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RWTH-Schreibzentrum

Die Fahrt ans Ende der Welt

31. Mai 2016 | von

ZKS - Story (logo)

„Sie wollten nicht länger nur träumen – sie wollten leben.“ Vom Traum ins echte Leben und aus dem Kurs auf unseren Blog. Wir bedanken uns bei Katharina Schäfer aus dem Oberseminar: Texte in Arbeit für eine weitere schöne Kurzgeschichte!

 

Sie waren jung und verrückt nach Leben. Was sie wollten: die Welt hinter sich lassen und ein neues Leben in ihrem kleinen roten Auto beginnen. Sie brauchten kein Haus, kein Geld und auch keinen Plan; nur die vage Idee von Sand und Meer führte sie. Alle vier liebten das Meer, und alle vier sehnten sich nach dem salzigen Geruch, der erbarmungslosen Hitze und den wilden Pflanzen.

Keiner von ihnen unterschied sich von anderen Menschen in kleinen und großen Städten. Damals träumten sie unerfüllbare Träume, dachten an unvorstellbare Dinge, waren mit kleinsten Taten überfordert und sahen nicht den Überfluss um sich herum. Eventuell würde das wiederkommen, aber nicht zwangsweise. Im Moment waren sie zusammen und jeder von ihnen glaubte daran, dass sie nicht wieder in diesen Strudel gezogen würden. Sie würden sich gegenseitig erinnern, trösten und, wenn es sein musste, auch zwingen.

Langsam fuhren sie über heiße Landstraßen, während sie sich stetig ihrem Ziel näherten. Es war Hochsommer, und die Fahrt über die Autobahn wäre deutlich bequemer und schneller gewesen, aber keiner hatte es eilig. Wichtiger war, die prächtige Landschaft in sich einzusaugen, jeden Olivenbaum, jede Kaktee und jede Palme im Kopf nachzuzeichnen. Sich vorzustellen, wie es wäre, in den kleinen, verlassenen und teilweise abgebrannten Hütten zu leben und nie wieder in die Stadt zurückkehren zu müssen. Leise, ohne große Ankündigung, waren sie aus diesem Traum, den sie mit Tausenden teilten, geflohen. Sie wollten nicht länger nur träumen – sie wollten leben.

An einer Raststätte machten sie halt, aßen etwas, vertraten sich die Beine. „Morgen müssten wir das Meer erreichen“, sagte einer von ihnen und zeigte in die Richtung, in die sie mussten. Freude. Jubel. Einigkeit. Man entschloss sich, die Nacht durchzufahren, um schon am kommenden Mittag im Meer baden zu können. Während der Weiterfahrt lief Musik, es wurde gelacht und von der anstehenden besseren Zeit geschwärmt.

Irgendwo auf der Welt mochte Krieg sein, ihr Heimatland mochte kalt und traurig sein. Vielleicht waren alle Menschen auf der Welt, sie eingeschlossen, ersetzbar. Im Leben war nichts perfekt, doch nicht immer spielte das eine Rolle. Für sie in diesem Moment auf jeden Fall nicht. In dieser Nacht bekamen die Eingeschlafenen auf der Rückbank die wärmste Decke, wurde das letzte Kleingeld zusammengekratzt, um Kaffee für den Fahrer zu kaufen, hörte man zum hundertsten Mal zu, wenn es wieder um das leidige Thema Liebe ging. Man lebte nur in dieser Nacht.

Sie hatten nichts und waren glücklich. Sie waren Liebende, verbunden in ihrer tiefen Freundschaft, Seelenverwandte, ohne die Bedeutung der Seele zu kennen, Brüder und Schwestern, nur weil sie am Leben waren. Während es langsam dämmerte, konnten sie bereits das Rauschen des Meeres hören. Niemand konnte ihnen noch etwas anhaben.

Auf Mission – jenseits von Monschau

13. April 2016 | von

Wir gratulieren Aline Jansen zur Veröffentlichung ihrer Reportage über einen gebürtigen Monschauer, den eine Missionsreise nach Tansania geführt hat. Der Text entstand im Rahmen unseres Seminars Journalistisches Schreiben und wurde in der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten publiziert.

Screenshot_Jansen

Von Aline Jansen

Er ist Schreiner, Schlosser, Automechaniker und Gärtner. Er ist Ausbilder, Bauunternehmer, Firmenchef und Manager. Alles in einer Person. Und das nicht einmal in Deutschland, wo Computer und Maschinen einen großen Teil der Arbeit übernehmen. Ja nicht einmal in Europa, sondern in Afrika. Sein Job? Afrika-Missionar. Sein Name? Bruder Theo Call – der Mann für alle Fälle.

Auch in seiner alten Heimat vergisst den Missionar niemand. Im Gegenteil. Seit ein paar Jahren liegt in der Eifel fast so etwas wie ein „Theo-Fieber“ in der Luft. 2008 besucht das Ehepaar Elke und Martin Krings aus Konzen Bruder Theo in Kabanga. Und sie sind so begeistert von seiner Arbeit, dass sie den Förderverein „Bruder Theo Call, Weißer Vater der Afrika-Missionare“ zu seiner Unterstützung gründen. Seitdem rühren sie kräftig die Werbetrommel und sammeln Spenden.

Geboren wird er am 31. März 1938 in Konzen bei Monschau in der Eifel. Dort besucht er die Volksschule und beginnt mit 16 Jahren eine Lehre als Huf- und Wagenschmied in einer Konzener Schlosserei- und Schmiedewerkstatt. „Theo war ein ganz normaler Jugendlicher“, erzählt seine Schwester Regina. „Er ist gerne tanzen gegangen und hat mit seinen Freunden auch den einen oder anderen Streich gespielt.“ Außerdem ist er im Dorfleben aktiv: im Turnverein, beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes und als zweiter Bass im Kirchenchor.

