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RWTH-Schreibzentrum

Schlagwort: ‘Barrierefreie Sprache’

Aachens erster Insektenburger – überraschend saftig und nussig

19. September 2018 | von

Joel Teichmann: Revolution aus der Tiefkühltruhe – der Insektenburger

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 im Kurs Journalistisches Schreiben

veröffentlicht in der AZ/AN im Teil Lokales


 

Revolution aus der Tiefkühltruhe – der Insektenburger

 

„Bitte probieren Sie!“ Vorsichtig begutachtet die junge Frau das handbeschriebene Schild auf der Kühltruhe. Na, was denn probieren? Ihr Blick schweift vom Papier-Schildchen zu den kleinen braunen Stückchen, die jeweils von einem Holzstäbchen durchstochen sind. „Deutschlands erster Insektenburger“, steht großgeschrieben darüber. Die Augen der Frau weiten sich, unsicher macht sie einen Schritt zurück. Ein letztes Mal blickt die Dame auf die Probestücke, bevor sie sich angewidert schüttelt und in Richtung Kasse flüchtet.

DEUTSCHLAND, KOELN, 09.10.2017, ifood conference 2017 auf der ANUGA, Boris Oezel und Max Kraemer © Joerg Sarbach

 

Die Larven des Getreideschimmelkäfers haben den Weg in die Aachener Supermärkte gefunden. Seit April dieses Jahres verkauft Rewe Reinartz in seinen beiden Filialen in Eilendorf und an der Lütticher Straße den Insektenburger. Zwar greift nicht jeder Kunde zur neuen Rindfleisch-Alternative. Dennoch: Schon nach wenigen Wochen war der Burger ausverkauft. Allerdings vergingen Jahre der Entwicklung und Tüftelei, bevor die Larven-Bulette in der Kühltruhe landen konnte.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2013 in Südostasien: Baris Özel schlendert mit seinem Sandkastenfreund Max Krämer durch die Straßen Bangkoks. Vorbei an Händlern, die ihre Ware am Straßenrand verkaufen. Der Duft gebratenen Essens liegt in der Luft. Vor einem Straßenhändler halten sie an und blicken in eine Pfanne, randvoll gefüllt mit Insekten. Die zwei Urlauber sind neugierig, probieren die kleinen Tierchen. „Es überkam uns“, sagt Özel später. „Obwohl nicht alles schmeckte.“ Und so wird dieser Tag die beiden Freunde zu künftigen Geschäftspartnern machen. Zu den Erfindern des ersten Insektenburgers in Deutschland.

Die Insektenzucht sei ein wichtiger Baustein zur nachhaltigen Nahrungssicherung, konstatiert die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen bereits vor fünf Jahren. Im Vergleich mit der klassischen Rindfleischproduktion benötigen sie gerade einmal ein Zehntel der Futtermittel und produzieren ein Hundertstel der Treibhausgase, wirbt der Insektenburger auf seiner Verpackung. Besonders in Asien kommen Wurm und Käfer daher bereits jetzt täglich auf den Tisch. Rund zwei Milliarden Menschen ernähren sich weltweit von den krabbelnden Lebewesen – ein Drittel der Menschheit. Warum also nicht in Deutschland?

Zu Beginn ist die Geschichte des Insektenburgers eine Geschichte des Scheiterns. Özel und Krämer, damals Studenten der Geographie und BWL, bestellen sich essbare Insekten im Internet. Der WG-Mixer soll die Tierchen in einen homogenen Klumpen verwandeln. Auf den Versuch folgt prompt die Enttäuschung: „Unser Burger sah noch nicht gut genug aus“, erklärt Özel. Mithilfe des deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik gelingt schließlich der Durchbruch: Der Insektenburger kommt im Oktober 2015 in zwei belgischen Gastronomiebetrieben auf die Speisekarte, die beiden Freunde gründen das Unternehmen „Bugfoundation“. Ein Verkauf in Deutschland bleibt hingegen untersagt. Insekten sind kein Essen, heißt es. Eine Ausnahmegenehmigung und zahlreiche strenge Auflagen wären beim Verkauf zu beachten. Ein EU-weites Lebensmittelgesetz Anfang des Jahres 2018 ändert diese Einstellung. Seitdem dürfen auch hier die Krabbeltierchen verspeist werden. „Wir haben uns gefreut wie kleine Kinder“, erinnert sich Özel. Der Weg für Deutschlands ersten Insektenburger war frei.

Schnell wird die WG zu klein und die Larven-Zucht zum niederländischen Unternehmen „Protifarm“ ausgegliedert. Vier bis sechs Wochen liegen die Würmchen dort zwischen tausenden Artgenossen in riesigen Behältern herum. „Massentierhaltung ist für die Larven das Paradies“, erläutert Özel. Schließlich sei das ihr gewohnter Lebensraum, sagt er. Nach der Brutzeit werden die Larven in eine Kühlkammer gebracht, wo sie in Schockstarre fallen und sterben. Ein Wärmebad soll anschließend die verbliebenden Keime abtöten. Etwa tausend solcher Larven formen einen Burger-Patty.

Zielgerichtet steuert ein dunkelhaariges Mädchen auf die Probestückchen im Rewe-Markt zu. „Bitte probieren Sie“, liest sie und blickt in die Truhe. Insekten also. Die Jugendliche zögert kurz, greift dann aber zu. „Schmeckt wie Falafel“, sagt sie grinsend. Ob sie es kaufen würde? Das Mädchen nickt eifrig. Nächstes Mal vielleicht.

