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Zentrum für Kreatives Schreiben

Im Aachener Regen der Sonne entgegen

08. Dezember 2016 | von

Ein Auto, 40 Aachener Studierende, 3022 km quer durch das australische Outback. Der nötige Antrieb? Die Sonne. In ihrer Reportage stellt uns Isabella Contu das „Team Sonnenwagen Aachen“ vor und berichtet von dem spannenden Vorhaben der Studierenden mit einem selbstgebauten Auto an einem der härtesten Rennen für Solarautos teilzunehmen. Die Reportage ist unserem Seminar Journalistisches Schreiben entstanden und wurde auch in der AStA-Zeitschrift relatif veröffentlicht. Vielen Dank für den tollen Text!


Sonnenwagen Aachen e. V. – ein Auto, 40 Studierende. 3022 km durch das australische Outback, mit 70 km/h. Der nötige Antrieb? Die Sonne. Es geht um die World Solar Challenge, eines der weltweit härtesten Rennen für Solarautos. Ein Team aus Studierenden der RWTH und FH Aachen will nächstes Jahr eines der härtesten Rennen für Solarautos bestreiten.

Modell des „Sonnenwagens“

Team Sonnenwagen

Die Idee, an der World Solar Challenge teilzunehmen, kommt den Studierenden um Hendrik Löbberding in der Klausurphase. Nach einem langen Lerntag sitzt man zusammen in Hendriks WG und unterhält sich über die World Solar Challenge. Bei diesem Autorennen fährt man mit einem selbstgebauten Solarauto mehrere Tage durch die australische Wüste. Schnell denken die Studierenden darüber nach, warum sie nicht einfach selbst teilnehmen – wenn auch nur spaßeshalber.

Kein ganzes Jahr später steht Hendrik auf der Bühne bei „Aachen goes Electro“ am Elisenbrunnen, einem Aachener Elektromobilitätsevent. Er ist jetzt Vorsitzender des Teams Sonnenwagen Aachen. Ein eher unscheinbarer Typ; etwas schlaksig, groß, leicht gekrümmte Haltung, kurzes blondes Haar. Maschinenbauer eben, mag man sich denken. Aber Hendrik steht mittendrin in einem großen Projekt, das über den klassischen Maschinenbau weit hinausgeht und Teams aus aller Welt gepackt hat.

Team und Zuschauer stehen mit Regenschirmen vor der Bühne. Während Hendrik das Projekt vorstellt, regnet es in Strömen. Er und sein Team wollen eigenständig ein Solarauto bauen und damit die World Solar Challenge in Australien bestreiten: eine Rallye, die Auto und Fahrer an ihre Grenzen bringt. An Selbstbewusstsein dafür mangelt es dem Team nicht. „Wir sind hier in Aachen. Wir sind hier besser“, hört man einen von der Bühne aus sagen.

team-sonnenwagen

Team Sonnenwagen

Die Challenge

3022 km müssen auf öffentlichen Straßen quer durch die australische Wüste gefahren werden: einmal von Darwin im Norden bis Adelaide im Süden. Das heißt auch, 5 Tage in der Wüste wild campen, denn so lange braucht man in etwa für die gesamte Rennstrecke.

Die Energie zum Fahren darf ausschließlich aus der Sonne gewonnen werden. Entweder sie wird direkt genutzt oder sie lädt die Batterie, die als Unterstützung im Auto verbaut sein darf. Um eine möglichst hohe Sonneneinstrahlung auszunutzen, wird jeden Tag von 8.00 bis 17.00 Uhr gefahren. In der Mitte eine Stunde Pause mit Fahrerwechsel – das Mindeste wohl für den Fahrer, wenn man bedenkt, dass es im Cockpit bis zu 50° C warm wird. Lediglich die Batterie darf außerhalb der Rennzeiten noch voll aufgeladen werden.

Das Team Sonnenwagen startet in der Challenger Class, der Hauptklasse des Rennens, in der sich Teams aus aller Welt messen. In dieser Klasse darf nur der Pilot im Wagen sitzen. Für diesen heißt es jedoch nicht einfach voll auf das Gaspedal drücken. Gerade weil nur die Sonnenenergie genutzt wird, sind die Fahrstrategie und das Energiemanagement für alle Teams unabdingbar. Fährt das Auto durch Städte sei es unklug zusätzlich die Batterieleistung zu nutzen, denn man dürfe dort nicht so schnell fahren, erklärt der Fahrstratege Martin. Diese feinen Details entscheiden am Ende, wer das Rennen gewinnt.

Die Vorbereitung

Sie gehe gar nicht gerne campen und im Übrigen habe sie auch Angst vor Spinnen, erzählt Johanna, Leiterin des Teams Elektrotechnik. Vielleicht nicht die optimale Voraussetzung, sollte man meinen, doch Johanna ist Feuer und Flamme für das Projekt und möchte das Rennen vor Ort unbedingt begleiten: „Das wird dann schon irgendwie gehen.“ Schließlich schafft sie es auch, sich gegen die vielen Jungs im Team durchzusetzen. Als eines von wenigen Mädchen muss sie einige Jungs gelegentlich daran erinnern, dass sie nicht nur für Marketing-Zwecke im Team ist, sondern bei der Elektrotechnik die Teamleitung übernimmt.

Auf die Frage ob sie sich denn vorstellen könne, das Auto durch die Wüste zu fahren, winkt Johanna ab. Das müsse eine Qual sein, bei der Hitze im Cockpit zu sitzen. Noch steht nicht fest, wer diese unangenehme Aufgabe übernehmen wird. Viel wichtiger ist im Moment, das Auto fertigzubauen, denn noch gibt es nur eine 3D-Druck-Version. Diese ist so groß wie eine Handfläche und sieht aus wie ein Spielzeugauto. Dennoch ist klar: Die Fahrer werden sich auf das Rennen körperlich vorbereiten müssen – „mit Sauna-Gängen oder so“, erwidert einer bei Nachfragen während einer Informationsveranstaltung.

Packesel in Stromlinienform

Das kleine Modell des Sonnenwagens erinnert eher an ein Ufo. An ein Auto denkt man erstmal nicht. Keine Reifen sind zu sehen, nur eine glatte gewölbte Fläche mit einem kleinen Cockpit oben drauf. Schaut man sich Wagen aus vergangenen Rennen an, scheint dieses Modell wohl im Trend zu liegen, optimal um gute Rennzeiten zu erzielen.

4-m²-Photovoltaik-Module sind nach dem Regelwerk zugelassen; das ist so groß, wie ein Bett in einer Jugendherberge. Zur Unterstützung ist eine Batterie, in die das 300-fache einer normalen Handy-Akkuladung passt, zugelassen. Der Motor hat 1000 Watt Leistung – nicht mehr als ein üblicher Staubsauger. Das Fahrwerk vereint Lenkung und Räder. „Batterie, Motor, Reifen, Lenkung – alles muss von der Tragstruktur zusammengehalten werden. Wir nennen sie unseren Packesel!“

Damit dieser Packesel schnell fahren kann, muss er möglichst wenig Reibung haben. Dafür zuständig ist das Team Aerodynamik. Sebastian, der Teamleiter, erzählt vom so genannten cw-Wert: dem Strömungswiderstandswert. „Wir wollen ihn sehr niedrig halten.“ Um herauszufinden, was überhaupt ein niedriger cw-Wert ist, hat er sich im Tierreich umgeguckt. Den besten natürlich vorkommenden cw-Wert hat der Pinguin. „Unser Wagen soll den cw-Wert des Pinguins erreichen!“

Die Aerodynamik ist wichtig, um schnell zu sein. Doch sie schützt auch Fahrer und Auto. Die Rennstrecke ist ein einfacher Highway. Regelmäßig werden dem Sonnenwagen auch Trucks entgegenkommen. Damit diese den Wagen nicht von der Strecke schmeißen, muss die Strömung gut über ihn verteilt werden.

Besser als die anderen

Sonnenwagen e. V. nimmt als erstes Team aus Aachen an der World Solar Challenge teil – ein Nachteil im Vergleich zu anderen Teams, die schon mehrere Male teilgenommen haben. Diese Teams verbessern ihre Wagen nur noch. Das Aachener Team jedoch entwickelt einen komplett neuen Solarwagen. Keiner von ihnen hat so etwas je gemacht. Ein bisschen Formeln gepaukt im Studium haben sie, aber was hilft das schon, wenn man ein Auto bauen will. Doch Hendrik und Johanna lassen sich davon nicht einschüchtern.

Mit der Unterstützung zahlreicher Institute der RWTH und FH Aachen versuchen sie, in ihrem Wagen neueste Materialien zu verwenden. Das Gehäuse soll nicht aus Stahl, sondern aus leichten Folien sein, die auch für den Flugzeugbau verwendet werden. Als Tragstruktur wird ein ultraleichter Hybridrohrrahmen verwendet. Sie wollen sich als Neulinge direkt von den anderen Teams abheben.

Ohne Sponsoring für diese Materialien können die Studierenden die Kosten für den Bau des Autos nicht stemmen. Deswegen präsentieren sie sich beim Aachener Elektromobilitätsevent am Elisenbrunnen mit Huawei, einem von vielen Sponsoren.

Martin – kein begeisterter Renn-Fan, aber Spezialist auf seinem Gebiet

Selbst die besten Materialien nützen nichts, wenn beim Rennen nicht mit geringstem Energieaufwand schnell das Ziel erreicht wird. Martin hat dazu eine Fahrsimulation entwickelt. Jedoch sieht man auf dem Bildschirm seines Laptops kein Miniatur-Auto herumflitzen, sondern ein Diagramm für die verschiedenen Funktionen seines Programms. Klickt man auf die einzelnen Komponenten, öffnen sich weitere Diagramme mit roten, grünen und gelben Graphen. Sie zeigen, wann die Sonne wie viel scheint, wie schnell das Auto ist, wie viel Energie gebraucht wird, wie viel Leistung der Batterie genutzt wird.

