Kategorien
Seiten
-

RWTH-Schreibzentrum

Corona-Tagebuch

27. Juni 2020 | von

von Tim Seidel

Im Rahmen des Kurses „Texte in Arbeit (Oberseminar)“ sind eine Reihe von Texten zur Corona-Pandemie entstanden, in denen die Studierenden die Möglichkeit hatten, ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

————————————————————————————————————————————————————————

Der Wecker klingelt, 8:00 Uhr.

Ich setze meine glänzende Bialetti auf das gleiche Kochfeld wie jeden Morgen und gehe duschen, während sich der herrliche Kaffeegeruch in der ganzen Wohnung verteilt. Man könnte meinen, es sei ein ganz normaler Montagmorgen. Doch nichts ist momentan normal. Ich klappe meinen Laptop auf und starte die erste Zoomsitzung des Tages, die erste, aber bei weitem nicht die letzte.

Die Dozentin ist überaus nett und gibt sich größte Mühe, den Stoff so gut es geht zu vermitteln. Ihre Kopfhörer sind so groß wie die Ohrenschützer eines Forstarbeiters, damit sieht die zierliche Frau eher aus wie eine Pilotin oder Funkerin im Krieg. Eine komische Analogie, die würde Macron mit Sicherheit gefallen.

Die „Vorlesung“ kommt zum Ende mit den Worten: „Bleiben Sie gesund und Zuhause.“ Zum ersten Mal seit Beginn meines Studiums wäre ich um 8:30 Uhr lieber im Audimax statt Zuhause vor meinem Laptop, mit einem lauwarmen Kaffee in meiner Hand.

Die nächste Sitzung geht zu Ende, wieder wird uns viel Gesundheit gewünscht. Irgendwie beginne ich jedes Mal innerlich „Viel Glück und viel Segen“ zu singen, wenn jemand mir Gesundheit wünscht.

Meine Kontaktlinsen fühlen sich trocken, hart an und dabei ist es erst 15:00 Uhr. Wieder wünschte ich im Audimax oder im Büro zu sein, statt zu telefonieren oder E-Mails zu schreiben. Ich wundere mich über mich selbst.

Wie oft ist ein Vorlesungsbesuch daran gescheitert, dass mir der Weg zu weit war oder ich beim Frühstücken so sehr getrödelt habe, dass es sich meine Ansicht nach nicht mehr gelohnt hat und wie oft habe ich mir gewünscht, mich einfach kurz in die Vorlesung oder ins Büro beamen zu können? Der Wunsch ist jetzt in Erfüllung gegangen und dennoch wünschte ich, es wäre alles wieder wie früher.

Wie kommt es, dass man immer das haben will, was man nicht haben kann, statt sich zu freuen über das, was man hat? Eine Frage, auf die ich noch keine Antwort weiß, aber zum Glück habe ich momentan genug Zeit, eine zu finden.

 

Corona-Tagebuch

19. Juni 2020 | von

von Johanna Demory

Im Rahmen des Kurses „Texte in Arbeit (Oberseminar)“ sind eine Reihe von Texten zur Corona-Pandemie entstanden, in denen die Studierenden die Möglichkeit hatten, ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