Der Insektenburger, er schmeckt also. Zumindest waren sich darin sechs Tester und Testerinnen einig. „Wir haben den Fokus auf den Geruch und Geschmack gesetzt“, erklärt Erfinder Baris Özel. Getreu dem Motto: Die Nase isst mit. Neben den Buffalowürmern beinhaltet ein Patty unter anderem Soja, Tomatenmark, Ei, Zwiebeln und Gewürze. Generell soll es ein hochwertiges und seriöses Produkt sein, keine Mutprobe. „Es ist eben kein Lutscher mit sichtbaren Insekten“, betont Özel. Dschungelcamp und Insektenburger – das seien zwei völlig verschiedene Welten, so der Entwickler.

Und Erfolg scheint der Burger bisher auch zu haben. Die Tiefkühltruhe im Supermarkt an der Lütticher Straße ist zur Hälfte gefüllt. Im April sah das noch anders aus. Der Aachener Supermarkt war der erste Markt bundesweit, der ernsthaftes Interesse an dem Insektenburger zeigte. Und folglich auch dessen erste Verkaufsstätte in Deutschland – die Aufmerksamkeit dementsprechend hoch. Ausgerechnet am ersten April verkündete das Unternehmen den Verkauf des neuen Produkts. Ein Aprilscherz? Fehlanzeige. „Der eigentliche Scherz war, dass es kein Scherz war“, erläutert Bastian Neumann, Leiter der Filiale an der Lütticher Straße.

400 Packungen wurden zur Premiere bestellt, innerhalb von zwei Wochen waren sie ausverkauft. „Ein überragender Wert“, erklärt Michael Reinartz, Betreiber der beiden Rewe-Filialen. Von tiefgekühlten Rindfleisch-Pattys würden hingegen gerade einmal fünf bis sechs Packungen wöchentlich über die Ladentheke rutschen. 5,99 Euro kostet eine Insekten-Packung: gefüllt mit zwei großen oder alternativ sechs kleinen Pattys. „Klingt erstmal viel“, sagt Neumann. „Liegt aber im gehobenen Rindfleischniveau“. Der Grund: Derzeit sind die Rohstoffpreise der Krabbeltierchen sehr hoch, die Insektenindustrie ist noch klein. Im September automatisiert Züchter „Protifarm“ seine Anlage – vielleicht der erste Schritt zu einem preiswerteren Burger.

Der Erfolg in Aachen kommt aber nicht von ungefähr. Mit Plakaten warb der Rewe anfangs massiv für das neue Produkt – am Templergraben, Ponttor, rund um die Universität und generell dort, wo sich Studierende aufhalten könnten. „Sie sind eine mögliche Zielgruppe“, meint Neumann.

Inzwischen können jedoch nicht nur Aachener den Insektenburger im Supermarkt kaufen. Der gesamte Rewe Süd – mehr als hundert Filialen – sind nachgezogen. Auch dort komme der Burger überdurchschnittlich gut an, berichten die Entwickler. Ganz ohne Werbung.

Dennoch mag sich nicht jeder an Insekten im Lebensmittelbereich gewöhnen. Besonders in sozialen Netzwerken häuft sich auch Kritik. „Es ist für unsere Breitengrade nicht typisch“, war mehrfach zu lesen. Michael Reinartz lässt sich davon nicht beeindrucken. „Was ist denn typisch? Blutwurst?“, fragt er und runzelt die Stirn. „Wohl eher nicht.“ Schließlich zähle das vor allem bei den jüngeren Leuten keineswegs zu den Lieblingsspeisen. Der Erfolg gibt dem Rewe-Betreiber Recht.

Bislang seien es vor allem jüngere Leute, die den Insektenburger probieren, erklärt Reinartz. Selbst der Filialleiter sieht überrascht aus, als eine ältere Dame anstandslos auf die Probestückchen zusteuert. Hätte sie zu diesem Zeitpunkt gewusst, was genau dort ausliegt, dann wäre sie wie viele ihrer Vorgänger an den Würfelchen vorbeigehuscht, wird sie später zugeben. Doch sie probiert – unwissend. „Ich dachte, das sei Schokolade“, lacht sie und bemerkt selbst: „Das war es wohl nicht“. Dass es stattdessen Insekten waren? „Schmeckt man nicht“, sagt sie. Denn der Insektenburger schmeckt überraschend. Überraschend normal. Nussig und saftig.

 

 

 

Menschenhilfe Hautnah und aus erster Hand

06. September 2018 | von

Ina Thomas: Eine Führung durch das Caritas-Werk in Imgenbroich

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 im Kurs Journalistisches Schreiben

veröffentlicht in der Zeitung Ausgabe Nordeifel


Eine Führung durch das Caritas-Werk in Imgenbroich

Von Ina Thomas.

Till sitzt hinter einer Glasscheibe am Empfangstresen. Sobald jemand die „Caritas Betriebs- und Werkstätten GmbH (kurz: CBW)“ in Imgenbroich betritt ist Till zur Stelle: Alle Anrufer von auswärts kommen zunächst bei ihm an, er leitet diese dann in Absprache mit seinen Kollegen weiter. Genauso bei einer wichtigen Bekanntgabe, wie zum Beispiel, wenn der Fußballkurs ausfällt: Till hält die Taste auf dem Telefon und spricht die Durchsage. Der seh- und gehbehinderte junge Mann ist bereits seit 2005 im Werk in Imgenbroich. Der Empfangstresen ist sein absoluter Lieblingsarbeitsplatz.

Von hier aus übernimmt Christina Borg, Sozialarbeiterin der CBW, die Führung durch das Werk. Sie hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet seit 2014 in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
In der Städteregion Aachen gibt es insgesamt sechs Standorte der Caritas GmbH, dabei sind unter anderem Wäschereien, Schreinereien, Nähereien und Druckereien. Das Werk in Imgenbroich hingegen besteht hauptsächlich zur Metallverarbeitung. Dazu gehört neben dem heilpädagogischen Arbeitsbereich, die „Metallwerkstatt“, in der wie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gearbeitet wird, die „Stanz-/Montage-Abteilung“ und den Arbeitsbereich der „Montage und Verpackung“. Hier arbeiten vor allem Menschen, die schwer eingeschränkt sind oder auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Auch Till und Juliane waren zuerst hier.