Doch in dem jungen Mann schlummert ein Traum. Ein Traum, den er nur seiner Mutter verrät: Missionar möchte er werden und nach Afrika gehen, da ist er sich schon im dritten Schuljahr sicher. Seine Mutter behält das erst einmal für sich, vielleicht ist es ja nur das Hirngespinst eines Zehnjährigen.

Heute lebt Theo Call 7600 Kilometer von Monschau entfernt in Tansania, genauer: in Kigoma, der westlichsten Region des Landes, in der Nähe des Tanganjika-Sees. Die Diözese ist so groß wie die Niederlande und zählt mehr als zwei Millionen Einwohner. Hier hat Bruder Theo seine neue Heimat gefunden; in einer Missionsstation im Dorf Kabanga, 40 Kilometer von der Grenze zu Burundi entfernt. „Im afrikanischen Busch“, wie er sagt.

Er baut Kirchen, saniert Gebäude, legt Brunnen an, installiert Pumpen und Solaranlagen. Und das in der ganzen Diözese. Alles, was gebaut wird, läuft über ihn. Von den Zeichnungen über die Berechnungen bis hin zur Ausführung: In Kigoma macht das alles das staatlich anerkannte „Ein-Mann-Unternehmen“ Bruder Theo.

Kabanga entwickelt sich durch ihn zu einem Schwerpunkt für die ganze Region, denn hier steht eines der wichtigsten Häuser. Weiß gestrichene Fassade, ein großes Eingangstor, zu dem sechs Stufen führen, davor eine grüne Wiese und ein paar schattenspendende Bäume: das Krankenhaus mit Chirurgie, Geburtsstation, Zahnarztpraxis und einem separaten Gebäude für Leprakranke. Und mit Strom und fließendem Wasser. Eine Seltenheit in dieser Einöde fast ohne Technik.

Eine Turbine versorgt Missionsstation, Krankenhaus, Werkstätten und die Schule in Kabanga seit 17 Jahren mit Strom. 1984 heben der „starke Mann“, wie die Einheimischen Call nennen, und seine Arbeiter einen Stausee aus – mit Spaten. Ihn speist das Regenwasser und der kleine Karunga-Bach. Die Wasserkraft treibt eine Turbine an und vier Kilometer lange Hochspannungsleitungen transportieren den Strom ans Ziel. Rund um den See sind 50.000 Bäume angepflanzt worden, „die ziehen den Regen an und der Boden kann das Wasser besser speichern“, erklärt der 77-Jährige. Fast 15 Jahre vergehen, bis das erste große Projekt vollendet ist.

Calls Glaubensweg beginnt 1960 mit einem Postulat und einem anschließenden Noviziat. 1967 bildet er sich mit einem Fernkurs über Statik und Bautechnik weiter. Außerdem schickt der Orden ihn für drei Monate nach London, um Englisch zu lernen. Denn in Afrika spricht niemand Deutsch, und erst recht kein „Eifeler Platt“.
Aufbruch in ein neues Leben

Am 4. Dezember 1967 ist der große Tag gekommen: Aufbruch in ein neues Leben in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer fremden Sprache und Kultur. Von Düsseldorf über Amsterdam und Rom nach Uganda und weiter nach Tansania. Nach vier Tagen erreicht der 29-Jährige sein Ziel: Ujiji, knapp 100 Kilometer von Kabanga entfernt.

Dort arbeitet er in der Autowerkstatt eines Mitbruders, Pater Fulgens Hirt aus Konstanz. 1970 besteht Call die Prüfung als Kfz-Mechaniker in Köln, übernimmt nach Pater Fulgens‘ Tod die Werkstatt und zieht mit ihr nach Kabanga um. Zusätzlich baut er eine Schreinerei, eine Schlosserei und ein Sägewerk auf, die er bis heute mit seinen Arbeitern betreibt.

Das neueste Vorhaben des Missionars entpuppt sich als Mammutprojekt: der Bau eines 125 KW-Wasserkraftwerks zur Stromerzeugung für das „Bischöfliches Knabenseminar St. Josef“ in Iterembogo, 80 Kilometer von Kabanga entfernt. 600 junge Männer werden dort unterrichtet und auf die Priesterlaufbahn vorbereitet. Zum Priester geweiht werden aber nur vier oder fünf aus jedem Jahrgang. „Aber das ist in Ordnung. Hauptsache, die jungen Leute erhalten eine gute Bildung“, findet Call.

Die Idee, auch dort eine Turbine zu installieren, ähnlich der in Kabanga, geistert bereits seit Jahren in seinem Kopf herum. Jetzt nimmt das Projekt langsam Form an: In den vergangenen drei Jahren haben 50 Arbeiter einen 600 Meter langen, 2,10 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Kanal mit Hacke und Schaufel ausgehoben. Wirkliche Handarbeit. Die Männer stehen barfuß auf Geröllhaufen, völlig verstaubt. Acht Stunden am Tag bei sengender Hitze, nur mit Shorts bekleidet. Meter für Meter graben sie sich voran. Einzige Gemeinsamkeit mit deutschen Baustellen: die gelben Schutzhelme.

Die Afrika-Missionare kommen aus Europa, Amerika und mittlerweile auch aus Afrika selber, zum Beispiel aus Schulen wie St. Josef. 1405 von ihnen leben in 20 Ländern Afrikas und 13 übrigen Ländern der Welt. Neben Bruder Theo arbeiten 33 Mitbrüder in Tansania, davon vier Deutsche. Das typische lange, weiße, wallende Gewand bringt ihnen schon bei der Ordensgründung 1868 den Beinamen „Weiße Väter“ ein. Heute verzichten sie lieber darauf, denn er wird – fälschlicherweise – oft mit der Hautfarbe der Mitglieder gleichgesetzt.