————————————————————————————————————————————————————————

Corona – ein Mantra in aller Munde, und seinen Alltag kann man vergessen

Ziemlich viele Gedanken, die sich um dieses Virus gemacht werden. Zu Recht! Es ist gefährlich. Es breitet sich rasend schnell aus. Es gefährdet Menschen, und zwar jeden. Man sieht es nur nicht. Oder doch? Über die Schreckensbilder aus dem griechischen Flüchtlingslager scrollt man schnell hinweg, in Gedanken schiebt man sie einfach zur Seite – man ist ja nicht in Griechenland. Und dann sieht man das Virus wieder nicht. Man spürt es auch nicht, wenn man es selbst noch nicht hatte, und keinen Angehörigen hat, der daran erkrankt ist. Und trotzdem hat sich alles verändert. Einkaufen – oder auch eben nicht einkaufen, wenn es um nichts Lebenswichtiges geht – ist anders. Es ist leerer, kein Gedränge mehr. Es fühlt sich anders an. Die Hände, zum Beispiel, fühlen sich schneller klebrig und dreckig an. Waschbedürftig. Einkaufen riecht anders. Nach Desinfektionsmittel? Geht so. Nicht in jedem Laden wird der Haltegriff des Einkaufwagens, nach Benutzung, mit der antibakteriellen Substanz eingenebelt. Nicht jeder benutzt die angeketteten Fläschchen, die in den Eingängen der Läden bereitstehen. Angekettet deshalb, weil sie sonst jemand mit nach Hause nehmen würde. Zur Sicherheit, und auf Vorrat natürlich. Auch Mundschutzmasken-Klau ist eine anerkannte Sportart geworden.

Irgendwie ist die Corona-Krise überall angekommen, irgendwie aber auch nicht. Wo ist sie angekommen, und wo nicht? Wenn eins feststeht, dann das: Sie ist in den Medien angekommen. Die Medien sind aus der Krise überhaupt nicht wegzudenken. Das Wort Corona steht überall geschrieben. Covid-19 wäre zu kompliziert, das benutzen nur die Virologen. Es muss einleuchtend sein, schnell lesbar, ohne Zahlen. Corona, Corona, Corona … Wie ein Mantra in aller Munde. Sätze wie: „Das darf ja jetzt nicht mehr …“, oder: „Okay, im Moment nicht, wegen Corona …“, sind zum gewohnten Anhängsel eines jeden Gesprächs geworden. In den Gedanken hat sich Corona etabliert, egal, ob man zu Hause vor dem Bildschirm sitzt, eben schnell zur Post möchte, oder beim Spaziergang versucht, eine Corona-freie Liegewiese zu finden. Die Maßnahmen sind klar, die meisten halten sich daran. Einfache Regeln. Aber da ist noch ein Rest-Zweifel in uns. Etwas bleibt jedes Mal übrig. Ungeklärte Fragen, wie lange das alles noch so weitergeht. Und vor allem, wie es danach weiter geht. Ist es irgendwann vorbei? Wird es nie vorbei sein? Manche sagen das Eine, die Nächsten behaupten das Andere. Und dann fühlt man sich unsicher. Unfähig, den Alltag wieder aufzunehmen. Er fällt ganz anders aus, unproduktiver, mit weniger Bewegung. Und man wartet nur darauf, die alten Routinen von vorher wieder aufnehmen zu können, die spannender waren, und mit mehr Bewegung darin. Und dieses Warten bedeutet: Wir sind noch nicht angekommen in der Krise. Denn auf etwas zu warten, ist oft der falsche Weg, um in etwas anzukommen, was man ernst nehmen sollte. Aber was sollen wir tun? Wir können nicht anders.

 

Corona-Tagebuch

09. Juni 2020 | von

von Matthias Cherek

Im Rahmen des Kurses „Texte in Arbeit (Oberseminar)“ sind eine Reihe von Texten zur Corona-Pandemie entstanden, in denen die Studierenden die Möglichkeit hatten, ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