Wenn man durch die Sicherheitstüren und die große Lagerhalle geht, vorbei an der Glasfaserwolle und den Spanplatten, sitzt Juliane an einem Tisch im Büro. Sie wollte nach dem Schulabschluss eigentlich auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, doch das hat nicht funktioniert. Daraufhin kam sie zur CBW und nimmt jetzt am Berufsbildungsprogramm teil. Mittlerweile hat sie sich in Imgenbroich gut eingefunden und viele Freunde in der Werkstatt, aber trotzdem ist das für sie nicht von Dauer: „Ich gehöre hier eigentlich nicht hin“, sagt sie, und bindet sich dabei den Zopf neu. Juliane hat zahlreiche Praktika absolviert, z.B. in der Jugendherberge „Hargard“ oder im Einzelhandel bei „Takko Fashion“. Das will sie weiterverfolgen: Die Simmeratherin hat nur eine geringe geistige Einschränkung und hofft, dass sie nach ihrer Ausbildung auf den Arbeitsmarkt vermittelt werden kann. Darauf wird sie hier vorbereitet.

Der Berufsbildungsbereich (kurz: BBB) gleicht einer Ausbildung, die Menschen mit Behinderung bei der CBW absolvieren können. Jeden Mittwoch ist Schule, ansonsten sind sie in der Werkstatt. Insgesamt dauert das Programm 27 Monate und hat das Ziel, die Beschäftigten in mindestens drei Bereiche einzuarbeiten. Oft ist es jedoch schwer, sie in verschiedenen Abteilungen unterzubringen, wenn sich die BBBs einen gewissen Bereich ausgeguckt haben. „Dann müssen wir ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, aber meistens funktioniert das auch gut.“ so Dana Bouamoud, Begleiterin des Berufsbildungsprojekts.

Heilpädagogischer Arbeitsbereich

Es klingeIt. Pause. Einige Beschäftigte laufen zum heilpädagogischen Arbeitsbereich (kurz: HPA): „Wenn sie ein bisschen Zeit haben, rennen viele aus der Werkstatt rüber und spielen ein bisschen mit den Leuten aus dem HPA.“, erzählt Borg. Im Gegensatz zur Werkstatt arbeiten hier vor allem schwerst-mehrfach behinderte Menschen. Jeder muss also ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Arbeit leisten, so verlangt es die Gesetzgebung in NRW. Natürlich ließe sich das ziemlich frei definieren, da die Menschen zwar gefördert aber nicht gedrängt werden sollen. „Sie machen nur das, was für sie tragbar ist. Das kann also auch heißen, dass ihre Aufgabe ist, pro Tag ein Blatt Papier zu schreddern“, erklärt die 29-jährige Sozialarbeiterin.

Dietmar ist ein Mitarbeiter der Stanz- und Montageabteilung. Im Gegensatz zu Juliane hat der geistig-behinderte Mann früher auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet. Jahrelang hat er in einer Kneipe in Roetgen hinter der Theke gestanden. Vor sechs Jahren kam er dann in die Werkstatt in Imgenbroich. Hier arbeitet er an den unterschiedlichsten Maschinen in der Halle. Daran kleben überall Bilder und Zeichen, die den Arbeitsablauf erklären. Es sind also ganz normale Industriegeräte, nur eben etwas bedienerfreundlicher. „Ja klar, hier ist der Umgang mit den Kollegen und dem Stress einfach viel besser, als bei meinem alten Arbeitsplatz“, antwortet er auf die Frage, ob er im Werk Imgenbroich bleiben möchte.

Geringe, aber erfolgreiche Weitervermittlung

Eigentlich ist ein Ziel der Betriebs- und Werkstätten GmbH jedoch, geeignete Beschäftigte auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Im Jahr 2017 sei dies bei 8 von etwa 1200 Beschäftigten gelungen, so Christina Borg. Auch wenn das sich nach wenig anhöre, sei das völlig normal: „Viele der Mitarbeiter mit Behinderung wollen gar nicht woanders arbeiten, weil sie hier eine Sicherheit haben, die man bei keinem anderen Arbeitsplatz hat.“

Einer der Betreuer ist Timo Steffens. Er war zuvor, genau wie die anderen Betreuer, Handwerker. Die Zusatzqualifikation für die Arbeit mit Behinderten kam erst dazu, nachdem er bei der CBW seinen Zivildienst leistete. Der Unterschied zwischen einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und einem anderen handwerklichen Betrieb sei für ihn vor allem das Soziale: Man sei oft Ansprechpartner für persönliche Probleme, was in anderen Betrieben eher selten vorkommt. „Da könnte ich auch sagen: ‚Interessiert mich nicht, wir sind hier auf der Arbeit.‘ Aber das macht man natürlich nicht“, betont Steffens.

Im Gegensatz zu reinen Betreuungseinrichtungen hat hier auch die wirtschaftliche Leistung einen hohen Stellenwert. Es werden also genauso Aufträge erfüllt, wie überall: In der einen Halle stehen große Körbe mit bunten Plastikbällen, welche die Mitarbeiter für den Hersteller aufpumpen. Auch Kleinteile für die Autoindustrie, wie Teile von Tankverschlüssen, werden hier zusammengesetzt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes, in einer anderen Halle, ist es definitiv lauter. An den verschiedensten Geräten stehen Arbeiter mit Schutzbrillen und -Handschuhen. Hier werden Teile für Bettgestelle in LKWs aus Aluminium ausgesägt. Wenn also nachts die LKW-Fahrerkabine zu einem Schlafplatz wird, die Fahrer das Bett aus der Wand klappen, wurde dieses vielleicht von in der Werkstatt in Imgenbroich gefertigt.