Theo Call möchte den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Glaubensverkündung durch praktische Arbeit“ nennt er das. Manchmal braucht er dafür aber viel Geduld, denn die Menschen mögen keine Veränderungen. Deshalb sind Fortschritte schwer zu erreichen. „Hier will kaum mal einer etwas anderes tun als die anderen. So wie es der Großvater gemacht hat, so machen es auch noch die Jungen“, erzählt der Eifeler.

Ein anderes großes Problem: Korruption. Das ist auch bei einem aktuell brisanten Thema zu spüren: der Verfolgung der Albinos. Albinos sind Menschen, denen durch einen seltenen Gendefekt das Pigment Melanin fehlt. Ihre Haut ist nicht dunkel, sondern hell, genau wie ihre Haare. Sie werden regelrecht gejagt und verstümmelt oder umgebracht, denn selbsternannte Medizinmänner verbreiten einen schrecklichen Aberglauben. Die „Heiler“ brauen aus Körperteilen und Organen der Albinos kannibalische Zaubertränke, die Glück und vor allem Reichtum versprechen.

Seit 2000 sind mindestens 75 Albinos ermordet worden; und das ist nur die offizielle Zahl. Besonders bedroht sind Kinder: Mörderbanden entführen sie aus den Hütten ihrer Eltern und töten sie brutal. Manchmal werden sie sogar von Nachbarn, Freunden oder der eigenen Familie gegen Bezahlung verraten, denn wenn es um Albinos geht, winkt bares Geld. Ein Fuß oder eine Hand sollen umgerechnet 3500 Euro, ein ganzer Körper 70.000 Euro einbringen. Sehr viel Geld, denn das Durchschnittseinkommen in Tansania liegt bei 500 Euro im Jahr.

Sichere Anlaufstellen für Albinos gibt es in Tansania nur sehr wenige. Eine davon liegt in Kabanga. Seit Jahren kommen Albinos zu Bruder Theo, der sie in einer Blindenschule unterbringt – schon lange bevor die Regierung das Problem ernstnimmt.

Heute platzt die Schule aus allen Nähten: Blinde und Behinderte plus 70 Albinos. 150 Kinder. Eigentlich viel zu viele, aber: „Hier sagt man nicht, wir haben Platz für 40 oder 50 Kinder. Nein, hier sagt man, wir haben Platz für alle“, meint Call. Weitere Schlafsäle hat er bereits gebaut, denn die Kleinkinder kommen meistens mit ihren Müttern. Manchmal liefern die Eltern ihr Albino-Kind auch einfach ab und verschwinden.

Die Kinder können in Kabanga zur Schule gehen, ansonsten bleibt ihnen keine Freiheit. Sie leben hinter hohen Wänden mit eingemauerten Scherben, damit niemand herüberklettert, gesichert durch ein Eisentor, das abends verschlossen und von Polizisten bewacht wird. Wenn die Kinder volljährig sind, verlassen sie die Schule und machen Platz für die nächsten. Manche kehren in ihre Dörfer zurück. Wie lange sie dort überleben? Das weiß niemand.

Mut und unermüdliche Kraft für seine kleinen und großen Projekte schöpft Bruder Theo aus seinem Glauben. Er ist überzeugt, dass Jesus letzter Satz im Matthäus-Evangelium zutrifft: „Seit gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Er glaubt daran, dass Gott ihm auch in schweren Zeiten zur Seite steht.

Zweimal hat er bereits die tückische Malaria überlebt, und mit seinen 77 Jahren ist er immer noch ziemlich fit – in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei knapp 61 Jahren liegt.

Schreiben, Sprache, Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

22. Januar 2016 | von

Anna-Maria Cipetic hat bei uns zwei Wochen lang hinter die Kulissen geschaut und in ihrem Schulpraktikum viel erlebt. Was alles passiert ist, erzählt sie euch exklusiv in einer kleinen Reportage.

Anna-Maria Cipetic

Anna-Maria Cipetic

Schreiben, Sprache,  Kreativiät – zwei Wochen Praktikum beim ZKS

von Anna-Maria Cipetic

Es ist Montag. Zwei Studierende plaudern miteinander vor einem Raum in der Uni. Der Flur ist noch ziemlich leer. Wie viele werden wohl noch kommen? An einen Hörsaal mit tausend Sitzplätzen und Massen von Studierenden erinnert dieser Kurs wohl kaum. Denn diese Veranstaltung ist auch an der RWTH Aachen etwas Besonderes. Wo sonst Mathe, Technik und Maschinenbau gelehrt werden, dreht sich heute alles ums Schreiben. Dozent Christoph Leuchter schließt die Tür auf. Knapp vor Kursbeginn kommen die letzten Studierenden mit Thermosbecher in der Hand in den Raum. Nun ist die Gruppe komplett. Leuchter begrüßt alle und der Kurs beginnt.

Training Schriftsprache ist nur einer von vielen Kursen, die das Zentrum für Kreatives Schreiben der RWTH Aachen anbietet. Im Zentrum für Kreatives Schreiben (ZKS) haben Studierende die Möglichkeit, ihre Texte und Schreibkompetenz zu verbessern: Das Kursangebot reicht von wissenschaftlichen Arbeiten bis hin zu journalistischen Texten. Die Studierenden kommen dabei aus allen Fachbereichen. Christoph Leuchter leitet das ZKS seit 2012. Vorher arbeitete er als Lektor in Verlagen und als Texter für Agenturen – außerdem schreibt er gerade an seinem dritten Roman.

