Am 10. Juni 2026 fand im Rahmen vom Schwerpunktprogramm SPP2236-AUDICTIVE ein Lunch Talk zum Thema Karriere und Familie statt. Vier Professor*innen berichteten offen über ihre Karrierewege und ihre Erfahrungen mit Familie im Wissenschaftssystem: Janina Fels (RWTH Aachen University), Sabine Langer (TU Braunschweig), Axel Ahrens (DTU) und Johannes M. Arend (Aalto University). Teilnehmende hatten die Möglichkeit, eigene Fragen zu stellen.
Die Diskussion zeigte schnell: Den einen Weg gibt es nicht. Die Familiensituationen, Karriereverläufe und Prioritäten unserer Gäste waren sehr unterschiedlich. Dennoch zogen sich einige gemeinsame Themen durch die gesamte Gesprächsrunde.
Familie verändert nicht nur den Alltag, sondern auch den Blick auf die Karriere
„Ohne meine Kinder wäre ich vielleicht gar nicht Professorin geworden.“
Familie wird häufig als Hindernis für eine wissenschaftliche Karriere diskutiert. Gleichzeitig berichteten mehrere Teilnehmende davon, dass Kinder ihnen geholfen haben, Prioritäten neu zu setzen, Entscheidungen bewusster zu treffen und den eigenen Karriereweg kritisch zu hinterfragen.
Karrierewege seien ohnehin selten planbar. Familie verstärke diese Unvorhersehbarkeit zwar noch, könne aber auch helfen, den eigenen Weg klarer zu definieren.
Wissenschaft braucht noch mehr Vereinbarkeit
Die Gäste berichteten von Situationen, in denen familiäre Verpflichtungen mit den Erwartungen des Wissenschaftsbetriebs kollidierten: späte Meetings, lange Dienstreisen, Konferenzen.
Wer Familie habe, könne nicht jederzeit verfügbar sein. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich die Kultur an vielen Stellen bereits verändere. Teilzeit werde zunehmend akzeptiert, Elternzeit werde sichtbarer und die Diskussion über Vereinbarkeit finde heute deutlich offener statt als noch vor einigen Jahren.
Dennoch wurde auch berichtet, dass nicht überall das gleiche Verständnis für familiäre Verpflichtungen herrsche und es manchmal Gegenwind gebe.
Muss man für die Wissenschaft ständig umziehen?
Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema war die wissenschaftliche Mobilität.
Internationale Erfahrungen und Ortswechsel gelten in vielen Fachbereichen weiterhin als wichtiger Baustein einer wissenschaftlichen Karriere. Gleichzeitig stellen sie insbesondere für Familien eine große Herausforderung dar.
Die Erfahrungen der Gäste waren dabei unterschiedlich. Während einige Ortswechsel als belastend und karrierehemmend empfanden, beschrieben andere sie als wichtige Chance, neue Perspektiven, Arbeitsweisen und Netzwerke kennenzulernen.
Einigkeit bestand jedoch darin, dass Mobilität heute vielfältiger gelebt werden kann als früher. Internationale Kooperationen, gemeinsame Publikationen, kurze Forschungsaufenthalte oder gezielte Laborbesuche können helfen, Netzwerke aufzubauen, ohne über Jahre den Wohnort wechseln zu müssen.
Alleine klappt es nicht
Ein weiteres zentrales Thema war die Bedeutung von Unterstützung durch andere.
Wer empfiehlt mich für eine Stelle? Wer übernimmt kurzfristig die Kinderbetreuung? Wer ermutigt mich, eine Chance wahrzunehmen, die ich mir selbst vielleicht nicht zugetraut hätte?
Erfolgreiche Karrieren entstehen selten allein. Mentor*innen, Kolleg*innen, Freund*innen, Partner*innen und Familien bilden häufig das Netzwerk, das Karriere und Familie überhaupt erst vereinbar macht.
Ebenso wichtig sind Vorbilder, die zeigen, dass unterschiedliche Lebens- und Arbeitsmodelle möglich sind – sei es Teilzeit, Elternzeit oder ein bewusst begrenztes Reiseaufkommen.
Wissenschaft oder Wirtschaft?
Auch die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Industrie wurden diskutiert.
Während in der Industrie häufig eine stärkere Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben wahrgenommen wird, bietet die Wissenschaft oftmals mehr Flexibilität bei Arbeitsort und Arbeitszeit. Das kann gerade für Familien ein großer Vorteil sein, beispielsweise wenn Kinder nachmittags betreut werden müssen und die Arbeit später fortgesetzt wird.
Entscheidend sei jedoch, Erwartungen transparent zu kommunizieren und gesunde Grenzen zu setzen.
Fazit
Die Gesprächsrunde machte deutlich: Eine wissenschaftliche Karriere mit Familie ist möglich, aber selten geradlinig. Unterstützende Strukturen, gute Netzwerke, Vorbilder und eine Kultur, die unterschiedliche Lebensrealitäten anerkennt, können dabei einen entscheidenden Unterschied machen.
Wir bedanken uns herzlich bei Janina Fels, Sabine Langer, Axel Ahrens und Johannes Arend für ihre Offenheit, ihre persönlichen Einblicke und die vielen ermutigenden Gedanken. Ebenso danken wir allen Teilnehmenden für die spannenden Fragen und den offenen Austausch sowie Cosima Ermert und Carolin Breuer für die Organisation der Veranstaltung.