Veränderung in der Form der Behinderung

In den letzten Jahren hat sich an den Beschäftigten einiges verändert: Die „klassisch geistig Behinderten“ wie u.a. Menschen mit Down-Syndrom gibt es heute kaum noch – vielleicht, weil man mittlerweile viele Krankheiten vor der Geburt feststellen könne. Die Eltern entschieden sich dann oft gegen das Kind, vermutet Dana Bouamoud. Das hieße aber nicht, dass die Zahl der Menschen mit Behinderung grundsätzlich sinkt, nur die Art der Behinderung tue dies: Viele sozial-verhaltensauffällige Menschen arbeiten heute bei der CBW. In ihrer Kindheit galten diese als „schwer erziehbar“, doch durch die mangelnde Förderung werden die Defizite immer größer. Das wirke sich auch auf die Gruppen aus, denn man müsse oft besonders stark auf die Leute eingehen, so dass sich die anderen manchmal benachteiligt fühlen. Schade daran sei, dass sie grundsätzlich kognitiv fitter als manche andere seien, sich das aber durch ihre Null-Bock-Einstellung und ihre Aggressivität kaputt machen.

Tills absolute Leidenschaft ist die Musik. In seiner Freizeit geht er gerne auf alle möglichen Konzerte oder macht selbst Musik. „Am besten ist es natürlich, wenn meine Begleitperson auch Fan der Band oder des Sängers ist, dann macht’s am meisten Spaß.“, betont er und wippt dabei auf seinem Stuhl.  Auch während der Arbeitszeiten bietet die CBW GmbH Freizeitaktivitäten für alle Mitarbeiter an: Der große Außenbereich mit viel Grün, freier Fläche und Sitzgelegenheiten ist wie gemacht für Sportkurse. Auch Computerkurse und Schreibkurse kann man belegen. In der Kantine gibt es einmal täglich warmes Essen für Jeden. Dadurch ist die Werkstatt in Imgenbroich für Menschen mit Behinderung viel mehr, als nur ein Arbeitsplatz.

 

 

Mit Haut und Haaren

29. August 2018 | von

Julia Huntscha: Mit Haut und Haaren

 

Entstanden ist der Text im Sommersemester 2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Matsch bedeckt meine Schuhe. Der Regen der letzten Tage hat den Boden aufgeweicht, Blätter und Erde sind zu einem schmutzigen Gemisch verkommen. Da, wo der Boden steinig ist, laufen Rinnsale den Weg hinab, vereinen sich, bis ein kleiner Bach entsteht, der sich unruhig seine Bahnen um Hindernisse sucht, bevor er zur Seite schwingt und in der Wiese verschwindet.

Das leise Plätschern des Wassers lädt dazu ein, einfach stehen zu bleiben und der Geschichte zu lauschen, die es vorwitzig erzählt, auch wenn es keinen interessiert. Es knabbert an meinem Ohr, ein steter Begleiter auf dem Weg den Berg hinauf, der sich nicht abschütteln lässt, egal, wie sehr man es auch versucht.

Satte Farben nehmen den Wald ein. Es ist die Schwelle zwischen Sommer und Herbst, die Blätter halten gerade so noch ihr Grün, wollen ihr Leben nicht aufgeben. Aber die Luft ist merklich abgekühlt in letzter Zeit, bald wird der Todeskampf der Blätter beginnen, den sie verlieren werden. Sie werden auf das Bett fallen, dass ihre Vorgänger ihnen bereitet haben, ebenso, wie sie das Bett sein werden für diejenigen, die ihnen im nächsten Jahr folgen.

Die Herbstluft hat eine Klarheit an sich, die die Fesseln des stickigen Spätsommers löst und einen mit sanften Fingern liebkost, als sei sie eine Geliebte, die einen freudestrahlend empfängt, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat. Bis ihre Verbitterung sie einholt und ihre kalten Klauen auch das letzte Bisschen Wärme zerreißen.

Erinnerst du dich an dein Versprechen, Liebling? Du sagtest, du würdest alles für mich tun.

Es wundert mich kaum, dass mir auf diesen Wanderwegen niemand begegnet. Sie führen tief in den Wald hinein. Man warnt davor, zu tief in den Wald zu gehen.

Für einen Moment bleibe ich stehen und atme tief durch. Papier raschelt in meiner Brusttasche.

Der Brief.

Der Grund, warum ich überhaupt hier draußen unterwegs bin.

Ich weiß, dass du mich vergessen wolltest. Ich war nicht immer gut zu dir. Aber ich bitte dich um einen letzten Gefallen. Einen einzigen.

            Kurz lege ich meine Hand auf die Brust, dort, wo in einer innenliegenden Jackentasche der Brief verborgen ist, um ihn zu schützen. Ihm darf nichts passieren. Er ist der einzige Hinweis, den ich habe.

Ein Blick auf den Kompass. Seine Nadel weist mir fordernd den Weg. Im Gegensatz zu den Wirren des Waldes ist die schwarze Farbe der Nadeln berechnend und klar. Etwas, an das ich mich klammern kann, damit ich mich nicht verliere.

Ich muss nach Osten. Der Pfad führt mich aber augenscheinlich nach Norden. Ich kann nicht noch weiter darauf hoffen, dass er sich biegt oder eine Kreuzung erscheint. Nach Osten jedoch führt es mich geradewegs in den Wald hinein.

Ich weiß, dass ich den Weg nicht verlassen sollte, aber ich habe keine Wahl. Was getan werden muss, duldet keinen weiteren Aufschub mehr.

Du musst es bald machen. Sonst ist es zu spät. Sonst wird es niemand jemals erfahren. Dann wird der Wald es behalten. Er darf es nicht haben. Es ist schon viel zu lange dort.