Und ich – ich bin auch in Training Schriftsprache mit dabei. Anna-Maria Cipetic ist mein Name, ich bin Schülerin der 9. Klasse und ich mache ein zweiwöchiges Praktikum am ZKS. Ich habe mich bewusst für ein Praktikum entschieden, das mit dem Schreiben zu tun hat. Schreiben ist für mich wie eine Befreiung. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, eine Struktur in meine Gedanken zu bekommen. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, später einmal mit Sprache zu arbeiten. Doch wo? Es gibt so viele Berufsmöglichkeiten und am ZKS lerne ich verschiedene Schreibstile kennen.

Halbzeit in Training Schriftsprache. Christoph Leuchter hat in der letzten Stunde journalistische Schreibtechniken besprochen. Wie baue ich den Text auf? Wie bringe ich meine Beobachtungen anschaulich für die Leser aufs Papier? Diesen Fragen stellen sich die Studierenden im Kurs. Und nehmen auch für wissenschaftliche Texte mit, dass es immer gut ist, sich kurz zu halten.

Doch natürlich gibt es auch große Unterschiede zwischen den Textsorten. Cornelia Czapla ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKS und ihr Spezialgebiet ist das wissenschaftliche Schreiben. Doch warum sollten Erwachsene noch etwas über das Schreiben lernen, nachdem sie ihr Abitur bereits gemacht haben? „Texte spielen auch für den späteren Beruf der Studierenden eine immer größere Rolle “, sagt Christoph Leuchter. Deshalb sei es wichtig, die Fähigkeit, gute Texte zu schreiben, immer weiter zu verbessern.

Es ist Mittwoch. Ich fahre mit dem Bus und steige an der Unibibliothek aus. Gespannt warte ich vor dem Eingang auf Cornelia Czapla. Wir betreten schließlich gemeinsam das Gebäude und fahren mit dem Aufzug in den dritten Stock. Ein Rundgang durch die Bibliothek: Bücherreihen voll mit Maschinenbauliteratur – ein Thema, womit ich mich in der Schule nie beschäftige. Und selbst die älteren Computer – in Kastenform – werden noch genutzt. Das hätte ich nie gedacht. Aber an anderen Ecken ist die Bibliothek modern. Vor allem im neuen Bibliotheksgebäude haben die Studierenden mehr Möglichkeiten, sich in Lesesäle zurückzuziehen und können sogar ihre Bücher über ein Online-Verfahren ausleihen.

Aber in meiner Praktikumszeit habe ich nicht nur Kurse, wie Training Schriftsprache oder Wissenschaftliches Schreiben, besuchen können. Genauso habe ich das Zentrum bei täglichen Arbeiten kennengelernt und unterstützt: Ich habe E-Mails und Briefe geschrieben; war bei Homepage-Meetings und Social-Media-Treffen mit dabei; habe Texte mitlektoriert und gelernt, wie man die Angst vorm leeren Blatt überwindet. Sogar Einzelcoachings zum Journalistischen Schreiben und zur Textüberarbeitung habe ich bekommen und die Unterschiede beim Schreiben in Wissenschaft, Journalismus und PR kennengelernt.

Während der Zeit beim Zentrum für Kreatives Schreiben fühlte ich mich wirklich wie ein Teil des Teams. Am Anfang war ich ziemlich gespannt und aufgeregt, da ich als Schülerin das erste Mal an einer Uni war, aber zum Schluss habe ich mich gut eingelebt und hatte vor allem viel Spaß. Die Zeit beim ZKS war für mich ein tolles Erlebnis und ich werde viele Erfahrungen mit in die Schule nehmen.

Morgens, halb acht, in Deutschland

07. September 2015 | von

Kippe

 

 

Irgendwo zwischen Kippen, Kraftlosigkeit und Konsum. Katharina Schäfers Kurzgeschichte  erzählt von  „ganz normalen“ Impressionen aus dem Studentenleben. In unserem Oberseminar: Texte in Arbeit ist folgender Text entstanden.

 

 

 

„Morgens, halb acht, in Deutschland“

Heute ist Mittwoch. Hoffe ich. Ich reibe mir die verschlafenen Augen. Kriege sie einfach nicht richtig auf. Obwohl es noch früh ist, scheint die Sonne erbarmungslos auf mich herunter. Nur auf mich. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass alle anderen dem Wetter entsprechend gekleidet sind. Hier sieht man Shorts. Da ein Kleidchen. Viele Sandalen – zum Glück ohne Socken. Gestern war es noch nicht so warm. Aber gestern war eben gestern. Was gestern gut war, muss es heute nicht mehr sein. Vor allem keine schwarze Hose mit schwarzem Tanktop. Ich rieche an mir, erwarte schon das Schlimmste. Werde nicht enttäuscht: Mir schlägt ein süßlicher Geruch entgegen. Eine Mischung aus Rauch, viel Schweiß und … „Zucker“? So genau will ich es dann doch nicht wissen. Verstohlen blicke ich mich um. Hat es noch jemand gerochen? Muss ich flüchten? Bisher scheine ich unbemerkt zu sein. Bisher.

Trotzdem entschließe ich mich, nicht den Bus zu nehmen. Sicher ist sicher. Es ist halb acht. Noch eine halbe Stunde, bis ich da sein muss. Das schaff’ ich locker zu Fuß. Als ich loslaufe, merke ich, warum ich eigentlich den Bus hätte nehmen sollen. Knie und Füße schmerzen. Damit meine ich nicht das unangenehme Ziehen, das man manchmal hat. Nein. Damit meine ich die Art Schmerzen, bei denen die Muskeln zucken. So als würden sie nach einer Erholungspause betteln. Kein Wunder, wirklich gesessen habe ich heute Nacht nicht. Zum Glück ändert sich das bald. Also werde ich sitzen, egal was bei den Übungen erwartet wird. Sollte jemand überhaupt etwas erwarten. Vielleicht komme ich gar nicht dran bei den motivierten Mitstreitern. Man wird sehen.