„Für Autorennen interessiere ich mich eigentlich gar nicht so“, meint Martin. Das Rennen dauere schließlich nur fünf Tage – nichts gegen die über zwei Jahre Vorbereitungsarbeit. „Das Team motiviert mich und als Energietechniker ist das genau mein Gebiet!“

Die Simulation kennt jeden Meter der Strecke mit Ampeln, Kreuzungen und Abzweigungen. Alles fein säuberlich von Martin bei Street View abgegangen und im Code dokumentiert. In Zukunft soll das Programm den Energieverbrauch optimieren. Nur wenn die verfügbare Leistung auch an bewölkten Tagen optimal ausgenutzt wird, kann das Auto das Rennen in Bestzeiten fahren.

Geschäftsidee mit Brieftauben

15. September 2016 | von

van Bebber

 

Von einem Taubenschlag in Aachen, zu einer der wichtigsten Nachrichtenagentur der Welt: Im Rahmen unseres Kurses Journalistisches Schreiben ging Jonas van Bebber den Spuren der Nachrichtenagentur Reuters nach und entdeckete eine erstaunliche Geschichte. Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung in der AZ / AN!
Am 21. Juli 1816, also vor 200 Jahren, wird Paul Julius Reuter geboren. der Unternehmer legt in der Aachener Pontstraße den Grundstein für die Nachrichtenagentur Reuters.

 

Zwischen Speisekarte und Heizstrahler zieren ein paar bunte Kacheln die Wand neben dem Eingang des Restaurants „Reuters House“ in der Aachener Pontstraße. Zu erkennen ist ein Vogel, dessen Federn mosaikartig in grün, orange und schwarz nebeneinander schimmern. Es könnte das Symbol einer 68er-Friedenstaube sein. Oder ein Hinweis auf exotische gegrillte Kostbarkeiten. Zu essen bekommt man in der Aachener Pontstraße ja alles. Paul Julius Reuter – liest man in der Inschrift auf den Kacheln – ließ durch Brieftauben auf das Dach dieses Hauses Nachrichten aus Brüssel tragen. Die Gedenktafel am Haus 117 ist also ein Denkmal für den deutschen Unternehmer. Vor 175 Jahren lässt dieser hier ein erfolgreiches Geschäft mit Nachrichten aufblühen.

1850: Sehnlich erwartete Börsenkurse rauschen durch die noch neuen Telegrafenleitungen und bedeuten bare Münze, wenn man die Zahlen schneller kennt als die Konkurrenz. Das Verlangen der Menschen nach allgemeinen Nachrichten wird zunehmend größer. Berlin und Aachen sind bereits mit einer Telegrafenlinie verbunden, ebenso Paris und Brüssel. Aber zwischen Aachen und Brüssel gibt es noch keine elektrische Verbindung. Der 33-jährige Paul Julius Reuter entdeckt die Lücke im Nachrichten-Netz und handelt.

 

Schneller als der Postzug
Schnelligkeit ist gefragt. Wie kann Reuter die Brücke schlagen, bevor ihm jemand zuvorkommt? Brieftauben – so denkt er – sind der Schlüssel zum Erfolg! Die Idee ist pragmatisch, Flugtiere werden als Übermittler bislang noch nicht oft eingesetzt. Ein halbes Jahr lang lässt er täglich mehrere Brieftauben mit dem Zug nach Brüssel transportieren. Seine Botinnen eilen mit Nachrichtenzetteln – vor allem Börsendaten – zum Taubenschlag in der Pontstraße zurück und sind etwa sieben Stunden schneller als der Postzug. Reuter legt damit in Aachen den Grundstein für eine der heute noch erfolgreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Aktuelle Meldungen zwischen Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich werden hier per Luftpost ausgetauscht.

„Am liebsten würde ich das Reuters House kaufen und dort – so schnell es geht – ein Brieftaubenmuseum eröffnen. Das war schon immer mein Traum“, erzählt der Aachener Unternehmer Michael Mahr, begeisterter Hobby-Taubenzüchter mit 100 eigenen Wettflugtieren und Reuter-Experte. In seinem Büro stapeln sich wertvolle Dokumente zur Geschichte des deutschen Brieftaubensports. Wahrscheinlich ist es die größte Sammlung dieser Art in Deutschland. Zeitgenössische Berichte, alte Zeitungsartikel, Porträts und erhalten gebliebene Briefe zeichnen ein präzises Bild von Reuters Wirken. Am 21. Juli 1816 wird Israel Beer als dritter Sohn der jüdischen Familie Josaphat in Kassel geboren. Während einer Lehre in der Bank seines Onkels in Göttingen lernt er Carl Friedrich Gauß kennen, von dem er sich dessen Forschungen zur Telegrafie zeigen lässt. Im Alter von 30 Jahren tritt Israel Beer zum christlichen Glauben über und lässt sich taufen. Warum er gerade den Namen Reuter annimmt, ist unklar. Vermutlich aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz betont er seine jüdischen Wurzeln nicht, schämt sich aber auch nicht dafür. Zu seiner Familie hat er eine starke Bindung. Er heiratet Ida Magnus, Tochter eines preußischen Bankiers. Gleich zweimal schließen sie den Bund: Nach Reuters Taufe geben sich die zwei erneut das Ja-Wort. Alles soll korrekt sein.

Einige Versuche, in Deutschland oder England Fuß zu fassen und ein eigenes Geschäft zu gründen, zeigen Reuters Ehrgeiz und seine Unnachgiebigkeit. 1848 verschlägt es ihn nach Paris, wo er bei Charles Havas in der „Agence Havas“ arbeitet, der ersten europäischen Nachrichtenagentur. Nach einem Jahr macht er sich dort mit einem Pressebüro selbstständig, das jedoch nur mäßig erfolgreich läuft. Neben dem florierenden Nachrichten-Netz von Havas gibt es zu der Zeit in Berlin das W.T.B., „Wolffs Telegraphisches Bureau“. Der findige Reuter erkennt 1849 das Potenzial der Aachener Region am damaligen Vierländereck, in der sich noch niemand mit einem Nachrichtenbüro niedergelassen hat. Es ist der ideale Standort für den Nachrichtenaustausch zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Mehr noch: Reuters Brieftauben können bald auch Informationen aus Frankreich von Brüssel nach Aachen bringen, denn neben der schon funktionierenden Telegrafenlinie Aachen-Berlin wird 1850 die elektrische Übermittlung zwischen Paris und Brüssel möglich. Die Aachener Bankiers und Unternehmer sind sehr interessiert – die Nachfrage vor allem nach Wechselkursen, Informationen zu Staatsanleihen oder zur Politik aus Paris und Berlin ist hoch.

Entscheidend für den Erfolg des Brieftaubendienstes ist ein Aachener Brauer, Bäcker und Taubenzüchter: Heinrich Geller schließt mit Reuter einen Vertrag, der Reuter 40 Brieftauben zusichert. Geller bietet dem neuen Freund Reuter in seinem Haus in der Pontstraße eine Unterkunft an. Auf dem Dach des Hauses befindet sich der Taubenschlag. Reuters Büro ist gut zu Fuß erreichbar. Der Brieftaubenservice startet am 28. April 1850 und funktioniert hervorragend. Die „Depeschen“ mit den Nachrichten bestehen aus extra dünnem Papier, das die Tauben transportieren. Die hohen Kosten für die Beförderung der Tiere mit dem Zug sind schnell erwirtschaftet. Nach etwa drei Monaten kannReuter alle 200 Tauben von Geller nutzen und ihm monatlich 30 Taler zahlen – eine stattliche Summe.

Taubenzüchter Mahr zieht aus einem Stapel gesammelter Kopien und Briefbögen drei Seiten heraus, die der „Zeitschrift für Brieftaubenkunde“ aus dem Jahr 1939 entstammen. Es ist ein Bericht des Journalisten F. A. Bacciocco, der 1850 als Dienstbote arbeitet und die eingeflogenen Nachrichten von Gellers Taubenschlag zu Reuters Büro bringt. Mahr liest aus dem Bericht vor: „Dann kommt der Moment der gespanntesten Erwartung. Herr Geller entlockt seiner Brust die süßesten Locktöne – und klatsch! lag eine unserer Blauen auf dem Brett. ‚Brav‘ – sagte Geller – ‚do es der Zeddel!‘“ Geller übergibt dem Dienstboten dann die Nachricht und fügt hinzu: „Ne schöne Groß an der Herr Reuter.“

 

Sicherheit und Diskretion
Mahr kümmert sich heute um 100 eigene Tauben in seinem Schlag in Seffent im Aachener Stadtbezirk Laurensberg. „Leider ist die Beliebtheit für diesen Sport hier in Deutschland stark zurückgegangen. Etwa 120 000 Brieftaubenzüchter gab es 1968, heute sind es weniger als ein Drittel. Während sich diese Leidenschaft hier, in Belgien, Holland oder Frankreich im Steilflug zurückentwickelt, erleben wir ein Aufblühen des Sportes etwa in China und Japan. Das ist erstaunlich, die Menschen dort kaufen jede Menge Tauben aus Deutschland.“

Zeitgenossen beschreiben Reuter als klein und intelligent. Scharfe Augen und prägnant im Gespräch. Er ist bei seinem Service auf Sicherheit und Diskretion bedacht – grundlegende Werte, für die die Agentur heute noch bekannt ist. Er lässt bei jedem Flug drei Tauben mit identischer Nachricht ausstatten, und die in Aachen ankommenden Tiere werden größtenteils von Geller persönlich vonden Botschaften befreit, der diese nicht zu lesen hat. Für Verstöße sind vertraglich hohe Geldstrafen festgelegt. Die Nachrichten werden gut verpackt – zum Teil in Spardosen – und von Dienstboten auf direktem Weg zum Büro von Reuter gebracht, wo alle Personen, die die Informationen verarbeiten, die Texte zur selben Zeit zu sehen bekommen. Bacciocco schreibt: „Reuter hatte mich erwartet und nahm begierig den blechernen Sparpott in Empfang. Während ich meine Entlohnung entgegennahm, flogen schon die Federn über das Papier.“

 

Zuverlässig und schnell
Am 16. April 1851 ist der Bau einer Telegrafenlinie zwischen Aachen und Brüssel vollendet. Die lange elektrische Verbindung zwischen Paris und Berlin ist damit komplett, so dass keine Zwischenübermittler mehr nötig sind. Dies bedeutet das Aus für Reuter in Aachen, der den Dienst mit den Brieftauben nur etwa ein halbes Jahr lang anbieten kann. Reuters Meldungen stehen aber schon zur Aachener Zeit hoch im Kurs: Als zuverlässig und schnell gelten seine Dienste. Trotz aller Schnelligkeit im Nachrichtengeschäft prägt er mit seiner Agentur schon im 19. Jahrhundert den Leitspruch „First do it right, then do it first“ – Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit. „Reuter war ein angesehener Mann, der in Aachen deutliche Spuren hinterlassen hat und die Region stark beeinflusst hat“, sagt Mahr.