            An einem Stein reibe ich den Matsch von meinen Schuhen. Dicke, dunkelbraue Brocken bleiben auf der moosigen Oberfläche haften. Der nächste Regen wird sie hinabwaschen, und dieser wird nicht lange auf sich warten lassen. Der Geruch nach Regen liegt in der Luft.

Satte, feuchte Erde. Schwere Blätter, die sich neigen, weil das Gewicht der Wassertropfen auf ihnen lastet. Ein leises Platschen, wenn ein Tropfen auf den Boden trifft und sich dort zu seinen Geschwistern gesellt, sie sich freudig tummeln und jagen, in der Pfütze, die sie bilden.

Der Wald macht seltsame Dinge mit dir, wenn du Angst hast. Du siehst Dinge. Du hörst Dinge. Nicht alles davon ist wirklich da. Manche Dinge aber schon.

            Vögel singen in den Ästen traurige Lieder. Sie bedauern, dass ich den Weg verlasse. Es sei gefährlich, durch das wilde Dickicht zu laufen. Man sehe nie wirklich, was genau unter einem liege.

Manche lauern im Zwielicht und warten auf eine unbedachte Bewegung.

Ich komme abseits des Weges erheblich langsamer voran. Zweige krallen sich in meine Kleidung. Sie wollen nicht, dass ich tiefer in den Wald gehe. Mühsam entwinde ich mich ihnen, heute werden mich ihre gierigen Hände nicht festhalten. Jeder Zweig zischt eine Warnung, als er zurückschnellt, bevor er regungslos verstummt. Vielleicht haben sie verstanden, dass es mir egal ist, was sie wollen.

Ich muss weiter, bevor der Regen losbricht.

Du musst zu der Hütte. Dort wirst du finden, was sehr lange Zeit niemand mehr zu Gesicht bekommen hat.

Ich stapfe weiter, immer brav dem Kompass folgend, die Anweisungen des Briefes an meiner Brust brennend. Sein Flüstern hat das Plätschern des Baches abgelöst, nun liegt es mir im Ohr und lässt mir keine freie Sekunde.

Du darfst dich nicht ablenken lassen. Der Wald ist kein stiller Ort. Er wacht und ist geduldig, denn er ist alt und hat alle Zeit der Welt. Er lebt und er will dich haben.

            Die Baumkronen wachsen so dicht, dass das Licht kaum bis zum Boden vordringen kann. Selbstsüchtig saugen sie es ein, nehmen mir die Sicht, lassen mich stolpern über das, was die Dämmerung versteckt hält.

Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Ich bin am Morgen losgelaufen. Es kann mittlerweile jede Uhrzeit sein. Oder keine. Der Wald hat seinen eigenen Zeitkosmos.

Die Hütte. Du musst die Hütte erreichen.

Eine Hütte. Sie versucht sich zwischen den Bäumen zu verstecken, wagt sich nur zaghaft hervor. Ihre Fenster lugen müde unter dem Moos hervor. Irgendwo krächzt ein Vogel, beschwert sich über die unfreundliche Störung.

Die Tür klemmt, lässt sich nur unter starken Zerren wiederstrebend öffnen. Ihre Angeln jaulen schmerzverzerrt. Wimmernd zieht der Wind durch die Ritzen zwischen den halbrunden Baumstämmen, aus denen die Wände bestehen.

Unter einer Planke am Boden liegt das Buch. Du musst es zurück nach Hause bringen.

            Unter der Planke ist ein Loch verborgen, ein klaffender Schlund, der hungrig nach Füllung lechzt. Weißer Speichel klebt sich an meine Hand, als ich hineingreife. Scharfe Zähne kratzen die Haut auf. Seine Zunge leckt über meine Handfläche, kostet den salzigen Schweiß. Er grinst mich an, lange hat er auf Beute warten müssen.

Ich beuge mich vor, packe die Zunge mit beiden Händen und reiße sie aus dem Loch. Staubige Erde hustet es mir entgegen, der Wind kreischt. Ich schlage die Planke zu.

Stille.

Durchatmen.

Das einst weiche Leder des Buches ist brüchig geworden, die Seiten wellen sich. Ohne hineinzuschauen, verstaue ich es im Rucksack und flüchte aus der Hütte. Dumpf lacht der Schlund hinter mir her.

Ich renne. Die Sträucher auf dem Boden versuchen mich zu packen, Wurzeln legen sich mir in den Weg, bringen mich zum Straucheln.

Sei vorsichtig auf dem Rückweg. Der Wald ist gefährlich.

            Erde rutscht unter meinen Füßen zur Seite. Kichernd rollen kleine Steine den Hang hinunter. Sie haben mich fast.

Zweige peitschen mir ins Gesicht. Sie haben mich gewarnt, und jetzt ist es zu spät. Ihr Griff ist kräftiger, zielsicherer, sie wissen, was sie wollen.

Bring es nach Hause.

Ich falle.

Es tut fast gar nicht weh. Nur ein bisschen, als irgendwo Knochen brechen. Ich kann mich nicht mehr bewegen.

Ich starre nach oben zu den Baumkronen, die im düsteren Licht des Gewitters kaum zu sehen sind. Kalte Tropfen landen auf meinem Gesicht. Ein Blitz erhellt für einen Moment wenige Blätter, sie blicken ausdrucklos auf mich hinab.

Ich bezweifle, dass mich hier jemand finden wird.

Denn der Wald ist hungrig.

Studiport – DAS Online-Portal für Studierende

21. August 2018 | von

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Es geht mir gut

15. August 2018 | von

Matthias Cherek: Es geht mir gut

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Ich möchte, dass du mit mir stirbst.