————————————————————————————————————————————————————————

Ich verliere langsam den Überblick. Kontaktsperre ab drei Personen, außer Kernfamilie – was auch immer das bedeutet – Geschäfte öffnen ab wieviel hundert Quadratmetern? Außer Buchhandlungen und Autohäusern – interessant – und tausend Regeln mehr. Wo soll ich nochmal eine Maske tragen? Überlebt das Virus auf Oberflächen? Reichen zwei Meter Abstand beim Joggen? Ich habe da von einer Studie gehört, die besagt, dass während der Corona-Pandemie viel mehr Leute über Studien reden. Hat die denn ein Peer-Review? Ich weiß immer über die neuesten Entwicklungen Bescheid: In New York werden Massengräber angelegt, der Iran lügt, China vielleicht auch, Südkorea hat alles toll gemacht. Bescheid – achja, ums Bafög muss ich mich noch kümmern. Wird meine Regelstudienzeit verlängert? Schnell mal googlen, dann weiß ich … Bescheid. Die neueste Ausgabe von Vox Machina Origins wird wegen Corona nicht veröffentlich. Ich soll mich wegen der andauernden Krise in Geduld üben, ein neues Veröffentlichunsdatum wird bald bekannt gegeben. Warum wird denn die Veröffentlichung von einem digitalen Comic verschoben? Ich mache mir jetzt Waffeln. Schnell schauen, ob alles da ist – Milch, Zucker, Eier, Meh… – Ich bestelle mir jetzt Pizza.

Na toll, jetzt habe ich eine Woche nicht an meinem Corona-Tagebuch gearbeitet und schon ist alles veraltet.

Was wird von der Corona-Krise bleiben?

27. April 2020 | von

von Christoph Leuchter

Entstanden ist das Essay als Gastbeitrag für die AZ/AN im Rahmen der Corona-Pandemie.

————————————————————————————————————————————————————————

Was auch geschieht, wie lange auch immer das alles noch dauert – für viele ist eins längst klar: Nach der Krise wird nichts mehr so sein wie zuvor.

Stimmt das? Vielleicht. Indes mit Gewissheit sagen, kann es niemand. Hat es doch ähnliche Aussagen schon im Zusammenhang mit der Finanzkrise von 2008 gegeben. Und mal ehrlich: So wahnsinnig viel hat sich seitdem für die Menschen auf der Straße, die momentan eher zu Hause bleiben müssen, nicht verändert.

Aber – zwischen 2008 und 2020 gibt es einen fundamentalen Unterschied: Die Krise damals war für die meisten Menschen eine sehr abstrakte. Banken mussten gerettet werden. Rettungsschirme wurden aufgespannt. Aber außer den Finanzexperten und denjenigen, die tatsächlich Aktien von Lehman Brothers gekauft hatten, wusste niemand so recht, was da eigentlich geschah. Die Börsen spürten es und massiv natürlich die Griechen, aber hierzulande war der ganze Spuk für die meisten schnell vorbei. Ein bisschen musste man noch um den Euro bangen, aber das war‘s dann auch: Die wenigsten Deutschen waren existenziell bedroht.

Das ist jetzt anders. Und das Ausmaß lässt sich bislang allenfalls erahnen. Sehen und fühlen kann man aber schon jetzt: Das, was die sogenannte Corona-Krise mit uns macht, betrifft plötzlich die Menschen selbst – ganz real und in Echtzeit. Nicht die da oben, nicht die Mega-Konzerne, nicht irgendwen, nein, uns alle und unmittelbar.

Das Virus ist lebensgefährlich! Und das im doppelten Sinn. Die einen kostet – und das ist am allerschlimmsten – die Krise tatsächlich das Leben. (Dabei ist es im Übrigen völlig egal, wie alt man ist – alles andere ist blanker Zynismus!) Das Leben der anderen wird in irgendeiner Form berührt sein. Corona, so schön der Name auch klingt, scheint sich vor allem zu einer psychologischen und einer wirtschaftlichen Krise auszuwachsen. Aber diesmal trifft es in erster Linie die Friseurin, die ihren Job verliert, den Mechatroniker, der in Kurzarbeit muss, und den mittelständischen Unternehmer, dem die Insolvenz droht.

Die gesundheitliche Gefahr beziehungsweise Dimension des Ganzen ist immer noch schwer zu fassen. Unzweifelhaft erkennt man sie daran, dass in den Medien aktuell die Virologen das Wort führen. Vorher kamen die in den Programmen gar nicht vor. Ansonsten kämpfen die meisten von uns eher mit den Konsequenzen des sogenannten Kontaktverbots als mit der wirklichen Bedrohung. Die Fernsehbilder italienischer Militärkonvois, die Hunderte von Leichen transportieren, wirken nur tausend Kilometer entfernt wie düstere Hollywoodproduktionen, surreal, nicht wie das wahre Leben.