Reuters Ehrgeiz und sein ökonomisches Talent führen dazu, dass er schnell neue Erfolge erzielt. Werner
von Siemens legt ihm einen Neustart in London nahe. 1851 eröffnet Reuter dort ein Büro für Wirtschaftsnachrichten, und es entsteht ein ungeahnter Brennpunkt für den internationalen Austausch von Nachrichten, so dass Reuter mit der Havas-Agentur in Paris konkurrieren kann. Dieser Startpunkt in England zählt heute oft als die bedeutendere Gründung der Agentur. Die Aachener Zeit mit den Brieftauben fällt dabei leicht unter den Tisch.

Das „Reuters House“ ist ganz untypisch für die Imbissbuden-Landschaft in der Pontstraße. Gemütlichkeit und italienische Musik in einem schicken Restaurant. Die Weinkarte ziert ein silberner Vogel. Ganz klar: Eine Brieftaube. „Haben Sie etwas gefunden?“, fragt der Kellner. Aber klar! Einen Rotwein aus Spanien und eine Geschichte voller Überraschungen.

„Außer mir weiß es niemand mehr.“

25. Juli 2016 | von
 Dieses bewegende Portrait des überlebenden jüdischen Widerstandskämpfers, schrieb Simone Hüttenberend im Rahmen unseres Journalistisches Schreiben . Vielleicht habt ihr es auch schon in der letzten Ausgabe der AStA-Zeitschrift „relatif“ gesehen? Danke für diesen tollen Artikel!

Als der junge Siegmund die Männer an seinem Fenster vorbeimarschieren sieht, ist er fasziniert von ihrem imposanten Erscheinungsbild: „Baumlange Kerle, adrett gekleidet und gut genährt.“ Disziplinierte Frontsoldaten in geordneten Reihen. Kein einziger Schuss fällt. Die Gerüchte, die den Besatzern vorausgeeilt sind, scheinen sich  nicht zu bewahrheiten; Deutschland ist eben doch eine Kulturnation und weiß sich zu benehmen. Glaubt man.
3. September 1939, zwei Tage nach Kriegsbeginn. Die Nazis besetzen das polnische Będzin, um es kurzerhand in Bendsburg umzubenennen und es in das Deutsche Reich einzugliedern – inklusive seiner 40.000 Einwohner, unter ihnen 27.000 Juden.
In der Nacht vom 8. zum 9. September ermordet die Wehrmacht im historischen Judenviertel 400 Menschen. Sie werden in die Synagoge getrieben und in ihr verbrannt. Wer zu fliehen versucht, wird erschossen. Von eben jenen baumlangen Kerlen, die der junge Siegmund noch fünf Tage zuvor so bewundert hatte. Mit 15 Jahren muss er  erfahren, was es heißt, wenn einen die bloße Existenz zum Verbrecher macht.
Über dem Sofa hängt ein farbenfrohes Bild von den Gärten von Jerusalem. Dunkelgrüne Palmen und Pinien stehen vor einem tiefblauen Himmel, dazwischen liegen weiße Häuser mit roten Dächern. „Das Bild ist von meinem Sohn“, sagt Siegmund Pluznik stolz. Ihm gegenüber hängt ein ähnlich buntes Gemälde, gemalt von seinen Enkeln. Siegmund Pluznik wohnt heute in der Budge-Stiftung in Frankfurt. Das Ehepaar Henry und Emma Budge hat vor über 90 Jahren die Stiftung gegründet, damit hier Juden und Christen miteinander in Würde altern können. Mit diesem Auftrag ist das Seniorenheim einzigartig in Europa, auch wenn es kaum noch möglich ist, die Zimmer zu gleichen Teilen zu belegen. Im koscheren Esssaal sitzen die letzten Überlebenden der Shoah, beinahe wöchentlich werden es weniger.
„Wir durften nicht auf der Hauptstraße laufen, in den Park gehen, auf der Bank sitzen. Alles nicht ausdrücklich Erlaubte war verboten. Darunter fiel vor allen Dingen der Schulbesuch.“ Die Jugendorganisation Ha‘noar Hazioni fasst den waghalsigen Entschluss, ihre Mitglieder trotz Schulverbots weiter zu unterrichten. Siegmund Pluznik ist einer von ihnen. Die Schüler müssen ihre Bücher zum Unterricht schmuggeln und riskieren für ein bisschen Bildung nicht nur das eigene, sondern auch das Leben ihrer Familien. Einmal erwischt gibt es keine Hoffnung auf Rückkehr. „Auschwitz lag 40 km vor den Toren von Będzin. Wir hörten, dass es immer mehr Gaskammern und Krematorien gab. Ganz einfach: Auschwitz bedeutete langsamen oder schnellen Tod. Mit dieser Gewissheit konnten wir alles riskieren. Sie hat uns geholfen, in den Widerstand zu gehen.“
 Als Siegmund Pluznik vor gut 20 Jahren in den Ruhestand geht, wird die Geschichte des Jüdischen Widerstandes zu seiner Lebensaufgabe. Er hat Archive aufgesucht, Dokumente und Fotos durchforstet sowie eine Ausstellung ins Leben gerufen. Er nennt Namen, von Opfern und von Tätern. „Es ist mir wichtig, dass Sie es wissen. Weil nach Elie Wiesel (Shoah-Überlebender und Friedensnobelpreisträger, Anm. d. Red.) wird jemand, der dem Zeitzeugen zuhört, auch zum Zeitzeugen. Vom wem sollen Sie es sonst erfahren? Außer mir weiß es niemand mehr.“
Das erste Opfer der Klasse ist Joseph Weinstock. Er wird in ein Arbeitslager geschickt. Ein paar Wochen später kommt die Nachricht von seinem Tod. Monat für Monat verschwinden weitere Menschen, Bendsburg wird  germanisiert. Während die Wehrmacht die polnische Bevölkerung aus der Stadt vertreibt, wird Siegmund Pluznik mit seiner Familie einem „Geschlossenen Judenbezirk“ zugewiesen. „Im Prinzip war es kein richtiges Ghetto. Unter Ghetto versteht man, wenn es umzäunt ist, mit Mauern umgeben oder mit Wachtürmen und Stacheldraht. Das war in Będzin nicht nötig. Um sich zu verstecken oder wegzulaufen, brauchte man Hilfe. Die hatten wir nicht.“
Als am 1. August 1943 der „Judenbezirk“ liquidiert wird, hat sich die ehemals unpolitische Ha‘noar Hazioni zu einer gut organisierten Widerstandsgruppe entwickelt. Mit Verbindung zu Mordechaj Anielewicz und Eliezer Geller, zwei Anführern des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Ihr erklärtes Ziel ist es, zu überleben, um ihre Geschichte weiter erzählen zu können. Von den 60 Menschen, die an diesem Tag in den Untergrund abtauchen, werden 45 den Krieg überstehen.
Siegmund Pluznik ist der reinste Entertainer, wenn er vor Leuten spricht. In einem Moment scherzt er über seine Karriere als Schulschwänzer, im nächsten durchwacht man mit ihm eine Nacht im Luftschutzbunker. Gerade  Schüler fühlen mit dem jungen Siegmund, der ohne Grund von einem Polizisten ins Gesicht geschlagen wird, und sie fiebern mit, als der 17-Jährige sich auf die Suche nach Schmugglern macht und nicht so recht weiß, wie er das anstellen soll.
In einer zehnköpfigen Gruppe flüchtet Siegmund Pluznik über die Tschechei nach Wien. „Der 1. August 1943 war ein sehr heißer Tag und ich trug ein Sommerjäckchen. Im Winter trug ich noch dasselbe Jäckchen, dieselbe Unterwäsche.“ Im November sinkt die Temperatur in Wien auf unter fünf Grad. Um der Kälte zu entgehen, fährt Siegmund Pluznik lange Strecken Straßenbahn und treibt sich in den öffentlichen Badeanstalten herum. Dabei gilt es, möglichst nicht aufzufallen: Ungepflegte, unbeschäftigte Menschen gelten als suspekt, erst recht in Kriegszeiten. „Wenn Sie obdachlos sind, wo wollen Sie sich rasieren?“
Am Opernring, direkt neben dem Naturhistorischen Museum, steht zu jener Zeit ein Toilettenhäuschen. Im Morgengrauen, wenn es die Männer vor lauter Kälte nicht mehr aushalten, können sie sich hier ein wenig aufwärmen, sich waschen und rasieren. Nur die Toilettenfrau wird Zeugin des Geschehens. Siegmund Pluznik gibt ihr statt 10 Pfennig 20 Pfennig. „Nach ein paar Tagen fand ich eine Rasierklinge beim Waschbecken. Gebraucht
zwar, aber sie war besser als meine. Die Frau hätte mich der Gestapo ausliefern können, stattdessen machte sie mir ein Geschenk. Um jemanden in Not zu helfen, muss man keine Titel, keine Diplome besitzen, man muss nur das Herz an der richtigen Stelle haben.“
Heute spricht Siegmund Pluznik nicht mehr zu Klassen. Er hat seine Ausstellung an den HEIMATSUCHER e.V. weitergegeben. Damit die Geschichte nicht mit den letzten Überlebenden verstummt, hat der Verein das Konzept der Z(w)eitzeugen entwickelt. Die Zeugen der Zeitzeugen veranstalten Ausstellungen und besuchen Schulen. Sie tragen die Geschichten der Shoah weiter und stoßen bei den Schülern auf viel Empathie und Tatendrang. Als frisch gebackene Z(w)eitzeugen können die Schüler schließlich Briefe an die Überlebenden schicken, solange es sie noch gibt.
Siegmund Pluznik sitzt an seinem Küchentisch neben der Durchreiche. Eine große Lupe in der einen, sein Telefon in der anderen Hand. Vorsichtig drückt er die Ziffern und wartet auf das Freizeichen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Stimme und Siegmund Pluznik geht in die Charme-Offensive. Am liebsten sucht er Unterstützer für den HEIMATSUCHER e.V. und schmiedet Pläne für neue Ausstellungen und Lesungen. Auch wenn er seit einigen Jahren kaum selbst noch Vorträge hält, den Kampf gegen das Vergessen wird er niemals aufgeben. Es ist ein unerbittlicher Kampf mit einem hartnäckigen Gegenspieler – der Zeit.
„Ich bin 15 Jahre alt und eigentlich ein wenig kalt manchmal, aber du hast mich zum Nachdenken gebracht. Ich sehe jetzt alles mit anderen Augen. Ich finde es gut, dass du deine Erfahrung und dein Wissen mit uns teilst. Mit uns meine ich alle Menschen, die deine Geschichte mitbekommen haben, denn alle Menschen sind gleich. Danke, dass du da bist, Siegmund.“
– Brief einer Schülerin (15 Jahre)