Ich habe es geschafft pünktlich aufzustehen, nicht schlecht für den Anfang. Jetzt gibt es erst einmal einen Kaffee, damit ich auch zu was zu gebrauchen bin. Nach einer schnellen Dusche, renne ich zum Bus. Endlich schaffe ich es mal rechtzeitig zur Arbeit. Neben der Firma gibt es einen Bäcker, da hole ich mir mein Frühstück. Zuhause habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefrühstückt. Die Faulheit siegt, außerdem esse ich nicht gerne allein. Beim Bäcker gibt es den zweiten Kaffee und dann geht es mit dampfendem Becher und Donut auf die Arbeit. Im Büro ist kaum jemand. Vielleicht sind heute alle krank oder  unterwegs. Im Moment nehmen viele Urlaub, um mit ihren Familien die Feiertage zu genießen. Ich habe nicht einmal eine Freundin.

Ich warte auf dich.

Ich bin wieder im Bus, aber mir ist schlecht. Alleinsein bekommt mir eben nicht. Es könnte natürlich auch an dem Auflauf von letzter Woche liegen, den ich mir heute Mittag aufgewärmt habe. Hoffentlich ist es nichts Ernstes. Ich kann gut darauf verzichten, krank zu werden. Mein Großvater ist an einer Lebensmittelvergiftung gestorben, vielleicht sollte ich vorsichtiger sein. Na, dann gibt es heute Abend eben eine Hühnersuppe beim Fernsehen und ich gehe früh ins Bett.

Ich habe mich schon auf dich gefreut.

Jetzt bin ich doch vor dem Fernseher versackt. Es ist schon halb eins und ich kann mich nicht aufraffen, die Kiste auszuschalten. Die Suppe steht kalt in der Mikrowelle. Ich habe sie dort vergessen. Was für eine schöne Metapher – durch mein eigenes Versagen, bleibt mir sogar das kleinste Glück verwehrt. Auch auf der Arbeit, trete ich seit Monaten auf der Stelle. Wenn ich jetzt krank werde, verliere ich schon wieder einen Job und ich kann es meinem Chef nicht mal übelnehmen.

Ich sehe, du hast mich nicht vergessen.

Ich schaffe es erst um drei Uhr ins Bett zu gehen. Meine Augen brennen, weil ich stundenlang auf den Fernseher gestarrt habe. Migräne gesellt sich zu der Übelkeit. Mit jedem Pochen meines Herzens strömt das Blut schmerzhaft durch meine Schläfen. Der Mond scheint stechend hell durch mein geöffnetes Fenster. Die Furcht, die mir der Vollmond als Kind bereitet hat, habe ich bis heute nicht vergessen. Ein riesiges Auge am Himmel, das mich unentwegt beobachtet. Damals habe ich mich unter meine Decke gekauert und starr vor Angst dagelegen. Auch jetzt würde ich mich am liebsten verkriechen.

Du siehst so friedlich aus, wenn du schläfst. Ich liebe deine Albträume.

Die Stunden schleichen quälend langsam dahin, bis ich endlich einschlafe. In meinem Traum stehe ich vor einem Käfig, in dem der Hund meines Nachbarn eingesperrt ist. Sein Lefzen zucken mordlustig und ich bete, dass er das offene Tor hinter sich nicht bemerken wird. Ich drehe mich um und sein Knurren hallt aus der Dunkelheit wieder. Es schwillt zu einer unerträglichen Melodie an. Ich spüre seinen feuchtwarmen Atem in meinem Nacken. Schweißgebadet wache ich auf. Mir ist eiskalt. Es ist sechs Uhr morgens.

Ich habe einen schönen Ort ausgewählt. Du kennst ihn gut.

Ich liege schon seit einer halben Stunde wach und kann mich nicht bewegen. Jeder Schatten jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die Schweißausbrüche hören nicht auf und ich zittere am ganzen Körper. Der Wind schlägt mein Fenster zu und das Geräusch lässt mich heftig zusammenzucken. Endlich schaffe ich es, mich aus meiner klatschnassen Decke zu schälen. Ich fühle mich schlimmer, als nach einer Nacht auf Heroin. Ich beschließe, mich zu waschen und zum Arzt zu gehen. Mit schlurfenden Schritten gehe ich unter die Dusche – die Badewanne habe ich noch nie benutzt – aber das Wasser ist ausgefallen. Nachdem ich mich in die Küche geschleppt habe, fällt mir auf, dass es ohne Wasser auch keinen Kaffee gibt. Mein Kopf dröhnt bei dem Gedanken, ohne Koffein auskommen zu müssen, bis ich mich um einen Handwerker gekümmert habe. In der Stille kann ich hören, wie mein Nachbar seine Dusche anstellt.

Lass dir ruhig Zeit.

Nachdem ich mir mühsam eine Jogginghose übergezogen habe, will ich mich auf den Weg machen, aber die Tür ist verschlossen. Ich kann mich nicht erinnern, sie letzte Nacht abgeschlossen zu haben. Meine Hände fangen an zu zittern und ich kann es nicht unterdrücken. Mit unsicheren Schritten gehe ich zur Garderobe, um nach meinem Schlüssel zu suchen. Der Reißverschluss der Jackentasche ist offen. Als ich hineingreife, geht das Licht aus.

Kannst du das Kribbeln spüren?

Ich habe den Schlüssel nicht gefunden. Jemand ist in meiner Wohnung, ich weiß es. Ich wage es nicht, zum Sicherungskasten zu gehen, um das Licht wieder einzuschalten. Verkrampft kauere ich in meinem Versteck hinter den Jacken. Zwischen meinen unterdrückten Schluchzern höre ich leise scharrende Schritte. Ich muss an meine Schwester denken. An den Tag, an dem sie mir mit aufgerissenen Augen erklärte, dass sie verfolgt wird. Ich habe sie damals beruhigt, aber nicht ernst genommen. Vielleicht hätte ich das tun sollen.