Es fällt auf, dass nicht alle Experten in der Krise immer richtigliegen. Manche Virologen und Wirtschaftsweisen scheinen bei ihren Vorhersagen eher die hauseigenen Glaskugeln zu bemühen. Gleichwohl: Je länger das Ganze dauert, desto häufiger fragen die Menschen schon jetzt nach dem Sinn. Was lernen wir aus der Krise?

Erste Antworten klingen hier und da allerdings, als sei irgendjemand schuld an dem Ausbruch von Covid-19. Als müsse man Systeme oder Handlungsträger dafür zur Rechenschaft ziehen.

Das ist Unsinn! Weder der Kapitalismus hat das Virus losgetreten noch die Globalisierung. Alles andere ist Verschwörungstheorie. Eine Pandemie kommt einfach: die Pest, die Spanische Grippe, Ebola, Corona. Wie sehr sie sich ausbreitet, ist eine andere Frage. Und eine Epidemie ist auch keine Strafe Gottes. Gleichwohl muss man nicht alles in der Welt, wie wir sie kennen, grenzenlos gut finden – nicht den Turbo-Kapitalismus, der uns kurzsichtig und kurzatmig macht, nicht diejenige Globalisierung, die die Menschen vergisst, und erst recht keine Religionen, die von strafenden Göttern träumen.

Es kann nie schaden, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft leben wollen: Wie können wir – wenn schon nicht total „entschleunigen“ – wenigstens nicht permanent überdrehen? Wie lässt sich die drohende Spaltung der Gesellschaft und der Welt überwinden? Ist es richtig, dass ein Top-Manager zig Mal so viel verdient wie eine Altenpflegerin oder ein Paketzusteller? Hat das eine vielleicht sogar mit dem anderen zu tun? Diese Fragen kann und muss man sich immer stellen. Manche Leute haben nur gerade mehr Zeit zum Denken – und vielleicht ist das gut so.

Spätestens bei der Frage, wie wir unsere Umwelt und damit auch unsere Gesundheit besser schützen, was wir dringend tun müssen, spätestens da lehrt uns die Krise, dass Lösungen nicht so einfach sind wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Weil die Welt eine komplexe ist.

Erste Reaktionen und Kommentare, die bereits jubilieren und das aktuelle „Herunterfahren“ des gesellschaftlichen Lebens als Beweis dafür anführen, dass es „auch anders geht“, darf man getrost als naiv oder ideologisch zurückweisen. Der aktuelle Zustand der Gesellschaft ist sicher weit vom Ideal entfernt – es sei denn, man ist zufällig Misanthrop oder Narzisst.

Aber noch einmal: Was können wir lernen? Müssen wir etwas lernen?

Sicher wird es Neuerungen in der nächsten Zeit des Improvisierens geben, die sich als sinnvoll erweisen; aus der Not Geborenes, das wir, wo es möglich ist, beibehalten können: Homeoffice, Videokonferenzen, Desinfektionsmittel. Manchmal sind es auch Gepflogenheiten, die wir bereits kannten, aber irgendwie vergessen hatten: Lesen, Sinnieren, Spazierengehen.

Wir lernen auch, dass die Krankenhäuser und Pflegeheime demnächst besser mit Masken und Schutzausrüstung ausgestattet sein müssen, logisch. Ach ja, wir lernen – wieder einmal –, dass Geld nicht alles, aber auch nicht unwichtig ist. Und wir lernen gleichzeitig, dass „Durchökonomisieren“ nicht überall das Maß der Dinge sein darf. Und: Alles ist wichtiger als Klopapier!