Auf geht’s ins Blätterdach

28. Juni 2016 | von

Eifelbäume

 

Was machen zwei Studierende nachts im Wald? Für ihre Reportage hat Christine Hendriks die beiden bei ihren Forschungen in den Wäldern der Region begleitet.

Ein weiterer interessanter Artikel aus unserem Seminar Journalistisches Schreiben, der auch in der AZ / AN erschienen ist. Herzlichen Glückwunsch!

 

Wie und warum Vanessa Bursche und Klara Krämer Eifelwälder unter die Lupe nehmen. Vom Wert der Bäume.

Es regnet nicht. Seit etwa einer Stunde ist es dunkel. Durch die Baumkronen scheint fahles Mondlicht und wirft bizarre Schatten auf den Waldboden. Ein Käuzchen schreit. Dann ist es wieder still. Niemand ist um Mitternacht im Wald unterwegs – sollte man meinen. Zwei junge Frauen schleppen eine Obstbaumleiter durch das Unterholz und richten sie unter einer Buche auf. Klara drückt die Verankerungen tief in den Boden, während Vanessa ihr Messgerät überprüft. „Das sollte halten“, sagt Klara. Vanessa grinst und klettert die frei stehende Leiter vier Meter hoch bis ins Blätterdach.

Ein RWTH-Projekt

Vanessa Bursche und Klara Krämer sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Umweltforschung der RWTH Aachen. Als Promotions-Stipendiatinnen der Dr.-Axe-Stiftung untersuchen sie den Einfluss verschiedener Waldmanagement-Strategien auf die Entwicklung der Rotbuchenwälder in der Eifel. Silvaluta, ihr Projekt, läuft seit 2010. Ziel ist es, die ökologischen Prozesse zu verstehen, denn neben dem Rohstoff Holz liefern die Wälder einen wichtigen Beitrag zum Klima und dienen als Lebensraum für viele Tierarten.

„Es gibt viele alte Bestände schon von vor den Wetteraufzeichnungen, und man weiß nicht, wie die Leute den Wald damals bewirtschaftet haben. Manchmal führen sogar Römerstraßen durch den Wald“, erzählt Martina Roß-Nickoll, Leiterin der Arbeitsgruppe „Ökologie und Ökotoxikologie der Lebensgemeinschaften“. Die Erforschung der unterschiedlich bewirtschafteten Waldflächen im Landkreis Ahrweiler bringt viele Herausforderungen mit sich. „Bäume leben sehr lange. Ein Menschenleben beträgt nur circa ein Fünftel des Lebens eines Baumes.“ Deshalb könne man Wälder nur in Momentaufnahmen untersuchen. Eine komplexe Aufgabe, die für die Ökologin auch eine persönliche Bedeutung besitzt. „Ich möchte die Wälder so naturnah wie möglich gestalten, und durch die Aufklärung der Prozesse vermitteln, wie wertvoll sie für uns sind.“

In einem gesunden Wald ist es im Sommer kühler und feuchter als auf dem freien Feld. Die klimatischen Bedingungen stehen in engem Zusammenhang mit der Photosynthese der Blätter. Ein zentraler biologischer Prozess, den Vanessa Bursche untersucht,um die Vitalität der Bäume zu bestimmen. Denn mit Hilfe von Sonnenlicht, Kohlendioxid (CO2) aus der Luft und Wasser produziert ein Baumsein organisches Baumaterial. Für einen Kubikmeter Holz bindet er eine Tonne CO2 und bildet gleichzeitig 750 Kilogrammlebenswichtigen Sauerstoff – ein echter Beitrag zum Klimaschutz.

Für die Freilandarbeit muss man spontan sein. „Manchmal fahre ich zwei Stunden zum Wald, weil der Himmel klar ist, und kaum bin ich da, fängt es an zu regnen“, sagt Vanessa Bursche und lacht. Ihr Messgerät bestimmt die Photosyntheseleistung der Blätter, indem es sie mit Licht bestrahlt, und „das geht nur, wenn es keine  ungewünschte Reflexion durch Regentropfen gibt und die Blätter eine Stunde vorher nicht mehr dem Sonnenlicht ausgesetzt waren“, erklärt sie.

Deshalb unternahm sie mit Klara Krämer und der Obstbaumleiter bereits diverse lange nächtliche Streifzüge durch die Eifeler Waldgebiete. Das Klettern im Dunkeln ist kein gewöhnlicher Job, aber an Übung mangelt es nicht: Bei zehn Blättern pro Baum und drei Bäumen pro Fläche untersuchte sie 360  Blätter. „Am Anfang hatte ich wirklich ein bisschen Bammel, aber die Leiter ist sehr stabil.“

Nachhaltiges Management

Die Forstwirtschaft hat in Deutschland lange Tradition, und „es wirkt sich langfristig aus, wie die Förster den Wald behandeln“, sagt Martina Roß-Nickoll. Im naturnahen Plenterwald gibt es Bäume verschiedenen Alters, das heißt, es werden nur einzelne Bäume entfernt. Anders der Altersklassenwald: Hier werden die Bäume gruppenweise ab einem bestimmten Alter gefällt. „Ursprünglich war nahezu die gesamte Landesfläche mit   Rotbuchenwäldern bedeckt“, so die Ökologin. Doch durch die intensive Nutzung und die Einführung von schnellwachsenden Fichten und Douglasien sind die Rotbuchenbestände heute auf weniger als fünf Prozent geschrumpft. Nachhaltiges Waldmanagement ist nötig, um diese Wälder für kommende Generationen zu erhalten.

Ein Mikroskop, daneben eine Glasschale mit toten schwarzen Käfern, die säuberlich angeordnet auf dem Rücken liegen – Klara Krämer kennt sie alle. „Ich untersuche, wie sich die verschiedenen Waldwirtschaftsformen auf die Vielfalt der Käferarten auswirken“, sagt die Doktorandin. Dazu hat sie Käfer in Bodenfallen gefangen und 10 000 Liter Waldboden durchsiebt.

Eine gewisse Sehnsucht

Sie holt ein Foto aus ihrem Ordner. „Das ist ein Holzrüssler“, eine seltene Art, die für ihre Arbeit besonders aufschlussreich ist. Der nur zwei Millimeter große Bewohner alter Wälder ernährt sich von Totholz und ist flügellos. Deshalb bewegt er sich nur wenige Meter pro Jahr und kann vor äußeren Einflüssen nicht fliehen. Wenn sie ihn findet, hat Krämer ein wichtiges Indiz, dass es sich um einen alten naturbelassenen Wald handelt.

„Wälder sind etwas Besonderes“, da sind sich die drei Wissenschaftlerinnen einig. „Vielen Leuten ist heute nicht mehr klar, dass diese Ökosysteme ganz ohne den Menschen funktionieren, weil die Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum zu balancierten Systemen führt“, sagt Martina Roß-Nickoll. Für die Untersuchung dieser komplexen Prozesse erfahren die Forscherinnen viel positive Resonanz von der Öffentlichkeit. Das sei vor 30 Jahren noch nicht so gewesen, erinnert sich die Gruppenleiterin. „Ich glaube, die Menschen sehnen sich heute nach etwas Dauerhaftem, und finden im Wald Erholung vom hektischen Alltag.“ Ein Grund mehr, wieder in die Eifel zu fahren, finden Klara Krämer und Vanessa Bursche – Ökologinnen aus Leidenschaft.

