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RWTH-Schreibzentrum

Olkhon

17. August 2020 | von

von Tim Seidel

Im Rahmen des Kurses „Texte in Arbeit (Oberseminar)“ ist dieser Text über eine Reise mit der Transsibirischen-Eisenbahn durch Russland entstanden.

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Ich stehe am Ufer und grabe meine Füße in den noch warmen Sand. Vor mir bietet sich eine Szenerie, die so unfassbar schön ist, dass es fast schon kitschig erscheint. Wir stehen in unserer Lieblingsbucht am Baikalsee unweit unserer Unterkunft. Zu meiner Rechten liegt der Schamanenfels, ein fünfzig Meter hoher, extrem steiler, zerklüfteter Fels, der aussieht wie zwei siamesische Zwillinge, die versuchen, in unterschiedliche Richtungen in den See zu springen. Auf der linken Seite wächst eine Felswand in die Höhe, an der lediglich ein schmaler Ziehweg wie ein Rinnsal hinabführt. Dazwischen und weit darüber hinaus erstreckt sich der Baikalsee, der in der untergehenden Abendsonne in den fantastischsten Rosa- und Orangetönen schillert. Klein und fern sind ein paar mit Schnee bedeckte Berge, die bald den Rest der Sonne verschlucken werden. Knapp hundert Meter entfernt segelt ein Seeadler kreischend über die Wasseroberfläche. Der See strahlt eine mächtige Ruhe und Gleichgültigkeit gegenüber alledem aus.

Ich könnte noch Stunden hier stehen und die ereignislose und zugleich maßlose Szenerie in mich aufnehmen. Doch eine leichte Böe erinnert mich fröstelnd an unsere Mission.

Ich blicke an meinen bis auf die Boxershorts nackten Körper hinab. Neben mir höre ich Ludger rufen und Sekunden später rennt dieser rauschend an mir vorbei in den See und durchschneidet den bisher herrschenden Frieden. Dicht gefolgt von Jack – einem chinesischen Reisenden, den wir in unserer Unterkunft kennengelernt haben. Von hinten ruft Theresa mir zu, die die ganze Operation filmt. Auch ich stürze mich daraufhin an Eisschollen vorbei in das kristallklare Wasser, tauche einige Meter und öffne meine Augen. Alles leuchtet rosa und orange mit Ausnahme von einigen dunklen Schatten, die von den Eisschollen geworfen werden. Das Licht bricht sich traumhaft schön in dem klaren Wasser und ich kann die untergehende Sonne für einen Augenblick durch die Wasseroberfläche sehen. So schön der Moment unter Wasser auch ist, so schmerzhaft ist auch jede Sekunde. Mit einem befreienden Schrei tauche ich wieder auf und schüttle das Wasser aus meinen Haaren. Mit schnellen großen Schritten pflüge ich eilig hinter Ludger und Jack aus dem Wasser. Theresa erwartet uns, mit der bereits geöffneten Wodkaflasche und einem breiten Grinsen. In dem sonnengegerbten Gesicht wirken ihre Zähne so weiß wie von einem Jugendlichen, obwohl sie schon achtunddreißig ist. Wir lassen die Flasche kreisen, während wir im Wind trocknen. Erst jetzt bemerke ich, wie warm mir eigentlich ist. Nein, nicht warm – heiß! Meine Haut brennt kribbelnd und ich habe den Eindruck, vor Energie zu platzen.

Wieder in trockenen Klamotten steckend, setze ich mich zu den anderen in den Sand. Wir lassen weiter den Wodka kreisen und ich beginne mir eine Zigarette zu drehen. Jack bietet mir wortlos eine von seinen chinesischen Filterlosen an, welche ich dankend ablehne. Jedes Mal, wenn Jack sich eine Zigarette ansteckt bin ich irritiert, da er trotz seiner fünfundzwanzig Jahre und seinem Job als Banker noch sehr jungenhaft wirkt. Seinem drahtigen Körper und seinen feinen, fast kindlichen Gesichtszügen verleihen lediglich die ernsthaften, wachen Augen etwas Erwachsenes – und die Zigarette. Wir reden wenig. Alle genießen den Blick auf den schier endlosen See, der ein letztes Mal für heute von warmem Licht geflutet wird. Ich kann gar nicht denken, da mein Verstand so damit beschäftigt ist, jede einzelne Facette dieses einzigartigen Naturschauspiels aufzunehmen. Im Sand sitzend und in die rosige Ferne starrend überkommt mich ein Gefühl absoluten Friedens.

„Durak!“, rufen alle lachend. Die Sonne ist untergegangen und langsam kriecht die Kälte der Nacht vom See heran. „Blyat“, antworte ich nur. Ludger reicht mir grinsend den Kartenstapel und ich beginne zu mischen. Wir unterhalten uns heiter weiter über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland, China und Russland und unser Leben daheim. Jack ist seit seinem Start in Wladivostok vor zwei Wochen allein unterwegs und will in weiteren zwei Wochen in Moskau sein, um dann nach China zurückzukehren. Theresa berichtet von ihren Abenteuern in den letzten zwei Monaten in Kasachstan, der Mongolei und von der Nacht, in der sie am Ostufer des Baikalsees gecampt hat – wo wir sie getroffen haben. Während die Temperaturen sinken, steigt unsere Stimmung. Nach geleerter Wodkaflasche öffnen wir die ersten Biere und spielen noch ein paar Runden Durak, bis es zu dunkel ist. Nachdem die Nacht über uns hereingebrochen ist, lege ich mich auf den Rücken und beobachte rauchend das Firmament. Selten konnte ich so viele Sterne in einer solchen Intensität beobachten. Als die erste Sternschnuppe einen weiten Bogen über das Himmelszelt zieht, weiß ich gar nicht, was ich mir wünschen soll.

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