Bleibt die verwunderte Erkenntnis: Das Leben und unsere Gesellschaft sind immer noch verdammt verletzlich – auch in Zeiten von schnellerem Internet und Operationen am offenen Herzen. Das hätten wir so nicht gedacht. Für unsere Gesundheit gibt es selbst in der hochmodernen Welt keine Garantie. Aber wir leben zum Glück nicht mehr im Mittelalter und unser Gesundheitswesen kann Maßnahmen ergreifen, die bisweilen sogar erfolgreicher sind als Medikamente und Impfstoffe.

Mitte März, kurz vor dem Kontaktverbot, als sich die Entwicklung schon abzeichnete, da sagte meine unerschrockene Friseurin: „Die Krise wird auch eine Chance für uns sein. Selbst die schlimmste Katastrophe ist für irgendetwas gut.“ Mutig. Uneigennützig. Nahezu philosophisch. Aber das wussten wir ja schon immer: dass die wahren Philosophen Steinmetze, Linsenschleifer und Friseurinnen sind.

Und ob wir daraus etwas lernen oder nicht – es zeigt sich: Leben findet auch in digitalisierten Zeiten immer noch vor Ort statt. Dort leisten die kleinen und großen Helden der Krise gerade Bewundernswertes: Die Kassiererin im Supermarkt, der Student, der bei der Telefonseelsorge aushilft, Ärzte und Pfleger in Kliniken und Altenheimen sowieso. Die Liste lässt sich ins Unendliche verlängern. Selbst Politiker machen keine schlechte Figur. Und plötzlich gibt es überall Nachbarn, die sich unterstützen, Spaziergänger, die sich grüßen, Polizisten, die singend durch die Straßen ziehen und für einsame Menschen die Sonne aufgehen lassen. Das tut gut. Das lässt hoffen. Grandios, wenn das auch nach der Krise so bliebe.

 

————————————————————————————————————————————————————————

Christoph Leuchter ist Schriftsteller und Musiker und leitet das Schreibzentrum der RWTH-Aachen University.

4 mal x

19. Juli 2019 | von

von Leonie Schmidt

Entstanden ist das Gedicht im Sommersemester 2019 in unserem Kurs „Texte in Arbeit (Oberseminar)“.


4 mal x

Ich rolle mit 4 freien Plätzen
in meinen 4 Wänden
auf meinen 4 Reifen
um 8 Uhr Richtung Arbeit

in 8 Stunden

rolle ich auf meinen 4 Reifen
in meinen 4 Wänden
mit 4 freien Plätzen
um 16 Uhr Richtung zu Hause.

Rolladen runter

12. Juli 2019 | von

von Loana Epping

Entstanden ist das Gedicht im Sommersemester 2019 in unserem Kurs „Texte in Arbeit (Oberseminar)“.


Rolladen runter

Bewegungslos
In einem Bett ohne Wärme
Dein lebloser Körper
Kein Wort dich zu wecken

Der Staub liegt hier schon
Lange und von flackernden Bildern
Angestrahlte Kinderaugen
Glänzen

Bei der nächsten Begegnung
Dein lebloser Körper
Besprenkelt von schillerndem Metall
Und dein Lächeln
Dein Angesicht des Todes

Am letzten Tag
Rührt sich dein Finger
Für eine Erinnerung
An das Gefühl
Zu fliegen

Was geht?

05. Juli 2019 | von

von Leonie Schmidt

Entstanden ist das Gedicht im Sommersemester 2019 in unserem Kurs  „Texte in Arbeit (Oberseminar)“.


Was geht?

Ich wohne
In einem großen Haus
Sogar mit Garten.

Ich wohne
In einem großen Haus
Sogar mit Garage.

Ich wohne
Nicht in einer reichen Familie
Sondern in einem Studierendenwohnheim

Und was ich noch verschwiegen habe:

Wir haben einen Waschraum.
Denn wir wohnen mit 7 Waschmaschinen
Und 299 Personen!