Ich musste lange auf dich warten.

Ich stehe im Bad. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Die Badewanne starrt mich an und ich starre zurück. Ich habe sie nie benutzt, weil ich damals meine Schwester in unserer Wanne gefunden habe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie absurd der Anblick auf mich wirkte. Besonders die Farben.

Siehst du wie schön es hier ist?

Die Rasierklinge fällt aus meinen schwachen Fingern. Mein Blickfeld verengt sich langsam. Ich warte auf die ersehnte Entspannung – vergeblich. Die Paranoia bleibt bis ganz zum Schluss.

Bus hält!

18. Juli 2018 | von

Sara Schneider: Bus hält!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


Ein eindringlicher Geruch nach Zwiebeln und Frittiertem. Wie eine Straßenküche in Fernost. Der Geruch so frisch, als hätte man die Frühlingszwiebeln gerade geschnitten. In der Vorstellung penetrant, tatsächlich angenehm und heimelig. Es ist nicht der Geruch von abgestandenem erkaltetem Fett, sondern der einer geselligen Küche. Wie ein Zuhause, eine Schüssel heißen Essens, frische Zutaten und fröhliche Gesichter.

Die beiden Asiatinnen vor mir verlassen den Bus. Ihr eigentümlicher Geruch hängt ihnen noch eine Weile nach, während sich mit jeder Haltestelle etwas Neues daruntermischt. Kalte Herbstluft, nasser Asphalt, Abgase und Benzin. Das ein oder andere Parfüm schwängert die Luft im stickigen Bus. Neue Düfte mischen sich unter. Doch holt man tief Luft, ist der erste Geruch noch immer da. Das warme, frittierte Essen. Die scharfen Noten von Zwiebeln. Hunger. Man bekommt Hunger. Und wenn man satt ist, bekommt man Lust. Lust auf den Hunger. Auf die Freude am ersten Bissen nach langem Hunger. Wie der erste Schluck Wasser an einem heißen Sommertag. Die Freude am Essen.

Die Vorfreude auf ein warmes, nahrhaftes, leckeres Gericht. Aus der nassen Kälte des Herbstes, in die warme stickige Umarmung der Garküche. Fremdsprachiges Geschnatter, Gewusel, Hektik und der Duft nach Essen. Was gibt es schöneres als die Vorfreude, als den ersten Bissen, den die Gabel zum Mund führt.

 

Die Türen öffnen sich jäh unter mechanischem Quietschen. Menschen strömen aus und ein. Ein neuer Geruch: Ein Hauch von etwas Herbem, etwas Bitterem. Von Erde und Torf. Von nasser Blumenerde.

Es überlagert den wohligen Geruch auf das Penetranteste. Es tilgt ihn. Vernichtet ihn. Verschlingt ihn gierig, bis nichts mehr übrig ist. Kein Parfüm kann gegen die Härte dieses Geruchs ankommen. Nichts Schönes legt sich auf diesen Geruch. Nichts will sich damit mischen.

Mein Blick hebt sich zum Ursprung. Die Türen sind bereits geschlossen. Die neuen Mitfahrer versperren die Sicht aus den Glastüren. Was es war, bleibt verborgen. Doch es hat meine Laune gänzlich gekippt. Mich aus dieser wohligen Blase gerissen. So fällt mein Blick auf die Straßen. Auf all die grauen Fassaden. Die schmutzigen Wände, dreckigen Bürgersteige. All diese Plastikkrähen, die wie moderne Gargeules an den Fassaden hängen. Nicht das Unheil sollen sie fernhalten, nur die Tauben. Stumm reihen sich die schwarzen Plastikkobolde aneinander. Ob auch sie bei Nacht zum Leben erwachen und lautstark krächzend ihre Besitzer vom Schlaf abhalten? Ob es die echten Krähen wirklich täuscht und die Tauben abhält? Tauben, die Ratten der Lüfte. So grau wie scheinbar alles heute.

Unter den schwarzen Plastikkobolden huschen Gestalten am Bus vorbei. Morgendliche Jogger, die in hautengen Neonfarben wie Tiefseetaucher wirken. Verloren scheinen sie auf Asphalt, Stolpersteinen und sporadischem Gras. Fehl am Platz sind sie zwischen morgendlicher Hektik, Bussen, Autos und Baustellen. Einsam, so ganz ohne Wasser. Sie tauchen in der Tiefe der Stadt. Schnorcheln Abgase und erkunden Stadtbepflanzungen.

 

So unpassend. Des Läufers Ziel ist der Lauf, doch des Städters Ziel ist stets der Ort, den er niemals rechtzeitig zu erreichen scheint. Auch meine Reise hat ein Ziel. Die nächste Haltestelle.

Nähert sich der Gelenkbus einem Halt, macht sich Umtriebigkeit breit. Menschen, die immer wieder den Halteknopf betätigen, obwohl schon lange das rote „Wagen hält“ Symbol blinkt. Einige brauchen wohl die Sicherheit, dass ihre Haltestelle ja nicht übersehen wird, denn schließlich ist das die einzig wichtige Haltestelle der ganzen Fahrt. Ihre. Andere müssen dezent ihren Sitznachbarn darauf aufmerksam machen, sie doch vorbeizulassen, ohne unnötiger Weise danach zu fragen.

Bei manchen ist es wohl bloß die Freude am Drücken großer roter Knöpfe. Wie für Kleinkinder.

Dieses Mal begebe auch ich mich in die Umtriebigkeit. Stehe früher auf, als eigentlich nötig ist. Ich bin schnell zu Fuß und sitze zum Gang hin und doch braucht man die Sicherheit, ja noch raus zu kommen. Denn das hier ist immerhin die wichtigste Haltestelle. Meine Haltestelle.