Mein Weg führt mich an Bäckereien, Outlets, Sportgeschäften, zwei Beate-Uhse Läden und noch weiteren Konsumhöllen vorbei. Ich kann die dekorierten Schaufenster förmlich rufen, schreien, betteln hören: „Du brauchst mich! Nimm mich! Für 19,99 € bereichere ich dein Leben!“ – Kurz bin ich versucht ihnen zu glauben. Dabei habe ich diesen Monat, wenn’s hochkommt, nur noch hundert Euro zur Verfügung. Und es ist erst der Zehnte. Von dem Geld muss ich als brave Bürgerin noch meine Versicherung bezahlen. Ach ja, und Essen. Auch wenn ich mich zurzeit gar nicht nach Essen fühle. Erscheint mir ewig her, dass ich Essbares überhaupt gesehen habe. Außer meinem Zucker. Als ich noch jünger gewesen bin, dachte ich … Nun, um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht so recht, was ich dachte. Dass Kippen, Cocktails und Härteres zauberhaft sind wahrscheinlich. Nun weiß ich es auf jeden Fall besser, aber gebessert hat sich dadurch nichts. Kleider, Essen, Drogen … Wer will schon auf Konsum verzichten?

Kurz vor acht taucht dann endlich mein Ziel am Horizont auf. Fraglich, ob dieses Bild passt, aber ich mag den Gedanken. Hat etwas Romantisches und Abenteuerliches, dieser Horizont. Es macht die Realität schöner. Während ich die letzten Meter mehr schlecht als recht laufe, durchzuckt mich ein Gedanke. Bin ich überhaupt auf das, was folgt, vorbereitet? Kann ich das? Viel wichtiger: Will ich das überhaupt? Wenn es dunkel ist, kann man diese Gedanken leicht in den Hintergrund drängen wie einen Haufen dreckiger Wäsche. Sie scheinen dann nicht mehr Teil von einem selbst zu sein. Man ist dann selbst jemand anderes. In diesen Momenten ist es leicht, davon zu sprechen, dass man etwas Bestimmtes „will“. Vielleicht ja deshalb Konsum. Immer und immer mehr Konsum. Intensiver, harter Konsum. Ich muss niesen. Fühl´ mich schwach. Nicht jeder Konsum ist gesund. Aber er hilft. Man bleibt bei Atem. Man hält durch. Natürlich vergisst man auch. Zumindest manchmal.

Vor der Tür bleibe ich stehen. Mein Kopf quillt über vor Zweifel. Scheint gleich zu explodieren. Alles, was jeder will, ist Freiheit. Oder? In diesem Moment geht die Tür auf. Es kommen junge, fröhliche, sich laut unterhaltende Leute raus. Ich schaue in ihre unbeschwerten Gesichter. Plötzlich fühle ich mich besser, leichter.

Brüder und Schwestern

03. August 2015 | von

Kücken

Pfannkuchen, Nudeln, Torten oder einfach als schlichtes Spiegelei. In unheimlich vielen Lebensmittelprodukten sind Eier verarbeitet. Doch woher kommen diese Eier eigentlich? Und was passiert mit den männlichen Kücken, die keine Eier legen können? Steckt vielleicht doch mehr hinter dem so oft als „Hippstergehabe“ verpöhntem veganen Lebensstil? Constanze Schreck hat in unserem Oberseminar: Texte in Arbeit diese gesellschaftskritische Debatte einmal aufgegriffen. Sie erzählt von:

Brüder und Schwestern

„Will er dann auch mit meinen Sachen spielen, wenn er da ist?“, fragt Pia, die auf der Rückbank sitzt, während sie an ihrem Apfel nagt.

„Das sehen wir alles, wenn er bei uns ist, mein Schatz. Du kannst ihm dann zeigen, was du schon kannst. Aber zuerst hast du ab nächster Woche Sommerferien und da fahren wir zu Oma auf die Insel.“

Sie scheint, mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Wir sind da. Pias Lieblingserzieherin Katja begrüßt uns mit einem herzlichen Lächeln auf dem Flur der Kita. Auch ich habe sie sehr gerne. Sie hat uns in schweren Zeiten schon viel geholfen.

„Guten Morgen ihr Zwei. Alles gut bei Euch?“

Ich nicke zögerlich und blicke ihr in die Augen.

„Gibt es Probleme?“, fragt sie und zeigt besorgt auf meinen Bauch.

„Nein, nein! Das nicht. Es ist nur… Pia, geh doch schon rein. Ich hole dich nach der Arbeit ab!“

Ich nehme sie in die Arme, drücke ihr einen Kuss auf die Stirn und sehe ihr noch kurz nach, wie sie zur Tür ihrer Gruppe reingeht. Ihre grün-gelben Gummistiefel sind ihr eigentlich schon viel zu klein. Aber für neue reicht das Geld zurzeit nicht.

„Ich weiß nicht, wie ich es noch länger auf der Arbeit aushalten soll. Es wird immer anstrengender, aber ich kann es ihnen nicht sagen. Sonst bin ich raus.“

„Irgendwann musst du es aber tun, Linda. Die Fabrik ist kein Ort für eine Frau, die ein Kind erwartet.“

„Du hast ja Recht, Katja. Wir werden sehen. Bisher geht es noch.“

„Wirst schon wissen, was du tust“, sagt sie achselzuckend.

„Bis später!“ Nachdenklich gehe zu meinem Wagen und fahre weiter.