Ich wohne
In einem Zimmer mit 15m im Karree
Mit drei anderen in einer Vierer-WG

Und wenn meine Wäschetonne voll ist:

Gehe ich zu unserem Waschraum
Denn wir wohnen mit 7 Waschmaschinen
Und fast 300 Leuten!

Krass, das geht?
299 Personen auf 7 Waschmaschinen?
Man könnte denken, alle seien stetig besetzt
doch dabei hat man sich verschätzt.

Wohnten wir in einem anderen Haus,
hätte wohl jeder und jede

seine und ihre
eigene
Waschmaschine.

Und gebraucht würde sie
pro Woche

für
eine
Stunde.

Carsharing ist schon bekannt
Waschmaschinensharing noch nicht so sehr
aber auch das geht erstaunlich charmant.

Versteckt auf weitem Feld

28. Juni 2019 | von

von Loana Epping

Entstanden ist das Gedicht im Sommersemester 2019 in unserem Kurs „Texte in Arbeit (Oberseminar)“.


Versteckt auf weitem Feld

Geh an den Ort, an dem du sicher bist
Ein großer Karton auf Kunstrasen
In einer Welt ohne Eltern
In einer Zeit
Bei der das Surren der Kühltruhe –
Wie das Schnurren der Katze –
Den wortlosen Raum erfüllt
Zähl bis zehn, nachdem du gegessen hast

Geh an den Ort, an dem du deine Erinnerungen versteckt hast
Mit Kirschkernen vergraben
Wo tröstliche Bilder
Von offenen Särgen
Den unbemerkten Pfad entlang sprießen
Bleib dort
Bis der nächste Tag sich zeigt
Zwischen den Fäden des Fliegengitters

NXTTXT – Interesse an einem Schreibwettbewerb?

22. November 2018 | von

Auch das Schreibzentrum macht gerne Werbung in uneigener Sache.

Dort, wo die Freude am Schreiben gefördert und auch noch entlohnt wird, sind wir Feuer und Flamme.

Aachens erster Insektenburger – überraschend saftig und nussig

19. September 2018 | von

Joel Teichmann: Revolution aus der Tiefkühltruhe – der Insektenburger

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 im Kurs Journalistisches Schreiben

veröffentlicht in der AZ/AN im Teil Lokales


 

Revolution aus der Tiefkühltruhe – der Insektenburger

 

„Bitte probieren Sie!“ Vorsichtig begutachtet die junge Frau das handbeschriebene Schild auf der Kühltruhe. Na, was denn probieren? Ihr Blick schweift vom Papier-Schildchen zu den kleinen braunen Stückchen, die jeweils von einem Holzstäbchen durchstochen sind. „Deutschlands erster Insektenburger“, steht großgeschrieben darüber. Die Augen der Frau weiten sich, unsicher macht sie einen Schritt zurück. Ein letztes Mal blickt die Dame auf die Probestücke, bevor sie sich angewidert schüttelt und in Richtung Kasse flüchtet.

DEUTSCHLAND, KOELN, 09.10.2017, ifood conference 2017 auf der ANUGA, Boris Oezel und Max Kraemer © Joerg Sarbach

 

Die Larven des Getreideschimmelkäfers haben den Weg in die Aachener Supermärkte gefunden. Seit April dieses Jahres verkauft Rewe Reinartz in seinen beiden Filialen in Eilendorf und an der Lütticher Straße den Insektenburger. Zwar greift nicht jeder Kunde zur neuen Rindfleisch-Alternative. Dennoch: Schon nach wenigen Wochen war der Burger ausverkauft. Allerdings vergingen Jahre der Entwicklung und Tüftelei, bevor die Larven-Bulette in der Kühltruhe landen konnte.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2013 in Südostasien: Baris Özel schlendert mit seinem Sandkastenfreund Max Krämer durch die Straßen Bangkoks. Vorbei an Händlern, die ihre Ware am Straßenrand verkaufen. Der Duft gebratenen Essens liegt in der Luft. Vor einem Straßenhändler halten sie an und blicken in eine Pfanne, randvoll gefüllt mit Insekten. Die zwei Urlauber sind neugierig, probieren die kleinen Tierchen. „Es überkam uns“, sagt Özel später. „Obwohl nicht alles schmeckte.“ Und so wird dieser Tag die beiden Freunde zu künftigen Geschäftspartnern machen. Zu den Erfindern des ersten Insektenburgers in Deutschland.

