Archiv für Juli 2026
„Texte in Arbeit“, Release – „Rauenklaue“
Der folgende Text ist im Kurs „Texte in Arbeit“ entstanden. Alexander Driessen lässt Fantasy-Geschichten zu selbst entwickelten Rollenspielen entstehen. Wir präsentieren hier einen kurzen Auszug.
Rauenklaue
Alexander Driessen
(Auszug)
Zeos Rauenkralle saß erhaben auf seinem Schlachtross und ließ den Blick schweifen. Mit einer Pranke hielt er seine golden wallende Mähne aus dem felinen Gesicht, die andere Hand ruhte auf dem Knauf des Großschwertes, das mit dicken Lederriemen hinter ihm am Sattel festgeschnallt war. Die Abendsonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, aber auch im Halbdunkel konnten Zeos‘ Katzenaugen noch die gepflasterte Straße erkennen, die von Getreidefeldern und einem kleinen Nadelbaumwäldchen gesäumt war. Zeos genoss den Anblick der kahlen Berge im Norden und ließ sich auch nicht von der Tatsache stören, dass er offenbar umzingelt wurde.
An mehreren Stellen hatte es in den Feldern um ihn herum zu rascheln begonnen. Obwohl er selbst nur sehen konnte, wie die Ähren hin und her wackelten, war der verwesende Geruch, der seinem empfindlichen Geruchssinn zunehmend anfiel, doch eindeutig: Untote. Zeos hatte gehofft, zumindest für einen Abend keinem zu begegnen oder wenigstens von lebenden Banditen überfallen zu werden, mit denen er zwischen den Hieben ein paar Worte hätte wechseln können. Er zog sein Schwert aus der Scheide und wartete darauf, dass sie auf die Straße traten, wo sein Pferd nicht Gefahr lief zu straucheln. Mit einem herausfordernden Kampf rechnete er nicht, aber es war doch besser, wenn er sie jetzt erlegte, bevor sie noch ein Dorf erreichten.
Der erste verwesende Kadaver torkelte einige Meter vor Zeos auf die Straße und fixierte ihn mit aufgedunsenen, hasserfüllten Augen, bevor er stolperte und vornüberfiel. Aus seinem Rücken ragte ein gefiederter Pfeil, doch Zeos wollte sich nicht ablenken lassen. Er trieb sein Pferd zum Galopp und ehe die Leiche sich wieder vollständig erheben konnte, war Zeos schon bei ihr und trennte mit einem mächtigen Hieb den Kopf vom Körper. Er ließ sein Pferd einige Meter auslaufen und brachte so Distanz zwischen sich und die restlichen Untoten, die hinter ihm die Straße erreichten. In aller Ruhe wendete er das Ross, das nervös auf der Stelle tänzelte, während er sein nächstes Ziel auswählte. Weitere zehn Leichen schwankten behäbig auf ihn zu, verlumpt, verdreckt und allem Anschein nach noch nicht lange kalt.
Kurz bevor er wieder zum Galopp ansetzten konnte, hörte er zu seiner Rechten Holz knacken. Sein Blick fiel auf ein kleines Wäldchen, etwa fünfzig Meter von ihm entfernt, wo er einen dunklen Schemen zwischen den Bäumen aufsteigen sah. Er riss an den Zügeln und zwang sein Pferd eben noch rechtzeitig auszuweichen, bevor der geworfene Baum genau an der Stelle einschlug, wo sie gerade noch gestanden hatten. Dreck, Staub und fingerdicke Holzsplitter schossen in alle Richtungen, stachen auf Zeos ein und verfingen sich in seinem goldenen Fell. Fast fiel er aus dem Sattel, zog sich keuchend wieder hoch und versuchte das aufgeschreckte Pferd unter Kontrolle zu bringen. Da ertönte ein zweites, lauteres Krachen aus der Baumgruppe.
Mit weit aufgerissenen Augen sah Zeos, wie sich eine massive Hand um eine der Fichten legte und sie wegdrückte, als wäre sie ein Zaunpfahl. Ein weiterer Untoter trat hervor. Kein Fleisch mehr auf den bleichen Knochen, zwei hell glühende Punkte in den leeren Augenhöhlen und übernatürlich groß. Zeos selbst übertraf mühelos zwei Meter, saß zu Pferde auf gut vier Metern Augenhöhe; aber bei diesem Anblick fühlte er sich klein. Das Skelett war riesenhaft. Selbst jetzt, als es vornübergebeugt zu laufen begann, war es immer noch mindestens zehn Meter hoch. Einen ausgerissenen Baum schwang es mühelos über dem kahlen Schädel, wie eine Keule, und hielt genau auf Zeos zu.
Der sah kurz auf den zersplitterten Baum neben sich, dann wieder auf das Skelett. Die gewöhnlichen Untoten waren für einen Ritter seines Formats keine Herausforderung, ähnelten eher einer Schädlingsplage, der die einfache Bevölkerung auch selbst beikommen konnte. Das hier war jedoch eine Katastrophe, die er nicht ungebremst über das Land rollen lassen durfte. Mit einer Hand suchte er das Löwenwappen von Haus Rauenklaue, das dick auf sein Wams gestickt war, dann fing er an zu knurren, zu brüllen, und die Welt brüllte mit ihm, glühte in ihm, webte das silberne Mondlicht schützend in sein Wams. Er trieb das Pferd zum Galopp an, als sich mit einem dissonanten Pfeifen ein grauer Pfeil in seinen Rücken bohrte.