 

Angekommen auf dem riesigen Parkplatz stelle ich fest, dass ich schon vor zehn Minuten hätte da sein müssen. Während der gesamten Fahrt war ich mit meinen Gedanken woanders. Ich krame meine Handtasche aus dem Kofferraum und gehe eilig zum großen Eingangstor. Der Mann an der Pforte muss neu sein, zumindest habe ich ihn hier noch nie gesehen. Er wirft einen kurzen Blick auf meine Karte und nickt, bevor er sich wieder seiner Bild-Zeitung zuwendet. Nach dem Umziehen schließe ich meine Tasche im Spind ein.

„Nicht nachdenken, Linda“, sagt eine Stimme in meinem Kopf.

Durchatmen.

Gedankenlos steuere ich auf die erste Schleuse zu. Duschen, desinfizieren. Die zweite Schleuse. Duschen, desinfizieren. Helge sieht mich und kommt auf mich zu.

„Moin, Lisa. Du bist spät. Du bist heute in Halle 4.“

Die dritte Schleuse. Duschen, desinfizieren. Dann stehe ich in Halle 4. Das Rattern der Fließbänder kann ich mittlerweile ganz gut ausblenden.

Ich schaue mich um, und eine grauhaarige Frau zeigt mir mit einer Kopfbewegung, wo heute mein Platz ist. Direkt neben ihr. Ich habe ihren Namen vergessen. Ich bin selten in dieser Halle. Zum Glück!

„Wie war das nochmal?“, frage ich sie.

„Die Guten nach links, die Schlechten nach rechts.“ Die Schlechten? Mir wird kurz übel bei diesem Gedanken. Ich lege meine Hand auf den Bauch und schließe die Augen. Nur für einen kurzen Moment. Hoffentlich hat es niemand gesehen.

„Kann‘s losgehen?“, brüllt Helge von oben. Wir nicken. Dann geht es los. Schweigend stehen wir nebeneinander und machen unsere Arbeit. Was anderes ist es nicht. Nicht mehr und nicht weniger. Zumindest dann nicht, wenn es mir gelingt, an etwas anderes zu denken. In Gedanken richte ich das Zimmer meines ungeborenen Sohnes ein.

 

Am Anfang fiel es mir schwer, mit einem Blick zu erkennen, ob das, was ich in der Hand halte, nach links oder nach rechts geworfen werden muss. Außerdem habe ich mich zunächst geweigert, sie zu werfen.

„Anders geht es aber nicht“, meinte Helge damals kopfschüttelnd, „sonst dauert es viel zu lange. Das können wir uns nicht leisten.“

Als ich zum ersten Mal durch die Hallen geführt wurde, blieb ich in Halle 5 wie angewurzelt stehen, als ich sah, was mit denen passiert, die sie die ‘Schlechten‘ nennen. Sie werden von riesigen rotierenden Messern geschreddert. Dann werden sie mit Schaufeln wie Schnee auf einen Haufen geschoben und in Müllcontainer verladen. Das war meine Aufgabe am ersten Tag. Von diesem Moment an, habe ich nie wieder ein Ei geschweige denn Fleisch gegessen. „Einer muss es ja machen“, heißt es hier immer. Und in der Mittagspause essen sie wie immer ihre Brathähnchen und Spiegeleier in der Kantine.

 

Wie in Trance ziehen acht Stunden und das Fließband an mir vorüber. Meine Füße schmerzen. Keine Ahnung wie viele Wochen ich noch durchhalten kann. An der frischen Luft geht es schon wieder besser und ich werde zum ersten Mal an diesem Tag hungrig.

In der Kita kommt Pia direkt auf mich zu gerannt, als ich zur Tür reinkomme.

„Mama, Mama! Heute Mittag haben wir Pfannkuchen gegessen. Ich liebe Pfannkuchen! Die haben aber ganz anders geschmeckt als zu Hause.“

Ich lege meine Stirn in Falten und ziehe meine Augenbrauen hoch. Katja, die direkt neben uns steht, sieht mich überrascht an.

„Was ist los, Linda?“

„Katja, du weißt zwar wo ich arbeite, aber ich denke, dir ist nicht klar, was wir dort tun.“

Verwirrt schüttelt Katja den Kopf.

„Pia, holst du bitte deinen Rucksack?“

Sie verschwindet.

„Jeden Tag, werden in der Fabrik neunzigtausend weibliche Küken über Fließbänder in große Kisten verfrachtet und ‘versandfertig‘ gemacht. Ihre neunzigtausend Brüder werden gehäckselt. Nur wenige Stunden nach dem Schlüpfen. Für sie gibt es keine Verwendung. Ich will nicht, dass das für mich getan wird. Zu Hause essen wir keine Eier und kein Fleisch. Nicht mehr, seitdem ich das gesehen habe.“

Katja stutzt und sieht mich mit großen Augen an.

„Das… das wusste ich nicht. Aber Kinder brauchen das doch. Zum Wachsen!“

„Du siehst ja, dass es auch anders geht.“

Pia kommt zurück und hält mir ihren blauen Schmetterlings-Rucksack entgegen. Ich klemme ihn mir unter den Arm, nehme Pias Hand, und wir verabschieden uns.

Und Katjas Blicke folgen uns bis sich die Tür hinter uns schließt.

Reimen und gefressen werden

21. Juli 2015 | von

 

VögelRechtzeitig zu den Sommersemesterferein haben wir genau das richtige für Euch: ein Gedicht! Gedichte sind langweilig?! Dass das definitiv nicht stimmt, hat Claudia Schumacher in unserem Oberseminar: Texte in Arbeit unter Beweis gestellt. Bei unser diessemestrigen Exkursion in die Künstlerhochburg Hodiamont, hat sie unseren Kurs direkt begeistert: Denn ihr Gedicht lebt von einem glitzernden Zauber, szenischem Erzählen und pointierter Kürze.