Die Insektenzucht sei ein wichtiger Baustein zur nachhaltigen Nahrungssicherung, konstatiert die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen bereits vor fünf Jahren. Im Vergleich mit der klassischen Rindfleischproduktion benötigen sie gerade einmal ein Zehntel der Futtermittel und produzieren ein Hundertstel der Treibhausgase, wirbt der Insektenburger auf seiner Verpackung. Besonders in Asien kommen Wurm und Käfer daher bereits jetzt täglich auf den Tisch. Rund zwei Milliarden Menschen ernähren sich weltweit von den krabbelnden Lebewesen – ein Drittel der Menschheit. Warum also nicht in Deutschland?

Zu Beginn ist die Geschichte des Insektenburgers eine Geschichte des Scheiterns. Özel und Krämer, damals Studenten der Geographie und BWL, bestellen sich essbare Insekten im Internet. Der WG-Mixer soll die Tierchen in einen homogenen Klumpen verwandeln. Auf den Versuch folgt prompt die Enttäuschung: „Unser Burger sah noch nicht gut genug aus“, erklärt Özel. Mithilfe des deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik gelingt schließlich der Durchbruch: Der Insektenburger kommt im Oktober 2015 in zwei belgischen Gastronomiebetrieben auf die Speisekarte, die beiden Freunde gründen das Unternehmen „Bugfoundation“. Ein Verkauf in Deutschland bleibt hingegen untersagt. Insekten sind kein Essen, heißt es. Eine Ausnahmegenehmigung und zahlreiche strenge Auflagen wären beim Verkauf zu beachten. Ein EU-weites Lebensmittelgesetz Anfang des Jahres 2018 ändert diese Einstellung. Seitdem dürfen auch hier die Krabbeltierchen verspeist werden. „Wir haben uns gefreut wie kleine Kinder“, erinnert sich Özel. Der Weg für Deutschlands ersten Insektenburger war frei.

Schnell wird die WG zu klein und die Larven-Zucht zum niederländischen Unternehmen „Protifarm“ ausgegliedert. Vier bis sechs Wochen liegen die Würmchen dort zwischen tausenden Artgenossen in riesigen Behältern herum. „Massentierhaltung ist für die Larven das Paradies“, erläutert Özel. Schließlich sei das ihr gewohnter Lebensraum, sagt er. Nach der Brutzeit werden die Larven in eine Kühlkammer gebracht, wo sie in Schockstarre fallen und sterben. Ein Wärmebad soll anschließend die verbliebenden Keime abtöten. Etwa tausend solcher Larven formen einen Burger-Patty.

Zielgerichtet steuert ein dunkelhaariges Mädchen auf die Probestückchen im Rewe-Markt zu. „Bitte probieren Sie“, liest sie und blickt in die Truhe. Insekten also. Die Jugendliche zögert kurz, greift dann aber zu. „Schmeckt wie Falafel“, sagt sie grinsend. Ob sie es kaufen würde? Das Mädchen nickt eifrig. Nächstes Mal vielleicht.

Der Insektenburger, er schmeckt also. Zumindest waren sich darin sechs Tester und Testerinnen einig. „Wir haben den Fokus auf den Geruch und Geschmack gesetzt“, erklärt Erfinder Baris Özel. Getreu dem Motto: Die Nase isst mit. Neben den Buffalowürmern beinhaltet ein Patty unter anderem Soja, Tomatenmark, Ei, Zwiebeln und Gewürze. Generell soll es ein hochwertiges und seriöses Produkt sein, keine Mutprobe. „Es ist eben kein Lutscher mit sichtbaren Insekten“, betont Özel. Dschungelcamp und Insektenburger – das seien zwei völlig verschiedene Welten, so der Entwickler.

