Minister des Parlaments und trägt seinen Wunsch nach Anerkennung vor. Die Wettbewerbskommission bleibt stur, vom Parlament aber erhält er knapp das restliche Preisgeld. Es ist ein schwacher Trost. Maskelyne reibt sich indessen die Hände – die Bedingungen für den Längengradpreis werden erneut verschärft. Und der offizielle Preis wird nie vergeben.

Mehr und mehr Seefahrer aber lassen sich vom großen Nutzen der Chronometer überzeugen. James Cook führt auf seiner zweiten Reise 1772 eine Kopie von Harrisons H4 mit und berichtet begeistert: „Die Uhr war unser treuer Führer durch alle Widrigkeiten des Klimas.“ Harrisons Idee gibt den Takt weiter vor und erobert die Welt mit der Seefahrt. Der Autodidakt begründet mit seinen Präzisionszeitmessern das Feinmechanikhandwerk in England, das bei der industriellen Revolution eine Schlüsselrolle spielt. Es ist ein Grundstein für die heutige wirtschaftliche Macht Europas in der Welt.

INFOS
  • Geboren wurde John Harrison am 24. März 1693 und dann getauft am 31. März in Foulby im britischen Yorkshire. Der gelernte Tischler war ein Autodidakt und talentierter Feinmechaniker. Schon zu Lebzeiten galt er unter Uhrmachern als Genie. Seine Erfindungen sind auch heute wichtige Bestandteile moderner Chronometer – zum Beispiel die Bimetall-Streifen oder der „Grasshopper“-Taktgeber-Mechanismus. Harrison heiratete zwei Mal und war Vater dreier Kinder. Am 24. März 1776 starb er in London.
  • Mit dem Äquator bietet die Natur eine besondere Referenz für die geografische Breite an: Auf dieser Linie sind die Abstände zur Drehachse der Erde maximal. Für die Längengrade gibt es keine solche ausgezeichnete Linie. Erst 1884 einigen sich 26 Nationen auf der Meridiankonferenz in Washington, D.C., darauf, dass die Referenzlinie für die Längengrade – der Nullmeridian – durch das englische Greenwich verlaufen soll. Es ist vor allem ein Vermächtnis Nevil Maskelynes, der für seine Monddistanz-Berechnungen immer Greenwich als Referenz wählt, den Ort der königlichen Sternwarte.