Lasst euch Flügel wachsen und startet mit uns einen mentalen Ausflug ans Meer:

 

 

Maritime Vogelkunde

 

 

Lichter vergehen im Sand

die Amsel krächzt

und zieht ihre Kreise

angespült glitzernder Tand

zerpflückt von einer Meise

 

 

Funkeln zieht auch die Elster an

größer ist dieser Vogel

doch nicht so groß wie die Möwe

und die verteidigt ihr Rudel

schnappt, beißt, vertreibt

die kleineren Stürmer

 

 

Ist schließlich wieder allein

nur ihresgleichen geduldet

jetzt hat wieder sie den Tand

und den Sand, ja den ganzen Strand

und so manchen fressen die Würmer.

 

P.S.: Wer schon einmal ins nächste Semester vom ZKS schnuppern möchte, kann dies ab sofort auf unser Webseite tun. Wir waren fleißig 🙂

Fragen an: Bernd Büttgens, Pressesprecher der Stadt Aachen

09. Juni 2015 | von

IMG_1349Die erste Veranstaltung unserer hauseigenen Reihe „Fragen an…“ war ein voller Erfolg. Bernd Büttgens hat uns am 21. Mai in der BIB II erzählt, wie die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Aachen funktioniert. Es wurde aus dem Nähkästchen geplaudert, aber auch der Beruf im Bereich PR kritisch hinterfragt.

Was haben wir mitgenommen?

1.  Journalistische Kenntnisse sind für jeden guten PRler eine wichtige Sache!

 

2.  Wer gerne mit Menschen arbeitet und einen vielseitigen Beruf haben möchte, ist im PR Bereich genau richtig.

3. Ein guter Pressesprecher schafft es Themen so interessant zu verkaufen, dass sie auch in die Zeitung kommen.

4. Das Wichtigste ist: immer bei der Wahrheit bleiben (…und zur Not einfach nicht alles erzählen 😉 ).

Im nächsten Semester haben wir wieder einen neuen Experten für euch eingeladen. Mehr dazu gibt`s bald.

Regenzeit – ZKS Story

27. April 2015 | von

regen II

 

Draußen regnet’s und ihr habt Lust auf Pizza? Da haben wir jetzt genau das Richtige für euch: eine Kurzgeschichte aus unserem Oberseminar: Texte in Arbeit.

Christine Hendriks versteht wie man unsere Gesellschaft durch eine scheinbar subtile Alltagssituation kritisieren kann. Taucht ein in die Zukunft mit quadratischer Paprikapizza und gefährlichem Regen und/oder gefährlichem Reden…

 

 

 

Regenzeit

 

Fira ist mit ihrer Mutter in der Innenstadt unterwegs. Es ist warm und regnet in Strömen wie jedes Jahr an Weihnachten. Graue Rinnsale umspülen ihre Gummistiefel.

Gut, dass ich dein Kleid eben noch imprägniert habe. Firas Mutter hat es eilig.

Mama, ich hab Hunger. Keine Antwort. Fira versucht mit den großen Schritten mitzuhalten. Eine Windböe weht ihr beinahe den Regenhut vom Kopf.

Seufz. Ihre Mutter bleibt stehen, drückt ihr den Hut fest auf den Kopf und macht den Gummizug einhändig fest. Der Regen ist ungesund.

Ich weiß. Mama, ich hab HUNGER!

Quälgeist.

Fira lacht zufrieden. Sie lassen sich zu einer kleinen Pizzeria führen. Es ist voll und der Boden bedeckt mit Pfützen. An der Theke sind noch drei Hocker frei. Fira betrachtet die Abbildungen und sucht sich eine Pizza mit Paprika aus. Die hatte ihre Oma früher immer gebacken, mit roten Paprika von ihrem Balkon. Leider war sie vor zwei Jahren bei einem Unwetter gestorben und den Balkon gab es auch nicht mehr. Fira bestätigt ihre Wahl. Vielen Dank für ihre Bestellung. Noch 15 Minuten bis zum Servieren.

Kind, du musst was trinken.

Fira nickt und schlürft die Cola durch einen dicken Strohhalm. Dabei zeigt sie ihrer Mutter die Ergebnisse vom letzten Test in Rechtschreibung.

Fast kein Fehler, sehr schön. Daumen hoch.

Fira freut sich.

Noch 10 Minuten bis zum Servieren. Sie schaut aus dem Fenster auf die Straße. Die Wassermassen sammeln sich in einer Rinne in der Mitte der Straße und fließen von da aus in den großen Kanalschacht. Menschen laufen mit gelben Plastikrucksäcken am Fenster vorbei. Es kribbelt in Firas Händen.

Schau mal. Ein alter Mann steht in der Tür der Pizzeria. Er trägt ein unförmiges Regencape und schüttelt einen Stock mit einer Halbkugel aus Stoff, sodass Regentropfen in alle Richtungen spritzen. Die Leute rümpfen die Nase und drehen sich weg. Er faltet das Ding zusammen und lässt seine glänzenden Augen über die Tische gleiten. Schließlich fällt sein Blick auf den letzten freien Hocker neben Fira. Er lächelt und setzt sich.

Mama, ich hab Angst.

Das ist nur ein Stummer. Und vor dem Schirm brauchst du keine Angst zu haben. Fira betrachtet ihn aus dem Augenwinkel, während er den Plastikumhang ablegt. Darunter kommen oben ein weißes Shirt mit hohem Kragen mit zwei spitzen Ecken und unten eine grobe blaue Hose zum Vorschein. Das sieht komisch aus.

Mama, er imprägniert nicht. Warum?

Er ist zurückgeblieben.