Das Projekt Silvaluta des Instituts für Umweltforschung der RWTH Aachen läuft seit 2010 bis voraussichtlich Ende 2016. In diesem Zeitraum werden in der Eifel im Landkreis Ahrweiler unter anderem die Auswirkungen verschiedener Waldbewirtschaftungsformen auf die Vitalität der Bäume und die Lebensgemeinschaften der Tiere und Pflanzen untersucht. Ziel ist es, durch die Forschungsergebnisse ein tieferes Verständnis für die ökologischen Prozesse zu erlangen, um die heimischen Rotbuchenwälder zukünftig naturnah zu gestalten. Förderer sind die Dr.-Axe-Stiftung und die Gemeinde Hümmel.

Aachen sehen … und bleiben?

22. Juni 2016 | von

LisaSchubert_relatif

 

Was macht Aachen schön und liebenswert? Für ihre Reportage hat Lisa Schubert mit drei Studierenden und einem Unternehmensgründer gesprochen, die für ihr Studium in die Karlsstadt gezogen sind. Können sie sich vorstellen, sich nach dem Abschluss in Aachen niederzulassen?

Ein toller Text aus unserem Seminar Journalistisches Schreiben, der auch in der AStA-Zeitschrift „relatif“ zu lesen ist. Vielen Dank!

 

 

 

 

Aachen ist eine der beliebtesten Studienstädte des Landes. Aber können sich junge Studierende vorstellen, ihr ganzes Leben in der Kaiserstadt zu verbringen?

Die goldenen Zeiger des Aachener Rathauses zeigen viertel nach eins. Die steinernen Könige an dessen Nordfassade wachen über den Marktplatz. Der Karlsbrunnen schimmert im Sonnenlicht. Postkartentauglich! Und vor dieser historischen Kulisse, mitten auf dem Aachener Markt tummeln sich unzählige Leute – bunt, laut und vor allem jung.

Jährlich strömen tausende Studierende aus vielen verschiedenen Nationen in die Karlsstadt. Auch Jana, Moritz und Lisa gehören zu denjenigen, die sich für ein Studium in Aachen entschieden haben. Hinter ihnen liegen mittlerweile mehrere Jahre in der Stadt am Dreiländereck.

Die „Hidden Champions“
Als Lars Lambrecht vor fünfzehn Jahren die Leidenschaft für das Segelfliegen nach Aachen trieb, ahnte er noch nicht, dass er sich hier einmal eine Zukunft aufbauen würde. Als junger Bursche stand für ihn zunächst nur fest: „Irgendwas mit Flugzeugen soll es sein!“ Daraus wurde ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Luftfahrt; und so steuerte er den Überfliegern der RWTH Elite-Universität entgegen.

Ruhig und gelassen sitzt er in einer gemütlichen Sitzecke seiner Firma. Ein großer Raum mit einer überschaubaren Anzahl an Mitarbeitern, direkt am Bahnhof Schanz gelegen. „Engidesk“ stellt Ingenieuren
eine Software zur Verfügung, die ihnen hilft, sehr viel produktiver und kreativer zu arbeiten. Zufrieden erzählt Lambrecht von der Entscheidung, Aachen als Standort für sein Unternehmen gewählt zu haben: „Durch das Studium war genug Zeit, sich hier ein breites Netzwerk aufzubauen, und außerdem gibt es hier viele Unternehmen und ‚Hidden Champions‘.“ Laut Lambrecht wirkt das Jobangebot in Aachen vordergründig begrenzt, schaut man aber genauer hin, finden sich jedoch auch einige Weltmarktführer.

Aufgeschlossen noch und (n)Öcher
Auf dem Aachener Campus tummeln sich mittlerweile etwa 58.000 Studierende. Darunter überwiegend Männer. Einige von ihnen eher schmal und etwas blässlich; als Kleidungsstück dominiert das Karohemd. Klischee erfüllt! „Man trifft eigentlich nur einen Schlag Mensch hier – Ingenieure“, findet Moritz. Als ehemaliger Elektrotechnikstudent fügte er sich eine Zeit lang selbst in die Reihe der Unauffälligen; seit etwa drei Jahren geht er als Doktorand seinen eigenen Weg.

Außerhalb der technischen Universität, fernab von Karohemden und Unscheinbarkeit, begegnet einem das bunte Leben. Lambrecht genießt seinen heterogenen Bekanntenkreis, den er und seine Frau sich über die Jahre aufgebaut haben. „Die meisten sind sehr aufgeschlossen und man spürt die Kreativität. Es begegnen einem vermehrt Leute mit festen Plänen und Zielen, die eine Geschichte zu erzählen haben und unternehmenslustig sind.“

Von allem ein bisschen
Für Aachen finden die meisten zwei Worte: Gemütlich, überschaubar. Die Innenstadt direkt vor der Haustür, die Natur zum Greifen nahe. Der Aachener Wald, das Dreiländereck, der Lousberg; ideale Rückzugsorte für den Naturfreund, der die gelegentliche Flucht aus dem Stadttrubel sucht.

Die Studentin Jana hat etwa drei Jahre in einer Wohngemeinschaft in der Aachener Innenstadt verbracht. Als Geographiestudentin liebt sie die Ferne, Abwechslung und das Reisen. Viele Städte hat sie schon gesehen, darunter Großstädte wie Stockholm, Hamburg und Berlin. Trotzdem hat sie zu Aachen eine ganz besondere Verbindung. „Aachen ist für mich eine ganz besondere Stadt. Sie bietet viel Abwechslung und trotzdem ist zu Fuß fast alles erreichbar.“

Alles Wasser kommt von oben
Der Ursprung des Namens Aachen wird in dem altgermanischen Wort „Ahha“ vermutet, das so viel wie „Wasser“ bedeutet. Noch vor einigen Jahren war Aachen Anlaufpunkt für zahlreiche überarbeitete Geschäftsmänner aus der Umgebung, die nach Erholung in den heißen Quellen suchten. Das heilende Thermalwasser, ein Aushängeschild der Stadt.

Dennoch vermissen viele das Wasser. Denn einen See oder einen Fluss hat das kleine Städtchen nicht zu bieten. „Das Einzige, was in Aachen fehlt, ist ein Gewässer“, findet auch Hobbysegler Lambrecht. Um zum Wasser zu gelangen, muss er mindestens eine Stunde Fahrt zum Rursee oder nach Roermond in Kauf nehmen.

Zu wenig Wasser am Boden, zu viel Wasser von oben. Nicht selten sind die Öcher dem monotonen Plätschern des Regens ausgesetzt. „Das Wetter in Aachen ist eine Katastrophe!“, bemerkt auch Geisteswissenschaftlerin
Lisa. Sie stammt aus Nürnberg, der zweitsonnigsten Stadt Deutschlands. Dabei schneidet Aachen insgesamt mit durchschnittlich 1552 Sonnenstunden im Jahr und auf Platz 19 der sonnigsten Städte Deutschlands gar nicht so schlecht ab.

Bis dass der Studienabschluss uns scheidet?
„Ich bin noch nie so lange an einem Ort gewesen wie jetzt in Aachen“. Für Lambrecht steht fest, dass er das kleine Städtchen so schnell nicht mehr verlassen wird. Können sich die drei Studierenden ebenfalls vorstellen, in Aachen zu bleiben?

Jana ist für das Masterstudium aus Aachen weggegangen, da sie sich nach einer neuen Umgebung gesehnt hat. „Generell könnte ich mir aber schon gut vorstellen, irgendwann wieder hierherzuziehen.“ Doktorand Moritz zieht es nach über zehn Jahren in der Karlsstadt in eine größere Stadt wie Köln. Und Geisteswissenschaftlerin Lisa ist sich noch nicht sicher, kann sich aber durchaus eine Zukunft in Aachen vorstellen.

Zurück auf dem Marktplatz. Mittendrin fällt jetzt auch vereinzelt der ein oder andere Rentner auf, der seine Füße behutsam über das Kopfsteinpflaster hebt. Vielleicht wird in vielen Jahren einer der dreien unter ihnen sein; gealtert, zufrieden und umgeben von Studierenden.

Genug genutzt

14. Juni 2016 | von

ZKS - Story (logo)

Das Internet – etwas, worauf wir uns alle verlassen. Doch was passiert, wenn es plötzlich und mit der nötigen kriminellen Energie abgeschaltet wird?
Eine äußerst kreative Kürzestgeschichte aus der Feder von Lukas Cremer aus unserem Oberseminar. Vielen Dank!

 

Martin legte den Hebel um, öffnete die Abdeckung über dem großen, roten Buzzer und drückte zu. Wenigstens kam es ihm so vor. In der realen Welt betätigte er lediglich die Enter-Taste.
“Das Internet ist aus, Chef!“
Auf dem Hauptschirm war zu sehen, wie Knoten für Knoten starb.

Frankfurt, Amsterdam, London, Moskau.
Der Verkehr über die anderen Knoten stieg an, als sie sinnloserweise versuchten, die weggebrochenen Kapazitäten zu kompensieren.

Zürich, Seoul, Tokio, Stockholm.
Martin konnte förmlich spüren, wie überall auf der Welt Techniker zu rotieren begannen. Die Endnutzer hatten noch nicht die geringste Ahnung, was kommen sollte.

Madrid, Budapest, Warschau, Ashburn.
Asche war schon immer der beste Dünger.

Hongkong, New York, Paris, Prag.
Irgendwo auf der Welt saß jemand vor seinem Computer und ärgerte sich, weil irgendein Dienst nicht lud.

Seattle, Düsseldorf, Wien, Mailand.
Martin rieb sich nervös die Hände. Auf diesen Moment hatten sie jahrelang hingearbeitet.

Bukarest, Oslo, Helsinki, Brüssel.
Stück für Stück eroberten sie die Welt. Etliche Knoten waren schon als unauffindbar gemeldet; die verbliebenen hoffnungslos überlastet.

Berlin, Ljubljana, Athen, Taipeh.
Nun funktionierte kein überregionaler Dienst mehr.