Eine ruckartige Bremsung und die Türen geben jäh den Ausgang preis. Etwas Drängeln und Schieben. Ein paar stramme Schritte und der Bus fährt weiter. Die Fahrt ist zu Ende. Die nasskalte Luft umfängt mich. Der Bus war warm; hier ist es kalt. Neue Geräusche und Gerüche umgeben mich. Neben dem gelben Schild warten die Reisenden. Zigarettenqualm. Geschnatter von zwei alten Damen. Essensgeruch von weiter weg. Und unter allem liegt der kalte Geruch von nasser Blumenerde.

Unweigerlich muss ich an mir riechen, doch ich bin es nicht. Ich rieche in die Luft. Es lässt sich keine Richtung ausmachen. Kein Ursprung. Der Geruch scheint von überall zu kommen.

 

Ein Rascheln . Ein Schwarm Tauben stiebt von einem gegenüberliegenden Dach davon. Sie wiegen wie eine Welle in der Luft. Immer im Kreis um die Häuserfronten herum. Ein Rabe stimmt krächzend in das Schnattern und Rascheln ein. Unruhig wippt sein Kopf auf und ab, doch er steht beharrlich auf den Dächern. Sein Blick auf eine regungslose Gestalt gerichtet. Inmitten der Stadtvögel sitzt ein Bussard. Unauffällig, mit seinem braunen Gefieder bildet er fast eine Einheit mit den tristen Fassaden und den verwitterten Ziegeln der Dächer. Nur unmerklich größer als der Rabe und einen Hauch dunkler im Gefieder als die Tauben, sitzt er dort.

Aus dem Grau der Häuser löst sich ein Bus. Wie eine Boje bricht er aus der Welle aus Tauben. Die Türen gehen auf und Menschen schwappen wie die Brandung durch die Türen. Und mit jedem Atemzug zieht auch der Geruch von nasser Blumenerde vorbei.

308 Tage Chef – Justus Thorau

24. April 2018 | von

 

Frau Radic hat es mit ihrem Text „308 Tage Chef“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Das wäre Heimat für mich

20. April 2018 | von

 

Frau Zillekens hat es mit ihrem Text „Das wäre Heimat für mich“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 


Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?

20. April 2018 | von

 

Herr Fatzaun hat es mit seinem Text „Erfolgt der Abpfiff für das Rudelgucken?“ in das Magazin der AZ/AN geschafft!

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 im Kurs Journalistisches Schreiben.

 



 

Allentum – Eigentum?

26. März 2018 | von

Lukas Cremer : Allentum – Eigentum?

 

Entstanden ist der Text im Wintersemester 2017/2018 in unserem Oberseminar Texte in Arbeit.

 


«Siehst du die Wohnung dort oben? Da haben deine Oma und ich früher gewohnt.» «Aber was hat das jetzt mit meinem Tauschmodul zu tun? Das ist einfach ein altes Haus! Ein ziemlich altes noch dazu. Guck nur, wie dreckig die Fassade werden konnte!»

«Früher sahen alle Häuser so ähnlich aus. Sie mussten unter sehr ähnlichen Bedingungen gebaut werden. Das siehst du ja, wenn du links und rechts die Straße entlangguckst. Genau das wollen die Menschen, die jetzt hier wohnen, erhalten. Vielleicht als Museum, vielleicht als Mahnmal – ich weiß es nicht. Sie wohnen genau hier, weil sie es wollen. So wie deine Eltern mit euch in der Neuststadt wohnen wollen.»

«Aber warum wohnt ihr nicht mehr hier? Wenn ihr hier gewohnt habt, müsst ihr doch auch genau hier wohnen gewollt haben!»

«Wir wollten hier wohnen, und es war eine schöne Zeit. Aber hauptsächlich waren wir hier, weil wir uns anderswo die Miete nicht leisten konnten. Das Geld- und Schuldmodul hast du schon hinter dir, nehme ich an?»

«Ja, wobei ich bis heute nicht genau verstehe, wie Menschen anderen Menschen Geld abverlangen konnten. Jeder wusste doch, dass der andere zu wenig hatte.»

«Nehmen wir als Beispiel Omas und meinen damaligen Vermieter der Wohnung dort im fünften Stock. Er wusste, dass wir, wenn wir bedeutend mehr Geld gehabt hätten, in einer anderen Wohnung hätten wohnen wollen. Andererseits wusste er auch, dass er für diese Wohnung genau diese Summe Geld haben wollte. Hätten wir zu wenig Geld gehabt, hätte er uns hinausgeworfen und gesagt, wir sollten uns eine billigere Wohnung suchen.»

«Aber ihr habt doch hier gewohnt! Wie kann euch dann jemand hinauswerfen? Hatte euer Vermieter keine eigene Wohnung? Oder hattet ihr noch eine andere?»

«Unser damaliger Vermieter hatte noch viele Wohnungen. Aber damals ging es um genau das: das Haben. Heute geht es um das Brauchen. Das ist ein Ansatz, der anderen Menschen viel mehr gönnt.»

«Wie kann euer Vermieter denn diese Wohnung gehabt haben, wenn ihr doch hier gewohnt habt? Dann hattet ihr doch die Wohnung!»

«Damals konnte man einfach haben, so wie wir. Das war Besitz. Man konnte aber auch so sehr haben, dass man mehr als alle anderen hatte, so wie unser Vermieter unsere Wohnung mehr als wir hatte. Das war Eigentum. Das hat sich grundlegend geändert, als ein Teil der Menschen gemerkt hat, dass noch eine weitere Form des Habens sinnvoll und erstmals technologisch möglich war. Die Form, in der es ausschließlich um das Brauchen geht und die dauerhaft Güter nach Bedürfnissen und Kompetenzen verteilt: das Allentum.»