Noch 5 Minuten bis zum Servieren. Fira spürt das Grummeln in ihrem Bauch, aber der alte Mann hat ihre Neugier geweckt. Sie will ihn kontaktieren. − Er hat keine Nummer! Ihr Blick fällt auf seine leeren Hände und Fira zuckt zusammen. Er ist wirklich stumm. Der Mann schaut die Bedienung an und macht merkwürdige Gesten. Fira versteht nicht, was er meint, aber die Frau scheint ihn zu kennen. Sie stellt ihm mit der rechten Hand einen großen Bierkrug hin. Er nimmt ihn in beide Hände und hebt ihn direkt an den Mund. Igitt. Fira schüttelt sich. Kann er denn nicht das Trinkrohr benutzen? Sie schlürft an ihrer Cola.

Hier ist deine Pizza. Die Bedienung balanciert einen Teller vor sie hin. Darauf ist die viereckige Paprikapizza, in handliche Quadrate geschnitten. Fira entkoppelt ihre rechte Hand vom Sel-phone, nimmt sich ein Stück und beginnt zu essen.

„Guten Appetit, Kleine.“ Fira schielt zu dem alten Mann hoch, als sie die merkwürdigen Laute hört. Seine Augen schauen sie aus tiefen Höhlen an und er bewegt die Lippen.

Mama, ich mag keine Stummen.

Er tut dir nichts. Lass es dir schmecken.

Acht

09. April 2015 | von

Spinne II

Vor was haben wir eigentlich heute noch Angst? Krankheit, Einsamkeit oder doch der guten alten Spinne? Beate Böker hat in unserem Seminar: Texte in Arbeit eine ergreifende Kurzgeschichte geschrieben. Irgendwo zwischen Fiktion und Zukunft. Los geht`s in Zehn, Neun:

Acht

Nur noch eine Viertelstunde bis Feierabend. Dann einkaufen, kochen und den Rest des Abends gemeinsam fernsehen. Wir sind froh, wenn wir hier raus kommen.

Im Büro ist alles wie üblich. Die Kollegen schauen unauffällig hinüber, doch sobald ich ihre gaffenden Blicke erwidert möchte, sehen sie weg und tun so, als seien sie beschäftigt. Doch ich weiß, dass sie mich anstarren. Ich spüre ihre Blicke wieder, sobald ich nicht mehr hinsehe. Sie lassen mich nicht aus den Augen. Wahrscheinlich raten ihnen ihre Instinkte, mich gleich an Ort und Stelle zu beseitigen, wie sie es üblicherweise tun würden, wenn sie mir in ihren Kellern oder Garagen begegnen.

Jasmins Finger tanzen unter mir über die Tastatur. Sie ignoriert die Blicke; wahrscheinlich bemerkt sie die Gaffer gar nicht mehr. Menschen sind immerhin Gewohnheitstiere, so viel habe ich schon herausgefunden. Ich hingegen bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Ich bin schließlich eine Spinne.

Bei einem Verkehrsunfall wurde ein großer Teil von Jasmins Gehirn zerstört. Dank einer neuartigen Behandlungsmethode hat sie überlebt: Mein Körper sitzt in Jasmins Schädel und ersetzt die fehlenden Teile ihres Hirns. Die Folgen sind für uns beide akzeptabel. Wenn Jasmin schläft, sehe ich, was sie träumt. Eigenartigerweise kann ich ihre Gedanken nicht lesen, wenn sie wach ist – sie aber dafür meine. Das ist praktisch, weil sie dadurch direkt weiß, wenn ich hungrig bin.

Meine haarigen Beine hängen rechts und links an ihrem Kopf herunter. Über ihrer Stirn, dort wo einst der Haaransatz war, sitzen jetzt meine Beißer und direkt darüber meine acht Augen. Alles was Jasmin sieht, sehe ich also auch.

Jasmin fährt danach endlich den Rechner runter und packt ihre Sachen. Wir verlassen das Büro. Ich kann eine Welle der Erleichterung hinter uns spüren, ein Aufatmen, als seien die Kollegen froh, dass wir endlich weg sind.

Auf dem Korridor stehen einige Leute vor dem Aufzug. Als sie uns kommen sehen, entschließen sie sich plötzlich alle gleichzeitig dazu, die Treppe zu nehmen. Sie grüßen Jasmin zwar höflich im Vorbeigehen, doch ihre Körperhaltung und ihr gezwungenes Vermeiden von Blickkontakt erinnern an Flucht.

Während wir zu seichtem Aufzug-Swing nach unten fahren, mache ich mir Gedanken, wie Jasmin es wohl empfindet, von allen gemieden zu werden. Es hat lange gedauert, aber irgendwann habe ich begriffen, dass Menschen Rudeltiere sind und Gesellschaft mit ihresgleichen suchen.

Ruiniere ich ihr Leben, weil sie meinetwegen keinen Anschluss findet? Oder ruiniert sie meines, weil man mich, um sie zu retten, aus dem Dschungel Sumatras entführt und auf einen Menschenkopf in Deutschland verpflanzt hat? Ich könnte im Urwald das gewöhnliche Leben einer Spinne leben, aber auch mir bleibt die Möglichkeit ein normales Leben zu führen für immer versagt.

„Zerbrich dir nicht unseren Kopf!“, sagt Jasmin und schiebt mir einen Keks zwischen die Beißer, wie immer, wenn ich solchen Gedanken nachgehe.

Ich mag Kekse. Aber sie lösen das Problem nicht. Nicht auf Dauer.

Solidarisches Saisongemüse

30. März 2015 | von

Huhn

Als Student hat man meist keinen eigenen Garten, in dem man sich sein Gemüse anbauen kann: Aber es gibt auch Alternativen!!! Eine davon hat Beate Böker im Rahmen von unserem Kurs „Journalistisches Schreiben“ recherchiert und es sogar  in die Märzausgabe vom Klenkes geschafft! Schaut doch mal rein…

Klenkes 3-2015_Gut Wegscheid