Videos, Landkarten, Nachrichten, Musikstreaming.
Sein Leben lang hatte Martin sich unterlegen gefühlt. Doch in diesen Sekunden war er wie im Rausch. Er war der mächtigste Mensch der Welt. Mehr noch, er war Gott!

Kliniken, Kraftwerke, Raffinerien, Wasserversorgungen verloren als Nächste ihre Netzwerke.
Martin weinte vor Ergriffenheit.

Gaswerke, Verkehrssysteme, Nahrungsmittelproduktion, Geldautomaten.
Das war der Moment, in dem Martin starb. Für seinen Chef war er nur ein Rädchen im Getriebe.

Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

09. Juni 2016 | von

Bis ins Gefängins hat sich Helena Mertens für unser Seminar Journalistisches Schreiben gewagt. Das Thema ihres Artikels ist eine Partie Fußball: Die JVA-Mannschaft „Villa Kunterbunt“ gegen die Gastmannschaft „Motex“. Der spannende Spielbericht hat es sogar in die Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten geschafft – Herzlichen Glückwunsch!

Helena Mertens_JVA_AZAN

 

Durch elf Hochsicherheitstüren in den Strafraum

13 Männer entscheiden sich freiwillig für den Gang in die Aachener JVA und lassen sich zwei Stunden für ein Spiel gegen die Gefängnismannschaft einschließen

Aachen. Es ist ein nasskalter Mittwochabend. Das grelle Flutlicht ist eingeschaltet, und die zehn Spieler der „Villa Kunterbunt“ in gelben Trikots und blauen Hosen spielen sich den Ball auf dem Kunstrasen zu. Ein ganz normaler Fußballplatz, könnte man auf den ersten Blick meinen. Wären da nicht die meterhohen Mauern mit dem Natodraht, die Überwachungskameras an fast jeder Ecke und schwere Seile, die über den gesamten Rasenplatz gespannt sind, damit dort kein Hubschrauber landen kann.

Flapsige Sprüche

Was für die Jungs von „Villa Kunterbunt“, der Fußballmannschaft in der JVA, längst zur Normalität geworden ist, wirkt für Besucher abschreckend. So ergeht es auch den Spielern von „Motex“, der Gastmannschaft, die am heutigen Abend ins Gefängnis kommt.

Unterschiedlicher könnten die Spieler der Mannschaften kaum sein. Während die einen sie nicht mehr sehen können, brennen die anderen darauf, einen Blick hinter die hohen Mauern zu erhaschen. Für den Bauingenieur Jan (23) liegt genau darin der Reiz: „Wir freuen uns auf ein gutes und spannendes Spiel. Aber wir wollen natürlich auch mal sehen, wie so ein Gefängnis von innen aussieht.“

„Motex“ trifft auf die JVA-Jungs, während die sich auf dem Platz aufwärmen. Man mustert einander und nickt sich zu. Kurz vor Spielbeginn ist noch in der Kabine gescherzt worden, die ernste Situation überspielen die „Knast-Neulinge“ mit Humor. Flapsige Sprüche wie „Benehmt euch, sonst bleibt ihr hier“ oder „Unterschätzt die nicht, die üben den ganzen Tag“ werden mit viel Gelächter quittiert. Kameraden, die nicht zum ersten Mal in der JVA spielen, ermutigen: „Ihr braucht nicht zu denken, dass die ein Messer dabei haben, also geht ruhig in die Offensive!“

Der Weg vom Haupteingang bis zum Fußballplatz ist kein alltäglicher: Elf Stahltüren müssen auf und wieder zugeschlossen werden. Umso erstaunlicher, dass auf dem Spielfeld selbst keine Vollzugsbeamten stehen, mit Schlagstock und Pistole. Dass den inhaftierten Spielern Vertrauen geschenkt wird, fällt auf: „In puncto Umgangston und Spielverhalten ist das hier angenehmer als bei manchem Spiel in der zweiten oder dritten Liga“, meint Frank Mingers, der entspannt am Spielfeldrand steht und die Mannschaften mit verschränkten Armen beobachtet. Mingers leitet zusammen mit sechs anderen Vollzugsbeamten den Sport in der JVA. Statt Uniform trägt er einen Jogginganzug.

Feste Regeln, kein Schiedsrichter

Ein Schiedsrichter wird nicht zum heutigen Duell erscheinen. Auch wenn das Fußballspiel im Knast stattfindet, haben die Regeln der Bunten Liga an diesem Abend höchste Priorität: Kein Schiedsrichter, kein passives Abseits, fliegender Spielerwechsel, Einrollen statt Einwerfen, erlaubter Rückpass.

Apropos Bunte Liga: „BUNTE“ steht für Balance, Unterhaltung, Neutralität, Toleranz, Erlebnis. Seit 1982 gibt es diese freie Fußballgemeinschaft. Heute sind dort 56 Mannschaften vertreten. „Wer hier spielt, hat einfach Bock aufs Kicken“, sagt Vorstand Dieter Jeandrèe.

Raus aus den grauen Mauern des Gefängnisses geht es für die „Villa Kunterbunt“ nur bei „knastinternen“ Spielen, z. B. gegen die JVA Siegburg oder Köln. Um für die Meisterschaften und Pokalrunden fit zu sein, trainieren die Fußballbegeisterten einmal pro Woche, meist am Samstag, dem Sporttag in der JVA. Für die Mittwochabende ist in der Regel ein Spiel der Bunten Liga angesetzt. Neben dem Lauf- und Fußballtraining können Inhaftierte Tischtennis, Badminton oder Volleyball spielen und im Fitnessstudio trainieren. „Das Sportangebot ist sehr wichtig für die Jungs, aber wenn mal Not am Mann ist, müssen wir irgendwo anders einspringen. Dann fällt Sport als Erstes aus“, sagt Mingers.

18 Uhr: Es geht los. Der Ball rollt. Gespielt wird zehn gegen zehn. Die ersten fünf Spielminuten sind ein vorsichtiges Abtasten beider Mannschaften. Dann ein Steilpass aus dem Mittelfeld von „Motex“, der die Abwehrreihe der „Villa Kunterbunt“ vollkommen überrascht. Stürmer Jan mit der Trikotnummer 13 läuft allein auf den Torwart zu – Querpass: 0:1.

Nach verhaltenem Jubel wird die Partie fortgesetzt. „Motex“ ist die stärkere Mannschaft. Durch gelungene Kombinationen erarbeiten sich die Jungs weitere Torchancen und treffen. Die Zweikämpfe werden härter. Halbzeit: 2:5.

Keinerlei Fan-Unterstützung

90 Minuten lang spielt die kriminelle Vergangenheit der Heimmannschaft keine Rolle. Für die Jungs von „Motex“ sind sie einfach nur „Gegner, so wie jede Woche“. Kein Grund also, auf dem Platz nicht alles zu geben. Doch in der Halbzeit gesteht Jan: „Als wir uns vor dem Spiel gegenüberstanden, da überlegt man sich schon, was die gemacht haben und warum die hier sind.“ Auf die Frage nach der Fairness des Gegners antwortet der Stürmer: „Klar, es gibt Fouls auf beiden Seiten, aber die sind völlig im sportlichen Rahmen!“

Trotz des unbestreitbaren Heimvorteils fehlt der „Villa Kunterbunt“ jegliche Fan-Unterstützung. Mitinsassen, die von ihren Zellen aus durch die Eisengitter das Spiel beobachten und mitfiebern, sieht man nicht. Keine Reaktion auf Tore. Kein Jubeln, kein Pfeifen, kein Applaus. Nur das Flackern der Fernsehbildschirme in den Zellen.

Zweite Halbzeit: Die Jungs der „Villa Kunterbunt“ geben nicht auf und demonstrieren mit vereinzelt guten Aktionen ihr fußballerisches Können. Der Abwehrchef hämmert einen sehenswerten Weitschuss mit gefühlten 150 km/h in den Winkel – 4:8. Doch den Jubelnden ist klar, dass es sich nur noch um Ergebniskosmetik handelt. In der Schlussphase ist die Luft raus. Am Ende gewinnen die Gäste mit 4:9. Doch die geschlagenen Häftlinge erweisen sich als faire Verlierer. Alle klatschen ab, wirken zufrieden und erschöpft.

Was die Gastmannschaft nach dem Spiel nachdenklich stimmt, ist vor allem das Alter der Inhaftierten. Manche sind gerade Anfang 20 und sitzen nicht wegen Kavaliersdelikten ein. Auf dem Weg zurück auf die andere Seite der hohen Mauern, beim erneuten Auf- und Abschließen der elf Türen, versuchen einige „Motex“-Jungs einen Blick auf die Zellen zu erhaschen. Plötzlich ist die Neugierde groß.

Für den Justizvollzugsbeamten Mingers ist das nichts Neues: „Meistens will die Gastmannschaft erst nach dem Spiel etwas von den Häftlingen erfahren.“ Die Frage, warum die Jungs denn eigentlich sitzen, wird auch an diesem Abend mehrfach gestellt. Mingers lässt sie unbeantwortet – wie jedes Mal.

Die Fahrt ans Ende der Welt

31. Mai 2016 | von

ZKS - Story (logo)

„Sie wollten nicht länger nur träumen – sie wollten leben.“ Vom Traum ins echte Leben und aus dem Kurs auf unseren Blog. Wir bedanken uns bei Katharina Schäfer aus dem Oberseminar: Texte in Arbeit für eine weitere schöne Kurzgeschichte!

 

Sie waren jung und verrückt nach Leben. Was sie wollten: die Welt hinter sich lassen und ein neues Leben in ihrem kleinen roten Auto beginnen. Sie brauchten kein Haus, kein Geld und auch keinen Plan; nur die vage Idee von Sand und Meer führte sie. Alle vier liebten das Meer, und alle vier sehnten sich nach dem salzigen Geruch, der erbarmungslosen Hitze und den wilden Pflanzen.