Und Erfolg scheint der Burger bisher auch zu haben. Die Tiefkühltruhe im Supermarkt an der Lütticher Straße ist zur Hälfte gefüllt. Im April sah das noch anders aus. Der Aachener Supermarkt war der erste Markt bundesweit, der ernsthaftes Interesse an dem Insektenburger zeigte. Und folglich auch dessen erste Verkaufsstätte in Deutschland – die Aufmerksamkeit dementsprechend hoch. Ausgerechnet am ersten April verkündete das Unternehmen den Verkauf des neuen Produkts. Ein Aprilscherz? Fehlanzeige. „Der eigentliche Scherz war, dass es kein Scherz war“, erläutert Bastian Neumann, Leiter der Filiale an der Lütticher Straße.

400 Packungen wurden zur Premiere bestellt, innerhalb von zwei Wochen waren sie ausverkauft. „Ein überragender Wert“, erklärt Michael Reinartz, Betreiber der beiden Rewe-Filialen. Von tiefgekühlten Rindfleisch-Pattys würden hingegen gerade einmal fünf bis sechs Packungen wöchentlich über die Ladentheke rutschen. 5,99 Euro kostet eine Insekten-Packung: gefüllt mit zwei großen oder alternativ sechs kleinen Pattys. „Klingt erstmal viel“, sagt Neumann. „Liegt aber im gehobenen Rindfleischniveau“. Der Grund: Derzeit sind die Rohstoffpreise der Krabbeltierchen sehr hoch, die Insektenindustrie ist noch klein. Im September automatisiert Züchter „Protifarm“ seine Anlage – vielleicht der erste Schritt zu einem preiswerteren Burger.

Der Erfolg in Aachen kommt aber nicht von ungefähr. Mit Plakaten warb der Rewe anfangs massiv für das neue Produkt – am Templergraben, Ponttor, rund um die Universität und generell dort, wo sich Studierende aufhalten könnten. „Sie sind eine mögliche Zielgruppe“, meint Neumann.

Inzwischen können jedoch nicht nur Aachener den Insektenburger im Supermarkt kaufen. Der gesamte Rewe Süd – mehr als hundert Filialen – sind nachgezogen. Auch dort komme der Burger überdurchschnittlich gut an, berichten die Entwickler. Ganz ohne Werbung.

Dennoch mag sich nicht jeder an Insekten im Lebensmittelbereich gewöhnen. Besonders in sozialen Netzwerken häuft sich auch Kritik. „Es ist für unsere Breitengrade nicht typisch“, war mehrfach zu lesen. Michael Reinartz lässt sich davon nicht beeindrucken. „Was ist denn typisch? Blutwurst?“, fragt er und runzelt die Stirn. „Wohl eher nicht.“ Schließlich zähle das vor allem bei den jüngeren Leuten keineswegs zu den Lieblingsspeisen. Der Erfolg gibt dem Rewe-Betreiber Recht.

Bislang seien es vor allem jüngere Leute, die den Insektenburger probieren, erklärt Reinartz. Selbst der Filialleiter sieht überrascht aus, als eine ältere Dame anstandslos auf die Probestückchen zusteuert. Hätte sie zu diesem Zeitpunkt gewusst, was genau dort ausliegt, dann wäre sie wie viele ihrer Vorgänger an den Würfelchen vorbeigehuscht, wird sie später zugeben. Doch sie probiert – unwissend. „Ich dachte, das sei Schokolade“, lacht sie und bemerkt selbst: „Das war es wohl nicht“. Dass es stattdessen Insekten waren? „Schmeckt man nicht“, sagt sie. Denn der Insektenburger schmeckt überraschend. Überraschend normal. Nussig und saftig.