Keiner von ihnen unterschied sich von anderen Menschen in kleinen und großen Städten. Damals träumten sie unerfüllbare Träume, dachten an unvorstellbare Dinge, waren mit kleinsten Taten überfordert und sahen nicht den Überfluss um sich herum. Eventuell würde das wiederkommen, aber nicht zwangsweise. Im Moment waren sie zusammen und jeder von ihnen glaubte daran, dass sie nicht wieder in diesen Strudel gezogen würden. Sie würden sich gegenseitig erinnern, trösten und, wenn es sein musste, auch zwingen.

Langsam fuhren sie über heiße Landstraßen, während sie sich stetig ihrem Ziel näherten. Es war Hochsommer, und die Fahrt über die Autobahn wäre deutlich bequemer und schneller gewesen, aber keiner hatte es eilig. Wichtiger war, die prächtige Landschaft in sich einzusaugen, jeden Olivenbaum, jede Kaktee und jede Palme im Kopf nachzuzeichnen. Sich vorzustellen, wie es wäre, in den kleinen, verlassenen und teilweise abgebrannten Hütten zu leben und nie wieder in die Stadt zurückkehren zu müssen. Leise, ohne große Ankündigung, waren sie aus diesem Traum, den sie mit Tausenden teilten, geflohen. Sie wollten nicht länger nur träumen – sie wollten leben.

An einer Raststätte machten sie halt, aßen etwas, vertraten sich die Beine. „Morgen müssten wir das Meer erreichen“, sagte einer von ihnen und zeigte in die Richtung, in die sie mussten. Freude. Jubel. Einigkeit. Man entschloss sich, die Nacht durchzufahren, um schon am kommenden Mittag im Meer baden zu können. Während der Weiterfahrt lief Musik, es wurde gelacht und von der anstehenden besseren Zeit geschwärmt.

Irgendwo auf der Welt mochte Krieg sein, ihr Heimatland mochte kalt und traurig sein. Vielleicht waren alle Menschen auf der Welt, sie eingeschlossen, ersetzbar. Im Leben war nichts perfekt, doch nicht immer spielte das eine Rolle. Für sie in diesem Moment auf jeden Fall nicht. In dieser Nacht bekamen die Eingeschlafenen auf der Rückbank die wärmste Decke, wurde das letzte Kleingeld zusammengekratzt, um Kaffee für den Fahrer zu kaufen, hörte man zum hundertsten Mal zu, wenn es wieder um das leidige Thema Liebe ging. Man lebte nur in dieser Nacht.

Sie hatten nichts und waren glücklich. Sie waren Liebende, verbunden in ihrer tiefen Freundschaft, Seelenverwandte, ohne die Bedeutung der Seele zu kennen, Brüder und Schwestern, nur weil sie am Leben waren. Während es langsam dämmerte, konnten sie bereits das Rauschen des Meeres hören. Niemand konnte ihnen noch etwas anhaben.

Auf Mission – jenseits von Monschau

13. April 2016 | von

Wir gratulieren Aline Jansen zur Veröffentlichung ihrer Reportage über einen gebürtigen Monschauer, den eine Missionsreise nach Tansania geführt hat. Der Text entstand im Rahmen unseres Seminars Journalistisches Schreiben und wurde in der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten publiziert.

Screenshot_Jansen

Von Aline Jansen

Er ist Schreiner, Schlosser, Automechaniker und Gärtner. Er ist Ausbilder, Bauunternehmer, Firmenchef und Manager. Alles in einer Person. Und das nicht einmal in Deutschland, wo Computer und Maschinen einen großen Teil der Arbeit übernehmen. Ja nicht einmal in Europa, sondern in Afrika. Sein Job? Afrika-Missionar. Sein Name? Bruder Theo Call – der Mann für alle Fälle.

Auch in seiner alten Heimat vergisst den Missionar niemand. Im Gegenteil. Seit ein paar Jahren liegt in der Eifel fast so etwas wie ein „Theo-Fieber“ in der Luft. 2008 besucht das Ehepaar Elke und Martin Krings aus Konzen Bruder Theo in Kabanga. Und sie sind so begeistert von seiner Arbeit, dass sie den Förderverein „Bruder Theo Call, Weißer Vater der Afrika-Missionare“ zu seiner Unterstützung gründen. Seitdem rühren sie kräftig die Werbetrommel und sammeln Spenden.

Geboren wird er am 31. März 1938 in Konzen bei Monschau in der Eifel. Dort besucht er die Volksschule und beginnt mit 16 Jahren eine Lehre als Huf- und Wagenschmied in einer Konzener Schlosserei- und Schmiedewerkstatt. „Theo war ein ganz normaler Jugendlicher“, erzählt seine Schwester Regina. „Er ist gerne tanzen gegangen und hat mit seinen Freunden auch den einen oder anderen Streich gespielt.“ Außerdem ist er im Dorfleben aktiv: im Turnverein, beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes und als zweiter Bass im Kirchenchor.

Doch in dem jungen Mann schlummert ein Traum. Ein Traum, den er nur seiner Mutter verrät: Missionar möchte er werden und nach Afrika gehen, da ist er sich schon im dritten Schuljahr sicher. Seine Mutter behält das erst einmal für sich, vielleicht ist es ja nur das Hirngespinst eines Zehnjährigen.

Heute lebt Theo Call 7600 Kilometer von Monschau entfernt in Tansania, genauer: in Kigoma, der westlichsten Region des Landes, in der Nähe des Tanganjika-Sees. Die Diözese ist so groß wie die Niederlande und zählt mehr als zwei Millionen Einwohner. Hier hat Bruder Theo seine neue Heimat gefunden; in einer Missionsstation im Dorf Kabanga, 40 Kilometer von der Grenze zu Burundi entfernt. „Im afrikanischen Busch“, wie er sagt.

Er baut Kirchen, saniert Gebäude, legt Brunnen an, installiert Pumpen und Solaranlagen. Und das in der ganzen Diözese. Alles, was gebaut wird, läuft über ihn. Von den Zeichnungen über die Berechnungen bis hin zur Ausführung: In Kigoma macht das alles das staatlich anerkannte „Ein-Mann-Unternehmen“ Bruder Theo.

Kabanga entwickelt sich durch ihn zu einem Schwerpunkt für die ganze Region, denn hier steht eines der wichtigsten Häuser. Weiß gestrichene Fassade, ein großes Eingangstor, zu dem sechs Stufen führen, davor eine grüne Wiese und ein paar schattenspendende Bäume: das Krankenhaus mit Chirurgie, Geburtsstation, Zahnarztpraxis und einem separaten Gebäude für Leprakranke. Und mit Strom und fließendem Wasser. Eine Seltenheit in dieser Einöde fast ohne Technik.

Eine Turbine versorgt Missionsstation, Krankenhaus, Werkstätten und die Schule in Kabanga seit 17 Jahren mit Strom. 1984 heben der „starke Mann“, wie die Einheimischen Call nennen, und seine Arbeiter einen Stausee aus – mit Spaten. Ihn speist das Regenwasser und der kleine Karunga-Bach. Die Wasserkraft treibt eine Turbine an und vier Kilometer lange Hochspannungsleitungen transportieren den Strom ans Ziel. Rund um den See sind 50.000 Bäume angepflanzt worden, „die ziehen den Regen an und der Boden kann das Wasser besser speichern“, erklärt der 77-Jährige. Fast 15 Jahre vergehen, bis das erste große Projekt vollendet ist.

Calls Glaubensweg beginnt 1960 mit einem Postulat und einem anschließenden Noviziat. 1967 bildet er sich mit einem Fernkurs über Statik und Bautechnik weiter. Außerdem schickt der Orden ihn für drei Monate nach London, um Englisch zu lernen. Denn in Afrika spricht niemand Deutsch, und erst recht kein „Eifeler Platt“.
Aufbruch in ein neues Leben

Am 4. Dezember 1967 ist der große Tag gekommen: Aufbruch in ein neues Leben in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer fremden Sprache und Kultur. Von Düsseldorf über Amsterdam und Rom nach Uganda und weiter nach Tansania. Nach vier Tagen erreicht der 29-Jährige sein Ziel: Ujiji, knapp 100 Kilometer von Kabanga entfernt.

Dort arbeitet er in der Autowerkstatt eines Mitbruders, Pater Fulgens Hirt aus Konstanz. 1970 besteht Call die Prüfung als Kfz-Mechaniker in Köln, übernimmt nach Pater Fulgens‘ Tod die Werkstatt und zieht mit ihr nach Kabanga um. Zusätzlich baut er eine Schreinerei, eine Schlosserei und ein Sägewerk auf, die er bis heute mit seinen Arbeitern betreibt.

Das neueste Vorhaben des Missionars entpuppt sich als Mammutprojekt: der Bau eines 125 KW-Wasserkraftwerks zur Stromerzeugung für das „Bischöfliches Knabenseminar St. Josef“ in Iterembogo, 80 Kilometer von Kabanga entfernt. 600 junge Männer werden dort unterrichtet und auf die Priesterlaufbahn vorbereitet. Zum Priester geweiht werden aber nur vier oder fünf aus jedem Jahrgang. „Aber das ist in Ordnung. Hauptsache, die jungen Leute erhalten eine gute Bildung“, findet Call.

Die Idee, auch dort eine Turbine zu installieren, ähnlich der in Kabanga, geistert bereits seit Jahren in seinem Kopf herum. Jetzt nimmt das Projekt langsam Form an: In den vergangenen drei Jahren haben 50 Arbeiter einen 600 Meter langen, 2,10 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Kanal mit Hacke und Schaufel ausgehoben. Wirkliche Handarbeit. Die Männer stehen barfuß auf Geröllhaufen, völlig verstaubt. Acht Stunden am Tag bei sengender Hitze, nur mit Shorts bekleidet. Meter für Meter graben sie sich voran. Einzige Gemeinsamkeit mit deutschen Baustellen: die gelben Schutzhelme.

Die Afrika-Missionare kommen aus Europa, Amerika und mittlerweile auch aus Afrika selber, zum Beispiel aus Schulen wie St. Josef. 1405 von ihnen leben in 20 Ländern Afrikas und 13 übrigen Ländern der Welt. Neben Bruder Theo arbeiten 33 Mitbrüder in Tansania, davon vier Deutsche. Das typische lange, weiße, wallende Gewand bringt ihnen schon bei der Ordensgründung 1868 den Beinamen „Weiße Väter“ ein. Heute verzichten sie lieber darauf, denn er wird – fälschlicherweise – oft mit der Hautfarbe der Mitglieder gleichgesetzt.

Theo Call möchte den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Glaubensverkündung durch praktische Arbeit“ nennt er das. Manchmal braucht er dafür aber viel Geduld, denn die Menschen mögen keine Veränderungen. Deshalb sind Fortschritte schwer zu erreichen. „Hier will kaum mal einer etwas anderes tun als die anderen. So wie es der Großvater gemacht hat, so machen es auch noch die Jungen“, erzählt der Eifeler.

Ein anderes großes Problem: Korruption. Das ist auch bei einem aktuell brisanten Thema zu spüren: der Verfolgung der Albinos. Albinos sind Menschen, denen durch einen seltenen Gendefekt das Pigment Melanin fehlt. Ihre Haut ist nicht dunkel, sondern hell, genau wie ihre Haare. Sie werden regelrecht gejagt und verstümmelt oder umgebracht, denn selbsternannte Medizinmänner verbreiten einen schrecklichen Aberglauben. Die „Heiler“ brauen aus Körperteilen und Organen der Albinos kannibalische Zaubertränke, die Glück und vor allem Reichtum versprechen.

Seit 2000 sind mindestens 75 Albinos ermordet worden; und das ist nur die offizielle Zahl. Besonders bedroht sind Kinder: Mörderbanden entführen sie aus den Hütten ihrer Eltern und töten sie brutal. Manchmal werden sie sogar von Nachbarn, Freunden oder der eigenen Familie gegen Bezahlung verraten, denn wenn es um Albinos geht, winkt bares Geld. Ein Fuß oder eine Hand sollen umgerechnet 3500 Euro, ein ganzer Körper 70.000 Euro einbringen. Sehr viel Geld, denn das Durchschnittseinkommen in Tansania liegt bei 500 Euro im Jahr.

Sichere Anlaufstellen für Albinos gibt es in Tansania nur sehr wenige. Eine davon liegt in Kabanga. Seit Jahren kommen Albinos zu Bruder Theo, der sie in einer Blindenschule unterbringt – schon lange bevor die Regierung das Problem ernstnimmt.

Heute platzt die Schule aus allen Nähten: Blinde und Behinderte plus 70 Albinos. 150 Kinder. Eigentlich viel zu viele, aber: „Hier sagt man nicht, wir haben Platz für 40 oder 50 Kinder. Nein, hier sagt man, wir haben Platz für alle“, meint Call. Weitere Schlafsäle hat er bereits gebaut, denn die Kleinkinder kommen meistens mit ihren Müttern. Manchmal liefern die Eltern ihr Albino-Kind auch einfach ab und verschwinden.

Die Kinder können in Kabanga zur Schule gehen, ansonsten bleibt ihnen keine Freiheit. Sie leben hinter hohen Wänden mit eingemauerten Scherben, damit niemand herüberklettert, gesichert durch ein Eisentor, das abends verschlossen und von Polizisten bewacht wird. Wenn die Kinder volljährig sind, verlassen sie die Schule und machen Platz für die nächsten. Manche kehren in ihre Dörfer zurück. Wie lange sie dort überleben? Das weiß niemand.

Mut und unermüdliche Kraft für seine kleinen und großen Projekte schöpft Bruder Theo aus seinem Glauben. Er ist überzeugt, dass Jesus letzter Satz im Matthäus-Evangelium zutrifft: „Seit gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Er glaubt daran, dass Gott ihm auch in schweren Zeiten zur Seite steht.

Zweimal hat er bereits die tückische Malaria überlebt, und mit seinen 77 Jahren ist er immer noch ziemlich fit – in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei knapp 61 Jahren liegt.

Schreiben, Sprache, Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

22. Januar 2016 | von

Anna-Maria Cipetic hat bei uns zwei Wochen lang hinter die Kulissen geschaut und in ihrem Schulpraktikum viel erlebt. Was alles passiert ist, erzählt sie euch exklusiv in einer kleinen Reportage.

Anna-Maria Cipetic

Anna-Maria Cipetic

Schreiben, Sprache,  Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

von Anna-Maria Cipetic

Es ist Montag. Zwei Studierende plaudern miteinander vor einem Raum in der Uni. Der Flur ist noch ziemlich leer. Wie viele werden wohl noch kommen? An einen Hörsaal mit tausend Sitzplätzen und Massen von Studierenden erinnert dieser Kurs wohl kaum. Denn diese Veranstaltung ist auch an der RWTH Aachen etwas Besonderes. Wo sonst Mathe, Technik und Maschinenbau gelehrt werden, dreht sich heute alles ums Schreiben. Dozent Christoph Leuchter schließt die Tür auf. Knapp vor Kursbeginn kommen die letzten Studierenden mit Thermosbecher in der Hand in den Raum. Nun ist die Gruppe komplett. Leuchter begrüßt alle und der Kurs beginnt.

Training Schriftsprache ist nur einer von vielen Kursen, die das Zentrum für Kreatives Schreiben der RWTH Aachen anbietet. Im Zentrum für Kreatives Schreiben (ZKS) haben Studierende die Möglichkeit, ihre Texte und Schreibkompetenz zu verbessern: Das Kursangebot reicht von wissenschaftlichen Arbeiten bis hin zu journalistischen Texten. Die Studierenden kommen dabei aus allen Fachbereichen. Christoph Leuchter leitet das ZKS seit 2012. Vorher arbeitete er als Lektor in Verlagen und als Texter für Agenturen – außerdem schreibt er gerade an seinem dritten Roman.

Und ich – ich bin auch in Training Schriftsprache mit dabei. Anna-Maria Cipetic ist mein Name, ich bin Schülerin der 9. Klasse und ich mache ein zweiwöchiges Praktikum am ZKS. Ich habe mich bewusst für ein Praktikum entschieden, das mit dem Schreiben zu tun hat. Schreiben ist für mich wie eine Befreiung. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, eine Struktur in meine Gedanken zu bekommen. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, später einmal mit Sprache zu arbeiten. Doch wo? Es gibt so viele Berufsmöglichkeiten und am ZKS lerne ich verschiedene Schreibstile kennen.

Halbzeit in Training Schriftsprache. Christoph Leuchter hat in der letzten Stunde journalistische Schreibtechniken besprochen. Wie baue ich den Text auf? Wie bringe ich meine Beobachtungen anschaulich für die Leser aufs Papier? Diesen Fragen stellen sich die Studierenden im Kurs. Und nehmen auch für wissenschaftliche Texte mit, dass es immer gut ist, sich kurz zu halten.

Doch natürlich gibt es auch große Unterschiede zwischen den Textsorten. Cornelia Czapla ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKS und ihr Spezialgebiet ist das wissenschaftliche Schreiben. Doch warum sollten Erwachsene noch etwas über das Schreiben lernen, nachdem sie ihr Abitur bereits gemacht haben? „Texte spielen auch für den späteren Beruf der Studierenden eine immer größere Rolle “, sagt Christoph Leuchter. Deshalb sei es wichtig, die Fähigkeit, gute Texte zu schreiben, immer weiter zu verbessern.

Es ist Mittwoch. Ich fahre mit dem Bus und steige an der Unibibliothek aus. Gespannt warte ich vor dem Eingang auf Cornelia Czapla. Wir betreten schließlich gemeinsam das Gebäude und fahren mit dem Aufzug in den dritten Stock. Ein Rundgang durch die Bibliothek: Bücherreihen voll mit Maschinenbauliteratur – ein Thema, womit ich mich in der Schule nie beschäftige. Und selbst die älteren Computer – in Kastenform – werden noch genutzt. Das hätte ich nie gedacht. Aber an anderen Ecken ist die Bibliothek modern. Vor allem im neuen Bibliotheksgebäude haben die Studierenden mehr Möglichkeiten, sich in Lesesäle zurückzuziehen und können sogar ihre Bücher über ein Online-Verfahren ausleihen.

Aber in meiner Praktikumszeit habe ich nicht nur Kurse, wie Training Schriftsprache oder Wissenschaftliches Schreiben, besuchen können. Genauso habe ich das Zentrum bei täglichen Arbeiten kennengelernt und unterstützt: Ich habe E-Mails und Briefe geschrieben; war bei Homepage-Meetings und Social-Media-Treffen mit dabei; habe Texte mitlektoriert und gelernt, wie man die Angst vorm leeren Blatt überwindet. Sogar Einzelcoachings zum Journalistischen Schreiben und zur Textüberarbeitung habe ich bekommen und die Unterschiede beim Schreiben in Wissenschaft, Journalismus und PR kennengelernt.

Während der Zeit beim Zentrum für Kreatives Schreiben fühlte ich mich wirklich wie ein Teil des Teams. Am Anfang war ich ziemlich gespannt und aufgeregt, da ich als Schülerin das erste Mal an einer Uni war, aber zum Schluss habe ich mich gut eingelebt und hatte vor allem viel Spaß. Die Zeit beim ZKS war für mich ein tolles Erlebnis und ich werde viele Erfahrungen mit in die Schule nehmen.